Schickt Rinder, Schweine und Hühner wieder auf die ‚Weide‘!

Die EU-Agrarpolitik muss neu ausgerichtet werden

Das EU-Parlament und die EU-Kommission, aber auch die deutschen Agrarpolitiker verspielen seit Jahren jede Chance, die Landwirtschaftspolitik an Nachhaltigkeit und Ökologie neu auszurichten. Stattdessen werden immer mehr Schweine, Rinder und Hühner in Massenställe eingepfercht, wo die Tierquälerei auf die Spitze getrieben wird. Aber auch auf Äckern und Wiesen wird die Intensivierung immer extremer – und die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner findet dies auch noch gut. Veränderungswille ist nicht zu spüren, und so sollen Sauen weitere 15 Jahre in Kastenstände gesperrt werden, in denen sie sich nicht einmal umdrehen können. Wir brauchen kein Reförmchen bei den Agrarsubventionen, sondern eine Agrarrevolution. Und zwar jetzt und heute!

Mehrere bräunliche Schweine auf einer Fläche, in der sie such wühlen können.
Früher wurden Schweine zur Mast in den Wald getrieben, heute dagegen in gewaltige Zucht- und Mastanlagen eingekerkert. Aber es geht auch anders, wie dieses Foto zeigt. Eine besonders brutale Haltung erfolgt bei Muttersauen über Wochen in einem Metallkäfig – dem Kastenstand. (Bild: Ulsamer)

Hochtechnologie statt Schweinefüße!

Trecker-Demos, Mahnfeuer und grüne Kreuze ändern nichts daran, dass sich große Teile der Landwirtschaft in Deutschland und Europa verrannt haben: Verbände und Lobbyisten verlangen Zuschüsse für eine immer intensivere Bearbeitung der Äcker, die zu einem Insektensterben gewaltigen Ausmaßes geführt hat und inzwischen auch zum Verschwinden mancher Vogelarten beiträgt. Gülle und Schlämme aus Biogasanlagen verunreinigen mit Nitrat das Grundwasser, Monokulturen zerstören die Artenvielfalt, und die chemische Keule gibt der Natur den Rest. Schuld an diesem Desaster sind jedoch nicht die einzelnen Landwirte, die versuchen, in einem perversen System zu überleben, sondern die politischen Entscheidungsträger in der EU und in den einzelnen Mitgliedsstaaten.

Deutschland sollte alles tun, um sich mit innovativen Technologien an die Spitze zu arbeiten, und dies gilt auch für die Europäische Union, doch das Gegenteil geschieht. Die Hälfte des EU-Haushalts – zumindest vor Corona – versickert im Agrarbereich, und ansonsten versucht man, die Welt zu regulieren, statt sich mit neuen Ideen einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Doch nicht nur bei Internetdienstleistern, IT-Hardware oder der Batterie- und Wasserstofftechnologie hinken wir hinterher, sondern im Agrarsektor fühlt sich die Politik als Exporteur für Fleisch oder Milch nach China wohl. Dies kann nun wirklich nicht die Zukunft der EU sein – und allemal nicht die von Deutschland. Hochtechnologie statt Schweinefüße, dies sollte unser Ziel sein.

Hühner auf einer Wiese mit mobilen Ställen.
Hühner müssen wieder ‚artgerecht‘ gehalten werden! Dazu muss die EU-Agrarpolitik grundsätzlich neu ausgerichtet werden, und zwar an Ökologie und Nachhaltigkeit. Eine Förderung darf es nur noch geben, wenn ökologische Vorteile vorliegen. Die Ernährung der Tiere muss – wie bei vielen Biohöfen – durch Futter von eigenen Flächen oder aus der jeweiligen Region gesichert werden. Eine solche Konzentration der Finanzmittel verhindert Raubbau an den Böden und gibt den Nutztieren mehr ‚Freiheit‘. (Bild: Ulsamer)

Intensivierung der Landwirtschaft zerstört Artenvielfalt

Noch abstruser wird die traurige Realität, wenn in Deutschland und anderen europäischen Staaten Nutztiere mit Futter aus Südamerika gemästet werden, während auf dem Acker vor dem Stall Mais für eine Biogasanlage angebaut wird! Es ist eine Irreführung der Öffentlichkeit, wenn europäische Regierungschefs Jair Bolsonaro zurecht wegen der Brandrodungen im Amazonasgebiet angreifen, gleichzeitig aber Soja von eben solchen Flächen importiert und in den Massenställen verfüttert wird. Und dann exportiert Deutschland Fleisch aus dieser Produktion nach China, doch die Gülle bleibt im Land! Noch schlimmer ist es, wenn die Überproduktion – z. B. bei Hühnerflügeln – dann mit Subventionen nach Afrika weggedrückt wird: Dort können lokale Hühnerzüchter mit ihren wenigen Tieren preislich nicht mithalten, und so mancher macht sich anschließend als Flüchtling auf den Weg nach Europa. So kann man die Probleme, unter denen die Staaten dort ächzen, auch gleich selbst hervorrufen.

