Viele Vogelarten sind bedroht

Wenn Futter, Wasser und Unterschlupf fehlen

Im Winter wird es in Gärten, in der Feldflur und an den Waldrändern erfahrungsgemäß leiser, denn viele Vögel sparen ihre Energie, um durch die kalten Tage zu kommen. Wenn die gefiederten Gesellen sich im Frühling dann um die ‚Damenwelt‘ kümmern, ertönen ihre Stimmen wieder lauter. Doch mit den schwindenden Vogelzahlen wird es selbst in der wärmeren Jahreszeit immer stiller. Dies ist nicht verwunderlich, denn in unserer ausgeräumten Landschaft, in der die intensive Landwirtschaft, genauso wie kahlrasierte Rasenflächen in Gärten und Parks dominieren, fehlt es an Nahrung. Hecken sind verschwunden, und mit ihnen die Beeren als Futter und die Versteckmöglichkeiten. Wasserstellen werden nicht nur in Dürrezeiten, sondern auch an eisigen Wintertagen knapp. Futterhäuschen locken zwar Finken, Meisen und Amseln in unseren kleinen Garten, aber es wundert mich, wie wenige unserer Nachbarn an die gefiederten Mitlebewesen denken – sei es im Winter oder im Sommer. Ist es nicht Zeit für ein Umdenken der Bürger und der Politiker, wenn wir die Vielfalt in der Vogelwelt retten wollen?

Eine Meise badet in einem bläulichen Vogelbad. Ihr schwarzer Kopf und der weiße Hals sind gut zu sehen. Ringsherum Schnee.
Wasser ist für Vögel nicht nur an heißen Tagen wichtig. (Bild: Ulsamer)

Vögel machen sich rar – auch im Winter

An der diesjährigen Zählung der Wintervögel, die wieder vom NABU und dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern organisiert wurde, nahmen zwar mehr Vogelfreunde mit Fernglas und Erfassungsliste teil, doch die Beobachtungsobjekte haben pro Garten oder Park abgenommen. 5,6 Millionen Vögel wurden gezählt, darunter 1,1 Millionen Haussperlinge, gefolgt von Kohlmeise, Feldsperling, Blaumeise und Amsel. Im Durchschnitt wurden pro Zählstelle 34,5 Vögel gemeldet, dies waren 12 % weniger als im Durchschnitt der Jahre seit 2011 – dem Beginn der Zählaktion. Die geringere Zahl an Vögeln kann bei Wintergästen daran liegen, dass sich diese wegen der anfänglich relativ hohen Temperaturen gar nicht nach Deutschland aufgemacht hatten. Aber auch bei Standvögeln – wie den Sperlingen – stand 2021 ein Minuszeichen. Damit setzt sich ein Trend fort: „Der Anteil von Vogelarten mit abnehmenden Bestandstrends beträgt während des Zeitraumes von 36 Jahren 16 %, und liegt über den Zeitraum von 12 Jahren mit 33 % auch bei den überwinternden Vogelarten deutlich höher“, so der Vogelschutzbericht 2019, den die Bundesregierung an die EU übermittelte. Aus diesen Daten lässt sich ablesen, dass sich der Abwärtstrend trotz verschiedener Schutzmaßnahmen beschleunigt hat.

Schwalbe an einem Mauervorsprung. Sie hat einen bläulich-roten Kopf.
Zugvögel müssen auf dem Weg in den Süden und zurück – wie die Schwalben –  mit Beschuss, Netzen und Leimruten rechnen. Hier hätten die EU und die Mitgliedsstaaten längst durchgreifen müssen. Versprechungen auf Papier in Form von EU-Verordnungen nutzen den Vögeln nichts! (Bild: Ulsamer)

