Mehr Grün im grauen Alltag unserer Städte

Öffentliche Flächen naturnäher gestalten

In manchen Kommunen lassen sich Veränderungen zum besseren durchaus erkennen: der superkurze Grasschnitt scheint der Vergangenheit anzugehören, und tatsächlich regen sich an Parkplätzen oder Böschungen entlang von Bundesstraßen und Autobahnen hie und da Blüten. Vielleicht achten Sie einmal darauf? Nicht immer sind diese positiven Zeichen innerer Einsicht geschuldet, sondern in städtischen Kassen, genauso wie beim Bund und den Ländern erlaubt die Kassenlage keinen Dauereinsatz mehr gegen aufkommendes Grün. Der Natur sind die Beweggründe gleichgültig, wichtig sind blütenreiche Straßenränder und Parkanlagen. In manchen Städten habe ich allerdings den Eindruck, dass Bürgermeister, Gemeinderat und Verwaltung noch nichts von naturnahen Parkanlagen gehört haben und stattdessen auf Showeffekte setzen. Da werden z. B. in Stuttgart, übrigens vom grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn ‚regiert‘, keine zusätzlichen Bäume vor dem Rathaus gepflanzt, sondern eine Second-Hand-Wandbegrünung am Gebäude der Volkshochschule angebracht. Es hat sich auch noch nicht überall herumgesprochen, dass Bäume für Sauerstoff und gemeinsam mit anderen Grünanlagen für Kühlung an heißen Sommertagen sorgen.

Schotterfläche vor einem Gebäude mit einigen Birken.
Schotterflächen können durchaus für Eidechsen interessant sein, dies zeigen nicht selten Gleisanlagen. Es müssen dann aber auch die Lage und die Bepflanzung Sinn machen, wovon hier nicht gesprochen werden kann. Private Investoren und die Stadtverwaltungen müssten einen engen Dialog pflegen, um solche Brachflächen naturnäher zu entwickeln. (Bild: Ulsamer)

Blüten und Büsche statt Schredder-Wahn!Im Zuge einer spürbaren Landflucht haben viele Tiere und Pflanzen sich in die Städte oder an Straßenböschungen geflüchtet, denn in der ausgeräumten Agrarflur fehlen Hecken und Gehölze, blühende Wildblumen an Feldrainen sind zur Seltenheit geworden, Bäche wurden begradigt, Tümpel zugeschüttet. Viele Insekten- und Vogelarten könnten ohne Rückzugsräume in Gärten und Parks nicht mehr überleben, und auch der Igel hat sich an das städtische Leben gewöhnt. Mehr Grün im urbanen Bereich ist für mich zwingend erforderlich, um die Lebenssituation der Menschen im Zeichen des Klimawandels nicht zu verschlechtern. Doch die Jagd auf die letzte Baulücke und die Ausweisung neuer Baugebiete geht weiter: Der grüne Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer setzt sich für eine Baupflicht (!) ein, der Esslinger SPD-Oberbürgermeister Jürgen Zieger hat das Baugebiet im ‚Greut‘ durchgekämpft, das eine Kaltluftschneise bedroht. Selbstredend ist Wohnraum wichtig, und er sollte auch erschwinglich sein. Die von Angela Merkel geführten Bundesregierungen hätten in den vergangenen Jahren eine nachhaltige Regionalpolitik anregen müssen, die zu einer Entzerrung der Nachfrage nach Wohnungen geführt hätte. Aber mal wieder: Fehlanzeige! So stehen in einzelnen Regionen Deutschlands Wohnungen leer, ganze Stadtviertel werden zu Geisterstädten oder abgerissen, und in den prosperierenden Städten herrscht Wohnungsnot.

Ausriss aus dem Kinderbuch Lilli mit der kleinen Lilli und einem Mann mit Hut.
Mehr blühende Pflanzen brauchen unsere Städte! Kein wirklich neues Thema. Dies beweist auch das bis heute höchst lesenswerte und aktuelle Kinderbuch ‚Lilli‘ von Else Schwenk-Anger, das bereits meine Kinder vor drei Jahrzehnten gelesen haben. Lilli würde heute als Guerilla Gardener gelten, denn sie hat kleine Säckchen mit „Samen von vielen Blumen gesammelt”, und diese „bringt sie nun den Menschen in der Stadt”. Und das Urban Gardening hat Erfolg: Im nächsten Jahr blüht die Stadt richtiggehend auf. (Bild: Ausriss aus ‚Lilli‘ von Else Schwenk-Anger).

