Seevögel in Not

Leergefischte und vermüllte Meere zerstören die Vogelwelt

Seevögel haben es nicht leicht in unserer vom Menschen oft erbarmungslos ausgeplünderten Natur. Überfischung und Verschmutzungen mit Öl und Chemikalien rauben vielen Seevogelarten die Nahrung für sich und ihre Jungen. In immer mehr Mägen tot aufgefundener Seevögel findet sich Plastikmüll, und an Land fehlt es ihnen an Brutplätzen, denn Strände werden – nicht nur in Corona-Tagen – von Zwei- und Vierbeinern unsicher gemacht, die auch die letzte Klippe ‚erobern‘, und auf abgelegenen Brutinseln haben sich mit menschlicher ‚Hilfe‘ Katzen und Ratten breitgemacht. So ist es kein Wunder, dass Seevögel in weiten Regionen ums Überleben kämpfen. Darüber dürfen auch Pulks von Möwen nicht hinwegtäuschen, die sich auf Futtersuche in die Nähe des Menschen wagen, um dort gern mal eine Fastfood-Tüte zu plündern. So gehen Studien davon aus, dass die Zahl der Seevögel von 1950 bis 2010 um rd. 70 % zurückgegangen ist, und seither setzt sich der Niedergang fort. Die internationale Naturschutzorganisation BirdLife sieht 28 % der 346 Seevogelarten als vom Aussterben bedroht an. Seevögeln ergeht es wie vielen gefiederten Artgenossen in Stadt und Land, sie sterben lautlos und unsichtbar, so wird die dramatische Lage oft übersehen.

Ein Basstölpel im Flug. Rt ist überwiegend weiß gefiedert, nur die Spitzen der Flügel sind schwarz.
Dieser Basstölpel flog problemlos neben einer Fähre aus Irland nach Wales einher, kein Wunder, denn er bringt es bei ruhigem Wetter leicht auf 50 bis 60 Stundenkilometer und kann eine herkömmliche Autofähre locker überholen. Beeindruckend ist es, wenn der Basstölpel sich aus großer Höhe pfeilschnell ins Wasser stürzt, um dort einen Fisch zu fangen. Seine Spannweite von bis zu 180 Zentimetern ist enorm, und er muss dann seine Flügel vor dem Eintauchen ins Meer, das er mit bis zu 100 km/h erreicht, eng an den Körper legen, um keinen Schaden zu nehmen. (Bild: Ulsamer)

Tödliche Kunststoffflut

Mindestens eine Million Seevögel verendet jährlich, so Greenpeace, da sie Kunststoffteile bei der Nahrungssuche aufgenommen haben. Viele von ihnen verhungern mit ‚vollem‘ Magen, allerdings hat sich dort nur Plastikmüll angesammelt, und sie können keine Fische oder Krebstiere mehr verdauen. Ein einzelner Fetzen eines Luftballons oder einer Plastikfolie reicht bereits, um einen tödlichen Verschluss im Verdauungstrakt hervorzurufen. Dr. Lauren Roman und ihre Kollegen haben im australischen Tasmanien 1733 tot aufgefundene Seevögel von 51 Arten untersucht und konnten einen direkten Zusammenhang zwischen der Anzahl und dem Gewicht von verschluckten Kunststoffteilen und dem frühen Tod feststellen. In den Mägen von 557 Seevögeln fand sich Müll, der mit der See unterwegs war. In der Nordsee wurden tote Eissturmvögel untersucht, und in den Mägen von 95 % der Tiere fanden sich Plastikteile. Kunststoffe sind in unseren Ozeanen zu einer tödlichen Gefahr für Vögel und Fische, aber auch für Wale, Delfine oder Schildkröten geworden. Und der Fischesser bekommt über die Nahrungskette seinen Anteil an der Plastikflut ab. Es geht – wie man sieht – nicht nur um die Umwelt, die Natur oder einzelne gefährdete Tierarten, es geht auch um uns Menschen.

