UNESCO-Welterbe: Geschichte für die Zukunft erhalten

Aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen

Unsere heutige Gesellschaft wäre sicherlich nicht denkbar ohne das Wirken vorhergehender Generationen. Und so ist ein Blick zurück nicht immer sehr erfreulich, doch bei den Welterbestätten – seien es Bauten oder natürliche Phänomene – stehen die positiven kulturellen Leistungen der Menschen im Vordergrund. Geschichte galt vielen über lange Jahre als eine etwas verstaubte Angelegenheit, doch neige ich dieser Ansicht nicht zu. Da folge ich lieber so unterschiedlichen Politikern wie August Bebel, dem Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland oder Helmut Kohl, dem langjährigen CDU-Bundeskanzler. Mögen diese Persönlichkeiten auch unterschiedlicher politischer Ausrichtung gewesen sein und sehr unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Phasen angehört haben, so nähern sie sich jedoch bei der Einschätzung der Geschichte an. So sagte Bebel, der 1913 verstarb: „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.“ Adenauer meinte im Jahr 1965: „Ein Volk kann seine Gegenwart und seine Zukunft nur gestalten, wenn es seine Vergangenheit versteht und daraus seine Lehren zieht“. Und Kohl betonte 30 Jahre später in einer Bundestagsrede: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.” Wenn wir diesen Zitaten folgen, dann wird auch die Bedeutung des kulturellen Erbes überdeutlich.

Büsten römischer Kaiser im Limesmuseum in Aalen.
Über Jahrhunderte prägten die römischen Cäsaren die europäische Geschichte. Und sie hinterließen auch den Limes, eine befestigte Grenze zur Kontrolle des Handels und der Menschen, die ins Römische Reiche einreisten. Verkehrswege überzogen den europäischen Kontinent, und nicht selten waren die Römer ihrer Zeit voraus: man denke nur an die Badekultur und ganz profan an Toiletten mit Wasserspülung. In so manchem Land unserer Welt ist hier bei letzterem noch viel zu tun. (Bild: Ulsamer)

Geschichte wird lebendig

Geschichte war, dies muss ich gestehen, eines der Schulfächer, das mich durchgehend interessierte, und als Mitte der 1960er Jahre in Ägypten der Tempel von Abu Simbel dem aufgestauten Nassersee weichen musste, da verfolgte ich dessen Umsetzung an einen höhergelegenen Ort mit großer Spannung. Und – wie der Zufall so spielt – meiner späteren Ehefrau ging es genauso, und wir besuchten inzwischen die Tempelanlage. Nun möchte ich aber zum Welterbetag nicht durch ferne Länder schweifen, sondern ganz skizzenhaft einige wenige Welterbestätten in Deutschland ansprechen. Dass es keine Kleinigkeit ist, aus der Vielzahl des kulturellen Schaffens von Jahrtausenden ausgewählt zu werden, um gewissermaßen das UNESCO-Siegel tragen zu dürfen, habe ich ganz aus der Nähe erfahren, als es um das Patent von Carl Benz ging, das letztendlich ins Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde.

Zu den 44 Welterbestätten in Deutschland gehören Kirchen und Klöster ebenso wie ganze Altstadtensembles, Schlösser und Burgen, Symbole der Industriekultur oder Kultur- und Geistesgeschichte sowie Gärten und Landschaften. Die Bandbreite ist somit groß, und die Unterschiedlichkeit gerade auch der Örtlichkeiten macht für mich deren besonderen Reiz aus. Bei einem Besuch dieser Welterbestätten wird Geschichte lebendig – zumindest mir geht es so.

