Unsere gefiederten Freunde leiden Durst

‚Schöne‘ Brunnen nutzen Vögeln wenig

Nicht nur in der warmen Jahreszeit benötigen Vögel dringend Wasser, doch in Dürrezeiten hängt ihr Schicksal oft nicht an einem seidenen Faden, sondern von einigen Tröpfchen Wasser ab. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leserinnen und Leser, aber mir fallen immer wieder die zahlreichen Brunnen und Wasserspiele in unseren Städten auf, die architektonisch gelungen oder künstlerisch wertvoll sein mögen, vielleicht sogar unter Denkmalschutz stehen, doch das Wasser ist weder für Vögel noch andere Wildtiere in den urbanen Quartieren erreichbar. Offene Bäche haben sich ebenso rargemacht wie Tümpel oder Weiher, und so fehlt es Vögeln nicht nur an Nistmöglichkeiten und Insekten als Futter für die Küken, sondern auch an Wasser. Richtiggehend betroffen machte mich daher bei einer Stadtwanderung eine junge Drossel, die mit viel Körperbeherrschung und Einfallsreichtum einzelne Spritzer von einem Brunnen auffing und dabei in akuter Gefahr schwebte, in den Brunnen zu stürzen.

Wasserbecken umrandet mit hellem Stein. Drei kleine Fontänen.
Singvögel können hier zwar bequem landen, doch ans Wasser kommen sie noch lange nicht. Ein nahegelegener künstlicher See bietet zumindest auf einer Seite einen Zugang für Vögel, doch in warmen Monaten ist er wenig einladend, und wenn er abgelassen und geputzt wird, fehlt diese Wasserquelle gänzlich. Abstrus ist es, dass für Vögel an Brunnen und Wasserspielen kaum mal eine ‚Badeecke‘ zu finden ist, doch dafür ließ der grüne Finanzminister Danyal Bayaz extra ein Podest in den Eckensee am Staatstheater in Stuttgart einbauen, um darauf das davongeflogene Operndach auszustellen. Der Minister hält dieses Kupferknäuel für ein Mahnmal des Klimawandels, doch im Grunde ist es ein Symbol für mangelnde Instandhaltung. Die Budgetmittel für die fragwürdige Aktion hätte der grüne Politiker besser in die Zugänglichkeit von Brunnen und Wasserspielen für Wildtiere investiert. (Bild: Ulsamer)

Brunnen ohne Nutzen

Bei historischen Brunnen ist das Landen am und nicht im lebensrettenden Nass meist sehr schwierig, doch als sie aufgestellt wurden, gab es in den Städten noch deutlich mehr offene Wasserstellen. Gleiches lässt sich in den ländlichen Regionen feststellen, wo so mancher Bach in ein Betonkorsett gezwängt, selbst der Feuerlöschteich überbaut, oder Vernässungen und Tümpel trockengelegt wurden. Wasser ist dann für Vögel kaum erreichbar, es sei denn, sie sind Enten, die gefahrlos in einem ‚künstlerisch‘ aufgepeppten Betonbecken landen können. Aber auch Igel, Eichhörnchen oder Feldhasen, die sich in die Städte geflüchtet haben, tun sich bei der Suche nach Wasser schwer. Städtische Brunnen vermitteln zwar dem Passanten das Gefühl, erfrischendes Wasser sprudle durch die nicht selten tristen Städte oder bilde einen Kontrapunkt zu trostlosen und menschenleeren ‚Aufmarschplätzen‘. In unseren Städten fehlen oft Stadtbäume und vielfältige, naturnahe Parks, aber auch für Wildtiere erreichbares Wasser.

Ein Holzbrettt wirkt deplatziert an einem großen Wasserbecken mit Betonrand.
Besser spät als nie! Ein Holzbrett ergänzt eine Wasserfläche zwischen Bankgebäuden in Stuttgart. Der Architekt hätte sich besser früher Gedanken über die Zugänglichkeit für Wildtiere machen sollen. (Bild: Ulsamer)

Manchmal frage ich mich, wenn ich moderne Wasserflächen zwischen Trutzburgen aus Beton und Glas erblicke, ob einige Architekten keinen einzigen Gedanken an die Mitbewohner unserer Städte verschwenden? Wildtiere scheinen in den Plänen, die mit Genehmigung der politischen Entscheider in Behörden und Gemeinderat umgesetzt werden, keine Rolle zu spielen. Kein Wunder, könnte man sarkastisch sagen, selbst die Bedürfnisse der Menschen werden kaum berücksichtigt. Wer heute noch weitläufige Plätze mit Steinplatten, Pflaster oder Asphalt bedeckt, und nicht an Bäume denkt, der scheint nichts von der Erderwärmung mitbekommen zu haben. Ja, es geht nicht nur um die durstige und badefreudige kleine Drossel, die der Anlass zu diesem kurzen Blog-Beitrag war, sondern um alle Bewohner der Städte – einschließlich der Menschen. Da wird die letzte Baulücke zu geklotzt und ein neues Baugebiet quert die Frischluftschneise, Regenwasser verschwindet im Untergrund bis der Starkregen ganze Straßen überschwemmt, denn es fehlen Überflutungsbrachen. Viel zu lange ging es in unseren Städten, aber auch auf land- und forstwirtschaftlichen Flächen nur darum, das Wasser möglichst schnell abzuleiten, und dem Regenwasser wurden Flächen für die Versickerung genommen, auf denen sich mal eine Pfütze oder ein Tümpel bilden konnten. So ist das Wasser schnell weg – und die Tiere bleiben durstig zurück.

