Wenn Himmelslaternen Tod und Verderben bringen

Überflussgesellschaft zündelt gerne mit Feuerwerksartikeln

Mit den Folgen des Silvesterfeuerwerks habe ich mich zwar in meinem Blog bereits befasst, aber ich greife dieses Thema nochmals auf: Die Diskussion darf nicht – wie in den Vorjahren – wieder versanden, sondern Bund, Länder und Kommunen müssen eine Beschränkung des Feuerwerks durchsetzen. Es ist an der Zeit, ‚traditionelle‘ Bräuche zu überdenken, wenn sie zu einer Gefährdung von Mensch, Tier und Umwelt führen.

Buntgestaltete Anzeige bei Amazon für Himmelslaternen, die sich rötlich-gelb gen Himmel erheben.
Das steigen lassen von Himmelslaternen ist in Nordrhein-Westfalen seit 2009 verboten, doch im Internet gibt es genügend Anbieter. Über Amazon gibt’s Himmelslaternen, die mit einer Flughöhe von 1000 Metern angepriesen werden! Ein Verkaufsverbot ist zwingend! (Bild: Screenshot, amazon.com, 2.1.20)

Himmelslaternen – eine tödliche Gefahr

Im Krefelder Zoo starben 30 Tiere in ihrem brennenden Gebäude, unter ihnen fünf Orang-Utans, ein Schimpanse und zwei Gorillas. Und nur dem Einsatz der Feuerwehr ist es zu verdanken, dass eine weitere Gorilla-Familie und zwei Schimpansen überlebten. Nach den polizeilichen Ermittlungen haben eine 60-jährige Frau und ihre beiden erwachsenen Töchter den Brand mit sogenannten ‚Himmelslaternen‘ ausgelöst, die sie mit Neujahrsgrüßen aufsteigen ließen. Der Krefelder Polizeisprecher Gerhard Hoppmann bezeichnete die Frauen als „bürgerliche Menschen, sehr vernünftig und auch verantwortungsbewusst.“ Wenn dies so ist, dann wird noch deutlicher, dass nicht nur das aufsteigen lassen von ‚Himmelslaternen‘ verboten werden muss, sondern zugleich der Vertrieb in Deutschland. Selbst nach dem schrecklichen Brand im Krefelder Zoo sind Himmelslaternen immer noch problemlos über das Internet zu bestellen. Hier muss ein Riegel vorgeschoben werden, denn wer diese Miniballons mit einer Brandquelle kauft, der lässt sie im Regelfall natürlich aufsteigen. „Wunderschön am Nachthimmel“ heißt es in der Werbung bei Pearl für ‚Nakamari Himmelslaternen‘, wobei sogar auf eine angebrachte Befestigungsschnur hingewiesen wird. Aber wer wirklich den Aufstieg in den Nachthimmel erleben möchte, der wird sie wohl kaum wie einen Luftballon am Schnürchen festhalten.

Als 2009 in Nordrhein-Westfalen Himmelslaternen verboten wurden, war zuvor ein Kind auf tragische Weise an den Rauchgasen verstorben, die in einem Wintergarten entstanden waren: Eine Himmelslaterne hatte den Brand ausgelöst. Doch selbst in Nordrhein-Westfalen ist der Verkauf der fliegenden Fackeln nicht untersagt: „Es ist in Nordrhein-Westfalen verboten, unbemannte Flugobjekte aufsteigen zu lassen, bei denen der Auftrieb durch die von einer eigenen Feuerquelle erwärmten Luft erzeugt wird und die insbesondere unter den Bezeichnungen „Himmelslaterne“ oder „Kong-Ming-Laterne“ bekannt sind (Fluglaternen)“. Ein Vertriebsverbot ist aus meiner Sicht zwingend, um gerade auch solche Bürger nicht in Versuchung zu führen, die mit Schäden wie in Krefeld nicht rechnen. Den einen oder anderen Bastler, der vermutlich bewusst Brandgefahren in Kauf nimmt, wird dies zwar nicht abhalten, aber alle diejenigen werden gebremst, die wie die drei Frauen in Krefeld – laut Polizeiangaben – die Himmelslaternen im Internet kauften und annahmen, das steigen lassen von Himmelslaternen sei an Silvester erlaubt.

