Zoos sind keine Arche Noah

Lebensräume schützen statt Wildtiere einsperren

800 zoologische Einrichtungen ziehen in Deutschland jährlich rd. 45 Mio. Besucher an, und bis heute zähle ich auch dazu. Allerdings muss ich zugeben, dass mich schon lange das Gefühl beschleicht, dass Wildtiere ein anderes Leben verdient hätten. Eingesperrt hinter Gittern, Zäunen oder Glasscheiben fristen sie zumeist ein Leben, das ihrem ursprünglichen Lebensraum nicht einmal annährend entsprechen kann. Ich bin mir durchaus bewusst, dass sich die Verhältnisse in deutschen Zoos deutlich verbessert haben, denn ich erinnere mich selbst noch an Braunbären, die in der Stuttgarter Wilhelma in einer engen Mauernische unweit des Eingangs dahinvegetierten. Später sangen dort Kleinvögel ihr trauriges Lied, heute mutet kein Zoodirektor einen solchen Anblick seinen Gästen zu. Mehr Raum für die Tiere, so lautet seit Jahrzehnten die Devise, doch im Grunde bleibt es bei der Gefangenschaft von Wildtieren, die ansonsten viele Kilometer fliegen oder laufen würden, um Nahrung oder einen Partner zu finden. Jetzt kommt täglich der Tierpfleger mit vorbereiteten ‚Häppchen‘ und über eine Paarungschance bestimmt nicht die Natur, sondern das Zuchtbuch. Andererseits sehen die Besucher Tiere, die sie ansonsten nur im Fernsehen oder in Zeitschriften zu Gesicht bekämen, denn nicht jeder von uns kann – wie so mancher Politiker – in ferne Regionen jetten. Steht bei der Präsentation im Zoo der Unterhaltungscharakter im Vordergrund oder nehmen Jung und Alt wirklich mehr Wissen mit und setzen sich darauf aufbauend für den Artenschutz und den Erhalt der Lebensräume für Wildtiere ein? Tierschützer fordern immer wieder die Auflösung der Zoos, deren Leiter philosophieren dagegen über den Beitrag zur Erhaltung bedrohter Arten, den sie mit ihrer Einrichtung leisten.

Mehrere Basstölpel - gänsegroße Vögel - sitzen aud Steinplatten am Rand eines Beckens.
Eine Gruppe von Basstölpeln hat bei der Vergabe der Lebenschancen eine Niete gezogen: sie sitzen an einem kleinen betonierten Becken in der Wilhelma, dem zoologisch-botanischen Garten in Stuttgart. Auf einer Informationstafel ist zu lesen, dass ihr Lebensraum „Felsküsten, offenes Meer“ seien und als Besonderheit wird „Stoßtauchen aus großer Höhe“ genannt. Mit diesen wenigen Begriffen wird klar, dass die Basstölpel in der Wilhelma ein trauriges Dasein fristen, da wird nicht getaucht und Nistplätze auf Klippen gibt es ebenso wenig wie einen Ausflug aufs offene Meer. Wenn ich im Stuttgarter Zoo Wilhelma an die Basstölpel denke, die ich in Freiheit gesehen habe, dann kommen mir bei den armen gefiederten Freunden die Tränen. Mehr zu diesem Aspekt in: ‘Papageientaucher: Die bunten ‚Clowns‘ der Meere werden immer seltener. Seevögel leiden unter Überfischung, Plastikmüll und Klimawandel‘ (Bild: Ulsamer)

Zufriedene Gefangene?