Aber nicht nur den bei uns überwinternden Vogelarten geht es schlecht, sondern auch den Zugvögeln. So verzeichneten von 1980 bis 2016 die Rauchschwalben ein Minus von 26 %, die Mehlschwaben sogar von 44 %. Die Uferschwalben haben um 18 % abgenommen, die Mauersegler um 30 bis 40 %. Dies ist fürwahr ein erschreckender Trend. Den Schwalben fehlen nicht nur die Fluginsekten als Nahrung, sondern hermetisch verschlossene Massenställe bieten gerade auch den Rauchschwalben keine Möglichkeit mehr zum Nestbau im Gebäude. Und wer als Vogel ein Nest aus Lehm bauen möchte, der muss oft weit – zu weit – fliegen, denn selbst landwirtschaftlich genutzte Wege sind asphaltiert, lehmige Pfützen Mangelware. Auch die Stare, ehemalige ‚Allerweltsvögel‘, haben zwischen 1980 und 2016 um rd. 55 % abgenommen! Als Zugvögeln setzen ihnen die Gefahren auf dem Flug in den Süden und zurück zu, wo noch immer Jäger mit Schrotgewehren, Netzen oder Leimruten auf sie lauern. Die größte Bedrohung für alle Vögel, die zumindest bei der Aufzucht der Küken auf Insekten angewiesen sind, ist jedoch die Veränderung in unserer Feldflur: Flurbereinigungen haben über Jahrzehnte für größere in sich geschlossene Anbauflächen gesorgt, in denen Hecken, Steinmauern, Tümpel und Gebüschinseln oder Altholzbestände beseitigt wurden. Die Intensivierung der Landwirtschaft hat zum Einsatz eines breiten Arsenals an Insektiziden und Herbiziden geführt, die nicht nur zu einer dramatischen Verringerung der Insekten, sondern auch der Ackerkräuter geführt hat. Nicht nur manche Vögel haben sich zur Landflucht entschlossen, sondern auch Igel, Eichhörnchen und Feldhasen sind in städtische Gebiete gezogen. Schottergärten und kurzgeschnittener Rasen, Asphalt- und Betonflächen, die Zerstörung von Alleen und jährliche Massaker an Büschen haben im urbanen Bereich die Lebensgrundlage für viele Vogelarten verschlechtert.

Buchfink mit rötlich-brauner Brust hat ein Nussstückchen im Schnabel.
Buchfinken haben sich von 1980 bis 2016 – dem Vogelschutzbericht der Bundesregierung folgend – mit einem Rückgang von ca. 5 % noch recht gut gehalten. Bei der Wintervogelzählung des NABU 2021 wurden ebenfalls fünf Prozent weniger Buchfinken als im Vorjahr gezählt, damit scheint sich der negative Trend fortzusetzen. (Bild: Ulsamer)

Landnutzung muss die Vögel berücksichtigen

Hunger, Durst und keine Behausung, so lässt sich das Schicksal vieler Vögel charakterisieren. Kein Wunder, dass die gefiederten Sänger weniger werden. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass bei einzelnen Vogelarten – wie Fischadler, Kranich oder Uhu – eine Zunahme der Bestände zu verzeichnen ist, doch dies gelang nur durch besondere regional greifende Schutzmaßnahmen, die sich für Vögel wie Blaumeisen, Sperling, Wintergoldhähnchen, Grünfink oder Kleiber natürlich nicht realisieren lassen. Wenn wir einen weiteren Vogelschwund verhindern wollen, dann müssen wir Veränderungen in der Nutzung unserer Landschaft durchdrücken. Die gerade auch von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner favorisierte und von der EU mit Subventionen geförderte großflächige Agrarnutzung muss in eine ökologische und nachhaltige Landwirtschaft übergeführt werden: Wer bis zum Feldweg pflügt, mit Herbiziden Ackerkräuter vernichtet und die Gülle zur Flut anwachsen lässt, der muss sich nicht wundern, wenn Insekten und Vögel keine Heimat mehr finden. Die zaghaften Versuche in Bund und Land, den Einsatz der chemischen Keule zu reduzieren, konnten die negative Entwicklung bei der Artenvielfalt bisher nicht stoppen.

