Sekrè-Handtaschen: Zerschnittene Geschichte

Historische Briefe werden mit Staatsgeldern zu modischen Accessoires

Nicht jeder muss sich als Leser für einen Brief von Alexandre Dumas oder Charles Dickens begeistern, und nicht jede Leserin muss sich für Notizen von Kaiserin Maria Theresia oder Fürst von Metternich interessieren, aber dürfen deshalb deren Schriftstücke zerschnippelt und in besonders teure Handtaschen eingeklebt werden? Ich glaube, nein! Die Firma ‚Sekrè‘ sieht dies anders. Sie hat sich entsprechende historische Dokumente beschafft und diese Originale zur ‚Aufwertung‘ ihrer Handtaschen zerschnitten. Besonders ‚passend‘: das Leder wurde vor der Verarbeitung noch in Champagner eingelegt! Irgendwie komme ich mir vor wie im ‚Alten Rom‘, in der Endphase des Römischen Reiches, als Brot und Spiele die Menschen bei Laune hielten. Und für die Reichen und ‚Schönen‘ dürfen es dann auch aufgepeppte Täschlein sein. Der verstörende politische Thrill: Das Land Nordrhein-Westfalen ist Mitfinanzier der Bonzen-Handtaschen, für die doch einige Tausend Euro zu berappen sind.

Eine Handtasche von Sekrè mit dem Text: "Handtaschen mit Schriftstücken berühmten Persönlichkeiten“
Handtaschen mit Geheimnis – „mystery bag” von Sekrè. Warum auch nicht, könnte man sagen. Aber das eigentliche Geheimnis sind nicht die Utensilien, die Frau oder Mann dort unterbringen, sondern ein Schnipsel eines zerschnittenen Briefs – geschrieben von Kaiserinnen und Königen, Schauspielerinnen oder Giacomo Casanova. Und schon tendiert der Preis der Tasche à la Casanova gen   5 000 Euro. Darf man so mit historischen Schriftstücken umgehen? Nach meiner Meinung: Nein! „Handtaschen mit Schriftstücken berühmter Persönlichkeiten”, so die Sekrè-Eigenwerbung. Doch die Handtaschen enthalten nur einen kleinen Ausriss aus einem Brief oder einer Notiz. (Bild: Screenshot, Internet, sekrebag.com, 24.2.20)

Zerschnippeltes historisches Erbe

Getroffen hat die Schnippelwut – neben den bereits genannten Persönlichkeiten – auch Charles Lindbergh, der als erster den Atlantik per Flugzeug überquerte oder Brigitte Bardot, die Schauspielerin und Tierschützerin. Die britische Königin Victoria muss ebenso mit ihren persönlichen Hinterlassenschaften herhalten wie die Schauspielerinnen Marlene Dietrich oder Katharine Hepburn und ihre Kollegin Grace Kelly, die sich ihren Lebensweg als Fürstin von Monaco krönte. Die russische Zarin Elisabeth Alexejewna oder der preußische König Friedrich Wilhelm III. werden gänzlich ungefragt über ihre Aufzeichnungen zu Handtaschenverkäufern degradiert.

Zeichnung - Brustbild - von Maria Theresia in einer Werbeung von Sekrè.
Maria Theresias Brief aus dem Jahre 1756 reicht in kleine Zettelchen zerschnippelt immerhin für 81 Taschen. So sollte ein Schreiben der österreichischen Kaiserin eigentlich nicht enden. (Bild: Screenshot, Internet, sekrebag, 24.2.20)

