Wenn der Golfstrom schlapp macht

Erderwärmung könnte Nord- und Westeuropa eisige Zeiten bescheren

In manchen Debatten habe ich den Eindruck, dass der eine oder die andere der Diskutanten noch immer glaubt, der Klimawandel würde in erster Linie versinkende Südseeinseln oder die Ausweitung der Wüstengebiete in Afrika betreffen, denn mit ein oder zwei Grad höherer Durchschnittstemperatur komme man schon zurecht, vielleicht wären höhere Temperaturen hierzulande ja gar nicht so verabscheuungswürdig! Ganz vergessen wird dabei, dass der beständige Anstieg des Meeresspiegels auch Norddeutschland bedroht, speziell die Halligen und die Inseln Nord- und Ostfrieslands, und heiße Sommer mit Dürreperioden ganz Deutschland in Wassernot stürzen können. Nicht übersehen dürfen wir dabei, dass der Golfstrom schwächelt, der als warme Strömung dafür sorgt, dass bei uns Obst und Gemüse überhaupt erst wachsen, wo auf dem gleichen Breitengrad in Kanada schon Moose und Nadelwald dominieren. Es ist zwar paradox, doch je mehr sich die Erde erwärmt und das Eis   z. B. in Grönland abschmilzt, desto weniger warmes Wasser pumpt der Golfstrom in den Norden, und so könnte die jährliche Durchschnittstemperatur in Nordeuropa trotz der globalen Erwärmung deutlich sinken. Viel zu wenigen Bürgern ist bewusst, dass z. B. in Schottland oder Irland noch Palmen wachsen und im Alten Land bei Hamburg Äpfel gedeihen, weil der Golfstrom für ausreichende Temperaturen sorgt. Dürre im Sommer, kalte Winter und zunehmende Stürme können Europa drohen, wenn der Golfstrom nicht mehr in ‚gewohnter‘ Weise als Warmwasserheizung und ausgleichendes Element fungiert.

Berge direkt am Meer mit leichter Schneedecke. Weiter unten an der Küste liegt kein Schnee. Das Meer schimmert blau.
In Irland gibt es nur wenige Tage im Jahr mit Minusgraden und Schnee, doch dies würde sich ändern, wenn der Golfstrom ausfällt, der als gigantische Warmwasserheizung dafür sorgt, dass auf der grünen Insel an der Küste sogar Palmen wachsen – wie auf dem Beitragsbild zu sehen. (Bild: Ulsamer)

Schmelzwasser senkt Salzgehalt

Über eine Abschwächung des Golfstroms, der warmes Wasser aus den Subtropen und dem Golf von Mexiko im Atlantik gen Norden und Nordosten transportiert, wird schon geraume Zeit berichtet, doch jetzt zeigt eine neue Studie von Wissenschaftlern aus Irland, Großbritannien und Deutschland, dass die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC) in den letzten 1 000 Jahren noch nie so geschwächelt hat wie jetzt. Levke Caesar*, Stefan Rahmstorf u. a. haben ihre vorhergehenden Untersuchungen** auf eine noch breitere wissenschaftliche Basis gestellt und dabei auch auf Ozeansedimente, Eisbohrkerne, Baumringe oder Schiffslogbücher zurückgegriffen, daher lassen sich mehrere Hundert Jahre bis zu anderthalb Jahrtausenden rekonstruieren. Die Wissenschaftler „fanden solide Belege dafür, dass die Abschwächung im 20. Jahrhundert im vergangenen Jahrtausend beispiellos war – sie ist wahrscheinlich eine Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels“, so das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Ein Hinweis auf die Abschwächung des Golfstroms ist eine gewaltige „Kälteblase“ im Nordatlantik.

Stilisierte Weltkarte mit den eingezeichneten übergreifenden Meeresströmungen in blau und rot.
Der Golfstrom spielt über den Atlantischen Ozean und die Anrainerstaaten hinaus auch global eine wichtige Rolle. Der Golfstrom schiebt gewaltige Mengen an warmem Wasser nach Norden, das nicht zuletzt Westeuropa wärmt. Das Meerwasser wird durch Verdunstung noch salzhaltiger und dichter, und es sinkt in große Tiefen ab, um dann wieder gen Süden zu fließen. Dieser Prozess ähnelt einem gewaltigen Fließband. Die Übersichtskarte unterstreicht auch die Feststellung Alexander von Humboldts (1769 – 1859):  „Alles hängt mit allem zusammen.“  Somit ist er nach Andrea Wulf mit seinem ganzheitlichen Ansatz auch einer der Gründerväter der Ökologie. (Bild: Intergovernmental Panel on Climate Change)

