Zerbricht der fragile Frieden in Nordirland?

Protestantische Loyalisten fühlen sich durch Zollgrenze abgehängt

In nordirischen Städten fliegen wieder Steine und Brandbomben, ein Bus und mehrere Pkw gingen in Flammen auf und zahlreiche Polizisten wurden verletzt: Loyalisten fühlen sich vom britischen Mutterland durch die Zollgrenze getrennt, die nach dem Brexit gewissermaßen in der Irischen See verläuft. Mit diesem politischen Kunstgriff sollte eine harte Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland verhindert werden, die auf katholischer Seite die Gemüter besonders erregt hätte, doch – wie zu erwarten – fühlen sich jetzt viele Protestanten abgehängt: Sie verbindet wenig mit der weiter zur EU gehöhrenden Republik im Süden, ihr Herz schlägt für die Königin und für Britannien. Die Gefahren, die sich längerfristig aus solchen politischen Winkelzügen ergeben, wurden vom britischen Premierminister Boris Johnson und den Brexit-Hardlinern negiert, vom damaligen irischen Amtskollegen Leo Varadkar ebenso unterschätzt wie vom seinerzeitigen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Erschreckend ist bei den jetzigen Attacken auf die Polizei und auf Andersdenkende, dass nicht die Ewiggestrigen an vorderster Front stehen, sondern junge Menschen, die die Gräuel des nordirischen Konflikts nicht mehr selbst erlebt haben. Der Friedensprozess, der 1998 mit dem Karfreitagsabkommen Fahrt aufnahm, droht ausgebremst zu werden.

Ein Wandgemälde in Derry: Britischer Soldat mit Schnellfeuergewehr bedroht fliehende Menschen, darunter einen katholischen Pfarrer mit weißem Taschentuch. Dieser versucht, Verletzte in Sicherheit zu bringen.
Murals erinnern im nordirischen Derry an die Tage des gewalttätigen und blutigen Konflikts: So erschossen am Bloody Sunday, dem 30. Januar 1972, britische Fallschirmjäger 13 friedliche Demonstranten, eine Person starb später an ihren Schussverletzungen. Und mit jenem schrecklichen Ereignis, festgehalten in obigem Wandbild in der Bogside, begann sich die Gewaltspirale in Nordirland noch schneller zu drehen. Vor diesem Hintergrund muss alles getan werden, um die Errungenschaften des Karfreitagsabkommens von 1998 zu sichern. (Bild: Ulsamer)

Hoher Blutzoll

Die Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens, des Good Friday Agreements, im Jahr 1998 brachte Nordirland in den letzten zwei Jahrzehnten zumindest einen fragilen Frieden. Die Basis für den Friedensprozess im noch immer tief gespaltenen Nordirland droht jetzt zu zerbröseln.  Die Fortschritte hin zu mehr Gemeinsamkeit zwischen den katholischen und protestantischen Bevölkerungsgruppen werden durch die Auswirkungen des Brexits in Frage gestellt. Eine unheilige Allianz aus ‚hard Brexiteers‘ in der britischen Conservative and Unionist Party und blauäugigen EU-Politikern nahm die drohenden Gefahren für das friedliche Miteinander nicht ernst oder sie waren ihnen schlichtweg gleichgültig.  Wir können alle nur hoffen, dass die Spur des Blutes wirklich unterbrochen bleibt.         3 500 Menschen fielen seit den 1960er Jahren dem nordirischen Konflikt zum Opfer, der mit dem Karfreitagsabkommen einer verletzlichen Ruhe wich. Explodierende Bomben und hinterhältige Morde durch katholische und protestantische paramilitärische Organisationen gehörten zunehmend einer dunklen Vergangenheit an, die die Iren beschönigend ‚Troubles‘ nennen. Aber auch die Menschenrechtsverletzungen durch die nordirische Polizei und das britische Militär verloren ihre Schärfe, zu deren Höhepunkt der Bloody Sunday in Derry gehört hatte: Britische Fallschirmjäger eröffneten am 30. Januar 1972 das Feuer auf unbewaffnete und friedliche Demonstranten und töteten 14 Zivilisten, darunter auch Kinder. Mit diesem barbarischen Gewaltakt verlor die britische Armee jegliche Glaubwürdigkeit: Das Militär war zunächst von den Katholiken als Moderator, wenn nicht gar als Schutzmacht gegen die Drangsalierung durch die protestantische Polizei und zahllose protestantische paramilitärische Organisationen begrüßt worden.

