Von Wein, Wirtschaft, Wasserkraft und Wissenschaft

Stadtwanderung Esslingen – Stuttgart:  Weltprobleme im Mikrokosmos

Immer stärker prallen beim Klimaschutz zwei Welten aufeinander: Die eine versucht, ein erfolgreiches Wirtschaftssystem in die Zukunft zu entwickeln, die andere spricht von Apokalypse und setzt auf Panikstimmung. Meine Beiträge zur Braunkohle, deren Abbau den Menschen die Heimat raubt und deren Verstromung gewaltige Mengen CO2 freisetzt, belegen hoffentlich, dass ich die Gefahren der Erderwärmung durchaus sehe. Und der Klimaschutz liegt mir wie der Umwelt- und Naturschutz sehr am Herzen: Ohne Insekten werden wir in einer apokalyptischen Welt leben – und vermutlich auf Dauer nicht überleben. Doch bei unserer letzten Stadtwanderung von Esslingen nach Stuttgart und zurück erlebten wir wieder, wie stark unsere Gesellschaft auch von einer florierenden Wirtschaft abhängig ist. Daraus resultiert für mich selbstredend nicht, dass wir uns gemütlich zurücklehnen können, sondern ganz im Gegenteil: Wir müssen einen Ausgleich zwischen den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfordernissen und dem Klimaschutz finden! Der ‚alte Hut‘, dass Ökonomie und Ökologie untrennbar zusammengehören, passt immer noch, heute besser denn je!

Im Vordergrund grüne Blätter eines Weinbergs, dahinter Industriaanlagen am Neckar mit Schottbergen und Containern.
Zwischen Esslingen am Neckar und Stuttgart: Weinbau an den Hängen des Neckars und Industrie und Logistik am Ufer des kanalisierten Flusses. Dazwischen die Wohnbebauung, die kaum noch Platz hat, sich auszudehnen. (Bild: Ulsamer)

Wenn das Grün langsam verschwindet

Wir wandern immer mal wieder von der früheren Reichsstadt Esslingen am Neckar in die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart, die, wie ketzerische Stimmen meinen, nicht am Neckar, sondern am Nesenbach liege. Schon bei den ersten wenigen hundert Metern lässt sich in unserem Esslinger Wohngebiet eine beständige Nachverdichtung an den neuen Gebäuden erkennen. Nun sind wir uns sicherlich alle einig, dass nicht beliebig weitere Flächen für den Wohnungsbau oder auch für Industrie und Verkehrsinfrastruktur herangezogen werden können – Stichwort ‚Flächenfraß‘. Aber wer in Zeiten der Erderwärmung die Grünflächen zwischen den Häusern reduziert, Schottergärten anlegt und Kaltluftschneisen kappt, der trägt eine Mitverantwortung, wenn Menschen immer häufiger in den heißen Sommermonaten in Hitzestress geraten – mit teilweise fatalen Folgen. Ein Musterbeispiel ist in Esslingen das ‘Greut’, das trotz aller Bedenken bebaut werden soll. Und damit auch die weltpolitischen Themen auf der Wanderung nicht zu kurz kommen: Wir passieren zwei auf dem früheren Parkplatz der Schule errichtete Gebäude für Asylbewerber, eilends, aber recht ansprechend hochgezogen mit viel Holz – somit ganz im Sinne des Klimaschutzes. Doch bis heute fehlt mir eine umfassende Strategie zur Flüchtlings-, Asyl- und Migrationspolitik.

Beregnung von Gemüseflächen. Im Hintergrund Büsche und Bäume.
Der Raum wird knapp, wenn in wirtschaftlich erfolgreichen Regionen die Städte überzulaufen drohen. Und das bekommt die Landwirtschaft ebenfalls zu spüren. Der Flächendruck führt dazu, dass die Felder bis an die Wege reichen. Hier bleibt kein Platz für einige Blühpflanzen für die Insekten. Und auch die Bewässerung der Kulturen wird in zukünftigen Jahren immer mehr zu einem Problem werden, auch wenn im Moment – nicht zuletzt dank des Bodensees – heiße und trockene Wochen noch ganz gut überstanden werden. (Bild: Ulsamer)

