Unsere Meere: Müllteppiche statt Fischschwärme

Die Zerstörung der Ozeane stoppen!

Die Ozeane und ihre Nebenmeere bedecken zwar rd. 70 % der Erdoberfläche, doch trotz ihrer gewaltigen Ausdehnung leiden sie unter dem menschlichen Zugriff: Überfischung und Vermüllung können dazu führen, dass bald mengenmäßig mehr Plastik als Fisch in den Meeren schwimmt. Und werden die freilebenden Fische knapp, dann sollen Fischfarmen für einen Ausgleich sorgen, deren Hinterlassenschaften allerdings nicht nur die Wasserqualität gefährden, sondern auch die wilden Artgenossen bedrohen. Zwar nimmt die maritime Öl- und Gasförderung mit ihren Problemen für die Natur in europäischen Gewässern ab, doch dafür machen sich Windenergieanlagen breit, deren Auswirkungen auf Meerestiere wie Delfine und Vögel nicht unterschätzt werden dürfen. 90% des Welthandels werden über die Meere abgewickelt, und so ist es kein Wunder, dass bei all dem Lärm im Meer Wale Orientierungsschwierigkeiten bekommen. Die Erderwärmung, vor allem durch den Ausstoß großer Mengen von Kohlendioxid verursacht, lässt nicht nur das Eis in den Polarregionen abschmelzen. Diese große Kohlendioxidmenge führt auch zu einer Versauerung des Meerwassers, was wiederum nicht nur Korallenriffe schädigt, sondern zusätzlich alle Meereslebewesen, die wie Muscheln oder Schnecken auf ein Kalkskelett angewiesen sind. Während ich dies schreibe, beschleicht mich wieder das Gefühl, dass der Mensch dabei ist, nicht nur die Landfläche – gerade auch durch eine ständige Intensivierung der Landwirtschaft und Flächenversiegelung – zu zerstören, sondern dass dies – weniger auffällig – in den Ozeanen gleichermaßen der Fall ist.

Ein großer Trawler wird entladen. Die Fischkisten werden mit einem bootseigenen Ladekran direkt in einen weißen Lkw gehievt.
Die Nachfrage nach Fisch hat in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Die Trawler werden immer leistungsfähiger, was oft das Aus für die lokalen Fischer mit kleinen Booten bedeutet. Viel zu enge Maschen bei den Netzen führen dazu, dass Jungfische gefangen werden, die noch keine Chance hatten, sich fortzupflanzen, und so kommt, was kommen muss: die Überfischung zerstört die Bestände. Die Fangflotten sind mehr oder weniger permanent unterwegs, und der Fang wird angelandet und per Lkw in die Zielregionen befördert. So nutzen französische und spanische Trawler das irische Dingle als Umschlagplatz. (Bild: Ulsamer)

Bleiben bald die Netze leer?

Im Bereich der Europäischen Union gelten zwar Fangquoten, die eine Überfischung verhindern sollen, doch die zulässigen Mengen liegen meist über wissenschaftlich vertretbaren Grenzen. Und die Fangflotten weichen immer stärker in andere Gebiete aus, so z. B. vor die afrikanische Küste, um dort die Netze auszuwerfen, und damit gefährden sie dort gerade auch die Ernährung der einheimischen Bevölkerung und die Arbeitsplätze der Fischer, die mit ihren kleinen Booten gegen riesige Trawler und Fabrikschiffe nicht ankommen. So mancher arbeitslose Fischer wird sich dann mit seiner Familie gen Europa aufmachen und so die Migrationsströme verstärken. „Deutschland hat bei Fisch nur einen Selbstversorgungsgrad von rund 25 Prozent“, so das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, daher ist es von größter Bedeutung internationale und wirklich bindende Abkommen zum Fischfang voranzutreiben, denn regionale Übereinkünfte – wie in der EU – sind natürlich wichtig, doch werden sie die Fischbestände nicht sichern können.