Über Sinn und Unsinn von Zoos und Tierparks kann man trefflich streiten, und bei manchen Aspekten bin ich mir selbst nicht ganz sicher, wie ich sie beurteilen soll. In letzter Zeit habe ich vermehrt den Eindruck gewonnen, dass der ein oder andere Zoodirektor uns an der Nase herumführen will. Als Tanzbär bin ich aber nicht geeignet, daher diese Zeilen und der Versuch einer Diskussion. Thomas Kölpin, Direktor der Wilhelma, des zoologisch-botanischen Gartens in Stuttgart, verkündet: „Wir brauchen mehr Zoo, nicht weniger.“ Und Kölpin meint: „Diese ‚freie Wildbahn‘, in der Tiere uneingeschränkt Freiheit genießen, ist ja sowieso ein Aberglaube.“ Das erinnert mich an so manche Aussage von Landwirten, die glauben, Schweine, Rinder und Hühner müssten sich doch in engen Massenställen wohlfühlen, denn sie hätten ja ein Dach über dem Kopf und bekämen nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewähltes Futter und selbstredend auch Partner für die Nachzucht. Na, dann scheint ja alles paletti zu sein! Oder? Und Kölpin setzt noch eins drauf: „Es ist immer eine etwas blöde Frage, aber ich glaube, dass viele Tiere, wenn sie das entscheiden könnten, ein Leben im Zoo wählen würden.“ Deshalb wackeln manche Großkatzen vermutlich mit dem Kopf, wenn sie nach wenigen Metern in ihrem Gehege wieder umdrehen müssen, weil sie sonst gegen die Wand laufen würden! „Ein geordnetes Leben mit gutem Zugriff auf Nahrungsmittel, Paarungspartner, funktionierende soziale Gruppen – das ist doch was!“ Irgendwie erinnern mich solche fragwürdigen Aussagen an die Lobpreisungen von Diktaturen, in denen Menschen doch prima leben könnten, allerdings fehlt ihnen die Freiheit. Genau diese können auch Zootiere nicht erleben, und dabei denke ich nicht nur an Elefanten oder Löwen, sondern in der Wilhelma z.B. an eine kleine Gruppe von Basstölpeln. Vielfach werden diese im Flug majestätischen Seevögel mit Flügelspannweiten von 170-200 cm in der Wilhelma übersehen, denn sie sitzen – flugunfähig gemacht – an einem kleinen Wasserbecken gegenüber dem Bassin der Publikumslieblinge Seelöwen. Ganz anders ihre wilden Artgenossen, die jeden Tag gerne mal 50 oder 100 Kilometer fliegen, um Nahrung für die Küken heranzuschaffen. Ohne Probleme überholen sie eine Fähre und fliegen dann vor dem Bug in die gewünschte Richtung. Vermutlich übersehe ich dabei, dass die Basstölpel in der Wilhelma eigentlich ganz zufrieden sein müssten, denn sie bekommen doch regelmäßig Futter! So die schöne neue Welt der Zoodirektoren. Für mich eher ein Anblick des Jammers!

Ein Basstölpel, ein weißer Vogel mit schwarzen Flügelspitzen im Flug über dem blauen Meer.
Ein Basstölpel in Freiheit ist ein erhebender Anblick – besonders im Flug. Wir müssen um den Lebensraum für die Seevögel kämpfen: Überfischung und Vermüllung muss gestoppt werden. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in meinem Artikel ‚UN-Hochseeschutzabkommen: Leerformel oder konkreter Fortschritt? Die Zerstörung der Ozeane muss gestoppt werden!‘ (Bild: Ulsamer)

