War der Heilige Brendan vor den Wikingern und Kolumbus in Amerika?

Mit dem Currach auf großer Fahrt ins ‚gelobte Land‘

Heiligenlenden sind so eine Sache, wenn es um historische Ereignisse geht, dessen bin ich mir bewusst. Meist wurde ihre Lebensgeschichte mündlich weitergetragen und Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später erst zu Papier gebracht, und damit ist Tür und Tor für Spekulationen geöffnet. Und selbst bei zeitgeschichtlichen Ereignissen gilt: Der Zeitzeuge ist der größte Feind des Historikers! Nicht selten vermischen sich Selbsterlebtes und Gehörtes zu einer aus der Sicht des Autors stimmigen Geschichte. Dies gilt natürlich in besonderer Weise, wenn – wie beim irischen Heiligen Brendan – die Missionsarbeit und ihm zugeschriebene Entdeckungsfahrten rd. 1500 Jahre zurückliegen. Hat der Heilige Brendan, der Seefahrer, wirklich schon vor den Wikingern und Jahrhunderte vor Kolumbus per Boot den amerikanischen Kontinent erreicht? Auf den ersten Blick kaum glaubhaft, wenn man die Currachs betrachtet, eine Art Ruderboot, das auch mit einem Segel ausgestattet werden konnte. Zweifel sind berechtigt, wenn nicht 1976/77 – mit einer Winterpause in Island – der britische Abenteurer und Historiker Timothy Severin mit eben einem solchen schwimmenden Untersatz von Irland nach Amerika gesegelt wäre.

Der Heilige Brendan auf einem Gemälde in der Kirche in Dingle.

Als der US-Präsident Ronald Reagan 1984 Irland einen Staatsbesuch abstattete, bezog er sich mehrfach in seinen Reden auf den Heiligen Brendan – auch als Begründer der sehr engen Beziehungen zwischen den USA und Irland. „This is the 1,500th anniversary of the birth of St. Brendan, who, legend tells us, sailed west into uncharted waters and discovered new lands. This man of God, a man of learning, whose monasteries were part of Ireland’s Golden Age, may, indeed, have been the first tie between Ireland and America”, so US-Präsident Reagan in einer Rede an der Universität Galway. Gerade auch in den Notzeiten des 19. Jahrhunderts – die große Hungersnot – wanderten Millionen Iren in die USA aus. Darstellung des Heiligen Brendan in der katholischen Kirche St. Mary’s in Dingle. (Bild: Ulsamer)

Ein Heiliger auf großer Fahrt

Um das Jahr 1 000 soll der Wikinger Leif Eriksson als erster Europäer das amerikanische Festland betreten haben, 1492 ‘entdeckte’ dann gewissermaßen im Nachgang Christoph Kolumbus die ‚Neue Welt‘ nochmals, als er seinen Fuß auf eine Insel der Bahamas setzte. Ob der Heilige Brendan bei seiner Seereise von 565 bis 573 wirklich schon in Neufundland gelandet war, das wird immer ein Geheimnis, eine Legende bleiben. Sicher scheint jedoch zu sein, dass der Genueser Seefahrer Kolumbus, als er vom andalusischen Hafen Huelva aus in See stach, die mythische Geschichte von St. Brendans Seefahrt kannte. Saint Brendan hatte seefahrerische Kenntnisse und Erfahrungen durch seine Reisen nach Schottland, Island, Wales und in die Bretagne gewonnen, die er und seine Gefährten auch mit einfachen Booten bestritten hatten. Über ein Holzgerippe wurden beim Currach Tierhäute gespannt und mit Teer bestrichen. Ein einfaches, aber sehr strapazierfähiges und wendiges Boot entstand so. Mit einem Segel ausgestattet, konnten weite Strecken zurückgelegt werden, und notfalls musste die Besatzung bei Flaute eben rudern. Noch heute sind Ruderwettbewerbe mit Currachs  im irischen Kerry Tradition.

Gipfelkreuz auf dem Mount Brandon mit Eiskritallen, die den Körper Christi andeuten.
Der Aufstieg ist geschafft. Das Gipfelkreuz auf dem Mount Brandon an einem kalten Ostertag. (Bild: Ulsamer)