Wandgemälde mit dem Text "End british rule - Smash Stormont".
Von „Smash Stormont“ – zerschlagt das nordirische Parlament – bis zum Eintritt in eine von einer protestantischen Partei geführte Koalitionsregierung war der Weg für die irisch-republikanische Sinn Féin weit. Ebenso für die Democratic Unionist Party (DUP), die den alten protestantischen Machtanspruch vertrat. Auf protestantischer und katholischer Seite gibt es bis heute Gegner einer Kooperation im Stormont, die durch den Brexit und die Grenzfragen wieder Auftrieb bekommen haben. (Bild: Ulsamer)

Nach dem Bloody Sunday lief die britische Propagandamaschinerie heiß und Fake News sollten von der unfassbaren Gewalttat ablenken. Verschleierung war angesagt und erst am 15. Juni 2010 entschuldigte sich der damalige britische Premierminister David Cameron für die Gewalttaten der britischen Fallschirmjäger bei den Opfern in Derry. Die britischen und nordirischen Konservativen versuchten ausgerechnet in der heißen Phase des Brexit-Streits um eine harte Grenze in Irland, die politische Uhr wieder zurückzudrehen.  Als damalige britische Nordirlandministerin goss Karen Bradley Öl ins Feuer. Sie erklärte kurzerhand, wenn von Polizei und Militär während des Nordirlandkonflikts unschuldige Menschen erschossen worden seien, dann handle es sich nicht um kriminelle Handlungen. Und sie hatte auch eine völlig perverse Entschuldigung dafür parat: „They were people acting under orders and acting under instruction and fulfilling their duties in a dignified and appropriate way.” Das kommt mir doch sehr bekannt vor, auch aus der deutschen Geschichte, wenn kriminelles Handeln gegen Mitmenschen mit einem ‚Befehlsnotstand‘ gerechtfertigt werden soll – auch wenn die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden.

Ein Wandbild zeigt den Aufruf "Never again" unter dem Straßennamen "Bombay Street" und brennenden Häuser.
Nahezu alle Häuser wurden 1969 in der Belfaster Bombay Street niedergebrannt. Ein protestantischer Mob hatte die katholischen Nachbarn heimgesucht. Daran erinnert heute ein Mural an der Fassade eines der wieder aufgebauten Häuser: „Never again“! Und dies sollte für die Gewalt gelten, die von Protestanten, Katholiken, ihren Organisationen, von Polizei und britischem Militär ausging. Eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland hätte den Konflikt auf Seite der Katholiken wieder aufflammen lassen können, doch nun fühlen sich die Protestanten durch die Zollgrenze zwischen Nordirland und Großbritannien abgehängt. (Bild: Ulsamer)

Politische Justiz

Aber auch zahlreiche krasse Fehlurteile, die unschuldige Iren hinter Gitter brachten, erschütterten den Glauben an die britische Regierung, die Justiz und das Militär. Die ‚Guildford Four‘ – drei Nordiren und eine Engländerin – wurden für einen Bombenanschlag als Terroristen verurteilt, den sie nicht begangen hatten. Geständnisse wurden unter Folter erpresst – und dies im Herz Großbritanniens durch Polizisten aus Surrey und eingeflogenen Verhörspezialisten der protestantischen Royal Ulster Constabluary.  Das Fehlurteil erging im Londoner Old Bailey im Oktober 1975, obwohl die Angeklagten ihre Geständnisse widerriefen. Auch die Berufung führte zu keinem Freispruch, obwohl IRA-Mitglieder die Verantwortung für den Anschlag übernommen hatten und wegen anderer Anschläge bereits einsaßen. Erst 14 Jahre später kamen die unschuldig Verurteilten wieder frei. Sechs andere Iren wurden 1975 ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt, da ihnen ein verheerender Anschlag in Birmingham zur Last gelegt wurde. Ebenfalls ein Justizskandal: „In der Tat waren die Geständnisse aus ihnen herausgeprügelt worden“, so ‚Zeit online‘. Auch die ‚Birmingham Six‘ mussten fast 16 Jahre auf ihre Freilassung warten. Wollen Sie einen wirklich zu Herzen gehenden Film zu diesem Thema sehen, dann sollten Sie „Im Namen des Vaters“ anschauen: In „In the Name of the Father“ wird die Geschichte der ‚Guildford Four‘ geschildert, wobei einer der Hauptangeklagten – Gerry Conlon – seinen Vater Giuseppe im Gefängnis verliert, und als der Justizskandal hochkocht, da wird der Verstorbene nicht einmal rückwirkend rehabilitiert.

