Silvester-Feuerwerk: 4200 Tonnen Feinstaub für ein kurzes Vergnügen

Raketen und Böller belasten Tiere und Umwelt

Als noch kein Politiker oder Umweltschützer vor Feinstaub warnte, ließ ich als Kind auch den einen oder anderen kleinen Knallfrosch über den Gehweg hüpfen. Niemand konnte sich in meinem Umfeld jedoch den massenhaften Start von Raketen oder den Dauerbeschuss durch Batteriefeuerwerk vorstellen. So halte ich keineswegs den einen oder anderen Böller oder eine einzelne Silvesterrakete für das eigentliche Problem, den Griff zu relativ preisgünstigen Feuerwerksartikeln, die in der Werbung gleich 100 oder 200 „Schuss“ verheißen, allerdings schon. Und es ist dieses massenhafte Phänomen an Sylvester, welches die Feinstaubwolken hervorruft. Manche Zeitgenossen feiern dazuhin nicht nur mit lautstarkem Feuerwerk. In einer Zeit, in der in unseren Ballungszentren zur Jagd auf das letzte Mikrogramm Feinstaub geblasen wird, werden durch das Silvesterfeuerwerk innerhalb einer Stunde 4200 Tonnen Feinstaub in die Luft geschleudert. Die Feinstaubmesswerte sausen nach oben! Am nächsten Tag liegen dann auch noch viele Tonnen Müll auf Straßen und Plätzen.

Explodierende Feuerwerksraketen am dunklen Himmel.
4200 Tonnen Feinstaub werden in Deutschland durch die Feuerwerksartikel in die Luft geblasen. Das sind 2 % der jährlichen Gesamtmenge – an Silvester in mehr oder weniger einer Stunde. (Bild: Ulsamer)

Verängstigte Tiere – verletzte Menschen

Viele Hunde und Katzen verkriechen sich in den Wohnungen, wenn es kracht, freilebende Tiere suchen das Weite, wenn Böller und Raketen das Regiment übernehmen. So manches Haus fing schon Feuer, unvorsichtige Menschen landen jedes Jahr mit Verbrennungen oder Gehörschäden im Krankenhaus: „In Deutschland erleiden jährlich zirka 8.000 Menschen zu Silvester Schädigungen des Innenohrs durch Feuerwerkskörper. Viele dieser Menschen behalten bleibende Schäden“, so das Umweltbundesamt. Doch die ‚Knallerei‘ geht weiter! In Deutschland werden jährlich rd. 43 000 Tonnen Feuerwerksartikel verkauft, und die Bundesbürger geben dafür auch 2019 nach Aussagen des Verbands der pyrotechnischen Industrie über 130 Mio. Euro aus.

Immer wieder weisen Politiker, die Beschränkungen für das Feuerwerk verhindern wollen, darauf hin, dass in der Silvesternacht durch Raketen und Böller ‚nur‘ zwei Prozent der jährlichen Feinstaubmenge in unsere Umwelt gelangen. Aber mal ganz ehrlich: 2 % der Jahresmenge an Feinstaub in mehr oder weniger einer Stunde! Ein Jahr umfasst genau 8760 Stunden. Schon überschlägig wird daran deutlich, welch gewaltiger Anteil zwei Prozent des Feinstaubs in einer Stunde sind. Dies gilt in ganz besonderer Weise in Städten mit Überschreitungen der EU-Vorgaben für Feinstaub und daraus resultierenden Fahrverboten. Da frage ich mich manchmal schon, ob es ‚bösen‘ und ‚guten‘ Feinstaub gibt? Der ‚böse‘ Feinstaub würde dann nach Meinung mancher Politiker wohl nur von Fahrzeugen freigesetzt oder aufgewirbelt.