„Das Golfstrom-System funktioniert wie ein riesiges Förderband, das warmes Oberflächenwasser vom Äquator nach Norden transportiert und kaltes, salzarmes Tiefenwasser zurück in den Süden schickt. Es bewegt fast 20 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde, etwa das Hundertfache des Amazonasstroms“, erklärt Professor Stefan Rahmstorf, Forscher am PIK und Initiator der Studie, die in Nature Geoscience veröffentlicht wurde. Das wärmere und salzhaltige Oberflächenwasser bewegt sich vom Süden – aus dem Golf von Mexiko – nach Norden, wobei es sich abkühlt, etliches Wasser verdunstet, es wird salzhaltiger und dadurch dichter. Das Wasser sinkt dann, wenn es schwer genug geworden ist, von der Oberfläche in tieferliegende Ozeanschichten ab. Von dort aus geht es zurück in den Süden – der Kreislauf beginnt von Neuem. Und diesen für unser Klima so wichtigen Golfstrom bringt die Erderwärmung gehörig durcheinander: Insbesondere das beschleunigte Abschmelzen des Eisschilds in Grönland führt dem Nordatlantik so viel Süßwasser zu, dass der Salzgehalt sinkt, und es fehlt die notwendige Dichte des Wassers für ein Absinken. Dieser Vorgang führt zu einer Schwächung der Zirkulation des Wassers, langfristig könnte der Golfstrom auch gänzlich zum Erliegen kommen. Dieser Prozess hat im Nordatlantik bereits zu sinkenden Wassertemperaturen geführt, obwohl weltweit die Tendenz durch die Erderwärmung nach oben zeigt.

Zwei Brücken in New York zwischen Manhatten und Brooklyn über den East River. Er ist kein Fluss, sondern ein Ästuar mit Verbindung zum Atlantik.
Je weniger Wasser der Golfstrom von der Ostküste der USA  wegzieht, desto schneller steigt dort der Meeresspiegel – und dies zusätzlich zu der von der Erderwärmung hervorgerufenen Zunahme. „Das liegt daran, dass der Meeresspiegel auf der rechten Seite des Golfstroms um gut einen Meter höher ist als auf der linken Seite, also an der Küste“, so Professor Rahmstorf. Bereits in einem Sonderbericht zu den Ozeanen hatte der Weltklimarat festgestellt, „dass die atlantische meridionale Umwälzströmung im Vergleich zu 1850-1900 schwächer geworden“ sei. Hier im Bild die Brooklyn Bridge, die Manhattan über den East River mit Brooklyn verbindet.  (Bild: Ulsamer)

Stürmischer Heiß-Kalt-Mix

Die Folgen einer weiteren Abschwächung des Golfstroms können für Europa und die USA gravierend sein. Blicken wir zuerst auf die nordamerikanische Küste: „Die nordwärts fließende Oberflächenströmung der AMOC führt zu einer Ablenkung von Wassermassen nach rechts, weg von der US-Ostküste. Dies ist auf die Erdrotation zurückzuführen, die bewegte Objekte wie Strömungen auf der Nordhalbkugel nach rechts und auf der Südhalbkugel nach links ablenkt. Wenn sich die Strömung verlangsamt, schwächt sich dieser Effekt ab und es kann sich mehr Wasser an der US-Ostküste aufstauen. Das kann zu einem verstärkten Meeresspiegelanstieg führen“, so Dr. Levke Caesar, die derzeit an der National University Maynooth im irischen Kildare forscht. Wer die Bebauung in manchen US-Küstenregionen kennt, der kann sich unschwer vorstellen, dass ein Anstieg des Meeresspiegels – durch die Erderwärmung und ein Nachlassen des Golfstroms – schwerwiegende Auswirkungen haben wird.

