Schwalben: Ausgesperrt und abgeschossen!

Der Lebensraum der Schwalben schwindet

Ein leises Geräusch ließ mich in Richtung Terrassentür blicken. Da entdeckte ich einen kleinen gefiederten Gast: eine Rauchschwalbe hatte sich ins Innere verirrt und ließ sich nicht durch die offene Tür hinaus bugsieren. So nahm ich sie vorsichtig auf – nach langen Jahren hatte ich wieder einen fragilen und leichten Vogelkörper in den Händen. Das war ein sehr bewegendes Gefühl. Als ich den gefiederten Freund spürte, wurde mir noch bewusster, welch ungeheure Flugleistung Schwalben beim Zug in den Süden und zurück hinter sich bringen, und auch bei der Nahrungssuche legen sie unzählige Kilometer zurück.

Eine junge Schwalbe schaut aus dem Nest an der Stallwand. Sie hat den Schnabel geöffnet.
In modernen Massenställen sind Schwalben nicht mehr willkommen, denn solche Anlagen werden hermetisch abgeschlossen, um den Eintrag von Erregern zu verhindern. Komisch nur, dass in früheren Zeiten Kühe im Stall keine Probleme mit Rauchschwalben hatten, aber da durften die meisten Rinder ja auch mal auf die Weide. (Bild: Ulsamer)

Nistplätze und Baumaterial fehlen

Schwalben sind leider – wie viele andere Vogelarten – auf dem Rückzug. Rauchschwalben werden aus immer mehr Ställen ausgesperrt, denn Viehhalter haben aus Angst vor Infektionen ihre Ställe und Scheunen in Hochsicherheitstrakte verwandelt. Auch Mehlschwalben finden an glatten Fassaden von Neubauten und modernisierten Gebäuden keinen Ansatz für den Nestbau. Und ihnen allen fehlt der Lehm aus Pfützen für den Bau ihrer kunstvollen Nester, denn selbst landwirtschaftliche Wege wurden asphaltiert oder zumindest geschottert. Im städtischen Umfeld sind Pfützen und Tümpel ohnehin zur Seltenheit geworden. Und die zunehmenden Dürreperioden lassen natürlich auch feuchte Flächen mit potentiellem Nistmaterial austrocknen.

Schwalbe füttert ihr Küken.
Eine Schwalbenfamilie verfüttert im Jahr 250 000 Insekten. Und wenn diese fehlen, dann geht es auch mit den Schwalben zu Ende. (Bild: Ulsamer)

Nicht nur der Nestbau macht immer größere Probleme, sondern das Nahrungsangebot ist ebenfalls gesunken: „Pro Jahr werden in einer Schwalbenfamilie rund 250.000 Insekten verfüttert“, so der NABU. Und es gibt „durch Monokulturen, den Rückgang der Weidewirtschaft und den Einsatz von Pestiziden immer weniger fliegende Insekten. Ausgerechnet sie bilden aber die Nahrungsgrundlage unserer Sommerboten.“ Das Insektensterben schlägt so unmittelbar auch auf die Schwalben zurück. Der Entomologische Verein Krefeld, der sich seit über 100 Jahren der wissenschaftlich orientierten Insektenkunde widmet, hat in einer Langzeitstudie von 1989 bis 2016 einen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten von über 75 % festgestellt – und dies in über 60 Naturschutzgebieten. Ganz folgerichtig ist der Schwund an Insekten auf landwirtschaftlichen Monokulturen noch dramatischer. Imker haben mir immer wieder bestätigt, dass üppig gespritzte Mais- und Rapsfelder längst zu Todeszonen für Bienen – und andere Insekten – geworden sind. Der NABU Baden-Württemberg hat über 20 Studien zusammengetragen, die allesamt den Schwund an Insekten belegen. Zu gleichen Ergebnissen kommen Langzeitbeobachtungen vom Rand der Schwäbischen Alb und internationale Untersuchungen.