Ein roter doppelstockiger Bus brennt mitten auf der Straße. Schwarzer Rauch steigt auf. Dahinter ein Polizeifahrzeug.
In jüngster Zeit flammen die Unruhen in Nordirland wieder auf: Junge protestantische Loyalisten griffen in Belfast und anderen Orten die Polizei an. Die BBC berichtet aus meiner Sicht recht objektiv, was in diesem jahrhundertealten Konflikt nicht einfach ist. (Bild: Screenshot, YouTube, BBC, 14.4.2021)

Der Blutzoll auf allen Seiten war schrecklich und daher muss alles getan werden, um einen Rückfall zu verhindern. Die genannten Beispiele sollen keinesfalls von den blutigen Anschlägen der IRA ablenken, aber das Netzwerk aus protestantischen Gruppen in Nordirland, die in jener Zeit komplett die Polizeiposten besetzt hatten, aus britischer Politik, Justiz und Militär hatte damals eine Unterdrückungsmaschinerie gebildet, die uns heute noch erschrecken lässt. Verständlich wird dann auch, warum Katholiken – und nicht minder die Protestanten – jede kleine politische Verschiebung heute mit Argusaugen betrachten.

Ein"No Entry"-Schild bei der Zufahrt zum nordirischen Parlament im Stormont hat Symbolcharakter. Im Hintergrund das Gebäude.
Zu den wichtigsten Grundsätzen des Karfreitagsabkommens von 1998 gehörte die Bildung einer nordirischen Regionalregierung unter Beteiligung protestantischer und katholischer Parteien. Doch im Januar 2017 zerbrach die Koalition aus katholischen und protestantischen Parteien, und die nordirischen Kontrahenten der protestantischen Democratic Unionist Party (DUP) und Sinn Féin, der Vertretung der Katholiken, konnten erst nach drei Jahren die Regierungsarbeit und die Kooperation im Stormont, dem Regionalparlament,  wieder aufnehmen. Für die kommenden Jahre wird es mit ausschlaggebend sein, dass die Regierungszusammenarbeit weitgehend bruchlos läuft. (Bild: Ulsamer)

Gemeinsame Regierung

Einen wichtigen Schritt in eine friedlichere Zukunft taten die Nordiren mit dem bereits erwähnten Karfreitagsabkommen von 1998, das unter Vermittlung von US-Senator George Mitchell erarbeitet wurde. Die politischen Führungspersönlichkeiten, die auf katholischer und protestantischer Seite über lange Jahre in den Konflikt involviert gewesen waren, reichten sich zwar nicht die Hand, doch sie begannen, Kompromisse zu schließen. Gerade den Hardlinern war es zu verdanken, dass der Weg zum Frieden bereitet werden konnte, denn nur sie konnten auch die bewaffneten paramilitärischen Organisationen zur Abgabe ihrer Waffen und einer Einstellung der Kampfhandlungen bewegen.

Ian Paisley bei der Unterschrift im Gedenkbuch. Daneben Bertie Ahern. Im HintergrundInformationstafeln.
Bei der Schlacht am Boyne prallten 1690 die katholischen Truppen von James II. und die protestantischen Soldaten von William III. aufeinander. In vielen Gesellschaften wäre dies kein Datum, das die Menschen heute noch auf die Straßen treiben würde. Nicht jedoch in Nordirland: Mit Vorliebe marschierten und marschieren protestantische Traditionsverbände (Orange Order) am 12. Juli durch katholische Wohnviertel. Ein wichtiges Zeichen war es innerhalb des Friedensprozesses, dass sich 2007 der First Minister der nordirischen Regionalregierung, Ian Paisley, und der Premierminister der Republik Irland, Bertie Ahern, an der geschichtsträchtigen Stelle am River Boyne trafen. Ian Paisley, ein Hardliner auf protestantischer Seite, hatte sich wie Martin McGuinness von Sinn Féin auf den Weg des Friedens begeben. (Bild: Ulsamer)

