Wälder im Stress

Menschen sind schlimmer als der Borkenkäfer

Der eine macht den Wald zum Forst und setzt auf hohe Einschlagmengen, der andere eröffnet das Feuer auf die Waldbewohner und der dritte saust mit dem Mountainbike über Moos und Käfer. Der vierte Nutzer trampelt über nachwachsende Bäumchen und trifft den fünften, der sich gerade seines Mülls entledigt. Nun haben wir die erste Handvoll an Nutzern des Waldes, und zu ihnen gesellen sich Jogger oder Schneeschuhläufer, die sich gerne mal quer durchs Gelände schlagen, Kletterer in Hochseilgärten und nun auch noch die Befürworter von Windenergieanlagen im Wald. Bei diesem Andrang, der sich in Coronazeiten zusätzlich verstärkt hat, gefährdet der Mensch allemal die Wälder und Forstplantagen mehr als der fleißigste Borkenkäfer. Wo viele Zweibeiner unterwegs sind, gibt es zunehmend Konflikte, nicht nur zwischen Wanderern und Bikern, sondern das alles spielt sich in einem klimatischen Umfeld ab, das mit Dürre und Hitzeperioden den Bäumen ohnehin zusetzt.

Mountainbiker fährt über einige Stufen aus Natursteun mitten im Wald. Bäume im Hintergrund, der Boden ist mit Laub bedeckt.
„Rücksichtnahme“ wird kleingeschrieben. Eine ganze Kolonne auf zwei Rädern kam durch den Wald gesaust! (Bild: Ulsamer)

Rücksicht wird zum Fremdwort

Holz soll verstärkt als Baumaterial für Wohnhäuser oder Gewerbeobjekte genutzt werden, um weniger klimaschädlichen Beton zu verbrauchen. Es zeigt sich jedoch bereits jetzt, dass Holz schnell zu einem knappen Gut wird, insbesondere wenn China oder die USA als große Importeure den Markt leerkaufen. Wälder können schlecht gleichzeitig als CO2-Speicher wirken und immer mehr Holz liefern. Wenn wir durch manche Forstplantage oder einen Wald wandern und die gewaltigen Stapel an Baumstämmen oder Schnittholz passieren, kommen uns Zweifel, ob die Nachhaltigkeit wirklich noch als Ziel angestrebt wird. Und wenn ich zersägte Baumstämme sehe, an denen nachträglich die PEFC-Plaketten „Biotopbaum“ befestigt wurden, dann frage ich mich schon, ob das ökologische Gewissen überall als Richtschnur gilt. Da ich bereits mehrfach auf die ökonomischen Aspekte der Waldnutzung eingegangen bin, möchte ich hier andere Aspekte in den Vordergrund stellen und an meinen Blog-Beitrag „Ausverkauf im deutschen Wald?“ erinnern.

Rot-weißes Banner zwischen zwei Bäumen aufgespannt. Text: "Mensch, tierisch was los hier! Nimm Rücksicht ... auf andere Waldbesuchende!"
Rücksichtnahme kann nie schaden – weder im Wald noch in der Stadt. Ob solche Hinweise manche Zeitgenossen zum Nachdenken anregen? (Bild: Ulsamer)