Foto vom brennenden Affenhaus in Krefeld. Eingeklinkter Text: "der 45-jährige Massa, der älteste Gorilla Europas". Er war auch unter den Opfern.
Mit 48 Jahren musste auch Massa, der älteste Gorilla Europas, im Flammenmeer sterben. Sogenannte Himmelslaternen hatten das Affenhaus im Krefelder Zoo in Brand gesteckt. Ein Verkaufsverbot für Himmelslaternen muss durchgesetzt werden! Das Feuerdesaster sollte aber auch Anlass dazu geben, den Brandschutz zu verstärken und den Affen eine Möglichkeit bieten, im Notfall ihr Außengehege erreichen zu können. Wenn schon Menschenaffen in einem Zoo gehalten werden, dann müssen auch höchste Maßstäbe für den Feuerschutz gelten. (Bild: Screenshot, Twitter, 1.1.20)

Batteriefeuerwerk treibt Tiere in die Flucht

Damit wären wir beim zweiten Themenkreis, der unmittelbar mit Silvester zusammenhängt: die aberwitzige Entwicklung beim privaten Feuerwerk! Mögen die Ausgaben der Deutschen für Feuerwerksartikel auch bei rd. 133 Millionen Euro stagnieren, doch der Krach und Qualm ist erschreckend. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich möchte Kindern die Freude nicht nehmen, mit kindgerechten Erzeugnissen das neue Jahr zu begrüßen, und dies gilt in gleichem Maße für Jugendliche. Aber mal ganz ehrlich: es ist noch nicht soo lange her, dass  einige grüne Knallfrösche und hin und wieder mal eine Rakete zur Begrüßung des neuen Jahres ausreichten. Heute gibt’s dagegen für relativ wenig Geld ein Bombardement aus Batteriefeuerwerk mit 100 oder 200 ‚Schuss‘.

Und Zeitgenossen, die es besonders laut mögen, greifen zu problemlos bestellbaren ‚Polenböllern‘. Bei deren Explosion in der Umgebung fragt man sich auch als nicht sonderlich furchtsamer Mensch, ob man besser unter den Tisch kriechen sollte. Dort hätte man dann gleich noch Gesellschaft: Viele Hunde und Katzen verkriechen sich in den Wohnungen, wenn es kracht, freilebende Tiere suchen das Weite, wenn Böller und Raketen das Regiment übernehmen. Haus-, Nutz- und Wildtiere müssen für das Vergnügen mancher Zweibeiner leiden. Dies kann sich so nach meiner Meinung nicht fortsetzen! In der letzten Silvesternacht gingen auch wieder landwirtschaftliche Gebäude in Flammen auf, als sie von Böllern oder Raketen getroffen wurden. Die Rücksichtnahme gegenüber unseren tierischen Mitlebewesen hat generell abgenommen.

Zwei Tweets der Berliner Polizei: Frau von Pyrotechnik am Kopf getroffen, Böller aus Shishabar auf Menschen geworfen.
Immer häufiger werden Menschen – mit und ohne Uniform – mit Böllern angegriffen und verletzt. Die Achtung vor den Mitmenschen lässt allerdings nicht nur an Silvester spürbar nach. (Bild: Screenshot, Twitter, 1.1.20)

Böller-Attacken auf Menschen und Wohnungen

In städtischen Bereichen brannten – wie jedes Jahr an Silvester – Wohnungen aus, die nicht selten gezielt mit Raketen beschossen wurden. So berichtete die Berliner Polizei: „In Friedenau schießen über 50 Jugendliche Raketen auf umliegende Fenster. Eine Fensterscheibe wurde bereits zerstört.“ Rücken Polizei und Feuerwehr an, dann werden sie zum Dank immer häufiger attackiert: „Leider kam es auch in dieser Silvesternacht teilweise zu gefährlichen Angriffen auf Einsatzkräfte und -fahrzeuge durch pyrotechnische Erzeugnisse“, so die Berliner Feuerwehr. „Die Auswertung ergab 24 Übergriffe auf Einsatzkräfte, davon 20 mittels Pyrotechnik. Dabei wurden 3 Einsatzkräfte verletzt. 2 besonders negative Ereignisse trugen sich in Neukölln und Pankow zu. Dort wurde ein Löschfahrzeug massiv mit Pyrotechnik beschossen. Mehrere Personen versuchten weiterhin sogar die Fahrzeugkabine zu öffnen und mit Schreckschusswaffen hineinzuschießen. An einer anderen Einsatzstelle wurde ein Rettungswagen durch Beschuss mit einer Schreckschusswaffe beschädigt.“ Alleine in der Silvesternacht musste die Berliner Feuerwehr 617 Brände bekämpfen, im Vorjahreszeitraum waren es 416.