Kaum auf den letzten Feldern angekommen, die dem Siedlungsdruck bisher standgehalten haben, fallen die nicht vorhandenen Feldraine auf. Bis zum letzten Zentimeter reichen die Salat- oder Kohlköpfe an den Feldweg heran. Eifrig werden die Gemüsekulturen bewässert – noch gibt es in unseren Breiten ja ausreichend Wasser! Aber mit Natur hat diese Art der Bewirtschaftung auf engstem Raum nichts mehr zu tun. Doch was sollen die landwirtschaftlichen Betriebe tun, denen immer mehr Flächen gewissermaßen unter der Harke weggezogen wurden? Sogleich rattert auch noch der letzte Milchbauer vorbei und fährt seinen Mist auf eine Wiese. Seine Kühe allerdings haben eine Blumenwiese noch nie in ihrem Leben gesehen. Die Viehhaltung der Zukunft sieht wahrlich anders aus! Doch eine EU-Agrarpolitik, die sich viel zu wenig am Naturschutz und am Tierwohl orientiert, kann uns den Weg in eine nachhaltige Zukunft nicht bereiten.

Auch morgen noch Wein und Industrie

Zum Glück scheint die Sonne, und die verdrießlichen politischen Gedanken verlieren etwas an Schärfe. Endlich: die Weinberge! Ich kann es nicht verhehlen, ein guter Tropfen aus unserer Region macht mir Freude. Die Lese hat noch nicht begonnen. Zum Glück? Denn ganze Reihen der Reben wurden gespritzt, was man den Blättern und Trauben als weißen Belag ansehen kann. Gut oder schlecht, meine chemischen Kenntnisse reichen für eine Schnellanalyse nicht aus: Zu einem Zeitpunkt so kurz vor der Weinlese würde ich mir keinerlei Spitzmittel wünschen. Als ehrliche Wanderer vergreifen wir uns ohnehin nicht an den Trauben! Dort drüben winkt ein Baum mit gelben Bändern: Im Kreis Esslingen ein Zeichen, dass man die Äpfel ernten darf und gleichzeitig ein Versuch, mehr Äpfel unter die Leute zu bringen, die ansonsten nur auf dem Boden verfaulen würden. Im Gegensatz zum Tafelladen haben sich allerdings noch keine Schlangen gebildet!

Eine grünlich-bräunliche Eidechse zwischen Natursteinen.
Die Trockensteinmauern in den Weinbergen bieten Eidechsen Schutz. (Bild: Ulsamer)

Der Blick weitet sich nun über die Industrieanlagen, die sich von Esslingen bis Stuttgart am Neckar entlang ziehen: Hier entstehen nicht nur Getriebe und Motoren für Fahrzeuge von Mercedes-Benz, sondern eine große Zahl von Logistikunternehmen schlägt hier Ware um. Container und Schrotthalden, Eisenbahngleise, Straßen und der Stuttgarter Neckar-Hafen dominieren neben einer Unzahl von zumeist langgestreckten Fabrikhallen und gehen dann auf unserer Neckarseite in kontrastreich grüne Weinberge über. Schon ein Blick auf diese Industrielandschaft macht deutlich, was unserer Region drohen könnte, wenn hier nicht mehr das Leben pulst. So manche Kommune hat erlebt, was passiert, wenn statt Kohle und Stahl plötzlich museale Nachfolgeeinrichtungen das Bild beherrschen. Dies möchte ich vor unserer Haustüre nicht erleben – nicht für uns, unsere Kinder und Enkelkinder! Damit wird für mich auch klar, dass wir unseren Wohlstand nur mit einer zukunftsorientierten Wirtschaft erhalten können und keinesfalls ohne.