Ein kräftiger Sturm peitscht die Wellen gegen die Felsenküste. Eine aufschlagende Welle ist völlig weiß und ähnelt einem Hundekopf mit Schnauze.
Stürmische Zeiten könnten auf Mittel- und Nordeuropa zukommen, wenn der Golfstrom schwächer wird. Schon heute treiben die Ausläufer tropischer Hurrikane heftigen Wind und hohe Wellen an die Küsten im irischen Kerry. (Bild: Ulsamer)

Wenn der Golfstrom zunehmend weniger warmes Wasser nach Nordosten transportiert, kann dies zu niedrigeren Durchschnitttemperaturen in Nordeuropa führen. Professor Rahmstorf unterstrich in der ‚Zeit‘, dass sich bei einem Versiegen des Golfstroms „die Kälteblase, die bislang nur über dem Ozean liegt, bis nach Großbritannien und Skandinavien ausdehnen“ würde, „dort könnte es dann trotz globaler Erwärmung kälter werden.“  Aus meiner Sicht würden jedoch bereits graduelle Veränderungen fatale Folgen haben. Wenn der Golfstrom bereits jetzt um rd. 15 % an Kraft verloren hat, und bis 2100 nahezu um die Hälfte nachlassen könnte, würden mancherorts in Europa Palmen durch Moose ersetzt. Die Goose Bay in der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador, Limerick in Irland und Hamburg liegen nahezu auf dem gleichen Breitengrad, doch die jährlichen Durchschnittstemperaturen variieren zwischen 4,1°, 12° und 9,8° Celsius. Aus diesen Zahlen lässt sich unschwer die Bedeutung des Golfstroms als Warmwasserheizung für das nördliche Europa ablesen. Drohen könnten heiße und wasserarme Sommer, kältere Winter, und das alles gemixt mit heftigeren Stürmen – sicherlich eine Mischung, die sich niemand wünscht!

Vertrockneter Ackerboden mit wenigen grünen Pflänzchen.
Das warme Wasser des Golfstroms verdunstet leichter, daher trägt es auch zum Regen in Nord- und Mitteleuropa bei. Sollte der Golfstrom allerdings weiter an Dynamik verlieren, drohen im Sommer zunehmende Dürreperioden. Dies würde die Probleme der Landwirtschaft weiter verstärken und auch den Böden zusetzen. (Bild: Ulsamer)

Drohen vermehrt Dürreperioden?

Natürlich gab es immer wieder Schwankungen beim Golfstrom oder unserem Klima, so auch in der Eiszeit vor 100 000 bis 12 000 Jahren: Der Golfstrom schob das in den Tropen erhitzte Wasser nicht so weit nach Norden, und in Europa war es rd. fünf Grad kälter. An der kleinen Eiszeit, die von 1550 bis 1850 zahllose Menschen ins Verderben führte, war zwar nicht der Golfstrom ‚schuld‘, sondern Sonnenaktivitäten und Vulkane. Die Sonne gab weniger Energie in Richtung Erde ab, und Vulkanausbrüche verdunkelten den Himmel. Als 1815 in Indonesien der Tambora explodierte, sorgte dessen Auswurf für ein ‚Jahr ohne Sommer‘, das 1816 in Europa für Missernten sorgte. Hungersnöte trieben nicht nur in Irland Menschen in Tod und Verzweiflung, sondern auch im Königreich Württemberg und anderen deutschen Regionen. Eine Veränderung um wenige Grad bei der Temperatur kann verheerende Folgen haben, und dies gilt eben nicht nur für die Erderwärmung im Zuge des Klimawandels, sondern auch für eine deutliche Abschwächung des Golfstroms. Und beim Golfstrom sehen wir dazuhin, wie eng die Erderwärmung und eine mögliche Abkühlung in Nordeuropa zusammenhängen. Wer eine solche Klimaveränderung verhindern möchte, der muss umso engagierter dafür kämpfen, dass die Erderwärmung bei 1,5 Grad gestoppt werden kann.

Rot blühende Fuchsien an einem kleinen Bachlauf. Im Hintergrund auflaufende Wellen am Meer.
Im irischen Kerry blühen die Fuchsien entlang von Straßen, Wegen und Bachläufen, denn die Winter sind nicht sehr kalt und im Sommer gibt es genügend Niederschläge. Dies könnte sich bei einem Ausfall des Golfstroms dramatisch ändern. Auf nahezu dem gleichen Breitengrad in Kanada gedeihen dagegen Moose, Flechten und Nadelwald. (Bild: Ulsamer)

