Stuttgart: Erst vergammeln lassen, dann teuer sanieren

Opernhaus, Villa Berg und Villa Moser wurden sträflich vernachlässigt

Ich kenne keinen privaten Hausbesitzer oder Handwerker, der so mit seinem Haus oder seiner Werkstatt umgeht wie manche Kommunen, Länder oder der Bund mit öffentlichem Eigentum. Da lugt das Moniereisen rostig aus dem bröckelnden Putz einer Hochschule oder von einer Brücke fallen Betonbrocken. Und wenn sich der Schaden nicht mehr kaschieren lässt, dann rücken die Bagger an und reißen marode Brücken nach wenigen Jahrzehnten wieder ab. Historische Gebäude erleiden dieses Ende zwar im Regelfall nicht, doch bei ihnen äußert sich die mangelnde Instandhaltung irgendwann in Form einer hohen Rechnung für den Steuerzahler. Zumeist wäre es günstiger gewesen, über die Jahre die Instandhaltung nicht schleifen zu lassen und Schritt für Schritt Modernisierungen durchzuführen. Heute möchte ich drei Beispiele aus Stuttgart kurz ansprechen: Das ‚Große Haus‘ der Staatstheater – es beherbergt Oper und Ballett -, die Villa Berg und die Villa Moser.

Das Opernhaus in Stuttgart, davor ein See mit einer Fontäne. Es regnet.
Von außen sieht das Opernhaus in Stuttgart noch recht proper aus, aber im Innern hat der Zahn der Zeit genagt. Nach meiner Meinung sind Instandhaltungsarbeiten und technische Neuerungen in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt worden. So kam es zu einem Investitionsstau. Wäre es nicht besser, den Littmann-Bau zumindest in seiner Grundstruktur zu belassen? Eine Verschiebung der Fassade beispielsweise lehne ich entschieden ab. (Bild: Ulsamer)

Villa Moser und eine vergessene Kunstinstallation

Einst bewohnte der Schokoladenfabrikant Eduard Otto Moser die eigens für ihn 1875 im Leibfriedschen Garten erbaute Villa. Das von Johann Wendelin Braunwald entworfene Gebäude wurde 1944 bei einem Luftangriff bis auf die Grundmauern zerstört. Damit endete die Geschichte der Villa Moser jedoch nicht, denn zur Internationalen Gartenbauausstellung im Jahre 1993 gestaltete der Architekt Hans Dieter Schaal eine Kunstinstallation, die die Überbleibsel der Villa und den verwilderten Garten einbezog: Eine umfangreiche Konstruktion aus einem turmartigen Gebäudeteil und Stegen machte das schon fast verwunschene Kleinod wieder für Besucher zugänglich. Und damit komme ich auch zu meinem Kritikpunkt: Selbstredend können nicht alle Grundmauern konserviert werden, aber wenn man keine Lust hat, daraus entstandene Kunstwerke zu erhalten, dann sollte sich eine Stadtverwaltung eigentlich das Geld für die Umgestaltung im Rahmen einer Internationalen Gartenbauausstellung sparen! In zu vielen Parks stehen die Relikte von kostenintensiven Großveranstaltungen herum und finden leider kaum noch Beachtung, sind baufällig oder unbrauchbar und dienen als Müllkippen.

Verrotteter Steg zu einen Art Beton-Treppenhaus. Es fehlen Bretter, überall Graffiti.
Die Villa Moser wurde 1875 von Johann Wendelin Braunwald für den Stuttgarter Schokoladenfabrikanten Eduard Otto Moser erbaut. Zwar ist das Gebäude im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört worden, doch für die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) im Jahre 1993 gestaltete der Architekt und Landschaftsplaner Hans Dieter Schaal die Kunstinstallation Villa Moser. Mangels Instandhaltung ist das Kunstobjekt inzwischen neuerdings verfallen: Verrottete Bretter, Graffiti, Müll. Keine Stadtverwaltung darf in dieser Art und Weise mit Steuergeldern umgehen! (Bild: Ulsamer)

Zwar beschäftigten sich Verwaltung und Gemeinderat hin und wieder mit der Villa Moser, doch wann immer uns unsere Stadtwanderungen vorbeiführten, das gleiche Bild: Graffiti, leere Flaschen und anderer Unrat. Inzwischen haben wir aber auch Eidechsen entdeckt, daher kann ich nur hoffen, dass bei einer Renovierung der Kunstinstallation zumindest Rücksicht auf die Tiere und Pflanzen genommen wird, die sich im Leibfriedschen Garten inzwischen angesiedelt haben. Karl Ernst Leibfried übrigens war ein späterer Besitzer der Villa.

