Wildtiere: Ein scheuer Bär ist ein schlauer Bär

Bayerischer Bären-Zuwanderer schafft es in die Londoner ‚Times‘

Ein Teil unserer Mitbürger tut sich schwer mit Wildtieren, seien es Bären, Wölfe oder Luchse. Auch ein friedlicher, pflanzenfressender Wisent aus Polen wurde kurz nach dem ‚Grenzübertritt‘ im behördlichen Auftrag erschossen. Biber, Fischotter, Kormorane, Füchse, sogar Eichelhäher passen manchen unserer Zeitgenossen nicht ins Konzept. Frappierend ist dabei, dass über Jahrzehnte das Fehlen dieser Arten beklagt wurde, doch kaum werden sie in unserer Natur wieder heimisch, da greifen Angst bis Hysterie um sich oder diese Wildtiere werden als Konkurrenten von Jägern, Fischzüchtern, Anglern, Landwirten und Schafhaltern mal schnell wieder auf die Abschussliste gesetzt. Bundesregierung und Bundesrat erleichterten mit einer Novellierung des Naturschutzgesetzes jüngst den Abschuss von ganzen Wolfsrudeln, wenn sich ein Mitglied der ‚Familie‘ an Weidetieren vergreift. Und kaum erscheint mal wieder ein Bär in bayerischen Landen, der nichts vom üblen Ende Brunos weiß, da schafft es die Angst vor dem Bären sogar in die Londoner ‚Times‘. Ganz folgerichtig benennt der Artikel bereits in der Überschrift die Furcht, die so manchen zu ergreifen scheint: ‚German angst‘ hat es als Lehnwort ohnehin ins Englische geschafft.

Nachtaufnahme eines Bären. Er sieht gänzlich schwarz aus, nur die Augen sind angeblitzt.
Bisher bewegt sich dieser Braunbär unauffällig durch Bayern, denn er ist bisher nur einer Wildtierkamera im Landkreis Garmisch-Partenkirchen in die ‚Falle‘ gegangen und hält sich von Menschen fern. Ansonsten würde er wie Bruno schnell zum ‚Problembären‘ stilisiert. Hoffen wir mal, dass er weiterhin so scheu bleibt, denn das ist seine beste Lebensversicherung. (Bild: Bayerische Staatsforsten)

Von Bären und Löwen

Selbstverständlich wird in der ‚Times‘ auch der inzwischen ‚ausgestopfte‘ Bruno erwähnt, der nach einer „seven-week reign of terror in Bavaria“ im amtlichen Auftrag erschossen wurde. So ist das eben, wenn man als Bär illegal über Österreich aus Italien einreist und dann auch noch Bienenstöcke und Hühnerställe plündert! Ganz ‚passend‘ wird in der ‚Times‘ Bruno im Münchner Museum Mensch und Natur dem Bild eines lebendigen Löwen in Botswana gegenübergestellt. Diese Kombination zeigt – eher unbeabsichtigt – eine auffällige Diskrepanz, die immer wieder aufscheint: Die Mehrheit der Deutschen liebt Wildtiere – z. B. in Afrika -, aber wehe sie wagen sich nach Deutschland. Dann ist schnell Schluss mit lustig! Ein Wolf oder Bär im nahegelegenen Wald, das führt selbst bei Bürgern zu hysterischen Angstattacken, die sich am Abend vorher noch an freilebenden Elefanten erfreut haben – allerdings nur vor dem Fernseher. So mancher Zeitgenosse scheint bei Wölfen gleich an Rotkäppchen zu denken und dabei die Gefahren in seinem Alltagsleben völlig falsch einzuschätzen: Ein abendlicher Spaziergang durch einen Park oder der nächtliche Weg zur U-Bahn sind auf alle Fälle gefährlicher als eine Waldwanderung.