In den letzten Jahren hat China die größte Fischfangflotte der Welt aufgebaut, und ihre Schiffe schalten auch gerne mal Ortungssysteme ab, um ungestört in Schutzgebieten die Netze auswerfen zu können. So berichtete ‚Der Spiegel‘: „Dass derzeit Hunderte, überwiegend chinesische Fischereischiffe vor der Küste der unter Naturschutz stehenden Galapagosinseln unterwegs sind, hat die Regierung Ecuadors bereits im August beunruhigt. Damals klagte das Land über das undurchsichtige Vorgehen der Chinesen.“ Nicht nur der Corona-Virus, sondern auch Fischereischiffe werden zu ungebetenen ‘Gästen’ aus China.

Grafik: In orange sind die überfischten Bestände, in blau, die noch nachhaltig befischten Gebiete, eingezeichnet. Angaben im Artikel.
Die FAO, die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, macht deutlich, dass die überfischten Bestände seit Jahren zunehmen. Langfristig bedeutet dies aber auch, dass die Ressource Fisch immer knapper wird. Zu den größten Problemen zählen zerstörerische Fangmethoden (vor allem Grundschleppnetze), zu enge Maschen und der Beifang. (Bild: FAO)

„Vor allem die Fischgründe des Nordatlantiks und des Mittelmeers sind mit gigantischen Schleppnetzen inzwischen praktisch leergefischt“, so Greenpeace. Der Einsatz von Schleppnetzen müsste stärker beschränkt werden, da sie mit den eingesetzten Gewichten den Meeresboden regelrecht umpflügen – und dies mehrmals jährlich. Der Beifang ist ein weiteres Problem der häufig 1 500 Meter langen Netze: Wale und Haie sterben darin. Der Bund für Umwelt und Naturschutz bemerkt dazu: „Dabei leidet oft auch die Qualität der ‚Zielart‘, da viele Fische aufgrund des starken Drucks in den Netzen zerquetscht oder verletzt werden.“ Dies alles ist für mich mehr als erschreckend, obwohl ich gerne am Meer auch mal Fisch esse. Aber wir müssen uns dafür einsetzen, dass beim Fischfang gleichfalls Qualität vor Quantität geht: wer mit brutalen Fangmethoden riesige Mengen an Fisch aus dem Wasser zieht, und dann hohe Prozentsätze an Beifang tot wieder über Bord wirft, der gefährdet den Fischbestand, ohne den Fischessern mehr auf ihren Tellern zu servieren. Längst haben immer größere Trawler die lokalen Küstenfischer an den Rand gedrängt. Die Industrialisierung ist in der Fischerei ebenso vorangetrieben worden wie in der Landwirtschaft, und dies schadet auf dem Meer und auf Äckern und Wiesen der Natur. Wenn ich daher noch Fisch esse, dann von kleinen lokalen Fischern oder zumindest mit MSC-Siegel aus dem Supermarkt.

Lachsfarm in einer schottischen Buch. Die Käfige sind im Meer befestigt.
Lange wurden Zuchtlachse mit Fischmehl gefüttert, denn dies kam seiner ursprünglichen Nahrung noch am nächsten: Der Lachs verzehrt am Liebsten andere Fische. Die Lachse in Farmen werden immer mehr zu Vegetariern umgezüchtet: „Rund 80 Prozent des Lachsfutters sind pflanzlich. Um ein Kilo Lachs zu produzieren, werden etwa 500 Gramm Sojabohnen benötigt. Das Problem: Ein großer Teil der Futtermittel stammt von riesigen Sojaplantagen aus Südamerika, für die große Teile des Regenwalds gerodet werden“, so die Wissenschaftssendung ‚Quarks‘. Entkommen Lachse aus Farmen, dann übertragen sie nicht nur Krankheiten auf ihre wenigen freilebenden Artgenossen, sondern sie zerstören auch die ursprünglichen genetischen Anlagen des Lachses. Die Lachszucht ist ein Milliarden-Euro-Business, in dem der Mowi-Konzern – früher Marine Harvest – aus Norwegen mit fast 15 000 Mitarbeitern in 25 Staaten auf Platz 1 liegt. (Bild: Ulsamer)

