Motorräder: Vergnügen wird zum Ärgernis

Bundesrat fordert Begrenzung des Motorradlärms

Da wandern wir mitten im Wald, wähnen uns recht weit weg von der ‚Zivilisation‘, nirgendwo ist eine Straße, und plötzlich ertönt schlagartig lauter Motorenlärm aus der Ferne. Leicht erkennbar: es ist ein Motorrad! Manche Bewohner malerisch gelegener Gemeinden im Schwarzwald, auf der Schwäbischen Alb, in der Eifel, im Weserbergland oder in den Alpen erleiden das Motorengeheul nicht weit entfernt, sondern direkt vor ihrer Haustüre. Da brausen dann auch nicht einzelne, sondern täglich Dutzende, ja hunderte Motorräder nach dem Ortsschild aufheulend wieder los. Kein Wunder, dass sich Unmut regt! Die Forderung nach einer Eindämmung des Motorradlärms hat es in den Bundesrat geschafft – mal wieder. Der Weg zu neuen Regelungen ist jedoch lang, denn weder Bundesrat noch Bundestag oder Bundesregierung haben das Sagen, sondern die EU. Klare Höchstwerte für den Lärm, den Motorräder in allen Fahrzuständen verursachen dürfen, werden ebenso gefordert wie die Möglichkeit, Fahrverbote z. B. für das Wochenende in bestimmten Regionen verhängen zu können.

Zwei Motorräder fahren durch eine enge Straße in St. Just.
So mancher Motorradfahrer hält sich innerorts noch etwas zurück, doch nach dem Ortsschild drehen viele richtig auf und nerven die Anwohner. Insgesamt hat auch die Zahl der Motorradtouristen deutlich zugenommen, wie hier im abgelegenen St. Just im britischen Cornwall. (Bild: Ulsamer)

Minderheit strapaziert die Gehörnerven

So mancher Motorradfahrer, der sich nicht scheut, die Umgebung mit krachendem Lärm zu ‚erfreuen‘, reagiert empört. Besonders Motorradfahrer aus der Schweiz, die gerne mal im Südschwarzwald so richtig aufdrehen, sehen bereits das Ende der Demokratie drohen, wenn sie ihrem ‚Fahrvergnügen‘ nicht mehr auf Kosten der Anwohner frönen dürften: „Die ‚militant Toleranten im Ökogewande‘ scheinen in Deutschland nun endgültig das Ziel eines Miteinanders, wie es für demokratische Gesellschaften kennzeichnend ist, über Bord geworfen zu haben“, so Michael Kutsche in moto.ch. „Die Grundwerte unseres Zusammenlebens sind in Gefahr.“ Zu einem gedeihlichen Miteinander gehört allerdings auch, dass man den eigenen Spaß auf dem Motorrad – genauso wie im Auto – nicht zu Lasten anderer MitbürgerInnen auslebt. Aber warum rasen Schweizer Autofahrer ausgerechnet in Deutschland, u.a. auf der A 81? Ganz einfache Antwort: Weil es in Deutschland preiswerter ist, wenn man sich nicht an die Tempo- und andere Verkehrsvorschriften hält! Wenn sich lärmgeplagte Menschen und Kommunen auf dem politischen Wege für weniger Krach aus Motorradauspuffen einsetzen, dann droht auch nicht das Ende der Demokratie, ganz im Gegenteil: Es kann nicht sein, dass sich kleinste Minderheiten über die Gesundheit der Mehrheit hinwegsetzen.