Der Wilhelma-Chef Kölpin ist mit seinen abwegigen Aussagen nicht allein, denn wie heißt es auf der Internetseite des Münchner Tierparks Hellabrunn: „Die begrenzten Anlagen im Tierpark scheinen – verglichen mit der Natur recht klein zu sein.“ Sie scheinen nicht so, sie sind es! „In Dokumentationen staunt man über kilometerlange Wanderungen, die einige Tierarten auf der Suche nach Nahrung, Fortpflanzungspartnern oder einem neuen Revier auf sich nehmen. Dies ist in Zoos nicht möglich. Um das zu bewerten, müssen gleichwohl die Ursachen dieses Verhaltens betrachtet werden. Dass ein Tier sich bewegt, dient zum größten Teil dem Zweck, Nahrung zu finden und diese aufzunehmen. Im Zoo ist die Nahrungszufuhr gesichert. Auch der Fortpflanzungspartner befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Sieht man sich die Anatomie und Physiologie der Tiere an, lässt sich erkennen, dass Tiere großartige Energiesparer sind. Alle Körperfunktionen sind darauf ausgelegt, so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen und auf diese Weise die Menge an benötigter Nahrung gering zu halten. Für Zootiere gibt es – genau wie für Wildtiere – keinen Grund, mehr Energie zu verbrauchen als nötig. Also bewegen sie sich nur so viel, wie notwendig ist.“ Wenn man solchen Phrasen glaubt, dann ist der Zoo ein Paradies für Wildtiere: Warum herumlaufen, wenn das Futter angereicht oder mal im Gehege versteckt wird? Nach dieser These dürfen sich die bereits angeführten Basstölpel glücklich schätzen, dass sie nicht mehr auf dem Meer überwintern und sich bei stürmischem Seegang auf der Jagd nach Fischen in die Tiefe stürzen müssen. Nun bin ich weder Zoologe noch Wildtierökonom, aber jedes Jahr haben wir für einige Monate Schafe auf unserer Weide. Wenn sie zu uns auf die Wiese mit allerlei Blümchen kommen, müssten sie nach der These von Kölpin oder Hellabrunn gleich hinterm Tor anhalten und dort das grüne Gras fressen, denn dies würde Energie sparen. Das Gegenteil ist richtig und natürlich lange bekannt: Die Schafe bewegen sich auf der ganzen Fläche, fressen mal hier, mal dort. Und die Weiden unseres benachbarten Schafhalters sind noch größer, und dort das gleiche Verhalten.  Aber Elefanten, Antilopen, Zebras oder Bisons sollen sich im Zoo besonders wohlfühlen, weil sie sich nicht groß bewegen müssen? Wer diese These vertritt, der will uns alle für dumm verkaufen.

Zwei Löwen laufen in getrennten Räumen von Wand zu Wand und werden von Zuschauern betrachtet.
Die beiden asiatischen Löwen in der Stuttgarter Wilhelma gehören zu einer – laut IUCN – stark gefährdeten Art. Dank entsprechender Schutzmaßnahmen im Nordwesten Indiens ist der Bestand von nur noch 18 Tieren wieder auf rd. 500 angestiegen. Dies zeigt erneut: es gilt, die Lebensräume der Wildtiere intensiver zu schützen. Das Brüderpaar in Stuttgart hat im Innenbereich ihres Käfiggebäudes zwei getrennte Räume, in denen ihnen nach wenigen Schritten eine Wand den Weg versperrt. Und sie scheinen auch wenig Gefallen daran zu finden, wenn sich größere Menschentrauben vor ihren Gehegen versammeln. (Bild: Ulsamer)

Zugeteiltes Gehege als Revier?