Ausriss aus der 'Times'. Links der Beitrag über den durch Bayern ziehenden Bäen. Titel "Brown bear's return stokes fear in the Bavarian woods'. Darunter ein Foto des präparierten Bären Bruno. Rechts unabhängig davon das Foto eines Löwen.
Da streift mal wieder ein Bär durch Bayern, und schafft es sogar bis in die Londoner ‚Times‘. Bisher verhält er sich ‚unauffällig‘, ganz im Gegensatz zu Bruno, der Bayern vor 14 Jahren einen Besuch abstattete und dies mit seinem Leben bezahlte. Die ‚Times‘ weiß von einer „seven-week reign of terror in Bavaria” zu berichten. Da kann ich nicht ganz folgen, denn die ‚Schreckensherrschaft‘ bestand darin, dass er auf Nahrungssuche Bienenstöcke und Hühnerställe plünderte. Eigentlich für einen Braunbären kein ungewöhnliches Verhalten. (Bild: Ausriss, The Times, 22.2.20)

Der Zuwanderer auf vier Pfoten, der Ende 2019 im Landkreis Garmisch-Partenkirchen in eine Fotofalle tappte, hat gegenüber Bruno einen großen ‚Vorteil‘.  „Der Bär verhält sich nach wie vor sehr scheu und unauffällig“, so das Bayerische Landesamt für Umwelt. Man könnte geradezu meinen, er habe von Brunos Ende als ‚Problembär‘ gehört. Wer in der Natur aus Sicht mancher Politiker oder Verbandsvertreter ‚Probleme‘ macht, der wird kurzerhand erschossen. Pardon, das heißt heute ja ‚entnommen‘. Das Ende ist allerdings gleich: Ob Bär oder Wolf – mausetot. Und der bereits erwähnte Wisent, der jahrelang unbehelligt durch polnische Landschaften und Dörfer trottete, der wurde – kaum, dass er die Oder durchschwommen hatte – in Brandenburg erschossen!

Braunbär an einem kleinen Tümpel.
Ich hoffe sehr, dass in Deutschland auch Platz in der Natur ist für Wölfe, Bären oder Luchse. Es wäre doch skurril, wenn Wildtiere nur noch in Wildgehegen – wie hier im Bayerischen Wald – vor uns Menschen sicher wären. (Bild: Ulsamer)

Wildtiere: Bleibt in Deckung!

Natürlich bin ich mir bewusst, dass Wildtiere auch eine Herausforderung sind, doch der vielstimmige Ruf nach dem Schießbefehl ist absurd. Nehmen wir das Beispiel der Weidetiere. Da machen CDU/CSU und SPD im ‚Dienste‘ der Weidetierhalter die Schussbahn frei, um Wölfe noch schneller liquidieren zu können, obwohl sie im Deutschen Bundestag eine Weidetierprämie – gemeinsam mit der FDP – abgelehnt hatten. Wer den Weidetierbesitzern – insbesondere z.B. Wanderschäfern – wirklich helfen möchte, der muss sie finanziell stärken. Dazu gehört auch die Weidetierprämie, die in der Mehrheit der EU-Staaten bezahlt wird. Unbürokratisch müssen Ausgleichszahlungen bei Rissen durch Beutegreifer vorgenommen werden, wenn die Schafe, Ziegen, Rinder oder Pferde zuvor durch sachgerechte Zäune oder Herdenschutzhunde geschützt wurden. Und diese Schutzmaßnahmen müssen durch die öffentliche Hand – sprich uns Steuerzahler – übernommen werden. Andererseits, das möchte ich am Rande erwähnen, muss Schluss sein mit EU-Agrarsubventionen, die sich nur an der Fläche und nicht an ökologischen Kriterien orientieren.

Vielleicht hat sich Brunos scheuer Artgenosse inzwischen wieder auf den Rückweg ins italienische Trentino gemacht, weil er keine Bärendame oder ein interessantes Territorium gefunden hat. Gerade junge Männchen wandern schon mal die 120 Kilometer – auf der Suche nach einer Artgenossin – aus ihrem Kerngebiet nördlich des Gardasees bis nach Bayern. Wenn der Braunbär noch in Deutschland sein sollte, dann hoffe ich, dass in Bayern inzwischen das ‚Wildtiermanagement‘ besser funktioniert und kein anonymer Schütze in Marsch gesetzt wird – wie dies bei Bruno 2006 geschah. Sollte es dieser Bär nochmals in die ‚Times‘ schaffen, dann hoffentlich nicht über eine ‚Todesanzeige‘, sondern als Bereicherung unserer Natur. Vielleicht beherzigt er ja den Grundsatz: Nur ein scheuer Bär ist in Deutschland ein schlauer Bär! Lass Dich am besten nicht blicken, das möchte ich diesem Bären und all den anderen Wildtieren am liebsten zurufen!

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