Ein Gebäude aus hellem Stein. Die Fensteröffnungen sind mit Holzplatten verschlossen. Im Vordergrund ein Baum.
Zwischen 1845 und 1853 erbaute Christian Friedrich von Leins für den württembergischen Thronfolger die Villa Berg. Dieses einst charmante Gebäude im Stil der italienischen Hochrenaissance hat es wirklich nicht verdient, heute in solch einem desolaten Zustand inmitten eines großartigen Landschaftsparks mit vielen alten Baumriesen zu verkümmern. Die Entscheidungsfindung bei der Stadt Stuttgart verläuft bisher im Schneckentempo, und so verfällt die Villa Berg von Jahr zu Jahr mehr. (Bild: Ulsamer)

Die Villa Berg – ein vergammeltes Kleinod

Seit Jahren ärgern sich meine Frau und ich bei ausgedehnten Wanderungen durch unsere Geburtsstadt Stuttgart auch über den Dämmerschlaf der Villa Berg. Seit fast 15 Jahren steht die von Christian Friedrich von Leins zwischen 1845 und 1853 erbaute Villa leer. Damals zog der heutige SWR in ein neues Gebäude um, und seither fristet die im Stil der italienischen Hochrenaissance errichtete Villa ein immer traurigeres Dasein. Blicken wir etwas weiter zurück: 1913 hatte die Stadt Stuttgart die Villa von den Erben erworben, die einst als Sommerdomizil des württembergischen Thronfolgers Karl und späteren Königs gebaut worden war. Aus dem früheren Weinberg hat sich im Laufe der Zeit ein ansehnlicher Landschaftspark entwickelt. Nach der Nutzung durch den SWR als Sendestudio wechselten die Immobilienentwickler bis die Stadt Stuttgart 2015 die Villa Berg – und naheliegende Fernsehstudios – wieder erwarb.

Private Investoren hatten im Grunde auch keine Chance mehr, als die Stadt beschloss, ein ‚Haus für Musik und Mehr‘ aus der ehrwürdigen Villa Berg zu machen. Die Stadt Stuttgart will sich dieses Projekt über 60 Millionen EURO kosten lassen. Aber mal ganz ehrlich: Warum fällt manchen Kommunen immer nur ein besserer Stadtteiltreff ein, wenn ein historisches Gebäude eine neue Aufgabe sucht? Inzwischen sind nicht nur die Fassaden im wahrsten Sinne des Wortes vergammelt, sondern die unmittelbar angrenzenden Gärten gleichfalls. Ich hätte hier eine schnellere Renovierung durch einen privaten Investor bevorzugt, der ja auch entsprechende Veranstaltungen hätte anbieten können. Viel zu lange dauerte das Hin und Her: mal sollte es statt der Fernsehstudios eine Wohnbebauung geben, dann wieder nicht. Welcher Investor soll da mitspielen? Oder ist es gar die Strategie der Verwaltung unter dem grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn, private Interessenten in die Flucht zu schlagen, um dann noch ein weiteres Gebäude mit Steuergeldern zu renovieren und zu betreiben? Früher sammelten Großgrundbesitzer Latifundien, heute haben manche Städte Freude daran, den öffentlichen Besitz an Gebäuden zu mehren, auch wenn der Steuerzahler dabei draufzahlt.

Neben der Oper stört ein Betonmonster, das Kulissengebäude.
Die Staatstheater Stuttgart sollen auch einen neuen Kulissenbau erhalten. Vielleicht geht es ja ohne die bisherige Brutalität in Beton! Bei allen Erweiterungsgebäuden sollte man sich am Machbaren orientieren, was durchaus nicht gleichbedeutend mit dem obersten Preissegment ist. Jahr für Jahr berappen wir Steuerzahler erkleckliche Summen für die Staatstheater Stuttgart – Oper, Ballett und Schauspiel: rd. 120 Millionen EURO werden hier über die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg ausgegeben. Jetzt ist für Sanierung und Erweiterung eine zusätzliche Milliarde in der Diskussion. (Bild: Ulsamer)

Opernhaus – die Milliarden-Sanierung

In ganz anderen Dimensionen soll sich die Sanierung des Opernhauses – früher Großes Haus genannt – der Staatstheater Stuttgart bewegen, denn dort werden die Kosten nach offiziellen Berechnungen des Landes bei 1 Mrd. EURO liegen. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass hier auch Erweiterungsgebäude und eine Interimsspielstätte eingeschlossen sind. Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg teilen sich die Kosten für das Opernhaus und das Schauspielhaus, das im bereits renovierten sogenannten Kleinen Haus residiert. Damit wird das Problem aber nicht kleiner, denn es handelt sich allemal um Steuergelder. Selbstverständlich muss das Opernhaus baulich und technisch auf Vordermann gebracht werden, denn eine zweite Villa Berg, die eines Tages in der Stadtmitte vor sich hin rotten würde, das darf es nicht geben.