Bürgermeister und Landräte mit Verkehrsminister Herman im Rahmen der Initiative Motorradlärm.
Die ‚Initiative Motorradlärm‘ meldet sich zu Wort: „Mehr als 80 Kommunen und Landkreise sind der Initiative bereits beigetreten, um die Forderungen zur Reduzierung von Motorradlärm mit breiter Stimme zu unterstützen”, so der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann. „Das ist ein deutlicher Weckruf für die politischen Entscheidungsträger beim Bund und der Europäischen Union, Maßnahmen zu ergreifen, die Lärmbelastung durch Motorräder wirkungsvoll zu senken.” (Bild: Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg / Martin Stollberg)

Selbstredend ist es dem Anwohner oder Wanderer völlig egal, welches Nationalitätskennzeichen ein Motorrad trägt, denn es geht nur um den entwickelten Schalldruck, der einen manchmal fast umhaut. Mir liegt gewiss nichts an einem Motorradfahrer-Bashing, denn viele Zweiradfahrer halten sich ja zurück, ihnen geht es um das Fahrerlebnis auf kurvenreichen Strecken, und sie fahren so verantwortungsvoll wie andere Verkehrsteilnehmer auf vier Rädern. Seit Jahren nimmt jedoch die Zahl der Motorräder in Deutschland zu. Damit ist auch das Empfinden gewachsen, die Politik müsse jetzt konsequent handeln. Und diese Meinung teile ich. Immer wieder habe ich mich gefragt, woran es liegt, dass Motorräder weniger reguliert werden als Pkw oder Lkw? Motorradfahrer scheinen eine durchsetzungsfähige Lobby unter den politischen Entscheidern zu haben, was nicht verwunderlich ist, denn nicht wenige Politiker schwingen sich ebenfalls gerne auf ihren Motorradsattel.

Screenshot aus der Internet-Seite 'Motorradlärm' mit einem Motorrad und einer Person, die sich die Ohren zuhält.
Bundesweit nehmen die kritischen Stimmen zu, die eine deutliche Eindämmung des Motorradlärms fordern. (Bild: Screenshot, Facebook, 31.5.2020)

Maximalen Lärm begrenzen

Ich hoffe sehr, dass sich jetzt durch die Anregung des Bundesrats die Waage in Richtung Lärmschutz neigt. Eine gewisse Skepsis bleibt allerdings, denn im Archiv des Bundesrats findet sich eine „Entschließung des Bundesrates zur wirksamen Minderung und Kontrolle gesundheitlicher Lärmbelastung durch Motorradlärm“ – aus dem Jahre 2012. So können sich alle vom Motorradlärm geplagten Menschen nur wünschen, dass die Forderungen des Bundesrats nicht wieder irgendwo versacken. 2012 kam der Vorstoß im Übrigen aus dem Land Baden-Württemberg, jetzt aus Nordrhein-Westfalen.

Zu den zentralen Forderungen des Bundesrats zählt die Beschränkung des maximalen Lärms, den ein Motorrad verursachen darf, auf 80 db(A): mit dieser Dezibel-Zahl liegt ein Motorrad auf dem gleichen Niveau wie ein schwerer Lkw, nur mit dem Unterschied, dass der knallartige Lärm aus dem Motorradauspuff im Regelfall als weit erschreckender empfunden wird. Das Schallereignis ähnelt eben nicht dem gleichmäßigen Geräusch eines vorbeifahrenden Lkw, sondern es tritt schlagartig auf, wenn der Motorradfahrer Vollgas gibt und sich der Klappenauspuff öffnet. Die vom Bundesrat geforderte Dezibel-Grenze ähnelt der heutigen, doch sie soll zukünftig für alle Betriebszustände – sprich auch bei jedem Tempo – gelten! Und hier liegt der wirkliche Vorteil einer Neuregelung.

Facebook-Post von 'Motorradlärm Weserbergland'. Eine Frau im roten Oberteil an einer Lärmanzeige.
Hoffentlich lässt sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer noch überzeugen, denn bisher weigert er sich, gegen den Motorradlärm vorzugehen: „Ich will keine weiteren Verbote und Verschärfungen für Motorradfahrer”. (Screenshot, Facebook, 31.5.2020)