Drei bräunliche Brachvögel mit etwas gebogenem Schnabel auf einer grünen Weide an einer Überschwemmungsfläche.
Der Große Brachvogel ist selten geworden. Geeignete Brutgebiete sind verschwunden, denn der Umbruch von Grünland raubte ihm ebenso entsprechende Habitate wie die häufige Mahd der verbliebenen Wiesen. (Bild: Ulsamer)

Nicht nur im landwirtschaftlichen Bereich wurde zu lange der Lebensraum für Brachvogel, Rebhuhn oder Feldlerche zerstört, sondern auch in zahllosen Gärten und Parks, an Straßenböschungen oder Randflächen im gewerblichen Bereich kam die Natur zu kurz. Mähroboter, Laubbläser und Schredder sind nur äußerliche Zeichen für die ‚Aufräumwut‘, die kleine Biotope zu einheitlichen Grünflächen ohne jede Blüte und Hecken mit Kurzhaarschnitt degenerieren ließen. Vögel brauchen aber Insekten für die Aufzucht der Jungen, und Schwebfliegen, Bienen, Hummeln und Schmetterlinge Blüten zum Überleben. Wenn heute selbst Regenwürmer, Ameisen oder Spinnen bedroht sind, dann fehlt den Vögeln zunehmend die Nahrung. Und wenn Tiere besonders in Hitzeperioden Durst haben, dann müssen sie lange Strecken zurücklegen, um noch einen Tümpel oder zugänglichen Bach zu finden. Viele Brunnen sind in den Städten zwar künstlerisch anspruchsvoll gestaltet, doch die Zugänglichkeit für Vögel oder gar einen Igel ist nicht gegeben. Nicht nur Schwalben suchen verzweifelt nach einem Platz für den Nestbau, sondern vielen anderen Vögeln geht es ähnlich: wenn aus energetischen Gründen die letzte Ritze hermetisch verschlossen wird, dann finden dort auch Haussperlinge keinen Unterschlupf mehr.

Ein Wintergoldhähnchen hängt mit dem Kopf nach unten an einem Kiefernast.
Die Wintergoldhähnchen haben von 1980 bis 2016 laut Vogelschutzbericht der Bundesregierung um über 20 % abgenommen. So freuen wir uns schon über vereinzelte Besucher. Der Insektenschwund bedroht immer häufiger gerade auch die Aufzucht der Küken. (Bild: Ulsamer)

Veränderungen jetzt anpacken!

Die Vögel haben mehr Schutz verdient! In Stadt und Land müssen wir die Bedürfnisse der gefiederten Mitlebewesen mehr respektieren und in alle Überlegungen einbeziehen. Dabei können wir im Kleinen im eigenen Garten, auf einer Streuobstwiese oder auf dem Balkon mitwirken. Blühende Pflanzen für Insekten, die wiederum den Vögeln als Nahrung dienen, eine Wasserschale für alle durstigen Tiere, eine Nistmöglichkeit im Gebüsch oder in einem efeubewachsenen Baum und – wo immer nötig – ein Futterhäuschen. Ich bin mir bewusst, dass das ganzjährige Füttern von Vögeln umstritten ist, doch gerade im städtischen Bereich, genauso wie in der intensiv genutzten Feldflur fehlt es durch das Verschulden des Menschen an Nahrung. Und daher bin ich überzeugt, dass wir helfend eingreifen sollten. Dazu gehören auch mehr Bäume in unseren Städten. Als Konsument sollten wir bei allen Einkäufen darauf achten, ob das gewählte Produkt möglichst geringe Auswirkungen auf die Natur hat. Eine schwierige Aufgabe, dessen bin ich mir bewusst.