Schwalbe mit blauem Kopf in einem Gebäude aus Naturstein.
Wenn die Nistplätze weniger werden, dann verschwinden auch die Schwalben. (Bild: Ulsamer)

Immer weniger Schwalben

Der dramatische Rückgang der Schwalben lässt sich auch am Vogelschutzbericht 2019 der Bundesregierung ablesen: Von 1980 bis 2016 verzeichneten die Rauchschwalben ein Minus von 26 %, die Mehlschwaben sogar von 44 %. Die Uferschwalben haben um 18 % abgenommen, die Mauersegler um 30 bis 40 %. Über solche Zahlenangaben kann man immer im Detail streiten, doch wer mit offenen Augen durch die Gemeinden, über Wiesen und Äcker geht, der wird schnell erkennen, dass sich die Vögel rar machen – und unter ihnen auch die Schwalben. Dies ist eine eindeutige Folge des immer enger werdenden Lebensraums. Es nutzt den Schwalben somit wenig, dass sie sich als Kulturfolger an den Menschen und seine Bauten gewöhnt haben. Die Intensivierung der Landwirtschaft, die chemische Keule in Stadt und Land oder die Versiegelung immer größerer Flächen rauben ihnen Nistplätze, Nestbaumaterial und vor allem die lebensnotwendigen Insekten.

Schwalbe auf Elektroleitung.
Die Zahl der Schwalben ging in den letzten Jahrzehnten dramatisch zurück. Dies gilt aber auch für viele andere Vogelarten. So verstummt immer mehr der Gesang der Vögel, den mancher nur noch aus dem Kinderlied “Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar” kennt. Bild: Ulsamer)

Auch auf dem Vogelzug in die Winterquartiere und zurück nach Deutschland drohen vielfache Gefahren. Gerade in den Mittelmeerländern werden noch immer Zugvögel abgeschossen oder mit Netzen und Leimruten gefangen. Ägypten oder der Libanon, aber auch Zypern und Malta zählen zu den besonders gefährlichen Staaten für Zugvögel.  „Malta ist das Land mit der höchsten Dichte an Jägern in Europa. Vögel, insbesondere Zugvögel, sind in Abwesenheit anderer größerer Wildarten deren bevorzugtes Ziel, so der NABU. „Entsprechend groß ist der Druck auf die Regierungen des Landes, die seit dem EU-Beitritt des Landes im Jahr 2004 geltenden Richtlinie zum Schutz von Vögeln so auszulegen, dass die Jagd auf Vögel möglichst wenig eingeschränkt wird.“ Auch in Italien droht Zugvögeln der Tod: „Zigtausende italienische Jäger und Vogelfänger respektieren in der Jagdsaison weder geltendes italienisches noch EU-Recht und auch keine Tierschutzgesetze“, unterstreicht ‚Pro Artenvielfalt‘ – eine Organisation, die mit Landkäufen und Vogelschutzcamps gegen die Vogelkiller vorgeht. „Und sie kennen auch keinerlei Rücksicht und Sentimentalität, wenn es um das millionenfache Morden unserer Singvögel in ihren Überwinterungsgebieten und auf ihrem Flug in den Süden geht.“

Zwei Männer mit Gewehren und einem Hund auf einer Sandfläche.
Über die Dune du Pilat an der französischen Atlantikküste bei Arcachon ziehen ganze Vogelschwärme, und merkwürdige Zeitgenossen beziehen dort am helllichten Tag Stellung mit ihren Gewehren. Ihr Äußeres machte deutlich, dass man sie besser nur aus der Ferne ablichten sollte. Überall lagen die Überreste von Schrotpatronen herum. (Bild: Ulsamer)