In Gefangenschaft lebende Wildtiere sollen sich einerseits – glaubt man Kölpin & Co. – in Zoos und Wildparks wohlfühlen, weil sie keine Feinde oder Hunger zu befürchten haben, andererseits sind sie eine „Reservepopulation“, dienen der Arterhaltung und eignen sich bestens zur Auswilderung. „Mit adäquaten Auswilderungsprogrammen ist es jedoch sehr wohl möglich, Tiere aus menschlicher Obhut auf das Leben in der Wildnis vorzubereiten“, so der Tierpark Hellabrunn. Selbstverständlich ist es möglich, Wildtiere so aufzuziehen, dass sie ausgewildert werden können, doch dies sind eher Einzelfälle und in Anbetracht der Besucherscharen in Zoos kaum umsetzbar. Wer auf wenigen Quadratmetern statt auf Quadratkilometern als Zootier lebt, der dürfte sich schwertun, plötzlich ohne freundlichen Pfleger auskommen zu müssen und auf sich selbst gestellt zu sein. Was mich hauptsächlich ärgert ist die Tatsache, dass in einem einzigen Text völlig widersprüchliche Aussagen – wie bei Hellabrunn – gemacht werden, denn dort heißt es: „Tiere sind es gewohnt, in ihren Revieren zu leben und verlassen angestammte Bereiche nur unter Zwang, wie zum Beispiel zur Futter- und Partnersuche, oder wenn sie von ranghöheren Tieren vertrieben werden.“ Da frage ich mich, warum man Vögeln die Flügel stutzt oder Elefanten und Löwen in ein Gehege steckt, wenn sie dort doch gar nicht wegwollen. „Dabei bemisst sich ihre Reviergröße daran, dass all ihre Bedürfnisse, insbesondere ausreichend Futter und Geschlechtspartner dort vorhanden sind.“ Nach dieser Logik müsste in der industriellen Landwirtschaft ein 100 Kilogramm schweres Schwein glücklich sein, wenn es einen Quadratmeter Platz hat, denn für Futter ist gesorgt und ehe die Muttersau in den Kastenstand gesperrt wird, kommt der Tierarzt zur Besamung vorbei. „Deshalb ist die Einrichtung der Tieranlagen so gewählt, dass die Tiere sich wohlfühlen, ihre Bedürfnisse erfüllt sind und sie ihre Anlage als ihr Revier annehmen. So haben sie keinen Grund, diese zu verlassen.“ Irgendwie erinnert mich diese Aussage an Politiker, die uns Bürgern vorschreiben wollen, wie viele Quadratmeter Wohnraum uns denn zusteht und ob wir in einer Doppelhaushälfte oder im Wohnsilo unsere Zukunft sehen.

Zwei Elefanten stehen leicht versetzt nebeneinander. Im Hintergrund ein Metalltor.
Zwei alte Elefantendamen leben in der Stuttgarter Wilhelma in einer recht tristen Umgebung. Geplant ist für die Zukunft ein größeres Gehege, doch wäre es nicht besser, auf Elefanten ganz zu verzichten? Zumindest dürfen Pama und Zella, die beide über 40 Jahre alt sind, ihr Seniorendasein erleben, denn in manchem Zoo oder Tierpark trennt man sich vorzeitig von alten Bewohnern, die nicht so zugkräftig sind wie ‚putzige‘ Jungtiere. Mehr dazu in meinem Blog-Beitrag ‚Alt oder zeugungsunfähig: Todesurteil für manche Zootiere. Zoos müssen eine pädagogische Einrichtung sein‘. (Bild: Ulsamer)

Glauben Zoodirektoren wirklich daran, dass sich in menschlicher Obhut vom Aussterben bedrohte Wildtiere so lange erhalten lassen, bis die zerstörten Lebensräume wieder zur Verfügung stehen? Scheinbar tun sie dies, wenn man den Aussagen führender Köpfe folgt. Zitieren wir erneut Kölpin, der über die Asiatischen Elefanten in einem Interview mit dem Wilhelma-Magazin sagt: „Ich bin der festen Überzeugung, dass sein Überleben von der europäischen Zoo-Population abhängen wird. … Vielleicht noch nicht 2050, aber 2100 könnte die Situation in Asien sich wieder entspannen, sodass größere Flächen renaturiert werden und wieder Wälder für Elefanten da sind – nur gibt es dann womöglich keine Elefanten mehr.“ Schon die zeitliche Perspektive lässt für mich erkennen, dass die Zoos keine Arche Noah für bedrohte Wildtiere sein können. Wer soll denn eine steigende Zahl von Wildtieren, die auf Roten Listen landen, gewissermaßen in Obhut nehmen und über ein Jahrhundert oder mehr weiter züchten? Da helfen kein Zuchtbuch und der eifrige Austausch von Zootieren, Inzucht wird sich so nicht verhindern lassen. Tiere, denen es in ihrem bescheidenen Gehege nach Meinung der Zooverantwortlichen zu gefallen scheint und die sich aus Faulheit – pardon zur Energieeinsparung – nicht über weite Strecken selbständig bewegen wollen, fühlen sich plötzlich wohl, wenn sie auf menschliches Geheiß zur Arterhaltung in der Transportkiste um den Globus reisen. Spätestens an dieser Stelle endet mein Verständnis für Zoodirektoren, die öffentliches Geld akquirieren und ihre Stelle sichern wollen, indem sie über Arterhaltung palavern und doch eher an die Eintrittsgelder denken.