Eine weiße Gans mit orangenem Schnabel geht an rötlich blühenden Blumen entlang.
In der EU muss endlich Schluss damit sein, dass in Deutschland zwar die Gänsehaltung zur Erzeugung von Gänsestopfleber verboten ist, ein solches reichlich perverses Produkt aber aus Frankreich weiterhin importiert werden kann. Was nützt eine Europäische Union, wenn sie noch nicht einmal gleiche Tierschutzstandards erarbeiten kann? „Um sich weiter abzusichern erklärte Frankreich im Jahr 2006 Foie Gras sogar zum nationalen und gastronomischen Kulturerbe”, so Dr. Eike Fesefeldt in der ‚Legal Tribune Online‘. Wenn Tierquälerei zum Kulturerbe stilisiert wird, dann mag dies eine französische Entscheidung sein, aber dann müsste auch Deutschland das Recht bekommen, die Einfuhr zu untersagen. Wie weit soll Europa denn noch sinken? (Bild: Ulsamer)

Die Natur wird immer stärker bedroht, und natürlich wissen wir auch, woran dies liegt, aber wir ziehen nicht die richtigen politischen Schlüsse. Auch der neueste ‚Bericht zur Lage der Natur in Deutschland‘, den die Bundesregierung vorgelegt hat, zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, dass es um die Natur in unserem Land schlecht bestellt ist. Knapp 70 % der unter dem Blickwinkel des Artenschutzes bewerteten Lebensräume weisen einen ungünstig-unzureichenden oder -schlechten Erhaltungszustand auf. Kein Wunder, dass auch 63 % der betrachteten Arten in diese negativen Kategorien fallen. Libellen, Käfer und Schmetterlinge sind besonders betroffen, und selbst Wildbienen fehlt der Lebensraum. Zu den Hauptverursachern des Artenschwunds zählt die immer intensivere Landwirtschaft. Wo früher Wiesen zweimal im Jahr gemäht wurden, wird heute eifrig gedüngt, damit das Mähwerk sechsmal zuschlagen kann. Felder haben viele Wiesen verdrängt, Pestizide und Herbizide gefährden nicht nur Insekten und Vögel. Gülle aus der Massentierhaltung schädigt die Natur – und unser Trinkwasser. Der Artenschwund ist nur aufzuhalten, wenn wir unseren Umgang mit den landwirtschaftlichen Arealen ändern und auch den Flächenverbrauch reduzieren. Aber nicht nur Insekten und Vögel machen in einer ausgeräumten Landschaft schlapp, sondern immer mehr familiengeführte bäuerliche Betriebe müssen aufgeben!

Ein irischer Farmer treibt seine Kühe aus dem Auto heraus langsam an einem Strand entlang.
Von einer Weide zur anderen geht es auch mal am Strand entlang: hier im irischen Kerry. Davon können die meisten Rinder nur träumen. (Bild: Ulsamer)

Das Übel an der Subventions-Wurzel packen

Die Bundesregierung unter Angela Merkel, aber auch weite Teile der Opposition sind nicht zu einem fundamentalen Umdenken bereit. Selbst bei Bündnis 90/Die Grünen philosophiert der Ko-Vorsitzende Robert Habeck nur über einen staatlich fixierten Mindestpreis für Fleisch, als würden wir in der DDR leben, doch wir brauchen eine grundlegende Agrarrevolution! Beim Kastenstand, in den Sauen eingekerkert werden, jubilieren die Grünen, man habe dessen Ende eingeleitet, doch dieses ist noch 15 Jahre entfernt! Und mal ganz ehrlich: Im Agrarsektor glaube ich an Veränderungen nur noch, wenn sie auch stattgefunden haben, denn in den letzten Jahrzehnten gab es für jeden Missstand immer wieder eine neue Übergangszeit.