Zu den Wortführern gehörte der 2014 verstorbene presbyterianische Pfarrer Ian Paisley, der nicht nur seine eigene Kirche, sondern auch seine eigene Partei – Democractic Unionist Party (DUP) – gründete, die heute die stärkste protestantische Kraft in Nordirland ist. Bemerkenswert ist, dass bei den jüngsten Unruhen auch die DUP als Gegner protestantischer Randalierer galt. Doch nochmals zurück zu Paisley. Dass ausgerechnet die DUP gemeinsam mit dem erklärten Erzfeind Sinn Féin eine gemeinsame Regionalregierung in Nordirland bilden würde, das hätte bei deren konfliktgeprägter Vorgeschichte wohl niemand geglaubt. Als der britische Labour-Premier James Callaghan ihn einmal beschwichtigen wollte und sagte „Wir sind doch alle Kinder Gottes!“ antwortete er „Nein, Mr. Callaghan, wir sind Kinder des Zorns.“ Und als Mitglied des Europarlaments schrie Paisley Papst Johannes Paul II. während dessen Rede im Europaparlament entgegen „Antichrist, I denounce you and your false teaching!“. Er sah im Oberhaupt der katholischen Kirche den ‚Antichrist‘, dessen Lehre und seine Person er zutiefst verurteilte. Jedes Entgegenkommen gegenüber den Katholiken hielt Paisley lange für einen „Pakt mit dem Teufel“. Bei den Referenden in Nordirland und der Republik Irland, die über die Annahme des Karfreitagsabkommens entschieden, rief er zur Ablehnung auf, doch Paisley sprang dann doch noch über seinen Schatten und trat am 8. Mai 2008 als Erster Minister in die nordirische Regierung ein, und dieser gehörte als sein Stellvertreter Martin McGuinness von Sinn Féin an. Mit Sicherheit war das für beide Seiten ein mutiger und schwerer Schritt, der aber im Sinne einer friedlichen Entwicklung unerlässlich war. In die Regierung einbezogen wurden auch die protestantische Ulster Unionist Party (UUP) und die katholische Social Democratic and Labour Party (SDLP). Nicht unerwähnt bleiben soll, dass 1998 der katholische Politiker John Hume (SDLP) und der protestantische Verhandlungspartner David Trimble (UUP) – stellvertretend auch für die anderen am Friedensprozess Beteiligten – den Friedensnobelpreis erhielten. Dies war ein wichtiges Signal – damals und heute.

Mural / Wandbild in der Belfaster Shankill Road: Mehrere Bilder von Königin Elizabeth II zieren eine ganze Hauswand.
Königin Elizabeth II. steht hoch im Kurs bei den protestantischen Bewohnern der Shankill Road in Belfast, die alles daransetzen, die Union mit London, die Einheit des Vereinigten Königreichs zu erhalten. Die Unionisten – Democratic Unionist Party – wehrten sich daher auch gegen Ideen, Nordirland nach dem Brexit über einen Backstop einen Sonderstatus zuzubilligen, um eine Grenze zur Republik Irland zu verhindern. Das von Premierminister Boris Johnson abgesegnete Nordirland-Protokoll hat nun aber eine Zollgrenze zwischen Britannien und Nordirland mit sich gebracht. Manche nordirischen Protestanten befürchten nun, vom ‚Mutterland‘ abgehängt zu werden. (Bild: Ulsamer)

Negiertes Gefahrenpotential

Das Karfreitagsabkommen hat seine positive Wirkung trotz der zum Teil wenig hilfreichen britischen Politik bis heute erhalten, doch der Streit um den Brexit und der Vollzug haben zu schweren Verwerfungen geführt. ‚Brexiteers legen die Lunte ans Pulverfass Nordirland‘, so habe ich einen Blog-Beitrag im Januar 2019 betitelt, und leider haben weder Theresa May noch ihr Nachfolger als Premierminister, Boris Johnson, viel Einsatz gezeigt, wenn es um den Frieden in Nordirland geht. Bei Boris Johnson und seinen politischen Freunden habe ich immer den Eindruck, dass sie sich gerne benehmen würden wie Oliver Cromwell, der die irische Insel vor 4 Jahrhunderten für Britannien unterwarf. Aber auch die irische Regierung unter Leo Varadkar und die EU mit ihrem Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker glaubten viel zu lange, auf Schleichwegen ließen sich die Brexit-Probleme auf der grünen Insel umgehen.