Nicht nur im ‚Großen‘ – sprich in der Regionalpolitik – liegt vieles im Argen, sondern auch auf kommunalen, landes- oder bundeseigenen Flächen – also direkt vor Ort – könnte noch vieles für Natur und Mensch getan werden. Zur Unzeit rollen Mähkommandos an und zerstören die Nahrungsgrundlage für Schmetterlinge und Wildbienen. Hecken und Gehölze werden nicht nur gestutzt, sondern geradezu geschreddert, wenn Vögel Nistplätze suchen. Und das trifft nicht nur auf Deutschland zu, sondern auch auf andere europäische Länder – wie z.B. auf das irische Kerry – trotz Verboten. Aber es geht auch anders: Ein Blütenmeer erwartete uns an einem Parkplatz an der A 81 im Südwesten Deutschlands. Rote, gelbe, weiße, blaue Blüten erfreuten das Auge. So kann ein einfacher Parkplatz bei allem Eingriff in die Natur eben auch gestaltet werden und etwas an die Insektenwelt zurückgeben.

Kleine Fassadenbegrünung mit kelinen Bäumchen.
Bonsaibäumchen in luftiger Höhe am Treffpunkt Rotebühlplatz bringen dem Stadtklima nichts. Statt dieser Second-Hand-Begrünung, die bereits ein Universitätsgebäude in Stuttgart zierte, sollte die Stadt Stuttgart auf wirklich großflächige Fassadenbegrünung setzen. (Bild: Ulsamer)

Grüne Placebos für das Volk

Obwohl ich so manchen Fortschritt auch auf öffentlichen Flächen sehe, wenn es um den Erhalt und die Förderung der Natur geht, so bleiben doch gravierende Mängel. In meiner Geburtsstadt Stuttgart diskutierten Gemeinderat und Stadtverwaltung bei der angedachten Neugestaltung des Marktplatzes direkt vor dem Rathaus u.a. über die Anpflanzung zusätzlicher Bäume. Die Skeptiker setzten sich allerdings mal wieder durch: Es sei ach so schwierig, Bäume anzupflanzen, wegen der Versorgungsleitungen und eines Bunkers aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Was ist schon einfach, möchte man ausrufen! Aber immerhin halten seit vielen Jahren an einer Ecke des Marktplatzes acht Platanen – um einen Brunnen herum gruppiert – trotz des wenig naturnahen Umfelds weiter durch und sorgen für ein bisschen Heimeligkeit. Statt fünf zusätzlicher Bäume auf dem Hauptteil des Marktplatzes scheint die Gemeinderatsmehrheit auf Placebos zu setzen. So wurde am Gebäude der Volkshochschule – Treffpunkt Rotebühlplatz – eine Wandbegrünung mit wenigen Quadratmetern angebracht. Bonsai-ähnliche Bäumchen an einer vertikalen Wand, und dann auch noch Second-Hand. Das ‚grüne‘ Pflaster hing schon mal an einem Universitätsgebäude. Nun halte ich eine Fassadenbegrünung durchaus für richtig, aber doch nicht im Miniformat und dann an wechselnden Gebäuden!

links der asphaltierte Gehweg an der Straße, rechts Efeupflanzen, die leicht in den Gehweg hinein ragen.
Wer braucht denn auch Efeupflanzen als Bienenweide? Im Baurechtsamt der Stadt Esslingen wohl niemand! Ansonsten kann ich mir den Rückschnitt-Befehl für unsere Efeupflanzen nicht erklären. Selbst ein Zwillingskinderwagen hätte schon vor dem amtlich verordneten Rückschnitt mit 120 cm restliche Gehwegbreite noch problemlos Platz gehabt! (Bild: Ulsamer)