Ein Wasserkraftwerk aus roten Backsteinen, im Vordergrund ein roter Bagger über dem aufgestauten Neckar.
Regenerative Energie war auch für den Automobilerfinder Gottlieb Daimler nicht neu, denn der aus Wasserkraft gewonnene Strom im ersten kommunalen Wasserkraftwerk Württembergs war ein Standortvorteil für seine Autoproduktion in Stuttgart-Untertürkheim, direkt am Neckar. (Bild: Ulsamer)

Pferd und Lastenfahrrad als Irrwege der Geschichte

Wer zu Fuß geht, der bekommt einen unverstellten Eindruck von der Stadt, von den Bürgern die hier leben. Und schnell lässt sich erkennen, dass in Stuttgart, das wir mit den Stadtbezirken Uhlbach und Obertürkheim erreichen, die Welt nicht nur zu Gast ist, sondern sich auch heimisch fühlt. Eine industrielle Produktion im umfassenden Stil kann – zumindest in Stuttgart – ohne Mitarbeiter aus mehr als 100 Ländern nicht mehr funktionieren, dies beweist ein Blick in jede Fertigungshalle. Stuttgart und Esslingen sind aber auch Belege dafür, dass das Zusammenleben von Menschen aus aller Welt relativ störungsfrei möglich ist, wenn dies der Wunsch der absoluten Mehrheit ist. Dabei muss selbstverständlich beachtet werden, dass die Integrationskraft aller nicht überfordert werden darf.

Denkmal aus dunkelbraunem Metall, das an das Schicksal der NS-Zwangsarbeiter erinnert.
An das Leid, das Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während der Diktatur der Nationalsozialisten in den damaligen Daimler-Benz-Werken erlitten, erinnert die Skulptur ‚Tag und Nacht‘. Geschaffen hat dieses Werk der Berliner Bildhauer Professor Bernhard Heiliger. Ab 1989 stand das Denkmal im Innern des Untertürkheimer Betriebs, am neuen Standort beim Mercedes-Benz Museum ist es nun öffentlich zugänglich. Während meiner Mitarbeit an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft ‚Erinnerung, Verantwortung und Zukunft‘ durfte ich viele ehemalige ZwangsarbeiterInnen kennenlernen, die trotz ihres schweren Schicksals eine große Offenheit für das demokratische Deutschland zeigten. Es war gut und richtig, dass die deutschen Unternehmen die historisch-moralische Verantwortung für die Zeit der Zwangsarbeit übernahmen. (Bild: Ulsamer)

In Stuttgart-Untertürkheim gehen wir dann an einem Wasserkraftwerk vorbei, das bis heute Strom liefert und mit ein Grund dafür war, dass Gottlieb Daimler seine Fahrzeugproduktion am Neckar ansiedelte. Kurz kommt mir auch wieder in den Sinn, dass ausgerechnet beide Automobilerfinder – Carl Benz in Mannheim und Ladenburg, und Gottlieb Daimler zusammen mit Wilhelm Maybach in Bad Cannstatt (heute ein Stadtteil von Stuttgart) – das Auto zeitgleich ausgerechnet am Neckar entwickelten. Und wenn man sich damit heute nicht immer Freunde macht: Wie hätte sich denn unsere Gesellschaft weiterentwickelt, wenn Kaiser Wilhelm II. Recht behalten hätte, der meinte: „Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Ob Wilhelm II., der Deutschland in den Ersten Weltkrieg führte, dies wörtlich so gesagt hat, ist zwar nicht verbürgt, doch inhaltlich hat er diese Ansicht vertreten. Und so mancher, der uns heute das Lastenfahrrad als Ersatz fürs Auto ans Herz legt, irrt sich genauso wie der Kaiser. Über die Antriebsform müssen wir uns Gedanken machen und schnell einen Ersatz für klimaschädliche Treibstoffe schaffen, aber gerade im ländlichen Raum wird ein fahrbarer Untersatz seine Bedeutung behalten.