Für mich stellt sich jedoch die Frage, ob es sinnvoll ist, in das von Max Littmann zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaute Opernhaus z.B. eine völlig anders dimensionierte Bühnentechnik einzubauen, für die sogar eine Fassade verschoben werden müsste. Stadt Stuttgart und die Landesregierung von Baden-Württemberg haben sich auf die Sanierung – um jeden Preis – konzentriert, doch es gibt zurecht Einwände vom ‚Aufbruch Stuttgart‘. Diese Bürgerinitiative, deren Sprecher der frühere ‚Nachtcafé‘-Moderator Wieland Backes ist, entwickelte eine Konzeption, die eine Renovierung des Opernhauses vorsieht, doch zuerst solle ein dauerhaftes Gebäude errichtet werden, das als Interimsspielstäte für das Opernhaus dienen könnte und danach würde es für Musikveranstaltungen oder als Multifunktionshalle zur Verfügung stehen. Dort könnten auch die Veranstaltungen stattfinden, die im Opernhaus technisch nicht realisierbar wären. Als Platz hatte sich ‚Aufbruch Stuttgart‘ zwar das mehr oder weniger angrenzende Königin-Katharina-Stift ausgeguckt. Doch davon würde ich abraten, denn dann würde eines der raren denkmalgeschützten Gebäude in der Innenstadt für einen Neubau geopfert. Inzwischen kann sich ‚Aufbruch Stuttgart‘ aber auch einen Standort an der Unteren Königstraße vorstellen.

Werbeplakat für das Ballett Dornröschen. Tänzerin schlafend.
Als ich vom Opernhaus durch den Tunnel die Konrad-Adenauer-Straße unterquerte, fiel mein Blick auf das ‚Dornröschen‘-Plakat des Stuttgarter Balletts. Ich würde mir wünschen, dass die Verantwortlichen bei Stadt und Land durch rechtzeitige Instandhaltung einen Sanierungsstau verhindern würden. Manches Gebäude liegt im Dornröschenschlaf, und wenn es wachgeküsst werden soll, dann wird eine überdimensionierte Rechnung auf den Tisch gelegt. (Bild: Ulsamer)

Denkmalschutz und eine verrückte Fassade

Der Littmann-Bau wurde zwar im Laufe der Jahrzehnte immer mal wieder umgebaut, doch an der Fassade, sprich dem Gesamtensemble, hat sich bisher niemand vergriffen. Daher würde ich auch heute davon abraten. Die ‚Modernisierung‘ des Opernhauses in den 1950er Jahren wurde mit Hilfe aufgefundener Originalunterlagen in den 1980er Jahren – zum Glück – wieder rückgebaut. In den nachfolgenden Jahrzehnten ließ die Instandhaltung deutlich zu wünschen übrig, und die Folgen sieht man heute.

Eine Weiterentwicklung der Kulturmeile schließt für mich auch die Renovierung des Opernhauses ein, das ist keine Frage. Aber dies muss mit Augenmaß geschehen, und hier erwarte ich durchaus eine Prüfung aller Alternativen. Skurril ist ein Diskussionsprozess, der gut und gerne 20 Jahre umfasst, der jedoch nicht einer sachgerechten Prüfung der unterschiedlichen Standorte und Realisierungschancen entspricht. Genauso skurril ist es, jegliche Kritik, kritische Alternativvorschläge, oder leise Hinweise auf die immensen benötigten Geldsummen als ‚kulturfeindlich‘ zu verteufeln.

Vernachlässigte Treppe aus Naturstein führt zu den Resten der Villa Moser. Links und rechts Bäume.
So sollte der Leibfriedsche Garten mit der Kunstinstallation Villa Moser in Stuttgart nicht aussehen! (Bild: Ulsamer)

Erst pennen, dann sanieren?

Betrachte ich die drei Beispiele – Villa Moser, Villa Berg und Opernhaus -, dann wird für mich klar, dass man viel Geld von uns Steuerzahlern hätte sparen können, wenn die Instandhaltungsarbeiten konsequenter durchgeführt worden wären. Ich sehe durchaus, dass es auch Renovierungen oder technische Umbauten gibt, die sich nicht in den Theaterferien oder nebenbei erledigen lassen, aber Jahrzehnte abzuwarten oder zu diskutieren, um dann für das Opernhaus eine Kostenschätzung in Höhe einer knappen Milliarde EURO vorzulegen, das ist uns Steuerzahlern nicht zumutbar. Gleiches gilt, allerdings im verkleinerten Maßstab, für die anderen Projekte. Erwähnen möchte ich auch, dass das neue Gebäude für die Kulissen des Staatstheaters, das einen wenig ansehnlichen Betonkörper aus den 1960er Jahren ersetzen soll, deutlich besser zur Kulturmeile passen sollte, die sich an der Konrad-Adenauer-Straße entwickelt hat.