Diese Vorgehensweise erinnert mich an Esslingen am Neckar, wo ich heute wohne, nur wenige Kilometer von Stuttgart entfernt. Dort machte schon zweimal ein ‚grünes Zimmer‘ Station, das mit einigen Pflanzen und Sitzbänken zum Beispiel am verunstalteten Bahnhofsvorplatz zum Verweilen einladen sollte. Natürlich habe ich nichts gegen etwas mehr ‚Grün‘ in der Stadt, im Gegenteil, doch es packt mich das Grausen, wenn wenige Meter entfernt der ehemalige Busbahnhof seit 2014 als Asphalt-Ödnis leer steht. Ich kenne Planungsprozesse aus eigener Erfahrung und bin mir bewusst, dass gerade auch innerstädtische Brachen nicht von heute auf morgen bebaut werden können. Ich hätte mir dort einen kleinen Park mit möglichst viel Natur gewünscht, zumindest eine grüne Zwischennutzung. Hinweise an das Stadtoberhaupt und den Gemeinderat waren vergeblich. Es hätte mich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre: Wir bekamen ein Mahnschreiben des Baurechtsamts, weil unsere Efeuranken zu weit in den Gehweg ragen würden. Unsere Antwort mit dem Hinweis auf Insekten und Vögel war vergeblich, obwohl jeder Zwillingskinderwagen spielend hätte vorbeirollen können. So ist das eben, als Oberbürgermeister – egal welcher Couleur – lässt es sich leicht über Nachhaltigkeit und Ökologie philosophieren, doch wenn es zum Schwur kommt, dann haben Tiere und Pflanzen eben keine Chance.

Brunnen mit kleinen Fontänen vor dem Neuen Schloss in Stuttgart.
Viele Brunnen bieten keinerlei Nutzen für Insekten, Vögel oder auch mal einen Igel, da sie das Wasser nicht erreichen können. Im Hintergrund das Neue Schloss in Stuttgart. (Bild: Ulsamer)

Durstig in der Stadtwüste

‚StadtOase‘ nannte sich das grüne Einsprengsel, das für kurze Zeit auf dem öden Esslinger Bahnhofsvorplatz – und schon vorher mal am Postmichelbrunnen – das Auge aufheitern sollte. Aber mal ganz ehrlich, sollte das Wasser in einer Oase nicht Mensch und Tier laben? Einige Zeitgenossen hatten das missverstanden und sich dort mit Bierflaschen in der Hand niedergelassen. Beim Begriff Oase denke ich – wie gesagt – vor allem an die Tiere, die in Städten sowie auf dem Land, immer seltener Wasser finden. Da gibt es zwar schön gestaltete Brunnen von Künstlerhand, doch meist ist das Wasser selbst für Wildbienen und Schmetterlinge nicht erreichbar. Igel, Eichhörnchen oder auch Füchse bekommen von diesem dahin plätschernden Nass nichts ab.

Schotter auf einer Verkehrsinsel in einem Kreisverkehr.
Schotter ist als Straßenunterbau unerlässlich, aber auf einem Kreisverkehr hat er nichts verloren! Behörden und private Investoren sollten gemeinsam für ökologische Verbesserungen sorgen. (Bild: Ulsamer)

Und in vielen Gärten mit Kurzhaarschnitt oder gar Schotterflächen und asiatischen Bonsaibäumchen und Buddhafiguren gibt es kein Vogelbecken, an dem die gefiederten Freunde, aber auch Hummeln und Kleintiere etwas Wasser finden könnten. Nicht nur aus unseren Städten sind viele kleine Wasserquellen verschwunden, im ländlichen Raum wurden ebenfalls Tümpel fleißig zugeschüttet und Bäche kanalisiert, um Holzlagerflächen oder einheitliche Ackerfluren zu schaffen. Wasser spielt aber nicht nur für uns Menschen eine zunehmend größere Rolle, und dies selbst in Deutschland, sondern gerade auch für Tiere und Pflanzen. Für viele Tiere wird die Stadt zu einer Wüste! Damit verlieren sie weitere Lebensräume, denn in den landwirtschaftlichen Monokulturen, die dank der EU-Agrarsubventionen und überzogener Flurbereinigungen entstanden sind, haben viele Tierarten heute ohnehin kein Plätzchen mehr zum Leben.