Drei Eissturmvögel sitzen auf einem Klippenvorsprung. Rötliche Schnäbel, weiße Federn am Bauch und Hals, auf dem Rücken grau-braune Federn. Auf der Nase haben sie einen Höcker, durch den sie salzhaltiges Wasser abgeben können.
Angreifer wie Raubmöwen oder auch Katzen bespucken die Eissturmvögel mit einem stinkenden Magenöl, das die Federn des Angreifers verklebt. In ihren Kolonien geben sie sich mit einem kleinen Plätzchen auf den felsigen Klippen zufrieden. Fulmars können in Freiheit 30 bis 40 Jahre alt werden und verbringen ihr Leben – außerhalb der Brut- und Aufzuchtzeit ihres Kükens – auf dem offenen Meer. Überfischung raubt ihnen zunehmend die Lebensgrundlage, und Plastikmüll tötet viele Eissturmvögel. Über den kleinen Höcker an der Oberseite des Schnabels können die Eissturmvögel Salz abgeben, das sie bei der Nahrungsaufnahme geschluckt haben. (Bild: Ulsamer)

Jährlich enden in der Europäischen Union unglaubliche 200 000 bis 500 000 Tonnen Kunststoffe im Meer, was zeigt, dass die Vermeidung und das Recycling von Kunststoff weiter intensiviert werden muss. Die EU-Kommission hat die Verschmutzung der Meere zu lange negiert, und ganz gewiss sind nicht Trinkhalme oder Wattestäbchen das vordringliche Problem, die die europäischen Bürokraten zuerst auf die Streichliste setzten. Zerfallende Plastikflaschen finden sich dagegen zuhauf an den Stränden und im Meer, doch von einem europaweiten Pfand für Plastikflaschen sind wir noch weit entfernt. Zusätzliche Probleme macht der verstärkte Einsatz von Mikroplastik in unterschiedlichen Erzeugnissen wie Peelings oder Zahncreme. Erschreckende 75 000 bis 300 000 Tonnen Mikroplastik finden sich pro Jahr in der EU-Umwelt wieder. Im globalen Maßstab liegt Europa zumindest beim Plastikmüll nicht an der Spitze: Weltweit landen rd. 5 bis 13 Mio. Tonnen Kunststoffe jedes Jahr im Meer! China nimmt hier über den Jangtsekiang einen fragwürdigen Spitzenplatz ein. „Von den jährlich 78 Millionen Tonnen der weltweit gebrauchten Plastikverpackungen gelangen 32 Prozent unkontrolliert in die Umwelt, wie zum Beispiel in die Meere“, so der WWF. „Zudem gelangen auch Mikroplastikpartikel in Gewässer und die Ozeane. Im Meer sind gerade diese kleinen Partikel ein großes Problem, da sie von den Meerestieren mit Nahrung, zum Beispiel Plankton, verwechselt werden. So konnten in Muscheln, die Planktonfiltrierer sind, diese kleinen Plastikpartikel nachgewiesen werden.“ Wenn der Austernfischer dann eine seiner Lieblingsspeisen öffnet, frisst er mit der Muschel gleich das Mikroplastik mit. Ein wahrer Teufelskreis! Reste von Kunststoffflaschen an den Stränden oder treibende Plastiktüten sind nicht nur optisch ein Alarmsignal, sondern sie sind gewissermaßen die sichtbaren Vertreter der Plastikflut, denn die kleinen Teilchen am Spülsaum oder gar Mikroplastik stechen nicht gleichermaßen ins Auge. Gerade für Seevögel allerdings werden Plastikteile zu einer immer größeren Gefahr.

