Zwischen Wimmelbuch und Karnevalswagen

Peter Lenks Skulptur zu Stuttgart 21 ist ohne tiefere Aussage

Nackte Männer und dazu entblößte, vollbusige Frauen scheinen es Peter Lenk angetan zu haben, und gerne gruppiert er sie auch gleich im Dutzend. So ist es nicht verwunderlich, dass sein ‚Schwäbischer Laokoon‘ gleich 150 Figuren aufweist, die nach Meinung des Bildhauers vom Bodensee den Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 in Szene setzen. Manchmal wäre weniger mehr, das trifft auf Lenks Skulpturen häufig zu, und so ähneln seine Werke gerne eher einem Wimmelbuch als einer klar strukturierten und eingängigen Figurengruppe. Nun kann man nicht nur über Stuttgart 21 trefflich streiten, sondern auch über Kunstwerke oder Darstellungen, die zumindest der Künstler und seine Jünger dafür halten. Da sich Stadt und Künstler nicht über einen dauerhaften Standort für den ‚Schwäbischen Laokoon‘ einigen konnten, soll er nun wieder an den Bodensee zurück transportiert werden. Und wenn die Skulptur im ‚Vorgarten‘ des Künstlers verbleiben sollte, dann wäre dies für meine Geburtsstadt Stuttgart ganz gewiss kein Verlust.

Der Quader, auf dem sich die Skulptur nach oben reckt, ist mit zahllosen kleinen Figuren bedeckt.
Nun habe ich die politischen Kämpfe um Stuttgart 21 aus der Nähe erleben dürfen und mit nicht wenigen der abgebildeten Personen hatte ich selbst zu tun, aber wer möchte sich denn als jüngerer Betrachter wirklich durch dieses Gewimmel quälen? (Bild: Ulsamer)

Skulptur ohne bleibende Impulse

Gerne bekenne ich, dass ich ein Befürworter von Stuttgart 21 bin, wie auch eine klare Mehrheit der Bürger in Stuttgart und im gesamten Baden-Württemberg – dies zeigte eine Volksabstimmung am 27. November 2011. Nichtsdestotrotz ist Kritik an den Planungen und insbesondere am Baufortschritt mehr als berechtigt, denn bei diesem Projekt geht es seit einem Vierteljahrhundert nur im Bummelzugtempo voran – ausgerechnet bei einem dringend erforderlichen Ausbau der Bahninfrastruktur in der baden-württembergischen Landeshauptstadt in Verbindung mit der Schnellbahntrasse nach Ulm. So war es auch richtig, der Skulptur von Peter Lenk für einige Monate einen prominenten Platz vor dem StadtPalais – dem Stadtmuseum – einzuräumen, doch dauerhaft hat das satirische, im Grunde etwas kleinkarierte Werk dort nichts verloren. Eine extrem zeitbezogene Skulptur verliert schnell an Aufmerksamkeit, denn schon jetzt wird sich die Mehrheit der Betrachter nur mit Hilfe der angebotenen detaillierten Informationstafel in diesem Sammelsurium an bekannten und zum Teil bereits vergessenen Personen zurechtfinden.

Von Peter Lenk gestaltete Wand am Bodensee. Zahllose Figuren. Angela Merkel u.a. halten ihre Hand jeweils an das Geschlechtsteil des anderen.
Angela Merkel, die in Bodman-Ludwigshafen am Bodensee im Lenk’schen Triptychon ‚Ludwigs Erbe‘ noch mit drei Herren unterwegs ist, und alle haben die Hand am falschen Platz, darf in Stuttgart immerhin unbedrängt von fast ganz oben in Richtung Neues Schloss blicken und im Gewimmel eine Art Strampelhöschen tragen. (Bild: Ulsamer)

Natürlich kann man Lenks Gewimmel auch ganz anders sehen. „Stuttgart braucht diese Skulptur“, so die bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart im vergangenen Jahr kläglich gescheiterte grüne Politikerin Veronika Kienzle in der Internetzeitung ‚Kontext‘. Und sie fuhr fort: „Lenk hat die ganze Debatte um das Pro und Contra Stuttgart 21, um politische Partizipation und Verantwortung ebenso eingefangen wie den Streit der Projektgegner untereinander.“ Da kann ich nun nicht folgen, denn Lenk trägt mit seinen Überspitzungen eher dazu bei, die alten Gräben noch einmal zu vertiefen. So fühlen sich gerade diejenigen von der Skulptur angezogen, die noch heute mit Demos und einem Protestzelt gegenüber dem Hauptbahnhof dazu auffordern, die Baugruben umzuwidmen und die Züge weiterhin in einem Kopfbahnhof oberirdisch abzufertigen, obwohl sich das Bauwerk im Stuttgarter Untergrund nun endlich der Fertigstellung nähert. Lenks Skulptur mag die Ewiggestrigen anziehen, doch Stuttgart braucht kulturelle Visionen und kein rückwärtsgewandtes Wimmelbuch.