Lachszucht: Massentierhaltung auf See

Der Fischkonsum hat von 1990 bis 2018 weltweit um 122 % zugenommen, so der aktuelle Bericht der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, mit dem Titel ‚The State of World Fisheries and Aquaculture 2020‘. Möglich wurde dies nur durch eine explosionsartige Zunahme der in Aquakulturen gezüchteten Fische, die im gleichen Zeitraum um sage und schreibe 527 % angestiegen ist. Die in Meeren und Binnengewässern gefangenen Fische nahmen dagegen nur um 14 % zu, was auch kein Wunder ist, denn die Überfischung fordert ihren Tribut. Wer nun glaubt, mit der Fischzucht den Stein der Weisen für die Ernährung der Menschen gefunden zu haben, der übersieht die Art der Fischhaltung: „Aquakultur birgt weitere Risiken wie Überdüngung, Verschmutzung, Einsatz von Antibiotika und trägt durch die Verfütterung von Fischmehl ebenfalls zur Überfischung bei“, so der NABU.

Grafik in bkau und orange. Sie zeigt den steigenden Anteil der Fischfarmen an der gesamten Fischproduktion. Details im Text.
Durch die Überfischung lassen sich die Fangerträge kaum noch steigern, doch gewaltige Zunahmen verzeichnen Aquakulturen, wobei gerade die im Meer installierten Käfige für die Fischzucht große Umweltprobleme mit sich bringen und die freilebenden Artgenossen – z. B. des Lachses – gefährden. (Bild: FAO)

Als wir vor über 30 Jahren erstmals Fischfarmen in schottischen Buchten sahen und in unserem Schottland-Buch* darüber berichteten, da waren wir über die Dimensionen überrascht, doch der weltweite Boom der Netzkonstruktionen begann damals erst richtig. In ihnen drängeln sich jeweils hunderttausend oder mehr Lachse. Die gezüchteten Lachse haben immer weniger mit ihren freilebenden Artgenossen gemein, die den Atlantik durchqueren und so eine ganz andere Konstitution entwickeln. Die Zuchtlachse und andere Fische haben kaum Bewegungsspielraum. Ihre Exkremente vermischen sich am Meeresboden mit Futterresten: das Wasser in so mancher Bucht ist schon umgekippt. Läuse machen sich auf den Fischen breit und werden mit immer härteren Pestiziden bekämpft, was mir aus der Massentierhaltung von Hühnern, Schweinen und Rindern bekannt vorkommt. So war es nicht verwunderlich, dass wir damals Behälter mit einem Chemiecocktail zu Gesicht bekamen, der ursprünglich für Hühner gedacht war und sogar noch den aufgedruckten Hinweis trug, man dürfe den Inhalt keinesfalls in Wasser einbringen! Die chemische Keule wurde ausdifferenziert, doch sie schlägt weiter zu. Wenn wir schon Lachs aus einer Aquakultur konsumieren, dann sollten wir unbedingt auf ‚Bio‘ achten! Die wenigen verbliebenen Bestände an Wildlachs werden durch ausgebüxte Zuchtlachse gefährdet, die nicht nur Krankheiten weitergeben, sondern auch den Genpool der freilebenden Artgenossen gefährden.

Halbtaucherplattform für die Ölförderung und ein Versorgungsschiff.
Die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen geht in europäischen Gewässern – so z. B. vor der schottischen Küste – zurück, doch die Gefahr von Ölverschmutzungen ist damit noch lange nicht gebannt. Norwegen erschließt weitere Öllagerstätten, obwohl es sich weltweit gerne als Vorreiter der E-Mobilität feiern lässt. Wenn Ölfördereinrichtungen oder Pipelines aufgegeben werden, ist unbedingt darauf zu achten, dass in den Strukturen keine giftigen Stoffe zurückbleiben. (Bild: Ulsamer)