AfD-Tweet, in dem die Kritik an Böllern zurückgewiesen wird: das Affenhaus ei ja durch Himmelslaternen hervorgerufen worden.
Dümmer geht immer! Dies belegt die AfD Heidelberg mit ihrem Tweet: Sie wendet sich gegen ein Böllerverbot, da das Affenhaus in Krefeld ja nicht durch solche Feuerwerksartikel, sondern durch „Chinesische Himmelslaternen” in Brand geraten sei. Den getöteten Menschenaffen dürfte es gleichgültig sein, und allen mitfühlenden Menschen auch. Da die AfD sich so für die Böllerei einsetzt, hat sie vermutlich auch Verständnis für die linksextremen Chaoten, die in Leipzig Polizisten massiv mit Böllern attackierten. (Bild: Screenshot, Twitter, 1.1.20)

An Silvester – wie auch am 1. Mai – machen immer wieder linksextremistische Gruppierungen mobil, wie jetzt beispielsweise im Leipziger Stadtteil Connewitz. Die Polizisten wurden massiv mit Pyrotechnik beschossen, einem der Polizeibeamten der Schutzhelm heruntergerissen, ehe er so brutal angegriffen wurde, dass er im Krankenhaus notoperiert werden musste. Die Linksextremisten werden sich sicherlich freuen, dass die AfD in Heidelberg gegen ein Böllerverbot ist, denn in Krefeld sei das Affenhaus ja nicht durch solche Feuerwerksartikel, sondern durch Himmelslaternen in Brand gesteckt worden. Was für eine Logik diesem Argument wohl zu Grunde liegt? Da kann ich nur sagen: Dümmer geht immer! Die Attacken auf Ordnungs- und Hilfskräfte müssen ein Ende haben – mit und ohne Böller.

Feinstaubfresser am Neckartor in Stuttgart. Die Filteranlage soll die Feinstaubbelastung reduzieren.
Irgendwie ist es doch schräg: An Stuttgarter Straßen werden ‚Feinstaubfresser‘ aufgestellt, doch Feuerwerk ist an Silvester – mit wenigen Ausnahmen – im ganzen Stadtgebiet möglich. Eine konsequente Umweltpolitik sieht für mich anders aus. Die Bundesgesetzgebung muss die Grundlage dafür schaffen, dass in Kommunen auch flächendeckend Feuerwerk verboten werden kann. Anmerken möchte ich auch, dass ich solche technischen Maßnahmen – vom häufigeren Kehren der Straßen bis zu Feinstaubfiltern – sehr begrüße. (Bild: Ulsamer)

4200 Tonnen Feinstaub für ein kurzes Vergnügen

In weniger als einer Stunde werden 2 % der Jahresmenge an Feinstaub in Deutschland mit Feuerwerksartikeln in die Luft geblasen! Das klingt erst mal bescheiden, aber das Schaltjahr 2020 umfasst genau 8784 Stunden. Schon überschlägig wird daran deutlich, welch gewaltiger Anteil zwei Prozent des Feinstaubs in einer Stunde sind. Dies gilt in ganz besonderer Weise in Städten mit Überschreitungen der EU-Vorgaben für Feinstaub und daraus resultierenden Fahrverboten. Da frage ich mich manchmal schon, ob es ‚bösen‘ und ‚guten‘ Feinstaub gibt? Der ‚böse‘ Feinstaub würde dann nach Meinung mancher Politiker wohl nur von Fahrzeugen freigesetzt oder aufgewirbelt.

Wegen einiger Mikrogramm Feinstaub zu viel gibt es Fahrverbote, aber an Silvester werden mancherorts ein oder zwei Überschreitungstage gezielt ‚produziert‘. Darf ein kurzes Vergnügen für manche höher bewertet werden als die Senkung des Feinstaubs – und anderer Emissionen – für alle? Selbst bei Politikern, die uns das Lastenfahrrad statt unseres Autos schmackhaft machen wollen, vermisse ich konsequente Initiativen zur Eindämmung des Silvesterfeuerwerks.