Wer genussvoll wandert und eine Eidechse oder Blindschleiche am Wegesrand beobachtet und nicht geradezu mit Leichtigkeit dank E-Bike durch die Wälder ‚radelt‘, wird zunehmend als Hindernis angesehen. Sind die Wege breit genug, sollte es für Fußgänger und Radfahrer wirklich genügend Raum geben, doch es ist schon verwunderlich, wer einem auf einst engen Trampelpfaden entgegenkommt oder zum Überholen ansetzt: Viele Mountainbiker halten auch Verbotsschilder nicht davon ab, schmale Wanderwege mit leichtem Bewuchs in breite matschige Trassen zu verwandeln. Bisher wird zumeist deutlich, dass eigens angelegte Strecken für Mountainbiker schnell an Zuspruch verlieren, und dann geht es wieder auf verbotene Routen! Ich bin mir bewusst, dass es ein positives Zeichen ist, wenn in einer von Übergewicht geprägten Gesellschaft sportliche Aktivitäten Jung und Alt in die Wälder ziehen, doch die Einhaltung bestimmter Regeln dient dem Schutz des Waldes. Die Zahl wilder Trails schadet dem Wald!  Nicht selten schwappt die Rücksichtslosigkeit von der Straße ungebremst in die Wälder über. Nicht verschweigen möchte ich aber auch die positiven Erlebnisse: Ich wollte gerade, vom Wanderweg aus, einen vermodernden Baumstamm fotografieren, da sauste ein Mountainbiker heran, bremste, wartete und fragte dann höflich, ob ich denn fertig sei. Für ihn machte ich gerne Platz! So geht es eben auch, dachte ich, schade nur, dass er zuvor das Verbotsschild ‚kein Radweg‘ übersehen hatte!

Zwei rot-schwarze Ameisen transportieren gemeinsam eine Blüte.
Im Wald müssen wir auf die großen und kleinen Waldbewohner Rücksicht nehmen. Ameisen leisten viel für die Natur! (Bild: Ulsamer)

Respekt für die Natur

Bewegung an frischer Luft ist wirklich jedem anzuraten, allerdings wäre es schön, wenn alle Jogger und Crossläufer auch an Tiere und Pflanzen denken würden: Querfeldein zu laufen, hat seinen Reiz, doch dies führt so manchen Sportbegeisterten in die Kinderstube von Waldbewohnern und zerstört seltene Pflanzen. Und wer im Winter als Schneeschuhgänger ohne Rücksicht und abseits aller vorgeschlagenen Routen Rehe oder Gämsen aufscheucht, der bringt das Wild in große Gefahr, denn in kärglichen Tagen gibt es nicht genügend Futter, um die Reserven wieder aufzufüllen. Im Schwarzwald sind    z. B. die Auerhühner nicht nur durch den Klimawandel und die Art der Forstwirtschaft extrem gefährdet, sondern auch durch das Näherrücken des Menschen rund ums Jahr. Wer auf den Wegen bleibt, der zeigt damit, dass er die Bedürfnisse der Waldbewohner respektiert.

Banner im Wald in gelber und weißer Farbe: "Achtung Trailbau".
Spezielle Trails für Mountainbiker anzulegen, ist sicherlich sinnvoll. Dann muss aber auch klar sein, dass die anderen Waldflächen tabu sind. (Bild: Ulsamer)

Nicht nur in Deutschland findet man bei Wanderungen am letzten Zipfel die Hinterlassenschaften manches unsensiblen Zeitgenossen. Leere Flaschen mal aus Kunststoff, mal aus Glas, Plastikbecher, Verpackungen von allerlei Energieriegeln, …, doch leider reichte die Kraft trotz deren Verzehrs nicht aus, den produzierten Müll wieder mit nachhause zu tragen oder zu fahren. Zigarettenkippen und Flaschenverschlüsse aller Art liegen nicht nur vor Sitzbänken oder auf Aussichtstürmen, sondern sie verunzieren auch rundum die Natur. Wenn ich den Spuren solcher Müllsünder begegne, dann würde ich mir ein drastisches Pfand auf Zigarettenstummel wünschen und eine deutliche Erhöhung des Einwegpfands auf alle Getränkeverpackungen! „Take your littter home!“, dieser Slogan überraschte uns vor mehreren Jahrzehnten an einem Parkplatz in England, doch in ihm steckt viel Wahrheit. Die Müllfrevler haben derzeit allerdings Hochkonjunktur, nicht nur in Wald und Flur, sondern leider auch in unseren Städten. Standorte von Altglascontainern werden zu Müllkippen, an öffentlichen Abfalleimern wird Hausmüll abgelagert, was zumeist straflos bleibt. Ist es da ein Wunder, wenn manche Mitbürger glauben, sie könnten sich ohne persönliche Folgen überall ihres Mülls entledigen?