„Kernigen Sound“ eindämmen

„Der Bundesrat bittet die Bundesregierung, die Strafen bei Manipulationen am Auspuff, Luftfilter sowie bei sonstigen Eingriffen, die eine erhebliche Steigerung der Lärmemissionen zur Folge haben, deutlich zu verschärfen.“ Da dürfen wir auf die Antwort der Bundesregierung gespannt sein, denn der Bundesverkehrsminister hat bereits in der ‚Passauer Neuen Presse‘ betont: „Ich will keine weiteren Verbote und Verschärfungen für Motorradfahrer”. Und Andreas Scheuer, Freund von E-Scootern und Förderer von Flugtaxis, sagte weiter: „Das ist ein Beschluss des Bundesrates. Ich habe eine andere fachliche Sichtweise“. Um Himmelswillen, kann ich da nur ausrufen, Scheuer hat mal wieder eine „fachliche Sichtweise“! Reicht diesem politischen Blender eigentlich nicht das Lkw-Maut-Debakel, das er uns Steuerzahlern, aber auch seiner eigenen Partei, der CSU, beschert hat?

Zwei Motorradfahrer vor vom Meer aufgetürmten abgerundeten Felsbrocken.
Es geht auch ohne aufheulende Motoren, dies beweisen viele Motorradfahrer bei ihren Reisen durch Deutschland und Europa – wie diese beiden am Storm Beach bei Minard Castle in Kerry/Irland (Bild: Ulsamer)

Neben einer strengeren Lärmobergrenze fordert der Bundesrat dazu auf, „Motorsteuerungen an Motorrädern zu verbieten, die individuell vom Fahrer einstellbare Soundkulissen („Sound-Design“) ermöglichen und durch welches störende und belästigende Geräusche erzeugt werden können.“ Ich denke, die Mehrheit der Motorradfahrer könnte mit solchen Vorgaben durchaus leben, denn sie wollen den Konflikt mit lärmgeplagten Bürgern und Gemeinden nicht auf die Spitze treiben. Umdenken müssen die Motorradhersteller, was bei einem Blick auf die BMW-Internetseite (bmw-motorrad.de) sofort augenscheinlich wird. „Der HP Sportschalldämpfer sorgt für einen noch besseren und kernigen Sound.“ Genau dieser „kernige Sound“, der durch ganze Regionen dröhnt, geht immer mehr Menschen auf die Nerven. Praxisfremde Testverfahren dürfen nicht länger Grundlage für Zulassungen sein. Dazu heißt es im ‚Spiegel‘: „So dürfe eine Ducati Panigale, die nach dem bis 2016 gültigen Euro-3-Standard zugelassen wurde und unter Bestandsschutz fällt, maximal 80 Dezibel laut sein. Allerdings muss sie diesen Wert nur bei 36,6 km/h im dritten Gang einhalten“ betont Holger Siegel, Vorsitzender der Vereinigten Arbeitskreise gegen Motorradlärm (VAGM) und selbst Motorradfahrer. “Im Stand bei halber Nenndrehzahl darf sie dagegen 107 Dezibel laut sein, bei Vollgas ist sie noch deutlich lauter”. Bei 110 bis 120 Dezibel liegt in etwa ein Presslufthammer! Einen Beitrag zur Lärmminderung könnten auch E-Motorräder leisten, und den Sound gibt’s dann auf die Kopfhörer.

Landkarte Tirols mit den eingezeichneten Straßen, die von Fahrverboten für bestimmte Motorräder betroffen sind.
Selbst Regionen, die vom Tourismus leben, machen mobil gegen überlaute Motorräder. Und in Tirol werden jetzt Straßen für besonders laute Motorräder gesperrt. (Bild: Land Tirol, tirol.gv.at)