Panzersperren aus Beton blockieren eine Straße in Nordirland.
Während der bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Nordirland waren viele Straßen zur Republik Irland abgeschnitten. Panzersperren unterbrachen den Austausch, und dies schürte bei vielen Katholiken die Wut auf das Militär der Briten, die seit Jahrhunderten als Kolonialmacht verstanden wurden. (Bild: Ulsamer)

Bereits im gemeinsamen ‘Joint Report’, den Premierministerin Theresa May mit Jean-Claude Juncker im Dezember 2017 der Öffentlichkeit präsentierten, wurde vorgeblich eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland umgangen. In Wahrheit wurden die wahren Schwierigkeiten nur vernebelt – eine alte Unsitte von Juncker. Es war mehr als verwunderlich, dass May und Juncker Beifall vom irischen Premier Varadkar bekamen, der gar meinte, diese Zusage sei „bullet proof“. Doch dann machte die DUP mobil, die keine Sonderlösung für Nordirland zulassen möchte, welche die Bindung an das von ihr gepriesene Mutterland lockern könnte. Als die nordirischen Protestanten von der ‚Backstop‘-Lösung – einer fiktiven Grenze in der Irischen See – nichts wissen wollten, da knickte Theresa May ein, die im Parlament nur mit Unterstützung der nordirischen DUP überleben konnte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte man in London, Dublin und Brüssel auf eine völlig neue Strategie setzen müssen. Dann tauchte Boris Johnson in 10 Downing Street auf, kämpfte den Brexit vollends durch und siehe da: weil er den Warenverkehr mit der EU nicht gefährden wollte, willigte er in ein Nordirland-Protokoll ein, wodurch das zum Vereinigten Königreich gehörende Nordirland in der EU-Zollunion verbleibt, um eine Landgrenze zwischen Nordirland und der Republik Irland weitestgehend zu vermeiden. Die katholische Seite war damit halbwegs zufrieden, doch die protestantischen Loyalisten sahen nun ihre Bande mit dem britischen Mutterland gefährdet. Dies alles war absehbar, wenn man sich auch nur ein klein wenig in viele nordirische Protestanten eindenkt.

Ein Lkw fährt an der Peace Wall entlang, die mit 8 bis 12 Metern hohen Mauern und Zäunen katholische und protestantische Stadtteile in Belfast trennt.
Das Trennende zwischen katholischen und protestantischen Stadtvierteln wird in Belfast bis heute durch sogenannte ‚Peace Walls‘ im Straßenbild sichtbar. 8 bis 12 Meter hohe Mauern sollen vor Brandbomben schützen. Teilweise sind solche Friedenslinien auch nach dem Karfreitagsabkommen entstanden, da sich beide Seiten weiterhin misstrauen. (Bild: Ulsamer)

Explosive Geschichte

In Belfast oder Derry trennen sogenannte ‘Peace Walls’ katholische und protestantische Viertel und Straßenzüge. Mancherorts werden nachts die Tore geschlossen, um das Aufeinandertreffen verfeindeter Gruppen zu verhindern. Und genau an diesen Trennlinien, die auch mal 10 Meter hoch sind, trafen die gewaltbereiten jugendlichen Protestanten jetzt auf die nordirische Polizei, die sie einst als Mitkämpfer bei der Sicherung der protestantischen Vorherrschaft betrachtet hatten. Nach dem Karfreitagsabkommen gab es aber auch bei den Sicherheitskräften in weiten Kreisen ein Umdenken. Die Unruhestifter auf protestantischer Seite haben sich nach der ersten Aufwallung der Gefühle nicht aus innerer Einsicht zurückgezogen, sondern aus Rücksicht auf den verstorbenen Prinz Philipp. Weitere Demonstrationen sind bereits angekündigt, wenn ein gewisses Innehalten in der Trauerwoche vorbei ist. Diese Reaktionen zeigen, dass die jugendlichen Randalierer und ihre Drahtzieher ihre enge Beziehung zum englischen Königshaus nicht nur vorgeben, sondern sie noch immer ein Teil ihrer Identität ist. Damit bekommt eine Zollgrenze zwischen der britischen Insel und Nordirland eine gewaltige Sprengkraft!

