Besser Müllsünder statt Waschbären in den Blick nehmen
Der Waschbär entwickelt sich mehr und mehr zum Lieblingsgegner von Politikern. Davon zeugt das Plakat, das der CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Deuschle in Esslingen aufhängen ließ. Zum sogenannten „Expertengespräch“ lud Deuschle den Stadtjäger ein, der – wie es der Name schon sagt – für die Jagd und das Töten von Wildtieren zuständig ist. Ich würde nichts sagen, wenn Deuschle zumindest einen Vertreter des NABU oder eines anderen Naturschutzverbands als Mitdiskutanten auf dem Plakat genannt hätte. Ob man mit dem Wort „Waschbäralarm“ allerdings die nächste Landtagswahl gewinnen kann, die am 8. März 2026 in Baden-Württemberg ansteht, das wage ich dann doch zu bezweifeln. Da breche ich lieber den Bleistift in der Wahlkabine ab, als nochmals für Andreas Deuschle zu stimmen. Vermutlich geht es anderen Wahlbürgern ähnlich. Längst scheint man bei der CDU vergessen zu haben, dass der Naturschutz zumindest im 19. Jahrhundert ein konservatives Anliegen war. Aber auch bei Bündnis90/Die Grünen ist die grüne Seele längst verwelkt. Bei den anderen im baden-württembergischen Landtag oder im Bundestag vertretenen Parteien spüre ich von einem engagierten Natur- und Wildtierschutz noch weniger! Leicht skurril ist es, wenn sich im Pressetext für die Veranstaltung wieder der Hinweis findet, die Waschbären würden „ganze Laichgewässer ausräumen“. Da dürfte es in Esslingen am Neckar, wo die Veranstaltung stattfand, gar keine Waschbären geben, denn von Amphibien kann sich hier kein Wildtier ernähren. Tümpel oder Weiher sind in Esslingen Mangelware, der Neckar ist ein schiffbarer Kanal. „Wenn der Waschbär zum Problembär wird“, so der Untertitel der Veranstaltung, da lese ich eher heraus, dass so mancher Abgeordnete zum Problempolitiker wird. In Stadt, Land und beim Bund häufen sich die ungelösten Probleme, doch nicht wenige Politiker verlustieren sich lieber bei der Hetze gegen Waschbären und blasen zur Hatz auf Wildtiere.

Zum großen Halali blasen
Verblüffend ist es, wie sich manche Medien zu willfährigen Gehilfen beim großen Halali machen, so leider auch die Stuttgarter Zeitung. Ein Ausweichen auf eine andere Tageszeitung ist in unserer Region nicht möglich, denn Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten oder die Esslinger Zeitung gehören zum selben Verlag und die beiden Stuttgarter Blätter haben denselben Chefredakteur. So findet sich in der vierspaltigen Nachberichterstattung zu der „Waschbäralarm“-Veranstaltung keine Aussage von Naturschützern. Ich übersehe gewiss nicht, dass Waschbären – wie andere Wildtiere – Schäden hervorrufen können, doch sie schlichen nicht auf leisen Pfoten nach Deutschland, sondern wurden in Nazi-Tagen ausgesetzt. So hält sich noch immer die Story, man wollte für den NS-Kriegsverbrecher Hermann Göring, der auch als Reichsjägermeister firmierte, mehr jagdbares Wild in die deutschen Wälder bringen. Im Artikel von Alexander Maier heißt es: „Diese Tiere kamen aus Nordamerika und gelten hierzulande als invasive Art.“ Durch einen solchen Satz wird ein Mäntelchen darübergelegt, dass zwei Waschbärpärchen 1934 vom Forstamt am Edersee ausgesetzt wurden. Waschbären bedienen sich nicht in erster Linie an Vogelhäuschen, wie im Artikel berichtet wurde, sondern weit häufiger an überlaufenden öffentlichen Abfallbehältern und überquellenden Mülltonnen, doch bei der Lösung dieses Missstands vermisse ich das Engagement der Waschbärjäger mit und ohne grünen Rock.