Windkraft statt Ölförderung

Der Weg ins Ökozeitalter scheint in ‚europäischen‘ Meeren mit dem langsamen Übergang von der Öl- und Gasförderung zur Windkraft eingeschlagen zu werden. Dieser Weg ist sicher stimmig, wenn wir die Folgen für die Erderwärmung betrachten, denn die Verbrennung von fossilen Energieträgern lässt die Erderwärmung zunehmen und den Klimawandel galoppieren. Darüber hinaus haben Ölaustritte an Plattformen, aus Pipelines oder havarierten Tankschiffen zu Umweltkatastrophen geführt. Wenn Ölfördereinrichtungen aufgegeben werden, muss unbedingt dafür gesorgt werden, dass keine umweltschädlichen Stoffe in den Konstruktionen verbleiben.

Eine Unzahl von Windkraftanlagen, die weiß zu sehen sind, aif dem blauen Meer.
Ohne im maritimen Bereich erzeugten Windstrom werden wir die Energiewende nicht schaffen, doch wir dürfen nicht das Problem eines zu hohen CO2-Ausstoßes zu Lasten unserer Meere lösen wollen. Antje von Broock, BUND-Geschäftsführerin Politik und Kommunikation, betont: “Die bisherigen Ausbauziele der Regierung von 40 Gigawatt Offshore-Windenergie gehen zu weit – sie sind naturverträglich nicht umsetzbar.” Naturverträglich muss nicht nur der Bau und der unmittelbare Betrieb der Windenergieanlagen sein: „Bereits jetzt sind Habitatverluste für Seevögel und Meeressäuger und massive Störungen durch Wartungsverkehr und Kabeltrassen im Wattenmeer zu beobachten. Die Kabeltrassen zum Festland führen mitten durch den Nationalpark Wattenmeer.“ (Bild: Ulsamer)

Bei dem derzeit vorangetriebenen Ausbau der Windenergie im maritimen Bereich bekommen wir grünen Strom, und dies ist unerlässlich, wenn wir die Erderwärmung bei 1,5 bis 2 Grad stoppen wollen, doch bei der Errichtung der Windkraftanlagen müssen stärker als bisher die Auswirkungen auf die Natur insgesamt und vor allem auf die Tierwelt berücksichtigt werden. „Auch Offshore-Windenergieanlagen bergen Risiken für marine Ökosysteme, besonders, wenn sie an ungünstigen Standorten gebaut werden. Studien zeigen schädliche Auswirkungen auf Meeressäuger, Vögel, Fische und den Meeresboden.“, unterstreicht der NABU. Beim Einrammen der Fundamente für Windkraftanlagen entsteht trotz Verbesserungen ein Schalldruck, der bei Schweinswalen zu zeitweiliger Schwerhörigkeit führen kann. Viele Meeresbewohner – wie Delfine und Wale – haben ein sehr sensibles Gehör, und nutzen Schall zur Orientierung, zum Finden von Artgenossen und für das Aufspüren von Fischschwärmen. Nicht nur die Delfine, sondern auch andere Walarten sind von dieser akustischen Vermüllung betroffen: seltene Wale finden ihre potentiellen Paarungspartner nicht mehr, da ihre Laute im technischen Lärm untergehen. Der Strom aus Windkraftanlagen im Meer mag im besten Sinne ‚grün‘ sein, denn zur Erzeugung werden keine fossilen Stoffe herangezogen, doch so richtig ökologisch ist er nur, wenn bei Planung, Bau und Betrieb der Anlagen zusätzlich die Tierwelt –    z. B. Zugvögel – berücksichtigt werden.