Bunte Blumen auf einer Verkehrsinsel.
Blühende Pflanzen erfreuen nicht nur das Auge, sondern auch Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge. Trotz der Gefahren, die aus dem Verkehr resultieren, überwiegen die Vorteile für die Insekten. Das Foto entstand in Esslingen am Neckar und macht vielleicht doch noch Hoffnung, dass das ökologische Bewusstsein erwacht. (Bild: Ulsamer)

Der Natur eine Chance geben

Der Klimawandel zeigt durch Hitzeperioden und zunehmende Stürme, sowie durch Starkregenereignisse seine Macht. Längst geht es nicht nur um steigende Meeresspiegel als Folge der Erderwärmung, sondern auch um lebenswerte Städte in heißen Sommermonaten. In urbanen Zentren ist es zumeist einige Grad wärmer als im Umland, und daher sind die Bewohner bei Hitzetagen noch stärker bedroht. Schattenplätze sind ebenso gefragt wie der Erhalt der Frischluftschneisen. Wird die Zufuhr von kühlerer Umgebungsluft weiter eingeschränkt, dann werden die Temperaturen weiter steigen, und der Hitzestress wird viele Opfer fordern. In Corona-Zeiten blieb noch nicht einmal die Flucht in klimatisierte Einkaufszentren! Bäumen kommt im städtischen Bereich eine große Bedeutung zu, wenn es sich nicht um bessere Bonsaibäume handelt, die immer eifrig zurechtgeschnitten werden. Nicht nur im Wald ist der kühlende Effekt am spürbarsten, wenn die Kronen der Bäume ein geschlossenes Blätterdach bilden.

Markt in Stuttgart vor dem Rathaus, links einige große Platanen.
Gegen ‚Grünzeug‘ haben die Stuttgarter nichts und kaufen gerne auf dem Wochenmarkt ein. Vor dem Rathaus haben in Stuttgart acht Platanen durchgehalten, und sie hätten sich über Verstärkung bei der Neugestaltung des Marktplatzes gefreut, doch vergeblich. Die Gemeinderatsmehrheit lehnte weitere Bäume ab! Haben diese Damen und Herren noch nichts vom Klimawandel und der Erwärmung gerade auch der Innenstädte gehört? Und Stuttgart wird es wegen der Kessellage noch deutlich härter treffen! (Bild: Ulsamer)

Natürlich bin ich mir bewusst, dass städtische Zentren nun mal keine Naturlandschaft darstellen, aber auch bei der Begrünung von Dächern und Fassaden kommen wir hier einfach nicht voran! Dabei kann noch so vieles getan werden! Die städtischen Grünanlagen und Parks sollten naturnäher gestaltet werden und auch Wasserflächen umfassen, die den Tieren einen Zugang zum lebensnotwendigen Nass ermöglichen. Freiflächen müssen unbedingt erhalten und möglichst erweitert werden, um auf ihnen Bäume pflanzen und blütenreiche Wiesen anlegen zu können. Diese Flächen können bei Starkregen die Kanalisation entlasten und zumindest vorübergehend Wasser aufnehmen. Völlig zurecht betont der Deutsche Städtetag in seiner Veröffentlichung ‚Anpassung an den Klimawandel in den Städten‘: „Die Bedeutung von Grünflächen und städtischer Vegetation, insbesondere Großbäumen, von begrünten Dächern, Hinterhöfen und Fassaden zur Reduzierung des städtischen Wärmeinseleffekts nehmen zu.“ Damit sollte klar sein, dass die Bebauung der letzten Baulücke oder Brachfläche, von Wiesen und Äckern am Stadtrand keine Lösung sein kann. Städte sind eben auch mal voll, und dann ist es die Aufgabe einer innovativen Regionalpolitik weitere Schwerpunkte dort zu bilden, wo noch Wohnraum zur Verfügung steht.

Wir brauchen mehr Grün im städtischen Grau, aber auch mehr Blüten an unseren Straßenrändern. Dies muss ergänzt werden durch das Verbot von Schottergärten und eine Abkehr vom beständigen Einsatz von Mährobotern, die jeden Garten zu einem Sportplatz machen. Und ganz wichtig ist es, Mäharbeiten und den Schnitt von Hecken und Gehölzen besser mit den Bedürfnissen von Insekten und Vögeln und den Pflanzen selbst abzustimmen. Mit gutem Willen lässt sich so viel erreichen, das zeigen blütenreiche Wiesen, Böschungen, Blühstreifen, Parks und Gärten, wo die Natur noch eine Chance bekommt, sich zu entwickeln.

 

Verkehrsinsel mit blauen Blüten.
Insekten brauchen Blüten, und daher sollte jede Verkehrsinsel genutzt werden – wie hier in Tübingen. (Bild: Ulsamer)

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