Grafische Darstelung der Emissionswerte in verschiedenen Farben. Dramatische Spitzen zeigen sich an Silvester um Mitternacht.
An Silvester treibt das Feuerwerk die Messwerte für Feinstaub steil nach oben. (Bild: Umweltbundesamt)

Ausgleich zwischen Tradition und Umwelt schaffen

„Traditionen und Bräuche sind Teil unseres Lebens und sollen dies auch bleiben“, betont das Umweltbundesamt. „Wir bitten Sie jedoch, einen Beitrag zur Verminderung der Feinstaubbelastung und des Lärms in der Silvesternacht zu leisten: Schränken Sie Ihr persönliches

Ganzseitige Anzeige von Lidl mit Feuerwerksartikeln.
Silvester-Feuerwerk: Die schiere Menge schafft die Probleme für Umwelt, Mensch und Tier. Eine deutliche Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes könnte vielleicht zur Selbstbeschränkung anregen. (Bild: Anzeige in Tageszeitungen)

Feuerwerk ein oder verzichten bestenfalls sogar ganz darauf.“ Dieser Bitte kann ich nur zustimmen, und vielleicht daran erinnern: Das neue Jahr konnte ‚früher‘ natürlich mit weniger Böllern und Raketen sowie gänzlich ohne Batteriefeuerwerk begrüßt werden. In vielen Fällen wurden dann auch die Kirchenglocken nicht übertönt, die das neue Jahr einläuteten.

Wer Feuerwerk abbrennt, der sollte ganz selbstverständlich seinen Müll anschließend mit nach Hause nehmen. Aber die Vermüllung von Straßen und Plätzen geht leider mit immer aufwendigeren Feuerwerksartikeln einher. Es macht wirklich keinen Sinn, beständig über Umwelt- und Klimaschutz zu reden und dann in wenigen Minuten 4200 Tonnen Feinstaub in die Luft zu blasen.

Selbstbeschränkung statt Verbot

Wohlstand hat auch seine Schattenseiten, dies gilt nicht nur für die Dimension heutiger privater Feuerwerke, sondern in gleichem Maße für den Fleischkonsum. Früher gab es den besagten Sonntagsbraten und nicht jeden Tag Schnitzel, Steak oder Bratwurst ‚satt‘. Und genauso ist es beim Feuerwerk: Wer würde Kindern einige kleine Knaller verdenken, aber auch da startet das „Jugendfeuerwerk ‚Pyro-Mix for Kids‘‘‘ gleich mal mit 165 Teilen – für sage und schreibe 2.99 Euro.

Auf einer kleinen Anlage mit grünem Gras liegen verstreut die Überreste des Feuerwerks.
So sollte es nach Silvester nicht auf Plätzen und Straßen aussehen. Die Überreste des Feuerwerks gehören in die eigene Restmülltonne. (Bild: Ulsamer)

Wir brauchen ein Umdenken in unserer Gesellschaft, das den Mittelweg wieder anpeilt. Immer mehr von allem – sei es Feuerwerk oder Fleisch – bringt die kleine und die große Welt aus dem Gleichgewicht. Sollte der ‚gesunde Menschenverstand‘ nicht zum Tragen kommen, werden Restriktionen zunehmen – wie wir dies mit Fahrverboten schon mal erleben müssen. Selbstbeschränkung muss das Ziel sein, und dies gilt gerade auch für das Feuerwerk an Silvester. Tiere und Umwelt sowie emissionsgeplagte Bürger wären für eine deutliche Reduzierung der Silvester-Knallerei dankbar.

 

Helle Sterne am Nachthimmel.
Die Einstellung der Deutschen zum Silvesterfeuerwerk ist weiterhin zwiespältig. So bekannten in einer aktuellen YouGov-Umfrage für dpa 84 % der Befragten, es sei schön, Feuerwerk zu betrachten, doch in einer Befragung für das Redaktionsnetzwerk Deutschland erklärten 57 % der Interviewten, sie seien für ein Verbot an Silvester. Aber es lässt sich durchaus auch bei einzelnen Handelsketten ein Umdenken erkennen, so will Hornbach 2020 keine Feuerwerksartikel mehr anbieten, und einzelne Filialen von Edeka und Rewe haben bereits auf den Verkauf von Böllern verzichtet. (Bild: Ulsamer)

 

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