Junge Drossel auf einem schmalen Metallsteg, sie lässt kleine Wassertropfen auf den Rücken fallen.
Ein schmaler Metallsteg muss für das Duschbad reichen. Gerade in Dürreperioden brauchen Wildtiere einen besseren Zugang zum Trinkwasser. (Bild: Ulsamer)

Zugänge zum Wasser schaffen

Urbanität hieß zu lange, die Natur zu verdrängen und sich im städtischen Glanz der Glasfassaden selbst zu bespiegeln. Natur wurde für zu viele Mitbürger etwas, das man im Naturkundemuseum oder im Zoo betrachtet, und wenn ein Fuchs durch die Straßen läuft, greifen nicht wenige Zeitgenossen zum Telefon, um die Polizei zu alarmieren, weil sie ihn für einen Wolf halten. Ich würde mir wünschen, dass Entscheider in unseren Kommunen nicht nur am Sonntag in blumigen Reden auf die Natur zu sprechen kommen, sondern bei planerischen und baulichen Beschlüssen an die Wildtiere denken. In vielen historischen Brunnen würde eine Schale genügen, um ein wenig Wasser gefahrlos für Vögel erreichbar zu machen. Ein Teil des Wassers könnte bei modernen Gebilden außen abfließen und erst nach einem Zwischenstopp im Abflussrohr verschwinden.

Eine Amsel mit schwarzen Federn badet in einem blauen Vogelbecken, das von grünem Gras umrandet ist.
Platz für ein Bad ist für diese Amsel auch in einer Vogeltränke. Ich würde mir mehr Wasserstellen nicht nur auf Plätzen und in Parks, sondern gleichfalls in Gärten wünschen. Wenn wir Vögel eines Tages nicht nur in Naturkundemuseen oder Volieren sehen wollen, dann müssen wir den Vögeln mehr naturnahen Lebensraum zubilligen. (Bild: Ulsamer)

Nicht aus den Augen verlieren dürfen wir auch die Chancen, die sich in privaten Gärten bieten: Schon ein kleines Vogelbecken kann helfen. Ich frage mich, warum so wenige Gartenbesitzer in unserer Umgebung Wasser bereitstellen. Ist es ihnen zu viel Mühe, das Wasser möglichst täglich zu wechseln und hin und wieder die Vogeltränke zu putzen? In unserem Mini-Garten mit gerade mal 25 Quadratmetern besuchen nachts Igel die Tränke, tagsüber schauen Eichhörnchen, Meisen, Spatzen, Amseln, Tauben, aber auch Eichelhäher und Elstern vorbei. Wenn wir das Gezwitscher nicht missen wollen, dann müssen wir alle gemeinsam den gefiederten Freunden und anderen Wildtieren helfen.

Junge Drossel versucht Wassertropfen aufzufangen. Ihr Kopf ist nach unten gerichtet, die Flügel oben leicht geöffnet.
Vögel müssen in der Stadt bessere Zugänge zu Brunnen und Wasserspielen erhalten. Wenn Wasser, Futter und Nistplätze fehlen, dann wird es immer stiller in unserer Natur. (Bild: Ulsamer)

Vögel haben Durst, und dies gilt gleichermaßen für Igel, Eichhörnchen, Hasen und Füchse oder – die wenig beliebten – Waschbären. Auch Schmetterlinge, Wild- und Honigbienen oder Hummeln brauchen an heißen Tagen Wasser. Städte und Gemeinden sollten es den tierischen Mitbewohnern erleichtern, an das Wasser der Brunnen oder Wasserspiele zu gelangen. Nicht jedes moderne Betonquadrat mit etwas Wasser darin leistet einen Beitrag zu einer lebenswerten Stadt. Es ist höchste Zeit, das Wohl der Wildtiere mehr in den Blick zu rücken, denn wo es Tieren gut geht, geht es meist auch den Menschen gut! Mögen die Fotos der jungen Drossel den einen oder anderen Gemeinderat oder Behördenmitarbeiter anregen, den Zugang zum Wasser für unsere gefiederten Freunde zu erleichtern.

 

Ein rötliches Brunnenbecken fällt schräg zu einem weiten Platz mit Pflastersteinen ab. Das Wasser läuft, doch der Rand ist so hoch, dass Vögel nicht trinken können.
Da rauscht am unwirtlichen neuen Pariser Platz im sogenannten Europaviertel in Stuttgart hinterm Hauptbahnhof zwar ein Brunnen, doch kleinere Vögel können das benötigte Nass vom Rand aus nicht erreichen. Und nicht einmal zu einem Baum hat es dort gereicht! Welcher Sinn mag der Planer in diesem „Aufmarschplatz“ gesehen haben? (Bild: Ulsamer)

 

Der Akademiebrunnen in Stuttgart zwischen Bäumen. Ein goldener Adel auf der Spitze der Säule. Und goldene Tafeln an den Seiten.
Der Akademiebrunnen wurde 1811 in Stuttgart errichtet. Damals war es sicherlich kein Problem für Vögel, eine Wasserstelle zu finden. Selbst der längst verdolte Nesenbach floss noch in der Nähe vorbei. Die junge Dohle schaffte es, sich mit einigen Tropfen zu ‚duschen‘, doch Brunnen sollten so ergänzt werden, dass sie besser für Vögel zugänglich sind. Und das belastet den städtischen Etat kaum! (Bild: Ulsamer)

 

Eine junge Drossel nähert sich auf einem schmalen Metallsteg herunterfallenden Wassertropfen.
Jeder Tropfen zählt. Waghalsig nähert sich die Drossel auf einem schmalen Metallsteg den herunterfliegenden Tropfen. (Bild: Ulsamer)

 

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