Ein elekrisch betriebener Volocopter - einer Drohne ähnelnd - über einer Leinwand, auf der er eingespielt wird.
Ob Flugtaxis in Deutschland eine Chance haben, breiter eingesetzt zu werden, wird sich noch zeigen. In einem Land, in dem das Errichten einer Mobilfunkantenne zum Staatsakt werden kann, bleiben Zweifel. Dennoch ist es wichtig, dass deutsche Unternehmen technologische Innovationen vorantreiben, die gerade auch in weniger dicht besiedelten Räumen eine Chance haben dürften. Der Volocopter hob beim Mercedes-Benz Museum ab. (Bild: Ulsamer)

Zukunft nur mit der Automobilindustrie

Die Zehntausende von Menschen, die im Neckartal in der Automobilindustrie arbeiten, aber auch die Millionen, die mit ihren Familien in Deutschland am Produkt Auto hängen, haben eine technologieoffene Diskussion verdient. Über batteriebetriebene E-Autos kamen bisher Fahrzeuge mit Brennstoffzelle oder auch synthetische Kraftstoffe viel zu kurz. Der in der Brennstoffzelle eingesetzte Wasserstoff hat gleichzeitig den Charme, dass er die Speicherung von Strom ermöglicht, der im Augenblick der Erzeugung aus Wind und Sonne ansonsten nicht gebraucht würde. Synthetischer Sprit würde auch den Einsatz von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren zulassen, die ich bei längeren Strecken weiterhin für wichtig halte. Manchmal frage ich mich schon, ob so mancher Politiker und Klima-Demonstrant, der das Ende der Automobilproduktion propagiert, jemals in einem Industriebetrieb war, der abertausenden von Menschen einen Lebensunterhalt ermöglicht? Eines macht eine Wanderung am Neckar deutlich: Ohne die Autohersteller und das Netz der Zulieferer würde in Baden-Württemberg bald das Licht ausgehen!

Kraftwerk mit zwei weißen hohen Kaminen unmittelbar am Neckar. Im Vordergrund zwei Nilgänse.
Kraftwerke für fossile Energieträger werden noch gebraucht, solange die regenerativen Energieträger Wind und Sonne nicht genügend Leistung bringen und Speicherkapazitäten fehlen. (Bild: Ulsamer)

Ein hoher Gaskessel und ein Kraftwerk der EnBW auf der anderen Neckarseite kämen manchem Zeitgenossen als Relikte vergangener Epochen vor, doch noch werden sie gebraucht, denn regenerative Energien haben den Nachteil, dass sie nicht immer in benötigter Menge zur Verfügung stehen. Zumindest nicht, so lange die Speicherung des Stroms nicht in notwendigem Umfang möglich ist. Und ganz ketzerisch möchte ich anmerken, dass so mancher, der über die heutige Art der Stromerzeugung schimpft, todunglücklich wäre, wenn sein Smartphone oder der Laptop nicht funktionieren, da die Batterie leer ist und aus der Steckdose nichts kommt.

So mancher politische Gesprächspartner, den ich in einigen Jahrzehnten kennenlernen durfte, verließ unsere Zusammenkunft mit dem Auto oder dem Flugzeug, obwohl er mir zuvor ordentlich die Leviten gelesen hatte, da ich für ein Automobilunternehmen tätig war. Dabei war mir immer klar, wir können die anstehenden Probleme nur gemeinsam lösen. Dabei halte ich es mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr der dazu im ‚Ersten‘ bemerkte: „Denn die Erfinder werden die Welt retten, nicht die Verhinderer. Nicht die, die im Wege stehen, sondern die, die neue Wege bauen.“ Damit traf er ins Schwarze! Nuhrs Feststellung trifft auf alle Lebensbereiche zu, und leider zunehmend auch auf weite Teile der deutschen und der EU-Politik.

Das Riesenrad erhebt sich hinter Industrieanlagen.
Das Riesenrad erhebt sich hinter dem Mercedes-Benz Werk über dem Volksfest auf dem Stuttgarter Wasen, das nach einer Hungersnot in Württemberg 1818 erstmalig ausgerichtet wurde, um Mut zu machen und neue landwirtschaftliche Methoden vorzustellen. (Bild: Ulsamer)