Die mit Sand belegte Arena ist der zentrale Bereich des Amphitheaters. Es ist von einer 4 Meter hohen Mauer umgeben. Über dieser erheben sich die Zuschauerränge.
Das Amphitheater in Trier lässt bis heute seine ursprüngliche Funktion sehr gut erkennen. (Bild: Ulsamer)

Trier: Die Römer an der Mosel

Natürlich haben nicht alle Überbleibsel der Römer in deutschen Landen gleich den Kultstatus einer UNESCO-Welterbestätte, aber dennoch haben auch diese ihre Bedeutung. Ein unscheinbares Beispiel dafür sind die 2 000 Jahre alten Grundmauern eines römischen Gutshofes im baden-württembergischen Rosenfeld. Gut erhalten sind heute noch Teile des Gebäudes mit den Bädern – und eine Toilette. Gerade Letzteres ist keine Besonderheit für römische Zeiten einschließlich fließendem Wasser. Und eigentlich sollte dies ja auch für unsere ach so fortschrittliche und globalisierte Welt gelten! Oder vielleicht doch nicht? Im EU-Mitgliedsland Rumänien sollen nur 73 % der Haushalte über Sanitäranlagen verfügen. In Kamerun sind es 49 % und in Indien nur 34 %. Also: Es gibt noch viel zu tun, um am einen oder anderen Ort noch das Niveau der ‚alten‘ Römer zu erreichen.

Mehr ins Auge springt in Trier das Amphitheater aus römischer Zeit. Wo einst Gladiatoren um die Gunst des Publikums warben und versuchten, ihr eigenes Leben zu erhalten, da können sich die Besucher – auch dank der ergänzenden Informationen – einen Einblick in das römische Leben verschaffen. Zwar sind bei dieser Anlage viele Steine abhandengekommen, doch alle Funktionen sind noch immer gut erkennbar. So ist es nicht verwunderlich, dass in Trier zum UNESCO-Weltkulturerbe gerade auch die römischen Anlagen gehören.

Und bei Trier fällt mir bei historischen Persönlichkeiten natürlich auch Karl Marx ein, obwohl ich seinem Werk wenig abgewinnen kann. Aber auch er ist ein Beispiel dafür, welchen langen Zeithorizont Bücher in ihrer Wirkung haben können.

Goldfarben schillert die Porta Nigra bei dieser Nachtaufnahme.
Die römische Porta Nigra in Trier überstand bewegte Zeiten, da sie Teil einer christlichen Kirche wurde. (Bild: Ulsamer)

Die Porta Nigra, eines der Stadttore von ‚Augusta Treverorum‘, dem heutigen Trier, hat sein Überleben der baulichen Integration in eine christliche Kirche zu verdanken. Die anderen Tore wurden abgebrochen und die Steine anderweitig verbaut. Erst der französische Kaiser Napoleon I. sorgte nach 1804 dafür, dass die nichtrömischen Teile des Gesamtgebäudes weitgehend entfernt wurden. Noch heute sind die Unterschiede der eher trutzigen Außenansicht und die der damaligen Stadt zugewandte Seite gut zu erkennen. Der 30 Meter hohe Westturm beeindruckt die zahlreichen Besucher Triers ebenso wie die Breite des Gebäudes von immerhin 36 Metern und die Tiefe von 21 Metern. Die Tiefe ergibt sich auch aus der Konstruktionsform des Stadttores als Doppeltoranlage, die den Innenhof umgibt. Sollten feindliche Angreifer das Fallgitter überwunden haben, so konnten sie im Zwinger von allen Seiten attackiert werden, ehe sie das stadtseitige Tor aufzubrechen vermochten.

Ein Glasgebäude beherbergt die Überrestedes Limestors, das im unteren Bereich aus Orginalsteinen besteht. Der obere Teil wurde aus Stoff angefügt. Das Gebäude ähnelt einem Quader, der links teilweise in die Erde einsinkt.
Das Limestor in Dalkingen, einem Ortsteil von Rainau im baden-württembergischen Ostalbkreis, lässt dank einer teilweisen ‚Rekonstruktion‘ die ursprüngliche Größe noch erkennen. Zwar war das ursprüngliche Tor vermutlich bereits bei einem Germanenangriff im 3. Jahrhundert abgebrannt, doch die Grundmauern wurden durch eine Tuchnachbildung im oberen Bereich ergänzt. (Bild: Ulsamer)