Durchsichtige, gelbliche und grüne Plastikflaschen und andere Kunststoffteile an einem steinigen Strand.
An den Stränden und im Meer findet sich immer mehr Plastikmüll, daher ist es eine der zentralen politischen Aufgaben, die Vermüllung der Ozeane zu stoppen. Die EU hat dieses Problem aufgegriffen, doch statt ein umfassendes Pfandsystem für Plastikflaschen zu initiieren, hat sie sich zuerst auf Wattestäbchen und Einmal-Geschirr aus Kunststoff konzentriert. An den Stränden, an denen wir jedes Jahr Müll aufsammeln, dominieren allerdings Plastikflaschen oder deren Überreste und Teile von Netzen. (Bild: Ulsamer)

Die Plastikflut steigt

Weltweit landen rund 10 Mio. Tonnen Kunststoffe jedes Jahr im Meer! China nimmt hier über den Jangtsekiang einen unrühmlichen Spitzenplatz ein. Die Forscher des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) „haben zudem berechnet, dass die zehn Flusssysteme mit der höchsten Plastikfracht (acht davon in Asien, zwei in Afrika) – in denen zum Teil hunderte Millionen Menschen leben – für rund 90 Prozent des globalen Plastikeintrags ins Meer verantwortlich sind.“ Da fallen die europäischen 200 000 bis 500 000 Tonnen, die sich jährlich in unseren Meeren sammeln, fast nicht mehr auf. Doch wir Europäer müssen selbstredend zuerst vor unserer eigenen Haustüre kehren und die Vermeidung von Plastikgegenständen sowie das Recycling intensivieren. Selbstverständlich sollte es längst sein, dass wir Kunststoffprodukte – z. B. aus Gelben Säcken – komplett in Deutschland oder zumindest innerhalb der EU recyclen.

Teul eines Fischernetzes mit engen Maschen, verwoben mit Seetang.
Im Meer treibende Kunststoffnetze, die von Fischtrawlern verloren wurden, sind eine tödliche Gefahr für Robben, Wale, Delfine oder Seevögel, aber auch kleine Netzteile können tödlich sein. (Bild: Ulsamer)

Zusätzliche Probleme macht der verstärkte Einsatz von Mikroplastik in unterschiedlichen Erzeugnissen wie Peelings oder Zahncreme. Auf diese Weise „gelangen auch Mikroplastikpartikel in Gewässer und die Ozeane. Im Meer sind gerade diese kleinen Partikel ein großes Problem, da sie von den Meerestieren mit Nahrung, zum Beispiel Plankton, verwechselt werden. So konnten in Muscheln, die Planktonfiltrierer sind, diese kleinen Plastikpartikel nachgewiesen werden“, betont der WWF. Man sieht: es geht nicht nur um die Umwelt, die Natur oder einzelne gefährdete Tierarten, sondern auch um uns Menschen. Reste von Kunststoffflaschen an den Stränden oder treibende Plastiktüten im Wasser sind nicht nur optisch ein Alarmsignal, sondern sie sind gewissermaßen nur die sichtbaren Vertreter der Plastikflut, denn die kleinen Teilchen am Spülsaum oder gar Mikroplastik stechen nicht gleichermaßen ins Auge. Wir brauchen zur Reduzierung des Plastikmülls ein europaweites Pfandsystem für alle Plastikflaschen, Verbote für Einwegartikel aus Kunststoff, welches die EU vorantreibt, und eine hohe Sicherheitsleistung für Fischernetze, um gegebenenfalls mit diesen Geldern verlorengegangene Netze bergen zu können. Bei Handelsverträgen und anderen Abkommen beispielsweise mit asiatischen und afrikanischen Partnern muss auf Aktivitäten zur Begrenzung des Plastikmülls gedrängt werden. Es macht wenig Sinn, hier strenge Recycling-Gesetze voranzutreiben oder gar an Stränden selbst Plastikmüll aufzusammeln und ihn über die eigene Mülltonne zu entsorgen, wenn anderswo Lkw-weise der Müll in Flüsse gekippt wird, die ins Meer münden!