Von Armut und Zukunftsvisionen

Auf dem Stuttgarter Wasen waren fleißige Hände dabei, das Riesenrad zu errichten, das wieder das Volksfest überragen wird. Der Ursprung des Volksfestes lässt auch erkennen, wie nahe Armut, Hunger und Emigration mit einem bunten und lauten Fest unserer Tage zusammenhängen. Ein Vulkanausbruch im fernen Indonesien ließ nicht nur in Württemberg, sondern in ganz Europa 1816 zu einem Jahr ohne Sommer werden. Missernten verstärkten den Hunger und die Emigration. Wilhelm I. bestieg in diesem trostlosen Jahr den württembergischen Thron und machte sich mit seiner Frau Katharina daran, sein Land umzukrempeln. Sie gründeten die heutige Universität Hohenheim, deren Vorläufer sich damals der Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion widmete. Im Herbst 1818 lädt der König erstmals zum Volksfest nach Stuttgart ein. Dabei geht es – im Gegensatz zu heute – nicht um Maßkrüge, Bierschwemme und Gourmet-Häppchen, sondern um landwirtschaftliche Innovationen und die Freude über die überwundene Krise.

Schmierereien an von Schülern gestalteten Wandtafeln.
Graffiti mag ja inzwischen eine Kunstsparte sein, aber nicht jeder Schmierfink ist eben ein Künstler. Diese Schmierereien am Durchgang vom Neckarufer in Richtung Mercedes-Benz Museum regen mich ganz besonders deswegen auf, weil die von einer Schulklasse sehr originell gestalteten Wandplatten immer wieder verschmiert werden. (Bild: Ulsamer)

Nicht nur das Riesenrad reckte sich bei unserer Wanderung gen Himmel, sondern es erhob sich auch der Volocopter am Mercedes-Benz Museum in die Lüfte. Eine große Zuschauerzahl hatte sich versammelt, unter ihnen als Gastgeber Ola Källenius, der Vorstandschef der Daimler AG, und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen, sowie CDU-Innenminister Thomas Strobel. “Volocopter ist der Flugtaxipionier und Vorreiter für das gesamte Ökosystem der Urban Air Mobility“, so heißt es auf der Internetseite Volocopter aus dem baden-württembergischen Bruchsal. Wer meinen Blog häufiger besucht, der kennt auch meine kritische Einschätzung von Flugtaxis, mit denen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer meint, gravierende Verkehrsprobleme in Deutschland lösen zu können. Da bin ich mehr als skeptisch, denn in unserem Land wird bereits die Montage einer Mobilfunkantenne zum politischen Drahtseilakt. Da möchte ich mal sehen, wo in unseren Städten Landemöglichkeiten für Flugtaxis entstehen! Dennoch bin ich überzeugt, dass es viele Einsatzmöglichkeiten, auch in weniger dicht besiedelten Gebieten gibt. Und wer nicht versucht, Innovationen voranzutreiben, der hat schon verloren.

Das Motorschiff Jenny fungiert als Wissenschaftsschiff. Das Schiff ist in rot-weißer Farbe bemalt und trägt die Aufschrift Wissenschaft.
Das hätte sich ‚Jenny‘ auch nicht träumen lassen, dass sie mal als Wissenschaftsschiff unterwegs sein würde. 1969 als ‚Vera‘ vom Stapel gelaufen, machte das Binnenschiff als ‚Van Uden 24‘ einen ‚Ausflug‘ nach Holland, und seit 1987 ist ‚Jenny‘ unter der Eigner-Familie Scheubner unterwegs. Das Schiff legte mal in der Länge zu, wurde dann als Eventschiff wieder etwas verkürzt und bringt es jetzt auf rd. 100 Meter Länge. Schüttgüter haben inzwischen den Laderaum verlassen, und unter Deck werden Ausstellungen – wie jetzt zur Künstlichen Intelligenz – in einer besonderen Atmosphäre präsentiert. Das Schiff macht trotz aller Umbauten einen frischen Eindruck, ganz im Gegensatz zu den Esslinger Brücken über den Neckar. (Bild: Ulsamer)