Der Limes – ein römischer Grenzwall

In Aalen wurde Ende Mai 2019 vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann das neue Limesmuseum eingeweiht. Gezeigt wird jetzt eine völlig neu gestaltete Dauerausstellung mit über 1200 Fundstücken. Die Römer errichteten den Limes, eine Art Grenzwall mit Beobachtungstürmen und Kastellen im Hinterland vom 1. bis 6. Jahrhundert nach Christus nicht nur in Europa, sondern auch in Vorderasien und Nordafrika. Zwar hätten diese Grenzanlagen Angriffe von größeren Stammesgruppen oder Heeren nicht aufhalten können, doch sie boten eine gute Möglichkeit, den Zugang zum römischen Reich und gerade auch den Handel zu kontrollieren.

In einer Glasvitrine im Vordergrund Masken aus Metall, dahinter an der Wand eine Installation mit römischen Reitersoldaten.
Die neu gestaltete Ausstellung im Limesmuseum in Aalen ist sehenswert, da sie die Fundstücke in historische Zusammenhänge setzt und einen sehr guten Überblick über die Region um Aalen am Obergermanisch-Raetischen Limes zur Römerzeit vermittelt. Ergänzt werden die regionalen Bezüge durch weitere Fundstücke aus verschiedenen anderen römischen Siedlungen im heutigen Baden-Württemberg. (Bild: Ulsamer)

Das Limesmuseum vermittelt einen Einblick in das Leben der römischen Soldaten und gleichzeitig der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten der Grenzanlage vor 1 800 Jahren. Dabei konzentrierten sich die Ausstellungsmacher nicht nur auf die unmittelbare Region, sondern in einem zweiten Bereich stehen die Funde entlang des Limes im heutigen Baden-Württemberg im Vordergrund. „Das breite Spektrum der baulichen Überreste und eine Vielzahl bedeutender Einzelfunde verdeutlichen dabei den universellen Wert des Limes als UNESCO-Welterbe“, so die UNESCO. Die Ausstellungskonzeption im Limesmuseum ist überzeugend, da sie nicht auf die Aneinanderreihung von Pfeilspitzen, sondern die Artefakte in historische Zusammenhänge setzt.

Im Innern hängt ein gewaltiger Kronleuchter. Mehrere Stockerke mir Rundbögen sind zu sehen.
Im Aachener Dom fand nicht nur Karl der Große seine letzte Ruhestätte, es wurden dort auch über 600 Jahre deutsche Kaiser gekrönt. (Bild: Ulsamer)

Karl der Große – ein früher Europäer

Als erstes deutsches Welterbe wurde der Aachener Dom 1978 in die Liste der UNESCO aufgenommen. Dies war kein Zufall: „Der um 790 bis 800 erbaute Dom ist bau- und kunstgeschichtlich von universeller Bedeutung und eines der großen Vorbilder religiöser Architektur“, betont die UNESCO. Der Dom, in dem Karl der Große seine letzte Ruhe fand, ist auch für 600 Jahre die Krönungsstätte deutscher Kaiser gewesen. Der monumentale Kuppelbau soll in nur rd. zehn Jahren errichtet worden sein. Und in diesem Meisterwerk der Architektur verbinden sich west- und oströmische Formen.