Zwei Türkentauben trinken aus einer Vogeltränke, die von Schnee umgeben ist.
Die Türkentauben, die ursprünglich aus Vorderasien stammen, kamen erst im 20. Jahrhundert nach Deutschland. Sämereien, Körner, aber auch Nüsse gehören zu ihrem Nahrungsspektrum. Sie halten sich als Kulturfolger gerne in dörflichen oder städtischen Gebieten auf. „Nach zunächst schnellen Arealausbreitungen sind die Bestände der Türkentaube nun aufgrund von Nahrungsengpässen durch moderne Ernte- und Verarbeitungstechniken, sterile Gartengestaltung und direkte Verfolgung rückläufig“, so der NABU. Nicht nur den Türkentauben fehlt immer häufiger auch das Wasser, denn Tümpel wurden zugeschüttet, Bäche verdolt und Brunnen sind nicht selten unzugänglich. (Bild: Ulsamer)

Ohne eine grundlegende politische Neuorientierung in der Agrarpolitik, sowie im Städtebau wird es nicht gelingen, den Schwund der Vögel zu beenden. Hier erwarte ich von Bundes- und Landesregierungen und besonders von der EU-Kommission und dem EU-Parlament deutlichere Schritte in Richtung Ökologie, Natur- und Umweltschutz. Dabei geht es nicht um hehre Reden, Verordnungen oder Gesetze, sondern um die konsequente Umsetzung der Vorgaben. Vögel haben nichts von wortgewaltigen Verlautbarungen, sie brauchen Futter, Wasser und einen Unterschlupf!

 

Rotkehlchen auf einem Waldweg im Schnee.
Auch die Rotkehlchen gehörten von 1980 bis 2016 mit einem Minus von 13 % zu den Verlierern in der Vogelwelt, so der Vogelschutzbericht der Bundesregierung, der in den entsprechenden Bericht der EU einfloss. (Bild: Ulsamer)

 

Amsel bei Schneefall. Eine größere Schneeflocke hängt an ihren Federn.
Amseln galten lange nicht als gefährdet, doch der Usutu-Virus wurde ab 2010 zu einer tödlichen Gefahr. Seit 2018 treten, so der NABU, weniger Erkrankungen auf. Das Ernährungsspektrum der Amseln ist zwar breit, so lieben sie Insekten und Regenwürmer, aber auch Beeren und Früchte verschwinden in ihrem Schnabel. Da alle diese ‚Leckerbissen‘ abnehmen, spielen im Winter die Efeu-Beeren eine wichtige Rolle. Stadtverwaltungen – wie beispielsweise die in Esslingen am Neckar – haben wenig Einsehen, wenn Efeuranken in den Gehweg ragen. (Bild: Ulsamer)

 

Zwei Grünfinken sitzen an einem Futterhäuschen.
Gerade an sommerlichen Futterstellen müssen wir auf Sauberkeit achten, denn Grünfinken können sich dort mit einem einzelligen Parasiten (Trichomonaden) infizieren. Der NABU führt darauf auch den starken Rückgang bei der Wintervogelzählung zurück, denn es wurden nur noch 0,9 Grünfinken pro Garten gemeldet, 2011 waren es noch viermal so viele. Generell ist aber auch der Grünfink vom fehlenden Lebensraum betroffen und wird im Vogelschutzbericht 2019 mit einem Rückgang um 18 % für den Zeitraum 1980-2016 geführt. So sind wir froh, dass sich die Grünfinken bei uns Sonnenblumenkerne schmecken lassen. (Bild: Ulsamer)

 

Eine gräliche Stadttaube sitzt an Meisenknödeln, die in einem Kunststoffbehälter sind.
Stadttauben haben gerade in Corona-Zeiten oft einen leeren Magen, denn die herabgefallenen Essensstückchen der Passanten fehlen, und in den meisten Kommunen gilt ein Fütterungsverbot. (Bild: Ulsamer)

 

Elstern an einem Futterhäuschen im Winter. Sie hält sich fest mit halb geöffneten Flügeln.
Die Elster holt sich mit akrobatischem Einsatz die für das Eichhörnchen gedachten Nüsse aus dem Futterhäuschen. (Bild: Ulsamer)

 

 

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