Eine Silbermöwe sitzt auf einem Bojenstück, das an einem Holzpfosten befestigt ist. Sie ist von der schwarzen Schwanzspitze bis zum Kopf rund 60 Zentimeter groß.
Möwen haben bei vielen Menschen kein gutes Image, denn sie landen auch mal auf einem Tisch, der nach dem Essen noch nicht abgeräumt wurde, wodurch sie mehr Tohuwabohu verursachen, als wenn ein Spatz dasselbe tut. Oder sie schnappen sich Fastfood direkt aus der Hand eines unvorsichtigen Zeitgenossen, was allerdings Einzelfälle sind, die nicht selten durch eben jene Menschen provoziert werden. Möwen sind nicht nur als Nahrungsopportunisten verschrien, sondern sind besonders als Gesundheitspolizisten unterwegs, die Kadaver von Schafen oder angeschwemmten Meerestieren beseitigen, und so manche Überreste eines Picknicks am Strand finden eine Verwertung. (Bild: Ulsamer)

Abwässer schwappen ins Meer

Mit Öl verklebte Seevögel gehören meist zu den Opfern, wenn aus Schiffen oder aus Förderplattformen Öl austritt und das Meer verschmutzt. Größere Katastrophen – wenn z. B. ein Tanker an der Küste zerbricht – finden zwar mediale Resonanz, doch die alltägliche Verschmutzung unserer Meere mit von Schiffen abgelassenem Öl, chemischen Stoffen oder nicht geklärten Abwässern aus Städten und Industrieanlagen löst meist keinen Aufschrei aus. Selbst in Europa fließen kommunale und gewerbliche Abwässer noch in weiten Regionen ungeklärt in Flüsse und Meere, und dies gilt nicht nur für Süditalien, sondern auch für Irland und so manchen anderen unserer ‚Nachbarn‘. Aller möglicher ‚Dreck‘ im umfassenden Sinne des Wortes ergießt sich ins Meer, sogar direkt von den Schiffen. „Die Meeresumwelt wird durch die Seeschifffahrt erheblich belastet.“, so das Umweltbundesamt. „Umweltgefährliche Chemikalien im Schiffsanstrich, das Einschleppen von standortfremden Organismen als Bewuchs oder mit dem Ballastwasser, das Einbringen von Abwasser und Abfällen ins Meer, Schadstoffe aus Abgasen oder Ölverunreinigungen sowie Schiffslärm beeinträchtigen den Zustand der Meeresumwelt.“

Schwarz-weiße Vögel - Austernfischer - und kleinere Steinwälzer mit weißem Bauch und braun-geschecktem Rücken.
Seevögel haben es immer schwerer in einer Zeit der Überfischung und Vermüllung der Ozeane. Zwar werden weniger Seevögel als Nahrung von Insel- und Küstenbewohnern gejagt, und auch die zweibeinigen Eierdiebe sind weniger geworden – zumindest im Atlantik -, doch ihr Lebensraum schrumpft durch die Eingriffe einer wachsenden Menschheit. Austernfischern fehlt oft die Nahrung, Steinwälzern ein ruhiger Platz für das Nest. (Bild: Ulsamer)

Zwar ist das ungeregelte Einleiten von Abwässern für größere Schiffe verboten, doch „dürfen zum Beispiel mechanisch behandelte und desinfizierte Abwässer ab einer Entfernung von drei Seemeilen zur Küste“ ins Meer eingeleitet werden, so das Bundesumweltamt. Da arbeitet die Politik an Land daran, Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe gegen Mikroplastik aufzurüsten und im Meer reicht ein mechanisches System, das die größten Brocken zurückhält! Das passt für mich nicht zusammen. Völlig abwegig ist es, dass Sportboote selbst von diesen Regelungen ausgenommen werden: Es dürfen gerne mal 15 Personen an Bord sein. So mancher frühere Fischereihafen glänzt heute durch eine Marina für Freizeitkapitäne. Die Zahl der Sportboote ist geradezu explodiert, worunter auch die Gewässer leiden. Selbst Greta Thunberg ließ sich mit einer High-Tech-Jacht ohne WC in die USA schippern. Die Verschmutzung der Meere muss beendet werden, und dies gilt für die kleinen Einleitungen von Fäkalien ebenso wie für die großen Verschmutzer, die sich des Altöls entledigen oder Container mit chemischen Stoffen verlieren. Die Seevögel und andere Meeresbewohner sind die Leidtragenden eines achtlosen Umgangs mit der Natur.

