Kaum Lebensraum in einer ausgeräumten Landschaft
Wildkaninchen sind selten geworden in deutschen Landen – ebenso wie Feldhasen -, denn ihr Lebensraum wird vom Menschen beständig beschnitten. Schützende Hecken fehlen in der häufig großflächigen Agrarlandschaft, genauso wie extensiv genutzte Weiden oder zumindest temporär stillgelegte Flächen. Wo es Gülle oder das Totalherbizid Glyphosat regnet, um Monokulturen zu optimieren, da finden Wildkaninchen weder ganzjährig Futter noch ein Plätzchen für ihre unterirdischen Baue. So manches Wildkaninchen lässt sich heute in städtischen Parkanlagen oder auf Friedhöfen blicken, doch diese Abwanderung kann die negative Bestandsentwicklung nicht stoppen. Es muss mehr für die Stärkung der Population von Wildkaninchen getan werden.

Gefährdet und dennoch abgeschossen
Seit 2018 steht das europäische Wildkaninchen als gefährdet auf der Roten Liste der International Union for Conservation of Nature (IUCN), doch Jäger legen weiter auf die Wildkaninchen an! Im Jagdjahr 2023/24 wurden 63 315 Wildkaninchen allein in Deutschland erlegt, obwohl ihre Bestände zurückgehen. Machen Rote Listen eigentlich Sinn, wenn die gefährdeten Tiere dennoch erschossen werden? Ganz nebenbei stellt sich für mich die Frage, ob denn in unserem Land 460 771 Jäger, so die Angaben des Deutschen Jagdverbands, in der richtigen Relation zur Fläche und dem Wild stehen. Die Jagdbegeisterten nehmen zu, und da wird auch auf Wildkaninchen oder Feldhasen angelegt. Mehr dazu in: ‚Feldhasen im Visier. Rote-Liste-Status nutzt nichts bei Verlust des Lebensraums‘. Wo Naturschutz und Jagd zusammenfinden, habe ich Verständnis. Dieses fehlt mir jedoch völlig, wenn der Abschuss von Wildtieren zu einem bloßen Hobby degeneriert. In Deutschland steht das Wildkaninchen trotz des Abwärtstrends bisher bundesweit nur auf der Vorwarnliste. Hier sehe ich dringenden Bedarf für eine Neubewertung.

Bilden Wildkaninchen Kolonien mit bis zu 20 erwachsenen Mitgliedern, dann kann das Folgen für die Nutzung von Weideflächen haben, denn ihre unterirdischen Höhlensysteme mit verschiedenen Wohnkesseln sind an der Oberfläche durch Ein- und Ausgänge mit entsprechendem Aushub erkennbar. Generell lehne ich die Subventionen der EU ab, die sich überwiegend an der Fläche orientieren, doch eine Agrarförderung ist richtig, wenn Flächen zum Schutz bestimmter Wildtiere oder Pflanzen aus der Produktion genommen werden. Flächensubventionen ohne ökologischen und gesellschaftlichen Vorteil, die manche Bauernvertreter mit allen Mitteln verteidigen, müssen abgeschafft werden, damit mehr Fördermittel für Maßnahmen bereitstehen, die der Biodiversität dienen. In verschiedenen Beiträgen bin ich auf die EU-Agrarsubventionen eingegangen, die Steuermittel verpulvern, ohne damit den familiengeführten bäuerlichen Betrieben und der Natur zu dienen. Weitere Gedanken dazu finden Sie in ‚Agrarbereich muss naturnäher arbeiten. Ökologie und Nachhaltigkeit als Basis für die Landwirtschaft‘. In den meisten Fällen finden sich die Bauten der Wildkaninchen eher in Randzonen, die wenig wirtschaftlichen Nutzen bringen, so z. B. auf Ödland sofern noch vorhanden, am Waldrand usw. Wer den Wildkaninchen weiter den Lebensraum raubt und auf sie anlegt, der gefährdet eine Tierart in ihrer Existenz.