In den letzten Jahren haben nicht nur die Ackerböden und die Wälder unter der Trockenheit gelitten, sondern auch viele Tiere und Menschen, wobei letztere bisher noch auf eine sichere Trinkwasserversorgung zählen können. Sollte der Golfstrom zum Erliegen kommen, ist das Meer kühler und es verdunstet somit weniger Wasser, woraus geringere Niederschläge resultieren. Keine guten Zukunftsaussichten für Mensch und Tier, ja die gesamte Natur! In weiten Teilen Nordeuropas, aber auch Deutschlands, könnte es kälter und trockener werden. Obsthaine wären dann durch Kältesteppen ersetzt. Die allgemeine Erderwärmung muss hier zwar gegengerechnet werden, doch es bleibt die Gefahr einer Abkühlung, die die landwirtschaftliche Produktion ebenso vor gewaltige Probleme stellt wie ein drohender Anstieg der Temperaturen. Schwere Stürme werden den Prognosen folgend zunehmen – und dies nicht nur in der Karibik, sondern auch in Europa. Es werden sich großräumige Luftbewegungen verändern, und so könnten Tiefs im Winter überlang bei uns ‚hängen bleiben‘ oder große Hitze treibende Hochs im Sommer nicht mehr weichen wollen.

Der Uracher Wasserfall ist in einem kalten Winter vollkommen vereist. Das Eis zieht sich von der Abbruchkante über viele Meter bis zum Talboden.
Trotz der generellen Erderwärmung könnten in Nord- und Mitteleuropa bei einer weiteren Abschwächung des Golfstroms kalte Winter und trockene Sommer drohen. Im Bild der Uracher Wasserfall auf der Schwäbischen Alb im seltenen Eis-Kleid. (Bild: Ulsamer)

Erderwärmung stoppen – Golfstrom schützen

Der Golfstrom wird sich nicht nach unseren Wünschen richten, sondern wir müssen durch eine konsequente Klimapolitik dafür Sorge tragen, dass die Erderwärmung nicht vollends aus dem Ruder läuft. Der Treibhauseffekt, den wir mit unseren klimaschädlichen Gasen anheizen, scheint dazu beizutragen, dass der Golfstrom zunehmend an Dynamik verliert. Ohne den Golfstrom bekommen die Bewohner der US-amerikanischen Ostküste schneller nasse Füße, denn der Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt sich zusätzlich. Und in Nordeuropa würde sich das Klima eher kanadischen Verhältnissen anpassen. Eine Zunahme der Stürme, kalter Winter und trockener Sommer ist auch für Mitteleuropa zu befürchten.

Portmeirion im britischen Wales. Die Szenerie ähnelt eher Italien. In der Mitte ein ovales Wasserbecken, darum südländische Büsche und Palmen.
Wer dieses Bild betrachtet, der wähnt sich vielleicht in Italien. Aber Portmeirion mit seinem südländischen Flair liegt in Wales auf dem nördlichen Breitengrad 52.9 – wie die Goose Bay in Kanada. Das angenehmere Klima verdankt nicht nur Portmeirion dem Golfstrom. (Bild: Ulsamer)

Das fatale an Veränderungen wie beim Klimawandel oder einer Abschwächung des Golfstroms ist die Tatsache, dass die Folgen oft erst die nachwachsenden Generationen mit voller Härte zu spüren bekommen. Wer heute ‚fleißig‘ CO2 oder Methan emittiert, Wälder abholzt, Moore zerstört, die Ozeane überfischt und vermüllt, der wird für sein Fehlverhalten nicht unmittelbar bestraft, und so werden sachgerechte Gegenmaßnahmen meist nur schleppend eingeleitet. Es ist höchste Zeit, den Natur-, Klima- und Umweltschutz intensiver voranzutreiben! Wenn wir heute nicht engagierter gegen die Erderwärmung ankämpfen, droht auch der Golfstrom schlapp zu machen und eines Tages ganz auszufallen. Dies kann sich nun wirklich niemand wünschen.

 

Literaturhinweise
* L. Caesar, G. D. McCarthy, D. J. R. Thornalley, N. Cahill, S. Rahmstorf (2020): Current Atlantic Meridional Overturning Circulation weakest in last millennium. Nature Geoscience [DOI: 10.1038/s41561-021-00699-z]

** Levke Caesar, Stefan Rahmstorf, Alexander Robinson, Georg Feulner, Vincent Saba (2018): Observed fingerprint of a weakening Atlantic Ocean overturning circulation. Nature [DOI: 10.1038/s41586-018-0006-5]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.