Papageitaucher - Puffins - auf einer Klippe über dem Meer. Ein Vogel landet gerade. Sie sehen aus wie im Frack. Schwarze Rückenfedern, weiße Brust, bunter Schnabel.
Zu den gefährdeten Seevögeln gehören nach der Listung der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) seit 2015 die Puffins. Die Papageitaucher finden nicht nur wegen der Überfischung, sondern auch als Folge der Erwärmung im Zuge des Klimawandels immer weniger Sandaale in ihren Brutgebieten. Wenn der Lebensraum schwindet, dann nutzt auch das schöne Federkleid wenig. Aufgenommen haben wir die Flugkünstler auf der Insel Skellig Michael vor der irischen Südwestküste. (Bild: Ulsamer)

Überfischung zerstört die Lebensgrundlagen

Basstölpel sind für mich bewundernswerte Vögel: Sie stürzen sich mit bis zu 100 km/h auf der Jagd nach Fischen fast senkrecht und mit angelegten Flügeln wie ein Pfeil ins Wasser, und sie legen zwischen Nest und Fischgründen gerne 50 oder 100 km zurück. Zwar haben die Basstölpel nach dem weitgehenden Ende der Bejagung und des Einsammelns ihrer Eier für die Ernährung von Inselbewohnern im 20. Jahrhundert zugenommen, doch auch ihnen macht die Überfischung zu schaffen, denn in weiten Regionen werden die Fische immer seltener. Eine akute Bedrohung stellt die Leinenfischerei dar, da die eingesetzten Leinen dutzende von Kilometern lang sind, und die Basstölpel verfangen sich in diesen oder beißen sich an den Haken mit Aas fest. Treibende Geisternetze, die nach einer Beschädigung über Bord geworfen oder bei Stürmen losgerissen wurden, sind extreme Gefahrenquellen – auch für andere Seevögel oder Delfine. „Vor allem die Fischgründe des Nordatlantiks und des Mittelmeers sind mit gigantischen Schleppnetzen inzwischen praktisch leergefischt“, so Greenpeace. Der Einsatz von Schleppnetzen müsste stärker beschränkt werden, da sie mit ihren Gewichten den Meeresboden regelrecht umpflügen – und dies mehrmals jährlich. Die engmaschigen Netze aus hochfestem Kunststoff führen zu riesigen Mengen an Beifang, und so bleibt für die Seevögel immer weniger an Nahrung übrig.

Grau-weiße Möwe beim Aufpicken von Muscheln.
Möwen sorgen im Regelfall selbst dafür, dass ihr Tisch gedeckt ist, und nicht selten finden sie auch genügend Abfälle, die die Menschen hinterlassen haben. Diese Silbermöwe holte mit ihrem Schnabel in Belfast Miesmuscheln aus der Kaimauer und ließ sie aus der Höhe auf den Boden fallen, um sich das Öffnen zu erleichtern. (Bild: Ulsamer)

Nicht nur für viele Seevögel wird der Fisch knapp. Im Bereich der Europäischen Union gelten zwar Fangquoten, die eine Überfischung verhindern sollen, doch die zulässigen Mengen liegen meist über wissenschaftlich vertretbaren Grenzen. Und die Fangflotten weichen immer stärker in andere Gebiete aus, so z. B. vor die afrikanische Küste, um dort die Netze auszuwerfen. Damit gefährden sie vor allem die Ernährung der einheimischen Bevölkerung und die Arbeitsplätze der Fischer, die mit ihren kleinen Booten gegen riesige Trawler und Fabrikschiffe nicht ankommen. Besonders dreist ist die chinesische Armada unterwegs, die selbst vor den Galapagosinseln auftaucht. Wenn manche Zeitgenossen mit immer rücksichtsloseren Fangmethoden die Meere leerfischen, bedroht dies nicht nur die Seevogelbestände, sondern auch die kleineren Fischer. Im Grunde spielt sich die gleiche Zerstörung der Natur ab wie an Land, und wie hier hat die fehlgeleitete EU-Agrarpolitik ein Sterben von Insekten, Vögeln und bäuerlichen Familienbetrieben zur Folge. Die Überfischung zerstört eben nicht nur die Lebensgrundlage von Seevögeln, Delfinen und Fischen, sondern auch das menschliche Dasein.