Ein Schneeleopard mit geflecktem Fell hinter Gittern.
Schneeleoparden schleichen durch asiatische Hochgebirgsregionen in Höhen von bis zu 5500 Metern, und ihr Fell tarnt sie im „felsigen, verschneiten“ Lebensraum, so der WWF, sehr gut. Hochgebirge haben wir in deutschen Zoos zwar keine zu bieten, und auch der Schnee bleibt meist aus, ganz zu schweigen von eisigen Temperaturen. Ist die Haltung im Zoo dann nicht eine Zumutung für die Tiere? (Bild: Ulsamer)

Lebensräume erhalten

Wildtieren können wir nur helfen, wenn wir für den Erhalt ihres Lebensraums kämpfen – hier und überall in der Welt! Einen kleinen finanziellen Beitrag zu Schutzprojekten leisten manche Zoos mit einem Euro, den sie mit dem Eintrittsgeld kassieren. Das mag das Image heben, im Verhältnis zu den Gesamtmitteln der deutschen Zoos ist es andererseits wenig. Neben Artenschutz und Erholung beanspruchen die Zoos, sich für Forschung und Umweltbildung einzusetzen. Hier hat sich vieles getan, das möchte ich nicht leugnen, man denke nur an die ‚Zooschulen‘, doch ob Zoos wirklich dafür geeignet sind, die Entfremdung von der Natur aufzuhalten, das bezweifle ich: Mit der Natur haben Zootiere nun mal wenig zu tun. Natürliches Verhalten lässt sich nur sehr eingeschränkt beobachten, was in gleichem Maße für Besucher und Forscher zutrifft, obwohl Wilhelma-Direktor Kölpin unterstreicht: „Intensive Langzeitbeobachtungen sind in der Natur in dieser Form gar nicht möglich.“ Das mag sein, doch das bei in Gefangenschaft lebenden Tieren beobachtete Verhalten lässt sich nur schwer auf deren wilde Verwandte übertragen. Deshalb gewann die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall ihr Wissen über Schimpansen nicht im Zoo, sondern in deren natürlichem Lebensraum.

Informationstafel mit dem Bild eines Armurtigers und einem Lageplan, der das geplante Gehege zeigt.
Darf’s ein bisschen größer sein? Der Sibirische Tiger – auch Amurtiger – ist die größte lebende Katze der Welt. In freier Wildbahn – im Fernen Osten Russlands und angrenzenden chinesischen Regionen – sollen nach WWF-Angaben nur noch rd. 760 Amurtiger leben, doch berechtigt das dazu, sie in Gefangenschaft zu züchten, um sie irgendwann wieder auswildern zu können? Die Reviere der Weibchen umfassen 200 bis 400 Quadratkilometer, die Männchen durchstreifen 1300 Quadratkilometer. Aber wenn wir den Zoo-Chefs folgen, dann reicht auch ein überschaubares Gehege, denn die Sibirischen Tiger werden ja gefüttert. Leider ist dies keine Ironie, manche Zeitgenossen meinen das ernst. „Dank den Anstrengungen der Naturschutzbehörden in China und Russland und des WWFs für den Tigerschutz wächst der Bestand der Amur-Tiger in den letzten Jahrzehnten wieder erfolgreich an. … Obwohl das Verbreitungsgebiet der Amur-Tiger aufgrund der Lebensraumzerstörung nie wieder seine ursprüngliche Größe erreichen kann, bietet die Amur-Region der Meinung von Expert:innen zur Folge in Zukunft immerhin Platz für mindestens 800 Tiger“, so der WWF. Bleibt der Lebensraum erhalten und die Sibirischen Tiger werden geschützt, dann werden keine Zuchttiere aus Zoos gebraucht. (Bild: Ulsamer)