Den Wildkaninchen fehlen die langen Hinterbeine des Feldhasen, daher sind sie nicht ganz so schnell unterwegs. Dafür verfügen sie über einen unterirdischen Bau, der ihnen gegen die meisten Feinde Schutz bietet. (Bild: Ulsamer)
Tödliche Seuchen gegen Wildkaninchen eingesetzt
Nicht nur die Landnutzung durch den Menschen, sondern auch Seuchen wie Myxomatose, durch Pockenviren, oder die Chinaseuche führen zu teils dramatischen Bestandsrückgängen. Bei der Verbreitung dieser zumeist tödlich verlaufenden Seuchen kommt dem Menschen leider die zentrale Schuld zu: In Australien wurden Myxomatose-Erreger zur Bekämpfung der Wildkaninchen freigesetzt, und 1952 ließ sich Paul-Félix Armand-Delille den brasilianischen Myxomatose-Virus aus der Schweiz kommen, um Wildkaninchen auf seinem Landsitz in der französischen Gemeinde Maillebois in der Nähe von Chartres zu infizieren. Und so stand der Verbreitung des tödlichen Virus nichts mehr im Wege. Die Chinaseuche, die seit 1988 auch in Deutschland grassiert, ist eine hämorrhagische Viruserkrankung, die nicht weniger tödlich verläuft und oft als Kaninchen-Ebola bezeichnet wird. Nach der Corona-Pandemie frage ich mich schon, welche Seuchen noch aus China zu erwarten sind.

Nach Zahlen der weltweit tätigen Naturschutzorganisation IUCN reduzierten sich die Bestände der Wildkaninchen in Spanien und Portugal von 1950 bis 2005 um bis zu 95 %. Die Ausbreitung von Seuchen und die intensivierte Landnutzung führten bis heute zu weiteren Rückgängen. Einer der Leidtragenden ist dabei der Pardelluchs, der wegen seines engen Verbreitungsgebiets auch als Iberischer Luchs bezeichnet wird. Seine Nahrung besteht – laut WWF – zu 93 % aus Wildkaninchen, also ist es kein Wunder, dass diese Luchsart stark gefährdet ist, was im Übrigen in gleicher Weise für den Iberienadler zutrifft, ein enger Verwandter des Kaiseradlers, dessen Ernährung ebenfalls stark von Wildkaninchen abhängig ist. So geht die IUCN in den letzten Jahrzehnten von einem weiteren Rückgang der Wildkaninchen in Spanien und Portugal von 60 bis 70 % aus, gefolgt von einer Verkleinerung der Populationen von Pardelluchs um 65,7 % und Iberienadler um 45,5 % in den 2010er Jahren. An diesem Beispiel lässt sich gut erkennen, wie in der Nahrungskette und der Natur insgesamt alles miteinander zusammenhängt – fürwahr keine neue Erkenntnis, denn sie stammt vom Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 – 1859), doch sie ist noch immer richtig und wird gerade bei Natur und Umwelt zu wenig berücksichtigt: „Alles hängt mit allem zusammen“. Wer dem kleinen Kaninchen sein Leben missgönnt, der verschuldet eben auch den Rückgang von Luchs und Adler. Wie wenig viele Zeitgenossen die Einsicht Humboldts berücksichtigen, lässt sich beim Aussetzen von Kaninchen in Australien im Jahr 1859 erkennen, die dann schnell von den Menschen als Plage eingestuft und mit tödlichen Viren bekämpft wurden.

