Naturschutz: Wenn Ameisenvölker umziehen

Die sechsbeinige ‚Polizei des Waldes‘ braucht unseren Schutz

Wenn wir Ameisen im Garten – und auch mal in der Küche! – begegnen oder ihre kunstvoll gebauten Hügel am Waldrand betrachten, dann sehen wir kleine Krabbler, die bereits seit über 100 Millionen Jahren die Erde bevölkern. Für mich ist es immer wieder faszinierend wie hunderte, tausende oder hunderttausende von Ameisen in ihrem Staat zusammenwirken, um Nestmaterial heranzuschleppen, für Nahrung zu sorgen oder den Nachwuchs zu behüten. Bei einer Wanderung fielen mir auf einem gewaltigen Hügel aus Fichten- und Tannennadeln im Schwarzwald ganze Ansammlungen von Ameisen auf, die zielsicher die sonnigen Stellen auf ihrem Nest angesteuert hatten. Solche „Sonnungstrauben“ erwähnen Christina Grätz und Manuela Kupfer auch in ihrem hochinteressanten Buch ‚Die fabelhafte Welt der Ameise‘. Die Autorinnen rücken die an sich kleine Welt eines Ameisenvolks ins Licht, und es wird deutlich, dass die Bedeutung dieser Insekten weit größer ist als häufig angenommen wird. Christina Grätz berichtet aus ihren reichen Erfahrungen als Ameisenumsiedlerin: viele Ameisenvölker konnte sie retten, ehe Straßen oder Wohngebiete, Industrieanlagen oder Stromtrassen ihren Lebensraum zerstörten.

Ameisenhügel aus Tannen- und Fichtennadeln in hhelm braun. Ein Kiefernzapfen liegt auf ihm. Im oberen Bereich dunkle Ansammlung von Ameisen, die sich sonnen.
Sonnungstrauben auf einem Ameisenhügel im Schwarzwald. Die Ameisen wollen nicht nur sich selbst erwärmen, sondern sie tragen dann die Wärme mit ihrem erhitzten Körper z. B. im Frühling ins Nest. (Bild: Ulsamer)

Kein Ameisenstaat ohne Kommunikation

Ameisenvölker waren schon landwirtschaftlich tätig, als von unseren Vorfahren auf der Erde noch nichts zu sehen war: Blattschneiderameisen züchten Pilze und nutzen dafür Pflanzenmaterial, das sie ins Nest eintragen. „Ameisen sind also mit Abstand die ältesten Landwirtinnen auf unserem Planeten.“ Ameisen haben sich dazuhin früh auf die Viehzucht verlegt, indem sie Läuse für die Gewinnung von Honigtau halten. Und die Läuse werden im Gegenzug gegen feindliche Angriffe geschützt. Eine komplexe Staatenbildung ist ohne intensiven Austausch zwischen den beteiligten Ameisen nicht denkbar, auch darauf gehen die Autorinnen an verschiedenen Stellen ein: „Ohne Kommunikation ist keine Kooperation möglich, deshalb müssen Ameisen ständig miteinander ‚sprechen‘. Nur setzen sie dabei keine Wörter, sondern chemische Signale ein.“ Mit Pheromonen markieren sie nicht nur den Weg zu einem Nahrungsangebot, sondern sie können damit auch auf Gefahrensituationen hinweisen: so manche Ameise wurde von ihren Kolleginnen schon gerettet, wenn sie eingeklemmt war oder attackiert wurde, da ihre Botenstoffe die Helferinnen alarmierten.

Beim Lesen des Buches wird immer wieder deutlich, dass die Ameisen im besten Sinne des Wortes soziale Wesen sind, die einander zu Hilfe eilen, gemeinsam Lasten schleppen, das Nest gegen Eindringlinge verteidigen und sich emsig um die Brut sorgen – seien es Eier, Larven oder Puppen. Dies deckt sich mit den eigenen Betrachtungen gerade auch von Ameisenstraßen, die zum Nest führen. Da gibt es nicht wie bei uns Menschen Gedrängel oder Unfälle, sondern koordinierte Abläufe. Und wenn eine Ameise ‚liegenbleibt‘, da die Last doch zu schwer ist, dann greifen ihre Kolleginnen helfend ein. Bei uns Menschen würde dagegen nicht selten nur gehupt! Dennoch gibt es auch unter Ameisen ‚Sklavenhalterinnen‘, die andere Ameisenarten für sich arbeiten lassen, und kleinere Ameisen, die sich im Nest kräftigerer Völker einquartieren.

Ein Ameisenhügel mit einem integrierten Baumstumpf, umgeben von grünen Blattpflanzen.
Waldameisen bauen ihr hügelartiges Nest gerne um einen Baumstumpf, in dem häufig die Königin besonderen Schutz in ihrer Kammer findet. (Bild: Ulsamer)

Menschliche Hilfe in der Not

Bei den Ameisen haben immer Frauen das Sagen, denn die männlichen Drohnen dürfen zwar zum Hochzeitsflug ausschwärmen, doch haben sie eine Königin getroffen und zu ihrem Spermavorrat beigetragen, dann ist ihr kurzes Leben auch schon beendet. Die Königin oder – je nach Ameisenart – die Königinnen ziehen sich danach in ein Nest zurück oder bauen ein solches auf, und sie können über Jahre dort mit ihrer Eierproduktion das Volk erhalten. Zwar gibt es auch natürliche Feinde wie Wildschweine oder Spechte, die von außen in die Nester auf Nahrungssuche eindringen oder die Raupen des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings, die sich im Innern über Ameisenlarven hermachen, doch die eigentliche Bedrohung für Ameisen ist der Mensch. So geht es manchen Ameisenarten wie anderen Insekten: sie landen auf der Roten Liste und gelten als gefährdet.