Heiko Werning beklagt im Wilhelma-Magazin zurecht das Artensterben und nennt Vaquita-Schweinswale, Loa-Frösche und die Jangtse-Riesenweichschildkröten: „Die einzige Chance, sie zu retten, wäre gewesen, sie rechtzeitig in menschlicher Obhut zu züchten. Doch die Menschheit hat versäumt, solche Reservepopulationen aufzubauen.“ Wenn rd. eine Million Arten laut Weltbiodiversitätsrat (IPBES) vom Aussterben bedroht sind, dann dürfte sich jeder verheben, der versucht, diese zu züchten. Auch in Europa landen immer mehr Tier- und Pflanzenarten auf den Roten Listen, darauf bin ich bereits mehrfach eingegangen, so z. B. in meinem Blog-Beitrag ‚Tieren und Pflanzen beim Aussterben zusehen? Rote Listen: Die Biodiversität schmilzt dahin‘. Ich bin mir der Probleme bewusst, doch die einzige Lösung, um das Artensterben zu stoppen, ist die Erhaltung der Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Hier hätte ich mehr als salbungsvolle Reden sowohl von der Bundesregierung unter Beteiligung der Grünen oder der EU im Zeichen des von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen propagierten Green Deals erwartet. Wer jedoch die Herausnahme von lediglich vier Prozent der Agrarfläche aus der Produktion nicht umsetzt und den Einsatz von Glyphosat um ein Jahrzehnt verlängert, der beschleunigt das Artensterben!

Zwei Wisente zwischen Bäumen auf einer Wiese. Sie fressen an Ästen.
In der Gehegezone des Nationalparks Bayerischer Wald werden Wildtiere gehalten, die in dieser Region einst lebten oder heute noch vorkommen. Die Wisente haben in ihrem Gehege relativ viel Platz, um sich zu bewegen, als Gruppe zusammen zu finden oder sich aus dem Weg zu gehen. Ziel muss es jedoch sein, Wisente wieder in freier Wildbahn in Deutschland ein Leben zu ermöglichen. Ein trauriges Beispiel für die Entfremdung von der Natur war es, als ein friedlicher Wisent von Polen über die Oder nach Deutschland schwamm und schon ging es ihm an den Kragen. Selbst mit Namen hatten die Dörfler den Wisent bedacht, durch die er zog: „Gozubr“ oder „Nasz Zubr“ (unser Wisent) oder „Zubr Wedrowniczek“ nannten sie ihn, und gerade der letzte Name – wandernder Wisent – unterstreicht, dass er seit Jahren bekannt und beliebt war. In Brandenburg wurde er vom zuständigen Amtsdirektor postwendend auf die Abschussliste gesetzt und eilfertig erschossen. Mehr dazu in: „Lebensrecht für Wildtiere in der Natur. Nur hinter Gittern eine Zukunft?“ Sollten Sie sich für die interessante Entwicklung des ersten deutschen Nationalparks interessieren, weise ich Sie gerne hin auf meinen Beitrag ‚Nationalpark Bayerischer Wald: Wald wird Wildnis. Die Natur bügelt forstwirtschaftliche Fehler aus‘. (Bild: Ulsamer)