Ein helles und ein dunkelbraunes Rind stehen im Schnee.
In Irland stehen die meisten Kühe fast das ganze Jahr auf der Weide, das werden wir in Deutschland nicht schaffen, und nur die ganz ‚harten‘ überstehen Schnee und Minustemperaturen im Freien – wie diese Nachfahren schottischer Hochlandrinder bei Lenzkirch im Schwarzwald. Doch auch bei uns sollten Rinder die meisten Tage des Jahres auf der Weide zubringen und nicht in Massenställen. (Bild: Ulsamer)

Die Politik sollte auch aufhören, Landwirtschaft und Verbraucher gegeneinander auszuspielen. Beide sind nicht schuld an diesem Desaster, sondern die Politik, die falsche Anreize setzt. Es kann nicht angehen, dass die Konsumenten beim Einkauf höhere Preise für Fleisch, Milch oder Butter bezahlen, gleichzeitig aber die EU-Subventionen weiterlaufen, als wäre nichts geschehen. Dann würden die Bürger als Steuerzahler und Verbraucher gleich zweimal zur Kasse gebeten. Ja, Lebensmittel haben ihren Preis, aber im EU-Subventionssystem wurde der Markt längst durch politische Vorgaben ersetzt! Wer etwas ändern möchte, der muss das Übel an der Wurzel packen! Und das ist nun mal das EU-Agrarsystem, das sich Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nennt. Subventionismus hat marktwirtschaftliches Verhalten durch Flächensubventionen ersetzt, die überwiegend ohne Rücksicht auf die ökologischen Folgen bezahlt werden. Es muss auch aufhören, dass Nutztierhalter mit ihren gewaltigen Ställen mit dem Umzug in ein anderes EU-Land drohen können, wenn ihnen Restriktionen in Deutschland nicht passen. Tierquälerei und Ausbeutung des Bodens werden doch nicht besser, wenn sie anderswo stattfinden! Ganz ehrlich, so habe ich mir eine Europäische Union nicht vorgestellt!

Braune Schafe grasen auf einer Weide.
Schafe sichern in weiten Bereichen Europas längst kein auskömmliches Einkommen mehr, denn der Wollpreis ist extrem niedrig und der Konkurrenzdruck beim Fleisch durch Importe aus Neuseeland stark. Weidetierhalter müssen so gestellt werden, dass sie auch ein auskömmliches Einkommen sichern können. Im Bundestag wurde selbst die Weidetierprämie abgelehnt, obwohl diese in der Mehrheit der EU-Staaten ausbezahlt wird. (Bild: Ulsamer)

16 verlorene Jahre für eine Neuorientierung

Schickt Rinder, Schweine und Hühner wieder auf die ‚Weide‘ statt sie in Massenställe zu sperren, dann regelt sich der Rest fast von alleine. Wenn die Nutztierhalter nur so viele Hühner, Schweine oder Rinder halten dürfen, wie sie auch auf eigener Fläche gut ernähren können, dann reduziert sich der Bestand: Die Folgeschäden – wie die Gülleflut – werden geringer, und die Preise steigen dank des geringeren Angebots automatisch. Dies setzt natürlich voraus, dass Agrarkonzerne überall in der EU auf die gleichen Voraussetzungen treffen und Billigimporte verhindert werden, die sich nicht an die ökologischen und tierschutzrechtlichen Vorgaben halten. So ganz neu wäre eine solche Regelung nicht, denn bei Biolandwirten gelten bereits ähnliche Standards.

Wir sollten uns von Agrarlobbyisten auch nicht aufreden lassen, dass wir bei solchen Neureglungen alle am Hungertuch nagen würden. Agrarexporte würden sich reduzieren, und wir müssten pfleglicher mit unseren Nahrungsmitteln umgehen, aber die Natur würde es uns danken. Wir sind auch nicht die Ernährer der Welt wie uns die Ex-Weinkönigin Julia Klöckner immer weismachen will: „Historisch betrachtet, war die Düngung die Grundlage für den Sieg über den Hunger. Dass Menschen genug zu essen haben, ist auch eine Grundlage für Frieden. Ein hungriger Magen findet keine Ruhe“. Wir sollten lieber die Regionen unterstützen, in denen die Nahrungsmittelproduktion nicht ausreicht, damit alle Menschen satt werden. Das wäre gelebte Solidarität! Die für Ernährung und Landwirtschaft zuständige Bundesministerin Julia Klöckner halte ich für eine der krassesten Fehlbesetzungen in den Kabinetten von Angela Merkel. Die bald 16 Jahre unter Merkel sind beim Tier- und Naturschutz, aber auch bei der Neuorientierung der EU-Agrarpolitik verlorene Jahre.