Dort wurde der Heilige Brendan 484 vermutlich bei Fenit, einem Hafenstädtchen in der Nähe von Tralee, geboren. Nach einer schulischen und geistlichen Ausbildung bei verschiedenen Heiligen – wie Ita, Jarlath und Enda – und der Priesterweihe durch den Heiligen Eric, begann Brendan zu missionieren, und weitete seinen Wirkungskreis bald über Irland hinaus aus. Seine Reise, die ihn auch nach Amerika geführt haben könnte, und die in einer Handschrift des späten 9. Jahrhunderts mit dem Titel ‚Navigatio sancti Brendani’ beschrieben wird, begann er jedoch im heimatlichen Umfeld: Am Brandon Creek – nur wenige Kilometer vom Touristenstädtchen Dingle entfernt – erinnert eine Skulptur an die Seereise des Heiligen Brendan. Und am gleichen Ort stach auch Timothy Severin im Mai 1976 mit einem Nachbau in See. Es wurden für die Replika nur Materialien eingesetzt, die anderthalb Jahrtausende vorher bereits für die Mönche um St. Brendan zugänglich gewesen waren. Die erfolgreiche Atlantiküberquerung von Severin ist selbstredend kein Beweis für die Fahrt des Heiligen Brendan, doch zumindest ist sie ein Beleg dafür, dass eine solche Fahrt mit einem Segelboot aus dem 6. Jahrhundert möglich gewesen wäre. Severin und seine Crew legten 7 200 km zurück, und warum sollte dies nicht auch St. Brendan und seinen Pilgern möglich gewesen sein?

Zwei Currachs - Ruderboote mit je vier Personen.
Ruderwettbewerbe mit Currachs – auch häufig curragh geschrieben, oder Naomhog genannt – gehören in Dingle und Ventry noch zu den jährlichen Ereignissen. Dies gilt zumindest für die Zeit vor Corona. Etwas größer dürfte das mit einem Segel ausgestattete Boot des Heiligen Brendan schon gewesen sein, welches ihn und die anderen Mönche vielleicht bis nach Amerika trug. (Bild: Ulsamer)

Fakten und Fiktion

Buntes Glaskichenfenster mit einer Darstellung des Heiligen Brendan, der ein Segelboot im Arm hält.
In vielen Kirchen, so auch in Ballyferriter am Slea Head Drive in Kerry, findet sich der Heilige Brendan als Bild oder Glasfenster. Brendan ist der Schutzpatron der Diözesen Clonfert und Kerry, sowie von Walen, Seeleuten und Reisenden. (Bild: Ulsamer)

Die anonym überlieferte ‚Navigatio sancti Brendani‘, die bereits im 12. Jahrhundert weit über Irland hinaus in Europa gelesen wurde, ist eine mythische Reisebeschreibung, in die keltische Legenden und christliche Vorstellungen verwoben sind. Nach Aussagen der ‚Encyclopaedia of Ireland‘ dürfte die ‚Navigatio‘ im Mittelalter der einflussreichste irische Text in Europa gewesen sein. Der Heilige Brendan und seine Getreuen sollen auf ihrer Fahrt verschiedene Inseln entdeckt haben, die mal von Mönchen, mal von Vögeln oder Schafen (Faröer?) bewohnt waren. Eine vermeintliche ‚Insel‘ soll sich als der Wal ‚Jasconius‘ entpuppt haben, und damit dürfte der unbekannte Autor der Reisebeschreibung eher bei den Legenden gelandet sein, in denen Übertreibungen gerne eine Rolle spielen. In manchen Adaptionen wird von einem riesigen Fisch berichtet: Nun ist der Wal kein Fisch, aber fast folgerichtig gilt der Heilige Brendan auch als Schutzpatron der Wale. Vielleicht erblickten die Seefahrer tatsächlich einen gewaltigen und kaum bekannten Wal, und bis zum Autor der ‚Navigatio sancti Brendani‘ war daraus eine Insel geworden. Aber es gibt in dieser Reisebeschreibung auch Hinweise auf konkretere Sichtungen, die für St. Brendan neu waren. Im Wasser treibende hohe, kristallen schimmernde Säulen dürften Eisberge gewesen sein. St. Brendan und seine Mitstreiter konnten durch glitzernde Bögen hindurchfahren, was darauf hindeutet, dass der Eisberg bereits im Tauen begriffen war. Der Heilige Brendan und seine Mönche erlebten die Eisberge auf der Titanic-Route, wobei jener Dampfer weniger Glück hatte.

Blick vom Mount Brandon in Richtung Brandon Creek. Das blaue Meer hebt sich von der grün-braun gefärbten Landschaft ab.
Bevor der Heilige Brendan, je nach historischer Quelle mit 14 oder auch 60 anderen Mönchen, zu seiner Bootsfahrt startete, soll er nochmals einen Blick vom Mount Brandon auf die umliegende Landschaft der Dingle-Halbinsel von Tralee bis zum westlichsten Punkt Europas geworfen haben. In manchen Legenden soll St. Brendan auch eine Zeit lang meditierend in einem Beehive Hut, einer bienenkorbartigen Steinbehausung, am Gipfel gelebt haben. Einige steinerne Überbleibsel auf dem Gipfel könnten zu einer ähnlichen Hütte gehört haben. Oben in der Bildmitte erkennbar: der Brandon Creek. (Bild: Ulsamer)