Tiere sind Mitlebewesen

Einzelne Projekte zur Züchtung von Wildtieren, die dann wieder ausgewildert werden können, hatten positive Effekte, auf die Zooverantwortliche gerne hinweisen. Wisent, Przewalski-Pferd oder Waldrapp können in Europa genannt werden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebten noch rd. 30 Przewalski-Pferde in menschlicher Obhut, u. a. im vormals erwähnten Tierpark Hellabrunn. In der Mongolei und weiteren Regionen gibt es heute Auswilderungen und wieder Bestände in Schutzgebieten. Werden Waldrappe flügge und von ihren menschlichen Begleitern gen Süden geführt, fallen sie nicht selten im Winterquartier Vogeljägern zum Opfer. Und verirrt sich mal ein Wisent aus Polen nach Brandenburg, dann wird er auf behördliche Anordnung hin erschossen. Was uns fehlt, ist somit nicht die Nachzucht von gefährdeten Tieren, sondern eine veränderte Einstellung vieler Menschen, die leider Wildtieren keinen ausreichenden Lebensraum zubilligen. So habe ich in diesem Blog kürzlich die Frage gestellt: ‚Lebensrecht für Wildtiere in der Natur. Nur hinter Gittern eine Zukunft?‘ Völlig absurd ist es, wenn die für den Naturschutz zuständige Bundesministerin Steffi Lemke zwar die Einfuhr von Jagdtrophäen aus Afrika einschränken möchte, doch in Deutschland „Schnellabschüsse“ von Wölfen als Großtat preist – sogar als Mitglied von Bündnis 90/ Die Grünen! Hierzu finden Sie weitere Ausführungen in ‚Ministerin Lemke: Wölfe abschießen, Elefanten schützen. Die grüne Doppelmoral ist politisch gefährlich‘. Als Wölfe nach Deutschland zurückkehrten, auf leisen Pfoten und ohne Nachzucht, wurde das als Erfolg des Naturschutzes gefeiert, doch kaum überwindet ein Wolf einen unzulänglichen Zaun und reißt ein ‚Nutztier‘, da steht er mit ministeriellem Segen auf der Todesliste.

Ein Wolf mit relativ hellem Fell zwischen grünen Blättern.
Nicht jede Haltung von Wildtieren halte ich für bedenklich, denn Bären, Wölfe oder Luchse aus schlechter Haltung können kaum ausgewildert werden und benötigen daher ein neues Zuhause. Im Alternativen Wolf- und Bärenpark in Bad Rippoldsau-Schapbach im Schwarzwald finden solche geschundenen Kreaturen eine Aufnahme. In Sachen Wildtierschutz müssen wir vor der eigenen Haustüre beginnen, denn kaum wurde die Rückkehr des Wolfs in deutsche Wälder als Erfolg des Naturschutzes gefeiert, da wird die Forderung nach seinem Abschuss laut. Mehr dazu unter: ‚Kunterbunte Jagdgesellschaft bläst zur Wolfshatz. Die ganz große Koalition legt auf die Wölfe an ‘. (Bild: Ulsamer)

Wir brauchen eine offene Diskussion über die zukünftige Stellung und Bedeutung der Zoos und Tierparke. Dabei bin ich mir bewusst, dass 2019 bei einer Forsa-Umfrage 82 % der 1500 Befragten Zoos befürworteten und lediglich 12 % diese ablehnten. Nicht förderlich ist es für eine sachliche Debatte, wenn Heiko Werning im Wilhelma-Magazin schreibt: „‘Artgerecht ist nur die Freiheit‘, skandierten Tierrechtler, die ihr eigenes Gefühlsleben ungefragt auf andere Spezies projizierten, obschon ihnen Nashorn, Orang-Utan und Lemur-Laubfrosch angesichts der Zustände in dieser angeblichen Freiheit sicherlich den Vogel gezeigt hätten.“ Denkt man solche Sätze weiter, dann wird es mir als Sozialwissenschaftler angst und bange, denn so ähnlich argumentieren auch Regierungen, die ihren Untertanen den Freiheitswillen absprechen. „Gefühligkeit siegte über Fakten“, so Werning weiter. „Eine zoologische Einrichtung nach der anderen wurde geschlossen.“ Bei 800 großen und kleinen zoologischen Einrichtungen in Deutschland stellt sich mir die Frage, welche Gesamtzahl mit welchen Budgets Heiko Werning vorschwebt.