Die Diskussion über Wildtiere nimmt in Deutschland skurrile Züge an, wenn der Wolf zum Totengräber der Weidewirtschaft und der Waschbär zum Amphibienkiller stilisiert werden. Die Weidewirtschaft steht nicht wegen einzelner Attacken des Wolfs am Abgrund, sondern dies ist die Folge einer falschen Ausrichtung der EU-Agrarpolitik. Wer eifrig Maisäcker subventioniert, doch bei Weidetierprämien knausert, der zerstört die Weidetierhaltung. Und wenn es immer weniger Amphibien in Deutschland gibt, dann ist der zentrale Grund der Verlust von 75 % aller Kleingewässer in den letzten 50 Jahren! Wo sollen Amphibien denn laichen oder leben, wenn ihr Lebensraum von Menschen vernichtet wird? Etliche Zeitgenossen scheinen nur dann zufrieden zu sein, wenn die Büchsen knallen und die Fallen zuschnappen! Und es ist ja so bequem, das eigene Nichtstun z. B. für die Weidewirtschaft, zu vertuschen, indem man den Wolf zum Störenfried erklärt, der abgeschossen werden müsse. Eine ungute Melange aus Naturferne, Freude am Abschuss von Wildtieren und naturschutzfachlicher Konzeptionslosigkeit wird zur Gefahr für Wildtiere. Es hat schon diabolische Züge, wenn Wildtieren der Schwarze Peter zugeschoben wird, obwohl nicht diese andere Arten ausrotten, sondern der Mensch mit der Zerstörung ihres Lebensraums die Schuld trägt. Mehr zu dieser absurden Verschiebung von Verantwortlichkeiten lesen Sie in meinem Beitrag ‚Schwarzer Peter für Wildtiere. Aber: Der Mensch zerstört die Artenvielfalt!‘

Problembären oder Problempolitiker?
Alexander Maier schließt seinen Beitrag zur Veranstaltung des CDU-Landtagsabgeordneten Andreas Deuschle mit dem Satz eines Teilnehmers: „Seit der Stadtjäger bei mir zuhause war, ist Ruhe. Sogar unsere Katze, die sich nicht mehr hergetraut hatte, ist wieder zurück.“ Keine Silbe fällt dem Journalisten der Stuttgarter Zeitung dazu ein, dass freilaufende Hauskatzen und verwilderte Streuer mit Sicherheit mehr Vögel töten als die Waschbären. Der Ornithologe Professor Franz Bairlein ging in einem Interview mit dem bayerischen Landesbund für Vogel- und Naturschutz auf die Zahl der Vögel ein, die durch sogenannte Freigänger, also Hauskatzen, die die Wohnung verlassen, getötet werden: „Nach verschiedenen Studien liegt diese Zahl bei durchschnittlich etwa vier Vögel je Jahr und Katze. Bei etwa elf Millionen freilaufenden Hauskatzen macht dies etwa 44 Millionen durch freilaufende Hauskatzen getötete Vögel aus. Die wirkliche Zahl ist aber gut dreifach höher, also mindestens etwa 132 Millionen, da sich in genaueren Untersuchungen zeigt, dass nur etwa ein Drittel der Beute nach Hause gebracht wird. Zu dieser Zahl kommen noch die von dauerhaft streuenden Katzen erbeuteten Vögel. Ihre Zahl kennen wir nicht, doch jede streunende Katze erbeutet etwa 3-4-mal mehr Vögel als eine freilaufende Hauskatze.“ Vielleicht sollte sich der Landtagsabgeordnete Deuschle mal dieser Thematik zuwenden, anstatt gegen den Waschbären zu agitieren. Dies wird er aber kaum tun, denn dann würde er die Katzenbesitzer gegen sich aufbringen.

Es ist es in unserem Land eben viel einfacher, gegen Wildtiere zu hetzen, seien es Kormorane, Biber, Fischotter oder gar den Wolf, als die eigentlichen Probleme anzupacken. Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger entfernen sich immer mehr von der Natur, und dazu tragen auch Politiker und Medien bei. Und es ist scheinbar leichter, den Waschbären als Übeltäter abzustempeln, statt sich die Zeitgenossen vorzuknöpfen, die Stadt und Land vermüllen und so nicht nur für Waschbären, sondern auch für Ratten eine reich gedeckte Tafel hinterlassen. Höre ich von großen und kleinen ‚Problembären‘, der in Bayern erschossene Braunbär Bruno lässt grüßen, so habe ich eher den Eindruck, dass Problempolitiker und ihre journalistische Entourage durch eine verschobene Weltsicht von den tiefgreifenden Problemen in unserem Land ablenken wollen, die dringend gelöst werden müssten.


Sehr geehrter Herr Dr. Ulsamer,
vielen Dank für Ihren hoffentlich erfolgreichen Versuch, der Bedeutung des Wachbären wieder das ihm zustehende Gewicht, bei der negativen Veränderung unserer Umwelt zu geben. Meine Zuversicht, dass es gelingt ist nicht besonders ausgeprägt.
Im Wahlkampf zählen nicht Fakten, sondern Wirkung. Vielleicht ist das Plakat von Asterix inspiriert. Dort kann man lesen, “man bestimme einen Schuldigen”.
Mit der Jagd auf die Waschbären wird das Stadtbild nicht nachhaltig verbessert.
Wo angesetzt werden muss, haben Sie deutlich gemacht.
Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Walter