Große Holzstapel auf einem Lagerplatz, im Hintergrund ein Waldgebiet.

Wald und Tiere benötigen Schutz

Gerne singen Politikerinnen und Politiker bei Sonntagsreden das hohe Lied von Wald und Natur, doch unter der Woche scheinen die Grundsätze schnell vergessen zu sein. Dies gilt für die kleinen Eingriffe wie einen Kletterpark ebenso wie für die zunehmenden Windkraftanlagen. Ausdrücklich möchte ich darauf hinweisen, dass wir ohne Windrotoren die Energiewende niemals schaffen werden, aber wer als politischer Entscheider nun glaubt, die Wälder damit vollpflastern zu können, weil er im Offenland dem Streit mit Bauern oder Anwohnern entgehen möchte, der marschiert in die Sackgasse. Besonders erschreckend ist für mich, dass es auch bei Bündnis90/Die Grünen immer lautere Stimmen gibt, die den Vogelschutz, um nur dieses Feld zu nennen, plötzlich als vernachlässigbar ansehen. Der Rote Milan, der zurecht unter besonderem Schutz steht, wurde über Jahre gegen industrielle und gewerbliche Projekte ins Feld geführt, und nun – bei der Windkraft – scheint genau das vergessen zu sein. Und dies, obwohl die Zahl der Vögel dramatisch zurückgeht.

Hundekotbeutel mit Inhalt. Der Beutel in orangener Farbe ist zugeknotet und wurde zwischen Baumstämmen abgelegt.
Die Hinterlassenschaft des Hundes in einen Plastikbeutel zu packen und ihn dann zwischen Baumstämmen zu ‚entsorgen‘ oder neben den Waldweg zu werfen, lässt mich doch am Verstand mancher Mitbürger zweifeln. Vielleicht ist oftmals der Vierbeiner einfach schlauer. (Bild: Ulsamer)

Wenig pfleglich gehen manche Besucher der Wälder mit seltenen Pflanzen um, und so mancher gräbt sogar Orchideen aus, obwohl sie im heimischen Garten nicht überleben können. Selbst aus dem nahegelegenen Ausland machen sich Pflanzensammler z. B. in die Nähe der Oberen Donau auf, um Frauenschuhpflanzen auszubuddeln, und als sie der Förster stellte, meinten sie ganz lapidar, in der Schweiz seien die Strafen höher und die Gefahr beim illegalen Tun deutlich größer! Kein Trost, aber ein wichtiger Hinweis: Zuwiderhandlungen müssen auch bestraft werden. Und als ein Technikfreak seine Drohne an das Nest eines Uhus am Höwenegg heransteuerte, konnte er nur des Waldes verwiesen werden. Ein Junges war sogar abgestürzt und verendete. Der Wald darf nicht zu einem Tummelplatz werden, auf dem sich unsoziale Typen ausleben können – weitgehend straflos! Wer geschützte Pflanzen klaut, mutwillig Wildtiere stört und die Natur vermüllt, der muss mit deutlichen Strafen rechnen!

Buchenwald. Herbstliche Färbung der Blätter von gelb bis braun.
Wenn jeder auf den anderen und alle auf den Wald Rücksicht nehmen, sind Konflikte vermeidbar. (Bild: Ulsamer)