Ein rotes Plakat mit weißer Schrift an den Gittern eines leeren Geheges mit dem Text: Unsere Weißhandgibbons und Haubenlanguren sind in andere Zoos umgezogen. Das Schwingaffenhaus bleibt geschlossen und macht in Zukunft Platz für Neues.
Irgendwie ist es schon grotesk, da wird Wildtieren der Drang abgesprochen, sich frei bewegen zu können, doch ganz ohne ihr Zutun ‚wandern‘ sie durch die Welt. (Bild: Ulsamer)

Ja, wir sollten über Zoos und Tierparks diskutieren und das Für und Wider abwägen. Artenschutz ist unerlässlich, doch er muss in erster Linie in den Lebensräumen der Wildtiere stattfinden. Wer glaubt, eifriges Nachzüchten von ‚Wildtieren‘ in menschlicher Obhut sei ein gewichtiger Teil der Lösung, um das Artensterben aufzuhalten, der marschiert in eine Sackgasse! Und die Züchtungsfraktion liefert den Zeitgenossen – ungewollt – Argumente, die meinen, der Schwund an Tier- und Pflanzenarten sei nicht so schlimm, denn man könne sie ja züchten und gewissermaßen im Zoo oder der Samenbank für bessere Tage ‚archivieren‘. Ein Zoo ist keine Arche Noah, denn Tiere werden dort Generation für Generation gehalten, ohne dass sie in nennenswertem Ausmaß die Freiheit erlangen. Zootiere sind wie Nutztiere in der Landwirtschaft oder Haustiere wie Hunde, Katzen, Vögel, Fische usw. Mitlebewesen, die es verdienen, möglichst artgerecht zu leben. Zoos haben sich verändert, denn statt steriler Betonstrukturen und getäfelten Wänden gibt es jetzt strukturierte Gehege, doch den Weg in die Freiheit versperren Gräben, Sicherheitsglas, Zäune und Gitter. Dürfen dauerhaft Wildtiere als Anschauungsobjekt gehalten werden? Ich neige aus ethischen Gründen immer deutlicher zu einem Nein!

 

Ein Geier sitzt hinter Gittern auf seinem Nest und verschiebt mit seinem Schnabel sanft sein Ei.
Geier hinter Gittern: Im Zoo fühlen sich die Tiere wohl, wenn wir manchen Aussagen in Veröffentlichungen zoologischer Einrichtungen folgen. Seit ich Geier im Baskenland in großer Höhe habe fliegen sehen, mag ich noch weniger glauben, dass sich diese majestätischen Vögel in einer engen Voliere wohlfühlen. (Bild: Ulsamer)

 

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Ein Koala mit grauem Fell sitzt in einer Astgabel in einem geschlossenen Gehege.Zoos konkurrieren mit anderen Freizeiteinrichtungen, und so gilt es, mit immer neuen Attraktionen die Besucher anzulocken. Die Wilhelma setzt dabei auf eine ‚Terra Australis‘. Ob diese dauerhaft ein Publikumsmagnet sein kann, wage ich zu bezweifeln: Koalas gehören eher zu den ‚ruhigen‘ Tieren. Ergänzend können die Besucher ‚eine Tür weiter‘ im Dunkeln mit etwas Glück nachtaktive Tiere erspähen, was sicher nicht jedermanns Sache ist, denn dazu gehört Geduld und Zeit! Aber ganz nebenbei: Das Überleben der Koalas und anderer Wildtiere hängt vom Erhalt ihres Lebensraums in Australien ab und nicht von Zoos, die gerne über die Erhaltung von Arten und deren Nachzucht philosophieren. Nicht nur der Klimawandel gefährdet die Koalas, sondern auch verzögertes Eingreifen bei Busch- und Waldbränden. Mehr dazu in: ‚Australien brennt, und das Feuer wird mit einem Feuerwerk begrüßt. Premierminister Scott Morrison auf Abwegen‘. (Bild: Ulsamer)

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