Derspitz zulaufende Turm des Doms im Hintergrund, weitere Gebäudeteile davor. Rechts ein grüner Baum, links im Vordergrund ein Straßencafe.
Der beindruckende Aachener Dom symbolisiert nicht nur deutsche, sondern auch wichtige Aspekte der europäischen Geschichte. (Bild: Ulsamer)

Karl der Große war zwar einerseits ein Machtmensch, ansonsten hätte er sein damaliges Reich nicht zusammenhalten können, anderseits förderte er die Kultur und schuf Ordnung nach dem Chaos der Völkerwanderung. Anknüpfen an Karl den Großen oder Charlemagne wollten immer wieder deutsche oder französische Politiker, doch im Grunde war er der Herrscher des Frankenreichs. Dennoch kann man ihn auch als einen frühen Europäer sehen, denn die heute zur EU gehörenden Staaten wurden damals von seinem Reich umfasst. Sein Herrschaftsgebiet hat er jedoch erobert, wogegen wir zum Glück mit der Europäischen Union eine Institution geschaffen haben, die die friedliche Zusammenarbeit ermöglicht. Dennoch wäre es nicht falsch, immer mal wieder nach geschichtlichen Vorläufern europäischer Verbindungen zu schauen.

Der Kopf einer Frau mit einer goldfarbenen Krone. Sie zieht den rechten Teil des Mantelkragens ins Gesicht.
Das hätte sich Uta von Ballenstedt sicher nicht räumen lassen, dass sie einmal die bildliche Vorlage für die böse Königin in Walt Disneys ‚Schneewittchen‘ abgeben würde. So kommen gerade auch aus den USA zahlreiche Interessenten, die sich im Naumburger Dom auf die Suche nach Uta machen. (Bild: Ulsamer)

Uta von Naumburg als Schneewittchens Stiefmutter

Der spätromanisch-frühgotische Naumburger Dom in Sachsen-Anhalt gesellte sich 2018 als jüngstes Mitglied zu den deutschen Welterbestätten. Der Dom bildet mit dem Kreuzgang, dem Domgarten und den angrenzenden Kuriengebäuden ein herausragendes Ensemble in Mitteldeutschland. In seiner heutigen Form entstand der Dom in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wobei die romanische Krypta unter dem Ostchor zu den ältesten Teilen gehört. Einen großen Beitrag zur künstlerischen Relevanz trug ein unbekannter Meister bei, der die Stifterfiguren im Westchor schuf. Diese plastischen Darstellungen sind unglaublich realitätsnah und sehr individuell gestaltet.

Die beiden Türme des Doms, links ein weiteres Gebäude mit Ornamenten.
Der Dom in Naumburg, Sachsen-Anhalt, zieht Jahr für Jahr zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland an. (Bild: Ulsamer)

Eine der Figuren, die historische Uta von Ballenstedt, lebte von 1 000 bis 1 046 und galt als schönste Frau des Mittelalters, doch wurde ihre farbig gefasste Steinfigur erst Mitte des 13. Jahrhunderts vom Naumburger Meister geschaffen. Ihren weltweiten Bekanntheitsgrad steigerte Walt Disney, als er sie zur Vorlage für die böse Königin in seinem Zeichentrickfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge / Snow White and the Seven Dwarfs auserkor. Vermutlich hatte Disney auf seiner Europareise die Fotos gesehen, die Walter Hege für das 1924 erstmalig aufgelegte Buch ‘Der Naumburger Dom und seine Bildwerke’ aufgenommen hatte. Ob dies eine besondere Ehre für Uta darstellt, das wird durch den Gedanken relativiert, dass Disney ihr Gesicht für die böse Königin in seinem Film herangezogen haben könnte, da Uta von den Nationalsozialisten als Ebenbild der ‚deutschen Frau‘ missbraucht worden war. Im 19. Jahrhundert war Uta allerdings bereits als Bild in vielen Haushalten des deutschen Bildungsbürgertums präsent gewesen und stellte den Mythos der ‚edlen, schutzsuchenden Frau‘ dar. Umberto Eco, der italienische Schriftseller, der mit ‚Der Name der Rose‘ weltbekannt wurde, schrieb in seiner ‚Geschichte der Schönheit: „Wenn Sie mich fragen, mit welcher Frau in der Geschichte der Kunst ich essen gehen und einen Abend verbringen würde, wäre da zuerst Uta von Naumburg.“