Gemeinsam den Wald stärken

Vor Strafen sollten Information und Aufklärung stehen, obwohl ich mich schon wundere, wie lange man mit bockigen Zeitgenossen reden muss, ehe sie sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Als ich mit einem Mitarbeiter der Stadtreinigung unterhalb eines dieser Plakate redete, die für Rücksichtnahme werben, leerte er zurecht seinen Kropf: Nicht selten würde er angegiftet, wenn er darum bitte, den Müll nicht in die Landschaft zu werfen, und bekommt die knüppelharte Antwort, er sei doch dafür da, ihn wieder aufzuklauben. Mit der Erziehung scheint es nicht überall zum Besten zu stehen! Leider. Die meisten Hundebesitzer kümmern sich um die Häufchen ihrer Vierbeiniger, doch wer erst das ‚große Geschäft‘ fein säuberlich in einen Kotbeutel packt, um diesen dann zwischen Baumstämmen oder neben dem Waldweg abzulegen, der scheint Sinn und Zweck der Tüte nicht verstanden zu haben. Manchmal sind Hunde wohl cleverer als entsprechende Frauchen oder Herrchen.

Blüten vom Frauenschuh, einer Orchidee. Gelb-braune Blüte.
Den Frauenschuh und andere seltene Pflanzen sollten Waldgäste nur betrachten und nicht ausreißen oder ausbuddeln. Viele Zeitgenossen sehen dies leider anders. Die Aufnahme der schönen Blüten entstand bei Immendingen an der Oberen Donau. (Bild: Ulsamer)

Die Grundprobleme des Waldes – falsche Forstpolitik bzw. Bewirtschaftung und Klimawandel – können weder Wanderer noch Mountainbiker, Gassigeher, Reiter oder Crossläufer richten, doch sie – und wir alle! – müssen unseren Beitrag leisten, damit der Wald nicht zusätzlich gefährdet wird. Das fängt beim Parken an, denn dafür ist nicht jeder Waldweg vorgesehen. Mit den breiten Reifen der Mountainbikes darf nicht aus jedem Trampelpfad eine schlammige Trasse herausgefahren werden. Wer auf den Wegen bleibt und nicht querfeldein marschiert – winters wie sommers -, der trägt zum Schutz von Pflanzen und Tieren bei. Und außer an Grillplätzen verbietet sich jedes Feuerchen in Forst und Wald. Hundekotbeutel gehören nicht an den Wegesrand, sondern in entsprechende Sammelbehälter, und natürlich gilt das für den von Menschen produzierten Müll ebenso: Wer volle Flaschen und Dosen in den Wald schleppt, der sollte auch die leeren wieder mit nach Hause nehmen.

Kleiner See im Wald, im Vordergrund noch etwas Schnee.
Tümpel, Weiher und kleine Seen sind in unserer Landschaft immer seltener zu finden, und dies gilt auch für unsere Wälder. Jedes Gewässer, jede Vernässung ist jedoch kostbar, und dies gerade wegen der zunehmenden Dürreperioden. (Bild: Ulsamer)

Wald und Forstplantagen kränkeln, daher ist es umso wichtiger, dass wir uns verantwortlich, nachhaltig und ökologisch verhalten, wenn wir uns in der Natur bewegen. Bei manchen Zeitgenossen scheint es nicht nur am richtigen Bewusstsein, sondern gleichfalls an der Erziehung zu mangeln! Es ist an der Zeit, dass diese Thematik offensiver im gesellschaftlichen Dialog angesprochen wird! Uneinsichtige (Müll-) Frevler müssen in Stadt und Land und auch im Wald spürbar zur Verantwortung gezogen werden. Die vorherrschende Forstpolitik muss gleichfalls ihre ‚Hausaufgaben‘ machen, denn der Umgang mit unseren Wäldern muss sich ändern. Wer die Bedeutung des Waldes geringschätzt, der irrt. Auch der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat dies betont: „Wenn wir den Wald sterben lassen, verlieren Worte ihren Sinn.“

 

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Ansammlung von Müll auf Waldboden. Leere Getränkebecher, Kunststoffflschen usw. Umgeben von blauen Veilchen.So sollte es im Wald – und natürlich auch in unseren Städten – nicht aussehen. Müllfrevler müssen in die Schranken verwiesen werden. Wer erwischt wird, der sollte 50 Sozialstunden aufgebrummt bekommen – zum Müllsammeln! (Bild: Ulsamer)

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