Porträt von Bobby Sands als Murial. Es zeigt einen jungen Mann mit schulterlangen braunen Haaren, weißem Kragen und rötlichem Pullover.
Bobby Sands – hier ein Mural in Belfast – starb als Häftling im Maze-Gefängnis, in dem er als IRA-Kämpfer einsaß. Er organisierte dort einen Streik der republikanischen Häftlinge, die den Briten den Status von Kriegsgefangenen abtrotzen wollten. Sie weigerten sich, die Bekleidung der Strafgefangenen zu tragen, wickelten sich nur noch in eine Decke, verunreinigten die Zellen mit ihren Exkrementen und traten letztendlich in den Hungerstreik. Sands wurde am 9. April 1981 noch ins britische Unterhaus gewählt, verstarb jedoch wenige Tage später – am 5. Mai – an den Folgen des Hungerstreiks. Für die irisch-republikanisch gesinnten Iren ist Bobby Sands bis heute ein Märtyrer. (Bild: Ulsamer)

Im Gegensatz zu früheren Zeiten stellten sich sowohl First Minister Arlene Foster von der DUP und ihr deputy First Minister Michelle O’Neill von Sinn Féin mit klaren Worten gegen die aufkommende Gewalt. Dies darf jedoch nicht über die grundsätzlichen Unterschiede hinwegtäuschen, denn die DUP streitet für enge Bindungen zu London, und Sinn Féin kämpft für die Wiedervereinigung mit der Republik Irland. In diesen Tagen jährte sich die Wahl von Bobby Sands ins britische Unterhaus zum 40. Mal, und Sinn Féin brachte dazu eine einstündige Dokumentation. Warum gehe ich darauf ein? Bobby Sands war von den Briten als IRA-Kämpfer inhaftiert worden und organisierte im Maze-Gefängnis – auch als Long Kesh bekannt – einen Streik der irisch-republikanischen Häftlinge, die die Anerkennung und Behandlung als politische Gefangene bzw. Kriegsgefangene erstreiten wollten. Als letztes Mittel traten sie in den Hungerstreik. Bobby Sands wurde am 9. April 1981 bei einer Nachwahl ins britische Unterhaus gewählt, obwohl die Briten alles getan hatten, um durch die Zuschneidung der Wahlkreise die Chancen republikanischer Kandidaten zu schmälern. Bereits am 5. Mai verstarb Sands mit nur 27 Jahren an den Folgen des 66-tägigen Hungerstreiks. Bobby Sands, der Gedichte und Erklärungen per Kassiber aus dem H-Block schmuggeln konnte, ist bis heute eine wichtige Symbolfigur für die Anhänger von Sinn Féin. Die Geschichte ist für viele Iren in Nord und Süd noch heute Bestandteil ihres Lebens und keine verstaubte Historie in Büchern.

Die 'Peace Bridge' in Derry und dahinter die Guild Hall, in der der Stadtrat tagt.
Die Peace Bridge in Derry ist ein Symbol für das Überbrücken der Kluft zwischen den protestantischen und katholischen Bevölkerungsgruppen in Nordirland. Trotz der katholischen Mehrheit hieß die Stadt lange Londonderry, um die Machtverhältnisse zu unterstreichen. (Bild: Ulsamer)

Den Friedensprozess stärken

Aus einer gewissen Distanz mag eine Zollgrenze in der Irischen See eine vernachlässigbare politische Fehlentscheidung sein, und zeitgeschichtliche Ereignisse verblassen aus der Ferne schneller, doch in Nordirland sind die jahrhundertelange Unterdrückung der Katholiken nicht vergessen, und die Protestanten wollen noch immer ihre Vorherrschaft nicht abschreiben, und bei manchen Themen, z. B. der Vergabe von council houses (Sozialwohnungen vergleichbar) sind sie in ihren Bezirken noch bevorrechtigt. Wenn eine Bevölkerungsgruppe die Bande mit Britannien stärken möchte, die andere aber auf die Wiedervereinigung mit dem EU-Mitglied Irland setzt, dann wird die Kluft zwischen den Parteien deutlich. Natürlich gibt es Nordiren, denen diese Streitigkeiten gleichgültig sind, und gerade im ländlichen Raum ist die Brisanz geringer als in der Shankill bzw. Falls Road in Belfast. Loyalistische Hardliner unter den Protestanten mussten in den letzten Jahren auch erkennen, dass der angewachsene Anteil von Katholiken an der Bevölkerung eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland wahrscheinlicher werden lässt. Dazuhin hat die Zahl der Bürger zugenommen, die aus rein wirtschaftlichen Gründen lieber in der EU bleiben wollen und dafür auch ein wiedervereinigtes Irland als Mittel ansehen. Für königstreue Nordiren ist es dazuhin ein Alarmzeichen, dass die republikanische Sinn Féin bei den letzten Parlamentswahlen in der Republik Irland große Stimmenzuwächse verzeichnen konnte.