Rostbraune Rohre, Kessel und Kamine recken sich in den blauen Himmel.
Die Völklinger Hütte im Saarland hatte das große Glück, dass sie erst stillgelegt wurde, als das Bewusstsein für die Bedeutung historischer Industrieanlagen bereits groß genug war, um den Erhalt zu sichern. (Bild: Ulsamer)

Völklinger Hütte – aus der Blütezeit der Eisenindustrie

Das Saarland ächzt noch heute unter dem Strukturwandel, den der Niedergang von Kohle, Eisen und Stahl mit sich brachte. Die Völklinger Hütte hatte großes Glück, wenn dies auch den früheren Beschäftigten nichts nutzte, denn nachdem 1986 die letzte Tonne Roheisen geflossen war und das gigantische Werk stillgelegt wurde, kam der Denkmalschutz zum Zug. So ist heute die Völklinger Hütte „das weltweit einzige erhaltene Eisenwerk aus der Blütezeit der Eisen- und Stahlindustrie im 19. und 20. Jahrhundert“, so die UNESCO. Die gewaltige Hüttenanlage erstreckt sich über 600 000 Quadratmeter, und daraus ergibt sich, man sollte doch mindestens einen halben Tag für die Besichtigungstour mitbringen. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Ausstellungen, die zu künstlerischen oder historischen Themen stattfinden.

Rostende Fabrikanlagen und grüne Pflanzen.
Im Paradies, dem Bereich der früheren Kokerei, kann der Besucher in Völklingen erleben, wie sich die Natur wieder der technisch genutzten Flächen bemächtigt. Und dies ist verbunden mit verschiedenen künstlerischen Installationen. (Bild: Ulsamer)

Der Rundgang war für uns beeindruckend, denn er führt in alle wichtigen Bereiche, so z. B. zu riesigen Gebläsen, die die Luftzufuhr für die Hochöfen sicherten, oder die Möllerhalle, in der das Erz mit den Zuschlägen, wie z.B. Kalk, versehen wurde. Als wir die Aussichtsplattform am Hochofen erklommen, da wurde uns nochmals deutlich, welche Dimensionen die einzelnen Gebäude haben. Nicht versäumen sollten Besucher auch das ‚Paradies‘, den Bereich zwischen der ehemaligen Kokerei und der Saar: denn dort ist die Natur dabei, sich wieder ihren Platz zurück zu erobern.  Dort ist mit Hilfe der Landschaftsarchitektin Catherine Gräfin Bernadotte von der Insel Mainau in der aufkommenden Wildnis ein malerischer Garten entstanden. In das Zwiegespräch von Natur und Technik fühlt sich auch der Mensch einbezogen, wenn er im ‚Paradies‘ auf einer Bank Platz nimmt. Und viele Insekten haben hier eine Heimat gefunden.

Rote Dachziegel dominieren bei einem Blick auf die Altstadt von Quedlinburg. Erkennbar sind die Fachwerkhäuser.
Wenn man in Quedlinburg den Abstecher auf den Schlossberg nicht scheut, kann man mit einem Blick auf die Häuser der Stadt schnell erkennen, dass es selten einen solch gut erhaltenen Kern mit Fachwerkhäusern gibt. (Bild: Ulsamer)

Quedlinburg: Über 2 000 Fachwerkhäuser

Die Quedlinburger können in diesem Jahr auf die Erhebung Heinrichs I. zum ersten deutschen König vor 1100 Jahren zurückblicken. Aber auch 25 Jahre Weltkulturerbestätte ist ein Grund zum Feiern und 30 Jahre friedliche Revolution in der DDR. So ist es ein schönes Zeichen, dass der Welterbetag 2019 für Deutschland in Quedlinburg eingeläutet wurde.

Das Stadtbild prägen in Quedlinburg bis heute über 2000 Fachwerkhäuser und eine ganze Reihe von Jugendstilbauten – und dies alles auf einem historischen Stadtgrundriss. Somit ist Quedlinburg eine besonders gut erhaltene mittelalterliche Stadt.