Ameise auf einer gelben Blüte.
Ameisen bevölkern unsere Erde seit über 100 Millionen Jahren. (Bild: Ulsamer)

Bei Gefahr für Ameisenvölker kommt immer wieder Christina Grätz zum Einsatz, die Ameisenvölker umsiedelt, um sie vor Bauarbeiten oder anderen Eingriffen zu retten. Sie schildert sehr anschaulich, welche umfängliche Arbeit sich hinter einer Verlagerung eines Nests mit seinen Bewohnerinnen verbirgt, denn im Regelfall ist der sichtbare Ameisenhügel nur der kleinere Teil der Behausung. Wie beim Eisberg auf dem Meer kommt der größere Masseanteil bei einem Ameisennest unter dem Waldboden usw. zum Vorschein. Oft müssen bei solchen Umsiedlungsaktionen von Hand oder vorsichtig mit der Schaufel hundert und mehr Papiersäcke mit Nestmaterial und Ameisen befüllt werden, um sie dann an einen sicheren Ort zu verbringen. Wurde das ursprüngliche Nest um einen alten Baumstumpf errichtet, dann muss auch dieser mit an den neuen Platz. Nicht selten hat dort die Ameisenkönigin ihre sichere Kammer, und wenn sie nicht mit umzieht, dann hat das letzte Stündlein des Ameisenvolks geschlagen – wenn es nur eine Königin gibt.

Ein hoher Ameisenhügel im Vordergrund, zwei weitere dahinter an einem Waldweg.
Wenn mehrere Ameisenhügel zu einer Kolonie gehören, dann erkennen sich die Ameisen am Geruch. (Bild: Ulsamer)

Ein tiefer Einblick in das Leben der Ameisen

Selbstredend müssen wir den Flächenfraß eindämmen, aber immer wieder wird es ohne die Nutzung von Flächen in Wald und Flur nicht abgehen. Und dies gilt nicht nur für Schienen- und Straßenneubauten, sondern auch für den Wohnungsbau, Industrieansiedlungen oder neue Stromtrassen und Windkraftstandorte. Das Mindeste, was Politik und Verwaltung aber sicherstellen müssen, ist eine sachgerechte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP), damit dann rechtzeitig Ameisenvölker, Eidechsen oder Haselmäuse abgefangen und neue Niststandorte für Greifvögel vorbereitet werden können. Daran mangelt es nach meiner Meinung aber bei der derzeitigen Ansiedlung von Tesla in Brandenburg ganz erheblich. Die Kartierung von Flora und Fauna ist hier völlig unzureichend, und es bleibt keine sinnvolle Reaktionszeit zum Schutz betroffener Tiere.

Kompakte Ansammlung von Ameisen auf ihrem Hügel. Sie nehmen dort Wärme von der Sonne auf.
Am Platz an der Sonne darf es im Frühjahr oder an wenig besonnten Orten an Waldwegen auch mal eng werden. Da zeigt es sich auch, dass Ameisen soziale Wesen sind. (Bild: Ulsamer)

‚Die fabelhafte Welt der Ameisen‘ ist ein wirklich lesenswertes Buch, das durch die Berichte aus der Praxis (Grätz) und ergänzende eher wissenschaftliche Informationen (Kupfer) einen tiefen Einblick in das Leben der Ameisen vermittelt. Als ich das Buch von meiner Familie geschenkt bekam, hätte ich nicht gedacht, dass ich es so schnell und mit wachsender Begeisterung lesen würde! Noch klarer dürfte für jede Leserin und jeden Leser nach der Lektüre sein: Auch die Ameisen brauchen unseren besonderen Schutz! Und dabei müssen wir nicht einmal uneigennützig denken. Die Ameisen sind nicht nur als Polizei des Waldes bei der Beseitigung von Kadavern tätig, sondern sie verbreiten Samen und halten „die Population verschiedener Forstschädlinge in Schach“. So ist beispielsweise ein aktives und ‚kopfstarkes‘ Volk der Kahlrückigen Waldameise „in der Lage, über 100.000 Beutetiere an einem Tag zu erlegen.“ Feststellen ließ sich im Übrigen auch, dass im Umfeld von Ameisenhügeln die Zahl der Zecken geringer ist als an anderen vergleichbaren Orten!

So sollten wir unsere Helferinnen auf sechs Beinen schützen und jeden Ameisenhügel – wie ein Kulturgut – achten! Und in den ‚Sonnungstrauben‘, die ich eingangs erwähnte, holen sich nicht nur die dort befindlichen Ameisen Wärme, sondern sie tragen diese auch mit ihren erhitzten Körpern in das Nest ein, um es z. B. im Frühjahr aufzuwärmen. Von diesem angeborenen Verhalten, zusammen zu wirken und etwas in und für die Gemeinschaft zu tun, können wir in der menschlichen Gesellschaft oft nur träumen.

 

Cover des Buches 'Die fabelhafte Welt der Ameisen' mit einem Foto der Autorin Christina Grätz und Ameisen.

Christina Grätz / Manuela Kupfer: Die fabelhafte Welt der Ameise. Eine Ameisenumsiedlerin erzählt, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019

Gefährdeten Ameisenvölkern hilft Christina Grätz beim Umzug. Gemeinsam mit Manuela Kupfer hat sie ein sehr lesenswertes Buch über die Welt der Ameisen geschrieben.

 

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