In meinen Augen ist es ein Ding der Unmöglichkeit, Briefe oder Notizen von politisch und gesellschaftlich interessanten Persönlichkeiten mit der Schere in kleine Zettelchen zu zerschneiden, um dann Handtaschen zu ‚Unikaten‘ zu machen. Hier werden historische Originale kurzerhand zu einem besseren Preisanhänger umformatiert, und dies ganz ohne Zutun der Autoren. Dies halte ich für einen Fehltritt, und damit stehe ich nicht alleine. So betonte in der Londoner ‚Times‘ Leo Litvack, der Herausgeber eines Projekts zu Briefen von Charles Dickens: „I can’t imagine who would buy such a thing except someone who has no care for objects of the past.“ Hat er nicht recht? Diese Taschen mit einem zerschnittenen Brief von Charles Dickens, dem Autor von ‚Oliver Twist‘, ‚David Copperfield‘ oder ‚Eine Weihnachtsgeschichte‘ (A Christmas Carol), kann wirklich nur jemand erwerben, der keinerlei Verständnis für Literatur und Geschichte hat. Selbst kleine Notizen und Briefe können für die Forschung und Literaturfreunde wichtig sein, da sie Aspekte des Lebens eines Autors erhellen können. Wer dieses historische Erbe schändet, der vergeht sich an der Vergangenheit.

Werbung mit Charles Dickens. Ein Fragment eines seiner Briefe soll den Verkauf der Taschen anregen.
Charles Dickens gehört zu den wichtigsten Autoren der Weltliteratur, und er hat es sicherlich nicht verdient, dass ein von ihm handgeschriebener Brief zerschnippelt wird, um Handtaschen von Sekrè aufzumotzen. Wenn ich dann auch noch lese, dass das Land Nordrhein-Westfalen über die NRW.Bank diesen historischen Frevel mitfinanziert, dann frage ich mich schon, ob dies die Aufgabe des Steuerzahlers sein kann. Die Dickens-Kenner, die in der englischen ‚Times‘ zu Wort kamen, waren weniger begeistert. Der Brief sei 1851 geschrieben worden, so Professor Litvack von der Queen’s University Belfast, und nicht 1857 wie Sekrè behauptet. (Bild: Screenshot, Internet, sekrebag, 24.2.20)

Historischer Frevel mit ‚Staatsknete‘

Nicht so schnell, könnte mancher Freund aufgewerteter Handtaschen einwerfen, Banksy hat doch auch ein Bild geschreddert. Ja, aber es ist sein eigenes Werk, und die Fahrt durch den Schredder hat das ‚Love is in the Bin‘ absichtlich verändert. Dies war von Anbeginn vom Künstler

Banksy's 'Love is in the Bin'. Das Bild hängt zur Hälfte unten aus dem Rahmen, in Streifen geschreddert.
Wer handschriftlich verfasste historische Schriftstücke zur Ankurbelung des Handtaschenabsatzes zerschneidet, der vergeht sich am geschichtlichen Erbe. Ganz anders sehe ich es, um Kritikern schon mal vorzubeugen, wenn Banksy ein eigenes Werk während einer Auktion teilweise schreddert. Als Künstler hat er dazu ein Recht, und letztendlich wurde ‚Love is in the Bin‘ für die Erwerberin noch wertvoller. Dankenswerter Weise überließ sie es der Stuttgarter Staatsgalerie für einige Monate. Damit wurde das Werk einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Ganz anders liegt die Sache bei den Brief-Zerstörern von ‚Sekrè‘: Aus kleinen Zettelchen in privaten Handtaschen wird kein neues Kunstwerk, nein, es wurde ein historisches Zeugnis absichtlich zerstört. Und wofür? (Bild: Ulsamer)

so geplant. Sicherlich haben weder Kaiserinnen noch Könige oder Schauspielerinnen bei der Niederschrift daran gedacht, dass ihre Zeilen einst zerschnitten würden, um so Handtaschen von ‚Sekrè‘ besser an Frau und Mann oder an Sammler zu bringen. Aber das Verständnis für historische Schriftstücke oder Ereignisse hat ohnehin stark gelitten, dies belegen beispielsweise Fake-Soldaten, die mit Touristen im Arm am Berliner Checkpoint Charlie ‚Wache schieben‘. Und dann auch noch auf der historisch falschen Seite – nämlich im Osten – ihres Wachhäuschens. Ganz zu schweigen von Twitter-Filmchen, in denen Elon Musk Adolf Hitler zum Fonds-Manager umstilisiert, der an der Börse gegen Tesla gewettet und verloren hat, oder – ein weiteres geschmackloses Beispiel – der Missbrauch des unsäglichen Leids von jüdischen KZ-Gefangenen in einem Promotion-Video von Rammstein.