Mit der S-Bahn zur künstlichen Intelligenz

Für eine Teilstrecke unserer 25 km Wanderung stiegen wir in die S-Bahn, um noch rechtzeitig in Esslingen am Neckar das dort vertäute Wissenschaftsschiff zu erreichen, das sich in diesem Jahr in einer praxisnahen Ausstellung der Künstlichen Intelligenz widmet. Und die S-Bahn hatte nur wenige Minuten Verspätung – auch mal gut. Mit dem Einsatz von KI wird es sicherlich noch besser klappen mit dem angedachten Takt der Bahnen und der Beseitigung von technischen Mängeln! Dies wäre auch eine Voraussetzung dafür, dass der Nahverkehr die ihm zugedachten zusätzlichen Reisenden verkraftet. Künstliche Intelligenz entsteht dort, wo Computersysteme, Roboter oder komplexe Maschinen ‚selbständig‘ lernen – sprich über immer größere Datenmengen autonome Fahrzeugbewegungen ermöglichen oder den Gesichtsausdruck abschätzen können. Positiv überrascht waren wir – zum zweiten Mal an diesem Tag – über das große Interesse gerade an innovativen Technologien.

Ein freier Platz in Esslingen umgeben von Bauzäunen. Seit Jahren leerstehend.
Seit 2014 steht der ehemalige Busbahnhof in Esslingen am Neckar leer. Diese Ödnis in der Stadt hätte eine Zwischennutzung mit viel Grün verdient gehabt. (Bild: Ulsamer)

Schön wäre es, wenn sich die menschliche Intelligenz schon mal mit den aktuellen Herausforderungen beschäftigen und entsprechende Schlüsse ziehen würde. Das gilt für den Klimaschutz ebenso wie für die Vermüllung unserer Städte. Ein grünes Zimmer auf Zeit ziert noch immer den ansonsten tristen Bahnhofsvorplatz, wogegen der ehemalige Esslinger Busbahnhof keinen Steinwurf weit entfernt öd und leer vor sich hinvegetiert: Hier hätte sich seit Jahren deutlich mehr Grün realisieren lassen! Auf die Künstliche Intelligenz sollte man am aktuellen Busbahnhof allerdings nicht warten, denn schon heute wäre eine übersichtliche Anzeigetafel mit den Fahrzielen, den Abfahrtszeiten und Bussteigen, sowie deren Lage um, hinter oder neben dem Bahnhofsgebäude wünschenswert, besonders für ortsunkundige Besucher. Und ich würde mir gleichfalls mehr Nachdruck gegen Müllsünder wünschen, die von der Kippe bis zum Fahrrad wirklich alles in die Landschaft werfen.

Ein Fahrrad und Müllsäcke in einem kleinen Regenrückhaltebecken.
Müll an allen möglichen und unmöglichen Orten gehört leider auch zum Stadtbild: Von der Kippe bis zum Fahrrad – wie hier an der Mirabellenstraße in Stuttgart – findet sich alles. Und selbst direkt neben dem Schild ‚Landschaftsschutzgebiet‘. Beim nächsten Starkregen wird der ganze Unrat dann ‚Auftrieb‘ bekommen. (Bild: Ulsamer)

Manchmal würde ich mir auch wünschen, dass mehr Menschen sich auf Schusters Rappen nicht nur in die Natur, sondern auch in die eigenen Städte begeben. Dies gilt erst recht für so manchen Kommunalpolitiker, den ich schon mit meinen Eindrücken überraschte, weil er wohl zu wenig nach ‚draußen‘ kommt. Schnell wird bei einer Tour von Esslingen nach Stuttgart deutlich, dass wir auf neue Technologien setzen müssen, um die Probleme im Verkehr oder beim Klimaschutz zu lösen. Dabei müssen wir uns sicherlich vor Augen führen, woher wir kommen, denn dann wird mehr als deutlich, dass der Weg nur nach vorne – in eine nachhaltige und innovative Zukunft – führen kann. Dies heißt aber auch, dass wir die Technologiesprünge so gestalten müssen, dass wir nicht wieder in die Armut purzeln.

 

Zwei Insekten auf einer gelben Blume.
Insekten brauchen mehr Lebensraum auch in unseren Städten. Wildbienen, Hummeln und Schmetterlingen fehlen Blühpflanzen. Diese beiden hatten Glück im Blumenkübel vor unserer Haustür in Esslingen, dem Start- und Endpunkt unserer Stadtwanderung. (Bild: Ulsamer)

 

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