Jachthafen mit großen Segelbooten, dahinter zwei Kreuzfahrtschiffe und links die Stadtmauer von Saint-Malo.
Zwar ist das ungeregelte Einleiten von Abwässern für größere Schiffe verboten, doch „dürfen zum Beispiel mechanisch behandelte und desinfizierte Abwässer ab einer Entfernung von 3 Seemeilen zur Küste“ ins Meer eingeleitet werden, so das Bundesumweltamt. Nun arbeitet die Politik an Land daran, Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe gegen Mikroplastik aufzurüsten, doch im Meer reicht ein mechanisches System, das die größten Brocken zurückhält! So etwas passt für mich nicht zusammen. Völlig abwegig ist es, dass Sportboote selbst von diesen Regelungen ausgenommen werden: Dort dürfen gerne mal 15 Personen an Bord sein. So mancher frühere Fischereihafen glänzt heute durch eine Marina für Freizeitkapitäne, wobei die Zahl der Sportboote geradezu explodiert ist, worunter auch die Gewässer leiden. Und das Umweltbewusstsein kann sich bei Boots- und Schiffseignern durchaus noch entwicklen! Selbst Greta Thunberg ließ sich mit einer High-Tech-Jacht ohne WC in die USA schippern. Freizeitboote und im Hintergrund zwei Kreuzfahrtschiffe der Reederei Ponant im Hafen des französischen Saint-Malo. (Bild: Ulsamer)

Schutz der Meere verstärken

Unsere Ozeane dürfen nicht länger als Müllkippe missbraucht werden, und die direkte Nutzung durch Fischerei, Rohstoffgewinnung, Schifffahrt, Freizeitindustrie, Fischfarmen oder Windenergieanlagen muss so gestaltet werden, dass sie die Meere nicht überlastet. Über den Schutz der Meere wird viel geredet, doch oft wird nur ein wohlklingendes Etikett über die Wunden geklebt, die der Mensch der Natur im maritimen Bereich schlägt. ‚Natura 2000‘ klingt gut, und fast die Hälfte der Meeresfläche, auf die Deutschland direkten Einfluss hat – innerhalb der Zwölfmeilenzone und in der sich bis 200 km anschließenden Ausschließlichen Wirtschaftszone – fällt unter diesen EU-Schutzstatus: aber da wird fleißig weiter gefischt und herumgeschippert. Beschränkungen der Fischerei sind nur im EU-Geleitzug möglich, und Restriktionen für die Schifffahrt können nur gemeinsam mit der Internationalen Schifffahrts-Organisation (IMO) durchgesetzt werden. Ein Blick auf die Weltkarte zeigt überdeutlich, dass deutsche Anstrengungen zum Schutz der Meere in ‚eigenen‘ Gewässern wichtig sind, doch letztendlich lassen sich die Probleme nur im internationalen Maßstab lösen: „Bisher gibt es keinen globalen, rechtsverbindlichen Vertrag zur Einrichtung, Verwaltung und Durchsetzung von Meeresschutzgebieten auf der Hohen See“, beklagt Greenpeace. „Das geltende Seerecht konzentriert sich mehr auf die Nutzung der Ozeane als auf deren Schutz.“ Zwar gibt es Verhandlungen unter dem Dach der Vereinten Nationen, doch Regelungen müssen auch mit der Absicht geschlossen werden, diese durchzusetzen!

Eine Gruppe von Delfinen (Schule) springt aus dem Wasser.
Die Delfine und die anderen Familienmitglieder der Wale sind auf die akustische Wahrnehmung angewiesen, wenn sie Fischschwärme aufspüren oder auch Artgenossen treffen wollen, daher betrifft sie der Lärm von Schiffen, der Einsatz von Sonarsystemen oder Bauarbeiten für Windenergieanlagen ganz besonders. (Bild: Ulsamer)