Nackte badende Frauen. Weitere Personen auf einer Rutsche.
In der Baugrube würden manche Kritiker von Stuttgart 21 ein Bad nehmen oder die Tunnel umwidmen, um dort Champignon züchten zu können. Peter Lenk spricht ihnen vermutlich mit seiner Skulptur aus dem Herzen. (Bild: Ulsamer)

Lenks ‚Schwäbischer Laokoon‘, der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann, kämpft zwar nicht wie in griechischen Mythen mit einer Schlange, sondern mit einem ICE, und Lenk hat ihm sogar ein schamhaftes Feigenblatt spendiert, doch von einer künstlerischen Darstellung von bleibendem Wert ist die nahezu zehn Meter hohe Skulptur meiner Meinung nach weit entfernt. Eine satirische Darstellung wie diese hätte gut auf einen Karnevalswagen gepasst, aber dann wäre sie nur einmal durch die Straßen gezogen worden, um anschließend im Depot zu landen. Eine karikaturenhafte Überspitzung kann die Zeiten überdauern und sich zu einem integralen Bestandteil der kulturellen Überlieferung entwickeln. Diese Chance kann ich bei Lenks Werk allerdings beim besten Willen nicht erkennen, denn in ihrer Zeitbezogenheit wird sie sich schnell überlebt haben – anders als der Laokoon der Sage. Mit meiner Einschätzung stehe ich im Übrigen nicht allein: „So kann man sich trefflich über die satirischen Spitzen Peter Lenks amüsieren. Ein kluges oder gar wegweisendes Werk ist das Standbild nicht“, so die freie Journalistin Adrienne Braun in der Stuttgart Zeitung.

Ministerpräsident Kretschmann, nackt mit Feigenblatt.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat echt Glück gehabt, denn Peter Lenk spendierte ihm ein Feigenblatt. Ansonsten liebt der Bildhauer in fast spätpubertärer Weise die Nacktheit seiner abgebildeten Protagonisten. Zur Aussagekraft des Werks tragen die splitternackten Männlein und Weiblein allerdings nicht bei. (Bild: Ulsamer)

Vorhandene Kunstwerke brauchen Zuwendung

Ganz nebenbei bemerkt: Gemeinderat und Stadtverwaltung sollten sich in Stuttgart zuvorderst nicht um neue Kunstwerke bemühen, sondern zuerst den vorhandenen ‚Fundus‘ mal auf Vordermann bringen, und damit meine ich so manches künstlerische Objekt im öffentlichen Raum. Am Hasenberg finden sich in einem Skulpturenpark zahlreiche Werke von Otto Herbert Hajek, die etwas mehr an Information vor Ort vertragen könnten. Seine Villa mit Atelier befindet sich nach Querelen zwischen neuem Besitzer und dem Denkmalschutz in einem bemitleidenswerten Zustand. Über die Kunstinstallation Villa Moser im Leibfriedschen Garten habe ich in meinem Blog bereits berichtet: „Stuttgart: Erst vergammeln lassen, dann teuer sanieren“. Zur Internationalen Gartenbauausstellung im Jahre 1993 gestaltete der Architekt Hans Dieter Schaal eine Kunstinstallation, die die Überbleibsel der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Villa und den verwilderten Garten einbezog: Eine umfangreiche Konstruktion aus einem turmartigen Gebäudeteil und Stegen machte das schon fast verwunschene Kleinod wieder für Besucher zugänglich. Heute ist dieses Werk in einem bodenlosen Zustand, ein Betreten nicht mehr möglich.

Skulptur von der Seite.
Karikatur für heute oder große Kunst für morgen? (Bild: Ulsamer)

Wenn Peter Lenks ‚Schwäbischer Laokoon‘ demnächst in die badische ‚Fremde‘ zurückkehrt, erleidet Stuttgart keinen Verlust. Über das sehr zeitgebundene, inhaltlich kurzlebige Objekt wird bald niemand mehr sprechen, außer vielleicht erklärte Fans des Bildhauers. Ein wirkliches Kunstwerk von Rang wird Stuttgart somit nicht verlieren. Wünschenswert wäre aber deutlich mehr Einsatz der Stadt für die bereits vorhandene Kunst auf öffentlichen Plätzen.

 

 

Skulptur Wilhems II. mit seinen beiden Hunden.
Die Statue des letzten württembergischen Königs hat es von einem Abstellplatz neben einem Container an der Rückseite des StadtPalais – früher Wilhelmspalais – wieder an die Front seines einstigen Wohnsitzes geschafft. Dazu mag die Kritik aus der Stadtgesellschaft beigetragen haben, denn etwas mehr historisches Denken hat noch niemandem geschadet. Wilhelm II. war als Bürgerkönig beliebt, der sich mit seinen Hunden unter die Bürger mischte und spazieren ging. Im Grunde passt seine Figur auch nicht unmittelbar neben einen abgrenzenden Zaun! (Bild: Ulsamer)

 

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Skulptur vor dem StadtPalais. Über dem Eingang hängt ein Transparent "#Wir sind 0711". Deutlich erkennbar bei der Skulptur ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Nackt bis auf ein Feigenblatt. Er kämpft mit einem ICE als Schlange dargestellt..Winfried Kretschmann hat es nicht leicht, weder in der Realität noch in Peter Lenks ‚Schwäbischem Laokoon‘. Ausgerechnet der grüne Ministerpräsident muss in seinen Amtszeiten mit Stuttgart 21 ein Bahnprojekt umsetzen, das seine Partei lange Zeit bekämpfte. Doch, und dies ist ihm hoch anzurechnen, nach einer befürwortenden Volksabstimmung war für ihn klar, und er sprach das offen aus, dass das Vorhaben nun mit Nachdruck umgesetzt werden muss. Damit ist auch die Sichtweise Lenks nicht völlig unrichtig, der Kretschmann sinnbildlich mit einer ICE-Schlange kämpfen lässt. Doch die Ansammlung von 150 Figuren aus Politik und Gesellschaft trägt zur Aussagekraft des Werks nichts bei. Auf einen Karnevalswagen hätte das inhaltlich kurzlebige Werk des Bildhauers vom Bodensee besser gepasst, als vor das StadtPalais oder an einen anderen Ort in Stuttgart. (Bild: Ulsamer)

 

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