Aus der Ferne aufgenommen und schwer erkennbar: ein Sandregenpfeifer sitzt auf seinem Nest. Der grau-braune Rücken ähnelt dem umgebenden Sand und den Steinen.
Sandregenpfeifer gehören in den letzten Jahren zu den Verlierern unter den Seevögeln, denn ihnen fehlen einsame Stände, ohne Menschen oder freilaufende Hunde. Sie bauen ihre kleinen Nester gerne am Strand auf trockenen Stellen mit guter Rundumsicht, um Feinde erkennen zu können. In Arealen mit höherem Bewuchs können sich Beutegreifer – wie der Fuchs – leicht anschleichen. Es ist daher unerlässlich, bestimmte Strände von Freizeitsportlern oder anderen Besuchern freizuhalten. Dieses Foto wurde aus großer Entfernung mit einem entsprechenden Teleobjektiv aufgenommen, um den brütenden Sandregenpfeifer nicht zu stören, allerdings hatte er sich einen Strand mit relativ vielen Wanderern und noch mehr freilaufenden Hunden ausgesucht. Ob er wohl erfolgreich war? (Bild: Ulsamer)

Kein ruhiges Plätzchen

Viele Seevögel verbringen die meiste Zeit des Jahres auf dem Wasser, für die Aufzucht ihrer Jungen allerdings benötigen sie ein ruhiges Plätzchen an Land. Damit meine ich natürlich nicht, dass es in einer Kolonie von Seevögeln wirklich ‚ruhig‘ zugehen würde, doch sie müssen vor Menschen und die sie oft begleitenden Katzen und Ratten sicher sein. Um von den Zweibeinern, die sie jagen oder ihre Eier klauen, nicht behelligt zu werden, brüten z. B. Basstölpel oder Papageitaucher gerne auf abgelegenen Inseln oder entlegenen Klippen. Die von Seeleuten, Siedlern und Schafhaltern mitgebrachten Katzen oder die versteckt mitreisenden Ratten können ganze Seevogelkolonien zerstören. Und wie sollen Sandregenpfeifer im hinteren Bereich eines Sandstrands ihre Eier ausbrüten, wenn dort Hunde frei herumlaufen und unbedarfte Zeitgenossen über die fragilen Dünen klettern, wobei sie die Halt gebenden Stranddisteln oder den Strandhafer zertrampeln? Mögen in Pandemiezeiten Touristen ausbleiben, so nutzt dies vielen Seevögeln wenig, da nicht selten das ökologische Bewusstsein bei den einheimischen Strandbesuchern ebenfalls nicht sonderlich ausgeprägt ist.

Eine Silbermöwe - weißer Körper, graue Schwingen. Daneben ihr braunes Küken auf einer Steinmauer.
Möwen ziehen ihre Küken auch mal in unmittelbarer Nähe zum Menschen auf, wie diese Heringsmöwe hier auf dem Mont-Saint-Michel in der französischen Normandie. (Bild: Ulsamer)