Bisher zeigt die Entwicklung der Meere, dass sie schmutziger und lauter werden. „Für einen Großteil der Meerestierarten spielt die akustische Wahrnehmung eine zentrale Rolle in ihrem Leben, etwa um zu kommunizieren, sich zu orientieren, Beute oder Fressfeinde zu erkennen oder die Umgebung wahrzunehmen. Doch in den Ozeanen wird es immer lauter. In den letzten 60 Jahren hat sich der Lärmpegel in manchen Regionen in jedem Jahrzehnt verdoppelt“, so OceanCare. Dazu tragen Handelsschiffe ebenso ihren Teil bei wie das Militär mit Explosivstoffen oder dem Einsatz von Sonargeräten, und zunehmend der Bau von Windkraftanlagen. Ernüchternd ist auch die Feststellung der Welternährungsorganisation FAO, dass sich 1990 noch 90 % der Fischbestände in einem biologisch nachhaltigen Zustand befanden, doch 2017 traf dies nur noch auf 65,8 % zu. Der Hunger nach Fisch oder auch der Appetit auf Fisch führen zu einer Überfischung in immer weiteren Regionen unserer Ozeane. Über die bisher angesprochenen Probleme dürfen wir gleichfalls die Einleitung ungeklärter oder unzureichend behandelter Abwässer direkt ins Meer oder über die Flüsse in die Ozeane nicht vergessen. Hier gibt es in Europa noch viel zu tun!

Zwei Papageitaucher auf einer Klippe. Gedrungener Körperbau, Schwarzer Rücken, weißer Bach, farbiger Schnabel.
Die Überfischung raubt nicht nur zahlreichen Seevögeln – wie den Basstölpeln – die Nahrung, sondern es „verenden jährlich bis zu 400.000 Vögel in Netzen der europäischen Fischerei“, unterstreicht BirdLife. Auch Papageitaucher (hier im Bild) verheddern sich bei der Jagd nach Sandaalen in Fischernetzen oder deren herrenlos umhertreibenden Überresten. (Bild: Ulsamer)

Wenn wir die dramatischen Veränderungen erkennen, die unsere Meere erleiden, dann müssen wir mit aller Kraft gegensteuern, und dies muss vor der eigenen Küste, aber auch in internationalen Gewässern geschehen. Wer heute als Politiker und Konsument nicht konsequent für den Schutz der Meere kämpft, der vergeht sich an der Zukunft, an der Natur und den nachwachsenden Generationen!

 

*Cordula und Lothar Ulsamer: Schottland, das Nordseeöl und die britische Wirtschaft. Eine Reise zum Rande Europas, Schondorf 1991, 480 Seiten

 

Kleine glänzende Fische im Meerwasser.
Immer seltener können Fische bis zur Geschlechtsreife heranwachsen und so für einen Erhalt der Fischbestände sorgen. Engmaschige Netze lassen selbst für kleinere Fische kein Entkommen zu. (Bild: Ulsamer)

 

Fischtrawler in schwerer See.
Die immer perfektere Technik an Bord der Schiffe führt zu hohen Fangerträgen, aber es überleben so immer weniger Fische, die die nächste Generation ‚ins Meer setzen‘ könnten. „Durch die hochsensiblen Sonare, die mittlerweile eingesetzt werden, haben die Fische keine Rückzugsorte mehr und werden mehr und mehr ausgerottet. Allein in Nord- und Ostsee gilt jede dritte Art als bedroht“, so die Umweltorganisation Naturefund. Und längst schreckt auch stürmische See die Crews auf ihren hochseetauglichen Schiffen nicht mehr ab. (Bild: Ulsamer)

 

Das Gezeitenkraftwerk in der Nähe von Saint-Malo. Es besteht aus einem breiten Dmm, der die Bucht abschließt und einer Schleuse. Die Generatoren befinden sich nicht sichtbar im Damm.
Das weltweit erste Gezeitenkraftwerk ging 1966 in der französischen Bretagne in Betrieb. Die Gezeitenströme von Ebbe und Flut werden an der Mündung der Rance zur Stromgewinnung genutzt, denn der Tidenhub beträgt im Regelfall 12 Meter, manchmal auch bis zu 16 Metern. Die Bucht füllt sich allerdings langsam mit Sand oder anderen Einträgen, und trotz einer Schleuse sind Meeres- und Flussbewohner durch den gewaltigen Damm abgeschnitten. Die Planungen für vergleichbare Gezeitenkraftwerke sind größtenteils zum Erliegen gekommen, denn die Zukunft sehen Wissenschaftler eher in am Meeresboden verankerten Turbinen, die natürlich weniger Auswirkungen auf die Umwelt hätten. (Bild: Ulsamer)

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