Als der Heilige Brendan 578 starb und in seinem bekanntesten Kloster – Clonfert – begraben wurde, da war der über 90jährige Mönch weit gereist, um das Christentum in die Welt hinaus zu tragen. Er war damit nicht alleine, denn irische Mönche – so z. B. Gallus – haben sich bis nach Süddeutschland und die Schweiz vorgewagt. Ob St. Brendan die von ihm auf seiner siebenjährigen Schiffsreise gesuchte Paradies-Insel, das gelobte oder verheißene Land gesehen oder gar Nordamerika erreicht hatte, das bleibt im Nebel der Legenden und Geschichten verborgen. Bemerkenswert ist beim Heiligen Brendan der Wunsch, Neues zu sehen und andere Menschen kennenzulernen. Ohne irdischen Lohn zu erwarten, machte sich Brendan mit seinen Mönchen auf zu einer realen und spirituellen Reise. Es ging nicht wie bei Kolumbus & Co. um Schätze für die Daheimgebliebenen und Macht für die Herrschenden, sondern um den Entdeckergeist vereint mit christlichen Überzeugungen.

Ein kleiner Naturhafen mit einem Kai aus Beton. Die Einfahrt ist eng.
Brandon Creek: Wo im 6. Jahrhundert der Heilige Brendan mit seinen mitreisenden Mönchen in See gestochen sein soll, findet sich heute ein kleiner Naturhafen. Im nahegelegenen Dingle Harbour startete Danny Sheehy 2016 mit seinen Mitfahrern mit einem Currach nach Santiago de Compostella und bewies damit auch die Seetüchtigkeit dieser kleinen Boote. Mit einer Segeljacht hatte er 2011 auf den Spuren von St. Brendan Kurs auf Island genommen. Seine Reiseerlebnisse schrieb er ‚In the Wake of St Brendan – From Dingle to Iceland‘ nieder. (Bild: Ulsamer)

Auf den Spuren des Heiligen

Wer sich auf den Spuren des Heiligen Brendan bewegen möchte, der sollte Brandon Creek nicht verpassen, wo die fiktionale oder reale Entdeckungsfahrt begann. Schaut man von der Skulptur am Brandon Creek zu den Bergen hinauf, dann beeindruckt das Massiv des Mount Brandon. Bitte lassen Sie sich durch die Schreibweise der Ortsnamen nicht irritieren, da heißt es mal Brendan, Brandan oder Brandon.

Ein Bergmassiv vor leicht bewölktem Himmel. Im Vordergrund Schafe.
Mit seinen 952 Metern Höhe erscheint der Mount Brandon so manchem Wanderer als ein besserer Hügel, doch wer ihn erklommen hat, der spürt, dass der Aufstieg fast auf Meereshöhe beginnt. (Bild: Ulsamer)

Wer einen Tag Zeit und für gutes Wetter gesorgt hat, der kann sich auch an den Aufstieg zum Mount Brandon machen. Von hier aus soll der Heilige Brendan noch einen Blick auf seine Heimat geworfen haben, ehe er die siebenjährige Bootsfahrt begann. Es geht von einem Parkplatz steil bergauf, von der Westseite an einem Kreuzweg entlang. Gutes Schuhwerk hat uns beim Aufstieg geholfen, und an sonnigen Tagen die Wasserflasche nicht vergessen, denn im Gegensatz zu den Alpen wartet hier keine einladende Alm. Wichtig ist, dass weder Wolken noch Nebel die grandiose Sicht vom Gipfel versperren. Und Sie sollten die teilweise heftigen Winde mit in Betracht ziehen, die uns beim zweiten Besuch ganz schön zu schaffen machten. Die Fenit-Halbinsel im irischen Kerry als vermutlicher Geburtsort oder Clonfert am Shannon, wo der Heilige Brendan ein Kloster gegründet hatte, passen dann vielleicht auch noch ins – erweiterte – Besuchsprogramm.

3 Antworten auf „War der Heilige Brendan vor den Wikingern und Kolumbus in Amerika?“

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Ulsamer,
    vielen Dank für den schönen irischen Reisebericht und den Rückblick auf die mögliche Entdeckung von Amerika.
    Nachdem die Reise des Mönchs nachvollzogen werden konnte, spricht doch manches dafür, dass die Legende stimmt, getreu dem Motto, alles was möglich ist, wird auch von jemandem unternommen.
    Zeugen sind zumindest im gerichtlichen Verfahren, wenig geeignet die Wahrheit ans Licht zu bringen. Unparteiische Zeugen gibt es für gewöhnlich nicht, da in der Regel nur Zeugen festgestellt werden können, die daran ein Interesse haben, als Zeugen zur Verfügung zu stehen. Zeugenberichte beruhen auf Wahrnehmungen, die immer subjektiv und damit irrtumsanfällig sind.
    Unabhängig von objektiven Nachweisen ist der Reisebericht über den Heiligen Brendan eine schöne Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
    Mit freundlichen Grüßen aus Immendingen
    Ihr Gerhard Walter

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