Vogelmörder als vermeintliche ‚Gourmets‘

Hier noch ein besonders krasses Beispiel, das zwar keine Schwalben betrifft, aber an Widerlichkeit kaum zu überbieten ist. In ‚Geo‘ hat Peter Carstens über eine geradezu abstruse Art berichtet, Gartenammern – auch Ortolan genannt – zu ‚verspeisen‘: „Die Zubereitung: ein Beispiel exquisiter Tierquälerei. Die gefangenen Vögel werden zwei Wochen lang im Dunkeln gehalten und gemästet, um dann in Armagnac ertränkt zu werden. Sie werden gebraten und von Feinschmeckern mit Haut und Knochen als Ganzes in den Mund genommen und zerkaut. Ob zum Schutz vor den Blicken von Tierschützern oder um den Duft der Speise nicht entweichen zu lassen: Echte Gourmets legen sich beim Kauen noch eine Stoffserviette über den Kopf.“ Und wo herrschen solch merkwürdige Essgewohnheiten? Nicht in fernen Regionen, sondern in unserem Nachbarland Frankreich. Artenschutzprojekte für die Gartenammer in Deutschland bleiben natürlich erfolglos, wenn die Vögel auf dem Weg z. B. aus dem niedersächsischen Brutgebiet ins westafrikanische Winterquartier an den Pyrenäen von französischen Bauern mit Fallen abgefangen werden. In der Falle sitzen Gartenammern, die nach ihren Artgenossen rufen und sie so ungewollt ins Elend locken.

Drei Männer mit Bart und nacktem Oberkörper an mehreren Tischen mit unzähligen toten Singvögeln.
Massenhaft Singvögel töten und dann auch noch in die Kamera grinsen, das gibt es leider nicht nur im Libanon. (Bild: Screenshot, Facebook, 20.9.2020)

Manchen schießwütigen Zeitgenossen geht es um die ‚Delikatesse‘, die anderen haben ganz einfach ‚Spaß‘ am Schießen. So mancher selbstgerechte ‚Gourmet‘ schreckt nicht davor zurück, wenige Gramm schwere Vögel, die in Netzen und anderen Fallen gefangen wurden, zu verspeisen. Widerlich, kann ich nur sagen, wenn man sich an unseren kleinen und großen gefiederten Freunden vergreift! Längst geht es bei der Vogeljagd nicht mehr um die Ernährung von Menschen, sondern um absonderliche Essgewohnheiten, die ganz und gar nicht mehr in unsere Zeit passen. Ein Trauerspiel politischer Art ist es, dass der Vogelschutz auch in verschiedenen Mitgliedsstaaten der EU nur auf dem Papier steht! Selbstredend müssen wir auch vor unserer eigenen Haustüre kehren, denn der Raubbau an der Natur zerstört gerade auch die Lebensräume vieler Vögel. So zeigt es sich auch hier: Nur gemeinsam können wir die Vögel besser schützen, in ihren Brutgebieten, im Winterquartier und auf dem Vogelzug! Die einen sperren Schwalben aus Ställen aus, die anderen schießen sie ab: Es ist wirklich kein Wunder, wenn die Bestände der Schwalben dramatisch zurückgehen.

Allen Schwalben, Staren, Gartenammern, Störchen und anderen Vögeln, die sich jetzt wieder in ihre Winterquartiere aufmachen, wünsche ich einen guten Flug. Mögen sie im Süden ein nahrungsreiches Plätzchen finden und nicht selbst auf dem Teller landen.

 

Rauchschwalbe hinter Fenster.
Verflogen. Diese Rauchschwalbe war durch die offene Tür in unser Wohnzimmer geflogen und fand den Rückweg nicht mehr alleine. (Bild: Ulsamer)

 

Eine Schwalbe in der Hand. Sie hatte sich verflogen.
Die in unserem Wohnzimmer gelandete Schwalbe ließ sich problemlos wieder ins Freie bringen. Wie kann man nur Vögel mit wenigen Gramm Gewicht als Delikatesse verspeisen? Schon der Gedanke, dass viele Zeitgenossen dies noch heute in Europa tun, macht mich wütend. (Bild: Ulsamer)

 

Zwei Rauchschwalben in einer Burgruine.
Rauchschwalben lieben auch alte Gemäuer, doch wo saniert wird, gehen oft Nistmöglichkeiten verloren. (Bild: Ulsamer)

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