Viele Seevögel, so Eissturmvögel, Papageitaucher oder Basstölpel legen pro Jahr nur ein Ei, und sie werden erst nach dem fünften Lebensjahr oder noch später geschlechtsreif, was bedeutet, dass nicht wie bei manchen Landvögeln ein verlorengegangenes Nest durch eine weitere Brut im gleichen Jahr ersetzt wird, denn dafür bleibt ihnen zu wenig Zeit. Seevogelpopulationen sind somit äußerst anfällig für Extremereignisse – wie Orkane – oder den durch die Fischerei hervorgerufenen Nahrungsmangel. Einen ungestörten Ort zum Brüten ist besonders für die Papageitaucher ein Problem, denn ihr farbenfrohes Äußeres und das etwas tollpatschige Verhalten an Land lockt natürlich menschliche ‚Störenfriede‘ an. Die Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) stuft die Puffins seit 2015 als gefährdet ein. Von besonderer Bedeutung ist es, die Seevögel in ihren Brutgebieten möglichst umfassend zu schützen, was auch die Sperrung bestimmter Areale zur Brutzeit für Besucher erforderlich macht. Wer auf einsamen Inseln die Brut von Seevögeln sichern will, der muss mit Nachdruck gegen streunende Katzen, freilaufende Hunde und eingeschleppte Ratten vorgehen.

Ringelgänse (braun-grau) landen in einer Bucht.
Ringelgänse, die in Grönland brüten, überwintern beispielsweise in Irlands Südwesten. Bei allen Eingriffen in die Küstengebiete und die Ozeane – wie bei Windparks – müssen auch die Zugrouten der Vögel berücksichtigt werden. (Bild: Ulsamer)

Klimawandel und Windparks

Vögel haben im Gegensatz zum Eisbären in Zeiten des Klimawandels eine Chance, ihren Ort den veränderten Klimabedingungen zumindest teilweise anzupassen. Wer es kühler mag, der zieht gen Norden, so könnte man sagen, doch dies ist nur eine Scheinlösung, denn das gesamte Artenspektrum wird sich in manchen Regionen wandeln. So müssten nicht nur neue Brutplätze, sondern auch andere Fischgründe gefunden werden, und zwar in einer Welt, in der mehr und mehr Menschen zu Klimaflüchtlingen werden und in bisher nicht besiedelte Regionen vorstoßen. Da dürfte für Seevögel wenig Raum bleiben, wenn diese nicht ganz bewusst und gut organisiert unter Schutz gestellt werden. Seevögeln wird es wie Menschen gehen, wenn der Meeresspiegel ansteigt: dann gehen Brutplätze auf Inseln, die sich kaum aus dem Wasser erheben, unter. Der Kampf gegen die Erderwärmung ist deshalb nicht nur aus rein menschlichem Eigennutz unerlässlich, sondern auch im Sinne des Naturschutzes zwingend. Leider werden Klima-, Umwelt- und Naturschutz noch zu selten als eine untrennbare Einheit verstanden.

Eine Krähenscharbe (shag) aus der Familie der Kormorane. Ein Jungtier, daher braunes Gefieder und noch nicht schwarz.
Der Kormoran – genauso wie hier sein ‚Cousin‘, eine junge Krähenscharbe oder Shag im Hafen von Dingle – wird es sicherlich nicht mehr zum Liebling von Fischern und Anglern schaffen, denn diese fordern oft seine Dezimierung, weil er ihnen Fische wegschnappt. Dank eines geringeren Verfolgungsdrucks haben es die dunkel gefiederten Vögel geschafft, auch im Binnenland wieder Fuß zu fassen. Doch in Deutschland werden jährlich tausende von Kormoranen getötet. Kormorane leben gerne in Kolonien auf Felsen oder Bäumen, und nach dem Tauchen in bis zu 30 Meter Tiefe sind sie gut daran zu erkennen, dass sie ihre Flügel weit öffnen und zur Sonne hin ausrichten. Sie können ihre Federn nicht einfetten und müssen daher auf Wind und Sonne beim Trocknen setzen. (Bild: Ulsamer)