Friedhof mit Gräbern, die mit der irischen Flagge - Trikolore mit den Farben Grün, Weiß und Orange - geschmückt sind,
Im nordirischen Konflikt zwischen katholischen und protestantischen Gruppen, aber auch durch das britische Militär und die nordirische Polizei sind viele, zu viele Menschen gestorben. Ich kann nur hoffen, dass sich die Gräber und Gedenkstätten nicht vermehren, sondern der Weg zum Frieden weiter begangen wird. Das Bild zeigt Gräber auf dem „Republican Plot“ auf dem Milltown Cemetry in Belfast. Hier liegen Kämpfer der IRA und anderer irisch-republikanischer Gruppen. (Bild: Ulsamer)

Die EU und das Vereinigte Königreich sind gut beraten, nach Lösungen zu suchen, die weder zu einer harten Landgrenze zwischen Nordirland und der Republik Irland führen, noch die fiktive Grenze in der Irischen See zwischen Nordirland und Britannien zu sehr hervortreten lässt.  Alle Beteiligten sind dazu aufgerufen, das Karfreitagsabkommen wirklich zu leben und nicht zur Worthülse verkommen zu lassen. Wer sich jetzt nicht für den Frieden in Nordirland einsetzt, der trägt eine Mitschuld, wenn der nordirische Konflikt wieder gewalttätig aufflammt und der brüchige Friedensprozess zum Stillstand kommt.

 

Straßenszene in Derry. Hell leuchtet der Schein einer explodierenden Autobombe.
Die politisch motivierte Gewalt hatte bereits während der Brexit-Verhandlungen zugenommen, denn manche irisch-republikanischen Gruppierungen in der katholischen Bevölkerung befürchteten, durch eine kontrollierte Landgrenze wieder von der Republik Irland getrennt zu werden. Dies wurde durch das Nordirland-Protokoll verhindert, doch nun fühlen sich die pro-britischen protestantischen Organisationen – die Loyalisten – zurückgesetzt. Im Bild die Explosion einer Autobombe im nordirischen Derry 2019. (Bild: Screenshot, Twitter, 19.1.2019)

 

Mural in Belfast, das Männer mit Schnellfeuergewehren zeigt und an die Ulster Volunteer Force erinnert. Daneben eine Art Gedicht, in dem der Tod im Kampf als richtig dargestellt wird.
Die paramilitärischen Organisationen wie die ‚protestantische‘ Ulster Volunteer Force (UVF) (hier ein Mural aus Belfast) und die ‚katholische‘ Irish Republican Army (IRA) haben im Zuge des Karfreitagsabkommens zwar ihre Waffen abgegeben und die militärischen Strukturen aufgelöst, doch ein Wiedererwachen dieser und anderer Gruppierungen muss von der Politik verhindert werden. Ich habe die religiösen Zuordnungen ganz bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn schon seit langer Zeit ging es nicht um einen Religionskrieg, sondern um Macht, die die Protestanten für sich alleine sichern wollten. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung kämpften katholische Organisationen für einen gerechten Anteil am Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. (Bild: Ulsamer)

 

Denkmal bei Tralee. in der Republik Irland.Eine Frau und ein Kind, daneben ein getöteter Kämpfer.
Geschichte bleibt in Nordirland und der Republik Irland lebendig: Denkmäler, die an Freiheitskämpfe erinnern, haben fast immer Befürworter und Gegner, was noch mehr für Gedenkorte gilt, die den Opfern von Bürgerkriegen gewidmet sind. Dieses noch heute ergreifende Denkmal – in der Republik Irland – geht auf die brutale Ermordung von Gefangenen im irischen Bürgerkrieg zurück und steht in Ballyseedy bei Tralee im südirischen Kerry. (Bild: Ulsamer)

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