Eine Eidechse klettert aus einem Metallgitter und betrachtet eine grüne Pflanze.
Bei jeder Sanierung der Kunstinstallation Villa Moser muss auch auf die neuen Bewohner Rücksicht genommen werden. (Bild: Ulsamer)

Lassen wir unseren Blick noch etwas weiter schweifen, dann wird erkennbar, dass in anderen Stuttgarter Parks die laufende Unterhaltung ebenfalls zu kurz kam. So berichtete die Stuttgarter Zeitung, die Stadt Stuttgart wolle zwischen 2020 und 2024 über         30 Millionen EURO in die Sanierung der Parkanlagen stecken. Und als im Frühherbst der Max-Eyth-See umkippte und die Fische tot an der Wasseroberfläche trieben, da versuchte die Stadtverwaltung den Eindruck zu erwecken, das habe sich nicht absehen lassen. Aber auch dies war entweder eine Fehleinschätzung, die auf organisatorisches Versagen hindeutet, oder ganz einfach eine Nebelkerze. Ich würde mir vorausschauendes Agieren der Stadtverwaltung wünschen – nicht nur in Stuttgart.

Rückseite des Königin-Katharina-Stifts aus braunem Stein.
Das Königin Katharina Stift ist an zwei Seiten von Haupt- und Durchgangsstraßen umgeben, was eine Erweiterung um eine Sporthalle erschwert. ‚Aufbruch Stuttgart‘ hatte das Gelände schon mal für einen Neubau der Oper ins Auge gefasst, doch inzwischen kann sich die Bürgerinitiative auch einen Standort an der Unteren Königstraße vorstellen. Die Stuttgarter Innenstadt sollte nach meiner Meinung kein historisches Gebäude opfern, und schon gar nicht, wenn das heutige Gymnasium Königin Katharina, der Ehefrau des württembergischen Königs Wilhelm I., gewidmet ist. Auf die Tochter des russischen Zaren Paul gehen nicht nur das Katharinenhospital oder eben auch das Katharinenstift zurück, sondern die Württembergische Landessparkasse sowie das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg. In schweren Zeiten brachte Katharina Licht ins wirtschaftlich zurückgebliebene Württemberg. (Bild: Ulsamer)

Stimmen die Relationen noch?

Wo immer wir uns in Deutschland umschauen, marode Brücken gibt es allenthalben, öffentliche Gebäude verfallen und kurz vor Zwölf oder auch danach beginnt die umfassende Sanierung oder der Abrissbagger rückt an. Ständige Instandhaltung wäre allemal besser und kostengünstiger. Dies beweist z. B. eine Brücke von Isambard Kingdom Brunel, die Clifton Suspension Bridge in Bristol, die seit fast 150 Jahren ihren Dienst tut. Wo einst einige Pferdefuhrwerke rollten, da fahren heute täglich 11 000 Autos! Und wie geht das? Selbstredend nur mit ständiger Instandhaltung! Nachhaltigkeit sollte nicht nur jeder Politiker im Munde führen, sondern auch zu seinem Grundsatz machen!

Es wird eben teuer, wenn Politik und Verwaltung pennen oder sich um die laufende Instandhaltung drücken! Und am Schluss dürfen wir Steuerzahler dann die unnötigen Kosten für schwere Sanierungsfälle übernehmen. Beim Opernhaus in Stuttgart frage ich mich schon, ob die Relation der Kosten für Sanierung und Erweiterung im richtigen Verhältnis stehen zu den Instandhaltungskosten für Kitas und Kindergärten. Ich möchte keinen künstlichen Gegensatz zwischen der sogenannten ‚Hochkultur‘ und Sozial- oder Bildungseinrichtungen schaffen, aber die Frage muss erlaubt sein, ob sich der grüne Oberbürgermeister und die grün-schwarze Landesregierung auf dem richtigen Weg befinden, wenn sie eine Milliardensanierung für ein Opernhaus durchwinken, ohne wirklich alle Alternativen geprüft zu haben. Ein Opernhaus kann sicherlich nicht höher gewichtet werden als Einrichtungen für unsere Kinder und Enkelkinder!

 

Eine Antwort auf „Stuttgart: Erst vergammeln lassen, dann teuer sanieren“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.