Im Kampf gegen die Erderwärmung setzt die Menschheit auf regenerative Energie – und dies ist richtig. Doch gerade beim Bau von Windparks im Meer müssen stärker als bisher die Zugrouten von Vögeln und die Auswirkungen auf Meeresbewohner wie Delfine berücksichtigt werden. „Auch Offshore-Windenergieanlagen bergen Risiken für marine Ökosysteme, besonders, wenn sie an ungünstigen Standorten gebaut werden. Studien zeigen schädliche Auswirkungen auf Meeressäuger, Vögel, Fische und den Meeresboden.“, unterstreicht der NABU. Beim Einrammen der Fundamente für Windkraftanlagen entsteht trotz Verbesserungen ein Schalldruck, der bei Schweinswalen zu zeitweiliger Schwerhörigkeit führen kann. Viele Meeresbewohner – wie Delfine und Wale – haben ein sehr sensibles Gehör, und nutzen Schall zur Orientierung, zum Finden von Artgenossen und für das Aufspüren von Fischschwärmen. So mancher Windparkbetreiber realisiert sein Projekt gerne im Meer, da dort die Winde kräftig und häufiger wehen, doch manch anderer ‚flüchtet‘ eher vor den Klagen der Bürger: Allerdings müssen die Nöte von Meeresbewohnern ebenfalls früh in die Planungen einbezogen werden.

Ein Eissturmvogel von oben (von einer Klippe) aufgenommen. Unter ihm das brodelnde Meerwasser. Die Schwingen hält der Vogel starr. Sie sind gräulich.
Eissturmvögel ziehen ihre segelnden Runden mit starren Schwingen, und dies unterscheidet sie im Flugbild z. B. von Möwen. Die Eisturmvögel nehmen ihre Nahrung häufig direkt an der Oberfläche auf, doch sie können auch tauchend nach Futter suchen. Fische, Tintenfische, Quallen oder Schnecken verspeisen sie gerne, schrecken auch vor Fischabfällen nicht zurück. Ein treibender Walkadaver kann viele hungrige Eissturmvögel anlocken. Wir hatten immer wieder den Eindruck, dass Eissturmvögel neugierig sind, denn sie überfliegen uns beim Beobachten aus einiger Entfernung immer wieder und werfen einen Blick aus niedriger Flughöhe auf uns. (Bild: Ulsamer)

Schutz für gefiederte Freunde

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Unsere Meere werden immer mehr verschmutzt, gerade auch mit Plastikteilen – von Kunststoffflaschen über Folien bis zu Fischernetzen. Tödliche Gefahren werden daraus für viele Seevögel. Während die Vermüllung zunimmt, werden die Fische immer weniger. Die Nahrung wird knapper, und die Vögel müssen immer weiter fliegen, um sich und ihre Jungen ernähren zu können. Auf Klippen und an Stränden sind Wanderer, Badegäste oder Kletterer unterwegs und stören die Seevögel bei der Brut, und selbst auf vorgelagerten Inseln machen sich von den Menschen eingeschleppte Ratten oder Katzen über das Gelege oder die Küken her. Ölreste oder ungeklärte Abwässer zerstören die marine Welt, und Chemiebrühe aus über Bord gegangenen Containern oder Lachsfarmen bedroht das maritime Leben. Windparks können bei unzureichender Planung zur tödlichen Gefahr für vorbeiziehende Vogelschwärme werden.

Stürmische See. Wellen laufen in eine Bucht, das Wasser brodelt. Eine Möwe schnappt sich ihre Beute aus dem tosenden Wasser.
Seevögel kommen mit der Natur gut zurecht, wie diese Mantelmöwe bei der Nahrungssuche an einem stürmischen Abend beweist. Doch die Eingriffe des Menschen – von der Überfischung über die Vermüllung bis zum Fehlen von Brutplätzen – sind zu einer zunehmenden Gefahr für den Bestand zahlreicher Seevogelarten geworden. (Bild: Ulsamer)