Buntes Feuerwerk in Sydney.
Völlig abstrus ist es, wenn im von zahllosen Buschfeuern geplagten Australien auch noch Raketen in den Nachthimmel geschossen werden: In Sydney fand das traditionelle Feuerwerk statt, und dies obwohl die Rauchschwaden der Buschbrände die Stadt immer wieder einhüllen. Charles Purcell erinnert in seinem Kommentar im ‚The Sydney Morning Herald‘ an die menschlichen Opfer der Buschbrände, die auch bereits 500 Millionen Säugetiere, Vögel und Reptilien das Leben gekostet haben. Und hat der Kommentator nicht recht, wenn er dieses Feuerwerk – vor allem angesichts der Buschbrände – als eine geschmacklose Zurschaustellung der Überflussgesellschaft ansieht? (Bild: Screenshot, Twitter, 30.12.19)

Die Überflussgesellschaft zündelt gerne

Ganz allein sind wir mit einer schrägen Diskussion zum Feuerwerk nicht, dies belegt auch das Verhalten in Australien. Weite Regionen Australiens versinken im Feuerchaos, zu wenige Feuerwehrleute kämpfen gegen hunderte von Buschfeuern und Waldbränden, Menschen sterben, ihre Häuser frisst die Feuersbrunst, die Koalas verdursten oder verbrennen. Gleichzeitig veranstaltete Sydney das traditionelle Feuerwerk, denn – so die Stadtoberen – man habe dieses bestellt und bezahlt. Rauchwolken der gewaltigen Brände ziehen bis nach Sydney und verdunkeln die Tage, aber dennoch wurde das Feuerwerk durchgezogen. Ein fatales Zeichen auch für die Menschen, die vor den Feuerwalzen an Strände flüchten mussten und dort auf die Hilfe der Marine warten.

Beim privaten Feuerwerk verlieren Menschen in Deutschland immer wieder Finger oder auch mal mehr. „In Deutschland erleiden jährlich zirka 8.000 Menschen zu Silvester Schädigungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper. Viele dieser Menschen behalten bleibende Schäden“, so das Umweltbundesamt. Tiere geraten in Panik und sterben – wie jetzt in Krefeld. Häuser gehen in Flammen auf, und dennoch bekam ich auf meine bisherigen Beiträge zum Feuerwerk viele Rückmeldungen nach dem Motto: ‚Es ist Tradition!‘ Wenn ‚traditionell‘ Menschen und Tiere zu schaden kommen, die Umwelt leidet, dann sollten wir über solche ‚Traditionen‘ nachdenken. Mit der Tradition ist dies ohnehin so eine Sache: Früher saßen Frauen und Männer in christlichen Kirchen getrennt. Dies wird wohl kaum jemand wieder einführen wollen! Tradition hin oder her. Und daher ist es höchste Zeit, auch über sogenannte Silvesterbräuche nachzudenken, die – noch vor wenigen Jahren undenkbare – Gefahren mit sich bringen.

Anzeige von Pearl für Himmelslaternen..
Himmelslaternen mit Schnur sind im Angebot. Ich würde mich dafür interessieren, wie viele der Käufer ihre brandgefährliche Himmelslaterne an der Schnur festhalten. Im Text heißt es ja auch „Wunderschön am Nachthimmel”. Das passt nicht so ganz zur Schnur. (Bild: Screenshot, pearl.de, 2.2.20)

Verkaufsverbot für Himmelslaternen

Bei Himmelslaternen oder hochexplosiven Polenböllern erwarte ich umgehend ein umfassendes Verkaufs- und Importverbot. Die Frauen in Krefeld haben die für 30 Tiere tödlichen Himmelslaternen gekauft und nicht selbst gebastelt. Sie haben eine Katastrophe im Krefelder Zoo hervorgerufen, die sich bei einem Verkaufsverbot vielleicht hätte verhindern lassen. Die Vorgehensweise der Politik bei Himmelslaternen erinnert mich an Halteverbotsschilder unter denen täglich geparkt wird, denn eine Kontrolle kommt eh nie. Das steigen lassen der Himmelslaternen ist verboten, aber der Verkauf nicht! Dafür habe ich keinerlei Verständnis.

Kurzfristig muss eine deutliche Beschränkung des privaten Feuerwerks erfolgen. Die Überflussgesellschaft zeigt ein hässliches Gesicht gerade im Überangebot billiger Feuerwerkskörper. Eine Verdopplung des Mehrwertsteuersatzes und ein Aufschlag für die Müllbeseitigung müssen die ersten Schritte sein. Es wäre mehr als wünschenswert, wenn sich mehr Menschen an den Aufruf von Brot für die Welt halten würden: ‚Brot statt Böller‘.

Überfällig ist eine härtere Bestrafung von Zeitgenossen, die mit Feuerwerkskörpern gezielt auf Mitmenschen, Tiere, Fahrzeuge oder Gebäude schießen. Und wer Ordnungs- und Hilfskräfte attackiert, der muss endlich die ganze Härte des Strafrechts zu spüren bekommen. Und zwar ganzjährig!

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