Fahrverbote für bestimmte Strecken

„Der Bundesrat sieht dringenden Handlungsbedarf, für besondere Konfliktfälle Geschwindigkeitsbeschränkungen und zeitlich beschränkte Verkehrsverbote an Sonn- und Feiertagen aus Gründen des Lärmschutzes zu ermöglichen.“ Mit solchen Fahrverboten für Motorräder könnten Ballungen in besonders belasteten Kommunen reduziert werden. Aber wann werden sie wohl in Deutschland zur Realität? Der Bundesrat „bittet die Bundesregierung, die hierzu einschlägigen Regelungen anzupassen“. Es ist zu befürchten, dass sich der CSU-Minister Andreas Scheuer auch hier vor die Motorradfahrer stellt, die auf ihre Mitbürger keine Rücksicht nehmen. Dabei müsste er aus seiner bayerischen Heimat nur mal nach Tirol schauen, denn dort werden bestimmte Motorradtypen wegen der zu hohen Lärmbelastung ab dem 10. Juni 2020 auf bestimmten Strecken verboten. Dies ist ein Beleg dafür, dass die österreichische Politik nicht selten zügiger handelt als deutsche Landesregierungen oder gar die Bundesregierung – nicht nur im Kampf gegen Corona!

Grafik mit baleuen Balken, die die Zahl der Menschen angeben, duie sich von Motorradlärm gestresst fühlen.
Die ‚Motorradlärmstudie Außerfern 2019‘ der Tiroler Landesregierung zeigt deutlich die zentralen Probleme auf: „Drei Viertel aller Befragten empfinden hochtourige Motorengeräusche wie etwa das aggressive ‘Aufheulen“ bei Beschleunigungs- und Bremsvorgängen bestimmter Motorräder als besonders störend.” Das Aufheulen der Motoren oder der knallartige Krach beim Öffnen der Klappen am Auspuff geht nicht nur unseren Nachbarn in Tirol zunehmend auf die Nerven, sondern vielen BürgerInnen in Deutschland. Mir im Übrigen auch. (Bild: tirol.gv.at)

Lärm führt zu Stress und Erkrankungen, was eine wissenschaftlich belegte Tatsache darstellt. Damit ist es auch zwingend, Lärmereignisse effektiv einzudämmen! Dies gilt in besonderer Weise für Vergnügungsfahrten – sei es mit dem Motorrad oder einem Auto. Die Politik in Deutschland hat über Jahre zu wenig unternommen, um vor allem die zunehmende Lärmbelastung durch überlaute Motorräder in bestimmten Regionen zu minimieren. Die Initiative des Bundesrats ist aus meiner Sicht daher zu begrüßen, und ich hoffe sehr, dass sie nicht wie 2012 versandet. Die Begrenzung des Lärms muss praxisnahe Prüfnormen ebenso umfassen wie eine Lärmobergrenze für alle Betriebszustände und ein Verbot von Manipulationen am Motorrad. Fahrverbote für bestimmte Regionen und Zeiträume können Abhilfe schaffen, obwohl sie alle Motorradfahrer treffen würden – auch die mit angepasster Fahrweise und ohne zusätzlichen Krachfaktor.

Motorradfahren muss so gestaltet werden, dass die FahrerInnen ihren Spaß haben, ohne dass dadurch Anwohner oder Wanderer von aufheulenden Motoren geplagt oder gar gesundheitlich gefährdet werden. Die Bundesregierung und die Europäische Union dürfen sich nicht länger um notwendige Restriktionen drücken!

Eine Antwort auf „Motorräder: Vergnügen wird zum Ärgernis“

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Ulsamer,

    es ist erfreulich, dass Sie sich für die Belange der durch Lärm geplagten Anwohner beliebter Motorradstrecken einsetzen. Zu befürchten ist, dass die Kraft der Interessenvertreter ausreichend sein wird, spürbare Änderungen abzuwenden. Auch für Motorradfahrerinnen und Fahrer gilt, dass die eigene Freiheit durch die Freiheit der Anderen begrenzt wird. Der Hinweis auf die fachliche Sichtweise des Verkehrsministers, lässt an Realsatire denken.
    Da Motorräder selten benutzt werden, um eine notwendige Fahrt zu erledigen, sondern der Weg das Ziel des Vergnügens ist, sollte der ökologische Aspekt einer reinen Vergnügungsfahrt nicht ganz unberücksichtigt bleiben.

    mit freundlichen Grüßen

    Gerhard Walter

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