Helle Rinder auf einer grünen Wiese, dahinter Baumbestand.
Rinder gehören wieder auf die Weide und nicht in gewaltige Massenställe! Bei Milch, Butter und Käse, aber auch bei Fleischprodukten muss noch klarer erkennbar sein, ob die Tiere überwiegend auf der Weide gehalten oder in Massenställe eingepfercht werden. (Bild: Ulsamer)

Befreit die Nutztiere aus den Massenställen!

Frappierend ist es für mich, dass der Deutsche Bauernverband noch immer einen solch starken Rückhalt in der Politik findet, denn er vertritt das Gestern und ganz bestimmt nicht die Landwirtschaft von morgen, was sich auch daran ablesen lässt, dass immer mehr familiengeführte Landwirtschaftsbetriebe aufgeben – nicht nur in Deutschland -, und gleichzeitig verschwinden Insekten und Vögel aus unserer Landschaft. Manchen Politikern gelingt es auch immer wieder, Bauern, Naturschützer und Konsumenten gegeneinander in Stellung zu bringen, obwohl diese im Grunde das gleich Anliegen haben: Böden und Tiere sollen pfleglich behandelt, die Natur geschont, sowie die Ernährung für alle Verbraucher und ein auskömmliches Einkommen für die Bauern gesichert werden! Nur gemeinsam werden wir dies erreichen, doch manche Politiker scheinen das verhindern zu wollen.

Ein Musterbeispiel für die Doppelzüngigkeit von Politikern möchte ich noch anführen. Kaum sind einige Wölfe in deutschen Wäldern unterwegs, da wird ihnen die Schuld am Niedergang der Weidewirtschaft in die Schuhe – oder unter die Pfoten – geschoben! Doch in Wirklichkeit haben bereits viele Weidetierhalter aufgegeben, als es noch keine Wölfe in Deutschland gab, weil die Preise für Wolle und Fleisch – z. B. bei Schafen – die Existenz nicht mehr sichern konnten. Und die Entlohnung für naturschutzfachliche Aufgaben trägt auch nicht ausreichend zur Einkommenssicherung bei. Statt zumindest eine Weidetierprämie zu bezahlen, die in der Mehrheit der EU-Staaten an die Weidetierhalter geht, wurde von der Bundesregierung der Abschuss ganzer Wolfsrudel erleichtert und auch in vielen Bundesländern wird vorschnell die Büchse geladen.

Vegetarisch oder vegan lebenden Leserinnen und Lesern werden meine Forderungen nicht weit genug gehen, dessen bin ich mir bewusst. Da die Mehrheit der Konsumenten aber nicht so schnell auf eine Bockwurst oder ein Schnitzel verzichten wird, geht es jetzt darum, das Tierwohl zügig zu verbessern! Und dies heißt für mich: Schickt Rinder, Schweine und Hühner wieder auf die ‚Weide‘ und stoppt den Aufbau immer größerer Stallanlagen, in denen die Tiere mit minimalem Platz auskommen müssen. Tiere sind Lebewesen und gehören zur Schöpfung wie wir Menschen auch! Die tierquälerische Massentierhaltung muss beendet werden, wo sich ein 100 kg Schwein mit einem oder zwei Quadratmeter Platz begnügen muss und sich 26 Hühner in der Mast mit je 1,5 Kilogramm auf einem Quadratmeter drängeln! Diese Platzvorgaben sind EU-konform, und damit wird noch deutlicher, dass wir eine Agrarrevolution brauchen, die die Tiere schützt und nicht zu einem Spielball rein wirtschaftlicher Interessen macht. Welchen Sinn macht denn die Europäische Union, wenn ihre Agrarpolitik Tierleid verursacht und die Böden zerstört? Wenn das EU-Förderregime sowohl die familiengeführten Bauernhöfe zerstört als auch Insekten und Vögel vernichtet, wie soll Europa dann in 50 Jahren aussehen? Wir müssen das Steuer jetzt herumwerfen! Und eines ist auch klar: Wir müssen den Fleischkonsum einschränken, denn ein Steak pro Nase und Tag bringt unsere Welt vollends aus dem Gleichgewicht. Wir müssen die unwilligen Agrarpolitiker und Lobbyisten durch politischen Druck zu einem Umdenken zwingen, dies sind wir den Tieren, der Natur und den Menschen schuldig.

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