Mehr Lebensraum für Wildkaninchen & Co.
„Tagsüber halten sich die Tiere meist im Bau auf. Erst mit Einbruch der Dämmerung gehen sie auf Nahrungssuche“, so Hartmut Netz in ‚Naturschutz heute‘. Diese Ansicht wird auch in vielen anderen Publikationen vertreten. Wildkaninchen seien dämmerungsaktiv, was mit dem Jagddruck oder Greifvögeln in verschiedenen Regionen zu tun haben könnte. Wir beobachten Wildkaninchen dagegen häufig in sonnigen Stunden über den Tag verteilt in größeren Kolonien hinter Dünen in Irland bzw. ein oder zwei Tiere auf der Weide vor dem Haus, wo sie mit Schafen um die Wette Gräser und Kräuter futtern – auch in der Mittagszeit. Im städtischen Umfeld lassen sich Wildkaninchen ohnehin tagsüber blicken, weil sie sich an die Passanten gewöhnt haben, worauf u.a. die Biologin Madlen Ziege hingewiesen hat. Im Berliner Tagesspiegel betonte Madlen Ziege: „In den Städten haben allgemein die Wildtiere zugenommen, die Tendenz gibt es seit mehreren Jahren. In Frankfurt allerdings habe ich in den letzten Jahren einen Rückgang der Wildkaninchen beobachtet.“ Eine Begründung könnte sein, „dass es den einst so paradiesischen Zustand nicht mehr gibt. Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass die einst dichte Vegetation in den Parks vom Grünflächenamt stark zurückgeschnitten wurde.“ So erleben die von intensiv bearbeiteten Äckern und Grünland ohne schützende Hecken in den urbanen Raum migrierten Wildkaninchen bzw. ihre nachfolgenden Generationen, dass auch dort Kurzhaarschnitt für den Rasen und akkurat gestutzte Hecken und Büsche en vogue sind, selbst wenn diese für Wildtiere lebensfeindlich sind. Häufig wurden städtische Grünanlagen zu großen Grillplätzen, Biergärten, Veranstaltungs- oder Sportflächen umfunktioniert, wo es keinen Platz mehr gibt für Wildkaninchen und andere Wildtiere.

Wildkaninchen brauchen Deckung, daher bieten sich Grasflächen nur dort als Futterquelle an, wo der Lebensraum schützende Hecken oder Feldgehölze umfasst. Zu den Feinden der Wildkaninchen zählen Iltis, Wiesel, Marder, Fuchs und – sofern vorhanden – Luchs und Wolf, gefährlich werden können auch Greifvögel und Eulen – und natürlich der Mensch. Wenn wir wieder eine vielfältigere Landschaft schaffen oder zumindest zulassen, hilft das nicht nur den Wildkaninchen, sondern dem gefährdeten Feldhasen, genauso wie Insekten, Vögeln und allen kleinen und großen Wildtieren. Hecken bieten nicht nur Wildkaninchen oder Vögeln Schutz, sie leisten gleichzeitig wichtige Dienste für den Boden, indem sie dessen Abtragung durch Wind und Regen verhindern. In den letzten 60 Jahren ist die Hälfte aller Hecken aus der deutschen Agrarlandschaft verschwunden, so eine Studie des Thünen-Instituts! Mehr zu diesem Thema finden Sie in: ‚Mehr Hecken gegen den Klimawandel. Die Artenvielfalt braucht Hecken, Gebüsch und Bauminseln‘. Unverständlich ist es für mich, dass die Politik auf allen Ebenen nicht mehr tut, um die Biodiversität zu fördern! Dazuhin halte ich es für indiskutabel, dass Tiere wie das Wildkaninchen oder der Feldhase bejagt werden dürfen, obwohl sie in ihrer Existenz gefährdet sind! Wir brauchen wieder mehr Natur in unserem Land, nur dann können wir langfristig die Lebensgrundlage nicht nur für das Wildkaninchen und andere Wildtiere, sondern auch für die Menschen sichern. Ein Umdenken bei der Landnutzung ist zwingend – in allen Bereichen, in besonderer Weise jedoch bei Agrar- und Forstwirtschaft sowie dem Städtebau oder bei Verkehrsprojekten.