Weltweit müssen mehr Vogelschutzgebiete ausgewiesen werden, in denen die Einhaltung der Vorgaben auch konsequent überwacht wird. Selbst im deutschen Wattenmeer, in dem gleich zwei Nationalparks ausgewiesen sind, fehlt es am durchgängigen politischen Willen, wirtschaftliche Interessen hin und wieder mal zu Gunsten der Seevögel zurückzustellen. „Aktuelle Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Bestände vieler typischer Wattenmeervögel in den letzten Jahren stark zurückgegangen sind“, so der NABU. Dies ist ein Warnsignal dafür, dass wir uns verstärkt für das Wattenmeer und seine Vögel einsetzen müssen. Denn trotz des formal hohen Schutzstatus des Gebietes hat der Einfluss wirtschaftlicher Interessen im Wattenmeer zugenommen. Den Nationalparks fehlen groß-räumige Zonen, in denen sich die Natur ungestört entwickeln kann. Auch der Meeresspiegelanstieg bedroht den Fortbestand der Wattflächen und Salzwiesen.“

Zwei Vögel auf einer Klippe, dahinter die Meeresoberfläche. Die Tordalks sind weitgehend schwarz auf dem Rücken, vorne weiß.
Der Tordalk ähnelt der Trottellumme, doch sein Schnabel ist deutlich breiter. Die Schnabelkanten sind scharf wie ein Rasiermesser, daher auch sein englischer Name ‚Razorbill‘. Sein Leben verbringt der Tordalk – mit Ausnahme der Brut- und Aufzuchtphase – auf dem Meer. Er frisst kleinere Fische, aber auch Krebstiere. Bei ihren Tauchgängen besteht die Gefahr, dass sich die Tordalke in Stellnetzen oder sogenannten Geisternetzen verheddern und ertrinken. Plastikmüll wird immer wieder verschluckt und so zu einer tödlichen Gefahr. Diese beiden Vögel kamen uns in Schottland vor die Kamera, doch auch dort herrscht durch Überfischung immer größerer Nahrungsmangel bei Seevögeln. (Bild: Ulsamer)

Die Plastikflut, die sich in unsere Ozeane ergießt, muss gestoppt und die brutale Ausbeutung der Fischbestände beendet werden. Dies sind zwei Mindestvoraussetzungen, um den Schutz der Seevögel im Alltag zu sichern. Seevögel und andere Meeresbewohner brauchen Ruhezonen, in denen auch aus wirtschaftlichen oder infrastrukturellen Gründen nicht eingegriffen werden darf.  Windparks oder Hafenanlagen, Tunnelbauten, Deiche, militärische Übungen, Rohstoffgewinnung oder der Tourismus – einschließlich des Wassersports – müssen mehr Rücksicht auf die Natur nehmen. Ökologie und Nachhaltigkeit dürfen nicht nur in Sonntagsreden ihren Platz finden. Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten, indem er seinen ‚Plastikkonsum‘ verringert und als Tourist Rücksicht auf brütende Seevögel nimmt. Sand- und Seeregenpfeifer zahlen die Zeche, wenn der Massentourismus auch die letzten Zipfel einst unberührter Strände ‚erobert‘, denn sie finden dann keinen Platz für ihre Nester.

Die Seevögel sind – wie ihre Artgenossen im Binnenland – in Not, und wir müssen alles tun, um den Schutz unserer gefiederten Freunde zu verstärken.

 

Ein Sanderling (Vogel) direkt am auflaufenden Wasser mit bräunlichem Tang.
Die Sanderlinge sind kleine Watvögel aus der Gattung der Strandläufer. Und sie machen ihrem Namen alle Ehre, wenn sie eiligen Schrittes am Spülsaum entlang rennen und kleine Krebstiere, Würmer und Insekten aufpicken. Eine ganze Schar von ihnen ist auf dem Beitragsbild ganz oben zu sehen. An unsere mitteleuropäischen Küsten ziehen sie im Regelfall im Winter, wenn es in ihren Brutgebieten in den arktischen Tundren nicht genügend Nahrung gibt. Wenn sie im hohen Norden ihre Küken aufziehen, dann brauchen sie ausreichend Insekten zum Füttern. Das Foto entstand am Ventry Beach im irischen Kerry. (Bild: Ulsamer)

 

 

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