Erinnerung an die Schrecken der NS-Diktatur in Anklam
Die Schergen der nationalsozialistischen Diktatur brachten nicht nur Tod und Verderben über jüdische Mitbürger, zogen Nachbarvölker und weite Teile der Welt in einen unerbittlichen Krieg hinein, sondern sie machten auch eine erbarmungslose Gerichtsbarkeit zu ihrem Erfüllungsgehilfen. Ein bedrückendes Zeugnis für eine Justiz, die der NS-Parteilinie und nicht einem rechtsstaatlichen Wertekodex folgte, ist das ehemalige Wehrmachtsgefängnis in Anklam. Die Gedenkstätte in der früheren Hansestadt in Mecklenburg-Vorpommern erinnert an die Gräuel, die die Nationalsozialisten auch an den eigenen Wehrmachtsangehörigen begingen. Als meine Frau und ich den Trakt mit den damaligen Todeszellen betraten, lief uns selbst acht Jahrzehnte nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ein Schauer über den Rücken.

Justizunrecht manifestiert sich an diesem historischen Ort
Das Wehrmachtsgefängnis in Anklam hat eine besondere Geschichte, denn es wurde 1939/40 gewissermaßen auf dem Hinterhof der preußischen Kriegsschule an der Friedländer Straße von den Nationalsozialisten eigens für die Inhaftierung von Soldaten errichtet. Die Verwaltung des Wehrmachtsgefängnisses und die Gerichtsoffiziere waren in der preußischen Kriegsschule untergebracht. Die acht Wehrmachtsgefängnisse waren Bestandteil eines ideologisierten Justizsystems, das die Menschenrechte mit Füßen trat. Rund ein Drittel des Anklamer Wehrmachtsgefängnisses wurde nach 1945 abgerissen, der verbliebene Teil in der DDR als Getreidespeicher genutzt. 1961 begann eine Gruppe des Kulturbundes der DDR die Geschichte des Gebäudes aufzuarbeiten. Deren Ergebnisse führten dazu, dass der Todeszellentrakt als Gedenkort erhalten blieb. Nach 1990 stand das Gebäude leer, ab 2005 wurde eine Gedenkstätte eingerichtet. „2021 erwarb die Stadt Anklam die Liegenschaft, mit dem Ziel, es einer adäquaten Nutzung zuzuführen“, heißt es auf der Seite der Landesdenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Das Umfeld des ehemaligen Wehrmachtsgefängnisses könnte eine optische Auffrischung ebenso vertragen wie die ehemalige preußische Kriegsschule, die die Straßenfront dominiert. Nach Kriegsende fanden in der ‚Kriegsschule‘ Flüchtlinge eine erste Bleibe. In späteren Jahren arbeitete dort das Bolzen- und Schraubenwerk, ein sogenannter Volkseigener Betrieb (VEB), in einem Nebengebäude war der VEB Geflügelschlachtstelle tätig. In dem heruntergekommenen Gebäude will ein Investor mit staatlicher Förderung Wohnraum schaffen. Einige wenige Handwerker scheinen die Sanierung der Kriegsschule vorzubereiten, die nach Plänen von Friedrich August Stüler 1870/71 erbaut worden war. Die sogenannten Kriegsschulen waren in Preußen Fachschulen für Offizieranwärter aller Waffengattungen.

„Während der Nutzung als Militärgefängnis bis 1945 war die ursprüngliche Kapazität von etwa 600 Gefangenen zeitweilig mit bis zu 1500 Gefangene völlig überbelegt“, so ein Text des Landesdenkmalamts. „Die Urteile der Militärgerichtsbarkeit umfassten u.a. den Einsatz in Strafeinheiten, die besonders gefährliche Aufgaben zu erfüllen hatten sowie auch Todesurteile. Zwischen November 1941 und April 1945 sind derzeit 139 vollstreckte Todesurteile nachgewiesen, davon allein 100 in der Endphase des Krieges ab Anfang 1945.“ Viele der inhaftierten Soldaten wurden der ‚Fahnenflucht‘, des ‚unerlaubten Entfernens von der Truppe‘ oder der ‚Wehrkraftzersetzung‘ beschuldigt und Haftstrafen oder gar Todesurteile wurden ohne ein angemessenes Gerichtsverfahren, das rechtsstaatlichen Grundsätzen entsprochen hätte, verurteilt. Je länger der von den Nationalsozialisten entfachte Zweite Weltkrieg andauerte, desto mehr Gefangene schickten die NS-Militärrichter in Strafeinheiten an die Ostfront. „Lebensgefahr, Schikane, geringste Verpflegung und mangelnde medizinische Versorgung gehörten zum Alltag der ‚anderen Soldaten‘“, so das Zentrum für Friedensarbeit – Otto Lilienthal – Hansestadt Anklam, das heute Veranstaltungen in der Gedenkstätte durchführt. Während der NS-Herrschaft wurden etwa 30 000 Angehörige der Wehrmacht zum Tode verurteilt und davon etwa 20 000 hingerichtet. Das Wehrmachtsgefängnis in Anklam war ein Teil dieser menschenverachtenden Militärgerichtsbarkeit.

Das Wehrmachtsgefängnis in Anklam ist gegenwärtig der einzige erhaltene historische und zugängliche Ort dieser Art aus dem Justizsystem der NS-Wehrmacht. Somit ist das frühere Wehrmachtsgefängnis ein besonderer Baustein der Erinnerungskultur. Hier wird nicht nur die Erinnerung an das nationalsozialistische Unrechtssystem wachgehalten, sondern der Todeszellentrakt ist eine stete Mahnung, dass sich die Justiz nicht zu einem Mordgehilfen einer fanatischen Ideologie machen darf.

Zum Beitragsbild
Auf dem Hinterhof der preußischen Kriegsschule entstand 1930/40 in Anklam eines der acht Wehrmachtsgefängnisse während der NS-Diktatur. Mehrere tausend Soldaten wurden zwischen 1940 und 1945 hier inhaftiert, 139 von ihnen hingerichtet. Das Zentrum für Friedensarbeit – Otto Lilienthal – Hansestadt Anklam führt Veranstaltungen in der Gedenkstätte zur Erinnerung und Mahnung durch. Der Luftfahrtpionier Otto Lilientahl wurde 1848 in Anklam geboren. In einem Gebäudeteil werden heute Nachbildungen seiner Flugapparate gebaut. (Bild: Ulsamer)