St. Servatius mit zwei Türmen ist rot eingedeckt. Teile des Schlosses sind auch zu sehen.
Das Schloss und die Stiftskirche St. Servatius überragen die über 2 000 Fachwerkhäuser in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt, und gehören mit zum UNESCO-Welterbe. (Bild: Ulsamer)

Hoch oben auf dem Schlossberg liegt die Stiftskirche St. Servatius, Grabstätte des ersten deutschen Königs, Heinrichs I., und seiner Frau Mathilde. Die zwischen 1070 und 1129 errichtete dreischiffige Basilika war einst die Kirche des Quedlinburger Damenstifts. Heute finden in der Kirche auch Veranstaltungen statt. Kirche, Schloss und die Altstadt gehören zum UNESCO-Welterbe und sind allemal einen Besuch wert.

Eine zehn Meter hohe Mauer aus Buckelquadern sichert ddie Burg. Im oberen Teil ist noch ein kleiner Teil des roten Dachs des Hauptgebäudes zu sehen.
Das Wäscherschloss in der Nähe der baden-württembergischen Klosteranlage Lorch ist ein frühes und sehr gut erhaltenes Zeugnis der Staufer-Zeit. Zwar trägt es nicht das Welterbesiegel, doch interessant ist ein Besuch dennoch, denn nur wenige Burgen aus den Tagen der Staufer sind so gut über die Jahre gekommen. ‚Etwas‘ größer geraten ist das Castel del Monte im italienischen Apulien, über das ich bereit berichtet habe, und das der Stauferkaiser Friedrich II. errichten ließ. Es gehört ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auch an den Staufern zeigen sich gesamteuropäische Linien, und Friedrich II. zog den Süden Europas den ‚deutschen‘ Regionen vor. (Bild: Ulsamer)

Geschichte als Lernort für Gegenwart und Zukunft

Kürzlich waren wir auf den Spuren der Römer und der Staufer im baden-württembergischen Lorch und Aalen unterwegs, und man lernt immer etwas dazu. Das würde ich mir von so manchem Politiker ebenfalls wünschen, der zu wenig aus der deutschen und europäischen Geschichte zu wissen scheint. Mögen auch die Römer und die Staufer längst als politische Macht abgedankt haben, so lässt sich doch bei beiden Epochen ein gesamteuropäischer Ansatz erkennen. Nun möchte ich natürlich nicht, dass sich der eine oder andere wieder mit Schwert und Speer aufmacht, um seinen Nachbarn zu ‚besuchen‘, doch der Austausch zwischen den Regionen – auch in wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht – gehörte in Europa schon vor tausend oder zweitausend Jahren zur Regel. Und dies sollten wir als Ansporn verstehen, den europäischen Wurzeln nachzuspüren und diese weiter zu stärken. Das Welterbe der UNESCO hat eine über Staaten und Kontinente hinausragende Bedeutung. Dies zeigt sich bereits am angesprochenen Limes, der sich z. B. mit dem Hadrians Wall in Großbritannien inhaltlich verbinden lässt.

Selbstredend geht es beim Welterbe nicht darum, einzelne Orte oder Gebäude nur architektonisch zu betrachten, sondern wir müssen uns auch mit ihrer Entstehung und Funktion, den dahinter verborgenen Traditionen und Perspektiven befassen. Positiv stimmt es mich dabei, wenn ich sehe, wie viele andere – verschiedensprachige – Interessenten jeweils die historischen Stätten besuchen und sich mit unserer gemeinsamen Geschichte befassen. So wird das Welterbe lebendig, und Geschichte wird zu einem wahren Lernort, aus dem wir Anregungen für heute und morgen beziehen, die wir dann in Entscheidungen für die Zukunft einfließen lassen können. So verhindern wir auch, dass jeder Fehler in jeder Epoche nochmals gemacht wird.

 

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