„SEKRÈ ist die internationale Luxus-Marke der MYSTERY BAG International GmbH. Das deutsch-schweizerische Startup wurde 2018 gegründet“, so heißt es auf der Internetseite des Unternehmens. Was dann folgt, das irritiert mich allerdings sehr: „Neben anderen in- und ausländischen Gesellschaftern ist das Land Nordrhein-Westfalen über die NRW.Bank beteiligt.“ Wie war das nochmal? Seit Jahren durften die wirtschaftlich erfolgreicheren Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg das Land Nordrhein-Westfalen über den Länderfinanzausgleich über Wasser halten, die Fördermilliarden des Bundes versackten im Ruhrgebiet, und dann hat Nordrhein-Westfalen nichts Besseres zu tun, als eine Firma zu finanzieren, die historische Schriftstücke zerschneidet, um damit ihre Handtaschen zu verkaufen!  „mystery bag“, so lautet der Untertitel des Unternehmens: Mysteriös ist für mich eher, wie ein Bundesland darauf kommt, einen solchen historischen Frevel zu finanzieren. Zumindest in der ‚Times‘ fand dieses Ansinnen keinen Anklang. Eigentlich hatte ich den Titel meines Blogs eher ironisch gemeint, aber bei solchen Vorgängen fühle ich mich dann doch bereits in einer Bananenrepublik!

Anzeige mit einer Zeichnung des Oberkörpers von Königin Vivtoria in einer Werbeung für Handtaschen.
Nicht nur britische Monarchisten dürften es befremdlich finden, wenn mit Königin Victoria für Handtaschen geworben wird. Ein handschriftlicher Brief aus dem Jahre 1855 wurde fein säuberlich zerschnitten, um mit diesen Fragmenten 33 Handtaschen von Sekrè besser verkaufen zu können. Das scheint auch gelungen zu sein, allerdings auf Kosten eines historischen Briefs und einer Persönlichkeit, die sich nicht mehr wehren kann. (Bild: Screenshot, Internet, sekrebag, 24.2.20)

Historische Erzeugnisse brauchen Schutz

Generell würde ich mir mehr Rücksicht auf politische und historische Ereignisse wünschen, die für unsere Gegenwart und Zukunft relevant sind. Dies gilt auch für Briefe und Notizen von historischen Persönlichkeiten. Wer Originalschriftstücke in Schnipsel verwandelt, um seine Handtaschen aufzupeppen – wie dies ‚Sekrè‘ tut – der handelt in meinen Augen ethisch fragwürdig.

Was wäre denn, wenn das nächste ‚Verkaufstalent‘ ein Gemälde von Claude Monet oder Vincent van Gogh zerschneidet oder eine Skulptur von Michelangelo zerdeppert, um mit diesen Bruchstücken seine Erzeugnisse besser verkaufen zu können? Eine Gesellschaft, in der Kulturgüter der Vergangenheit mutwillig zerstört werden, muss sich ernsthaft um ihre Zukunft Sorgen machen.

 

Der preußische König Friedrich Wilhelm III. in einer Sekrè-Werbung.
Der preußische König Friedrich Wilhelm III. wird posthum gewissermaßen zum ‚Handtaschenverkäufer‘: Ein handgeschriebener Brief von 1825 fiel den Schnipplern von Sakrè zum Opfer. Vielleicht ist dieser Umgang mit der Geschichte aber auch schon in Mode gekommen, denn in Stuttgart steht eine Statue von König Wilhelm II., dem letzten württembergischen König jetzt nicht mehr vor dem Wilhelmspalais, dem Wohnort des letzten württembergischen Königs, sondern auf dem Hinterhof neben einem blauen Container. Und ganz unhistorisch erhielt das Gebäude auch einen neuen Namen: StadtPalais. (Bild: Screenshot, Internet, sekrebag, 24.2.20)

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