Maumanorig: Steine erzählen Geschichte

Spuren eines frühen christlichen Klosters im Südwesten Irlands

Eine wallartige Umfriedung und einige Steine, die aus dem Boden ragen, weisen oberhalb Ventrys, einem Dorf in der Nähe des irischen Touristenorts Dingle, auf ein kleines mittelalterliches Kloster hin, das im 6. Jahrhundert gegründet wurde. In einem Felsbrocken, der sich aus dem Grasboden erhebt, ist deutlich ein christliches Kreuz zu erkennen, bei näherer Betrachtung auch ein kleineres zweites Kreuz. Am Rand dieses Steins findet sich mit Zeichen des Ogham-Alphabets ein Hinweis auf Colmán, den Pilger, nachdem die Kapelle benannt sein könnte. Vermutlich war das Kloster Maumanorig Ausgangspunkt oder Zwischenstation an einem Pilgerweg, der zum Mount Brandon bzw. zur Insel Skellig Michael mit einem weiteren Kloster oder später gar ins spanische Santiago de Compostela führte. Im späten Mittelalter kam es zum Niedergang des Klosters, da sich das kirchliche Leben weniger an abgelegenen Klöstern wie Maumanorig, sondern an städtischen und dörflichen Strukturen ausrichtete. Die Diözesanhierarchie dominierte über verstreute Klosteranlagen im ländlichen Raum. Der historische Ort wurde noch bis ins 19. Jahrhundert als lokaler Friedhof genutzt.

Rechts ein größerer Felsbrocken, daneben kleinere Steine, die aus dem Boden ragen. Vermutlich frühere Grabsteine.
Neben einem großen Felsbrocken mit Kreuz und einer Ogham-Inschrift ragen kleinere Steine aus dem Boden, die auf frühere Gräber hindeuten. (Bild: Ulsamer)

Ein frühes christliches Kloster

Die ringförmige Einfriedung mit einem Durchmesser von knapp 50 Metern, die ursprünglich aus einem Erdwall bestanden haben dürfte, liegt heute auf einer Weidefläche und ist von einer kleinen Straße aus durch ein Farmtor zu erreichen. Ein kurzer Blick kann nichts schaden, um herauszufinden, welche Tiere denn im Moment dort weiden. Sind es Bullen, so ist etwas mehr Vorsicht nicht fehl am Platze, bei uns waren es Schafe, Ziegen oder Pferde. Erklärungen zur Historie des Ortes finden sich keine, dafür ein Schild, das darauf hinweist, dass die Anlage als ‚National Monument‘ mit der Bezeichnung ‚Maumanorig Early Medieval Ecclesiastical Site‘ unter Schutz steht. Die Gemarkungsnamen und die Interpretationen der Fundstelle gehen wie so oft auseinander, was nicht zuletzt an den Übersetzungen aus dem Gälischen ins Englische und wieder zurück liegt. Die Ausgrabungen von R.A.S. Macalister, Professor für Celtic Archaeology am University College Dublin, im Jahre 1938 belegen, dass es in Mám an Oraig eine Kapelle und wenige Hütten gegeben hat. Errichtet wurden die Gebäude aus Trockensteinmauern. In einem Felsbrocken wurden vermutlich im 7. Jahrhundert zwei Kreuze eingearbeitet, dazuhin findet sich eine Inschrift in Ogham-Zeichen, die auf den Pilger Colmán Oilither verweisen, der ein Enkel von Diarmait und Urenkel von Fergosa Cerrbéil gewesen sein dürfte. Folgen wir dem Ökumenischen Heiligenlexikon, dann dürfte Colmán um 569 in Inis-Mocholmóg im heutigen Inch in Leinster verstorben sein. Ob das Kloster von Maumanorig von Colmán selbst gegründet oder nach ihm benannt wurde, ist unklar.

Blick auf Ventry Harbour mit einem Sandstrand und Dünen. Im Mittelpunkt des Bilds ist ein Karavanpark zu sehen.
Der Blick von Maumanorig reicht bei klarem Wetter über den Ventry Beach bis zu den Skelligs. Diese waren im Mittelalter ein Ziel für viele Pilger. (Bild: Ulsamer)

Von Maumanorig aus überblickten die Mönche oder Pilger die Ventry Bay bis zu den Skelligs, wo in einem unglaublich einsam gelegenen Kloster zwölf Mönche und der Abt – analog zu den Zwölf Aposteln gelebt haben dürften. Skellig Michael wurde als Drehort für die Star Wars Filme ‚Das Erwachen der Macht‘ und ‚Die letzten Jedi‘ so populär, dass die Ausflugsboote, die von Portmagee aus in See stechen, lange im Voraus ausgebucht sind. Das sehenswerte Kloster auf Skellig Michael steht seit 1996 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Skellig Michael liegt zwölf Kilometer vor der Küste Kerrys und erhebt sich 217 Meter hoch steil aus dem Meer. Unser Besuch liegt lange Jahre zurück, doch die Bootsfahrt und der Aufstieg über mehr als 600 Stufen bleibt uns bis heute in Erinnerung und natürlich das Gefühl der Ausgesetztheit der damaligen Bewohner, die heftige Stürme und die Abgeschiedenheit ertragen mussten. Neben Skellig Michael liegt Little Skellig, wo eine der größten Basstölpelkolonien der Welt beheimatet ist. Mehr zu diesen majestätischen Vögeln finden Sie in meinem Beitrag: ‚Basstölpel: Elegante Gleitflieger und pfeilschnelle Stoßtaucher. Seevögel bringen mal ein Blümchen mit‘. Nun aber wieder zurück nach Maumanorig. Heute kommen mehr Touristen als Pilger auf die Dingle-Halbinsel, und daher ist es bei Maumanorig eher einsam, wenn in Dingle die Parkplätze überquellen.

Ein Felsbrocken, der zum Teil von weißen Flechten bedeckt ist. Im Mittelpunkt ein Kreis, der ein Kreuz umschließt, das in den Stein eingearbeitet wurde.
Der Felsbrocken mit dem christlichen Kreuz und einer Inschrift in Ogham-Zeichen weist auf die Geschichte des Klosters Maumanorig aus dem frühen Mittelalter hin. Dessen Anlage wurde bis ins 19. Jahrhundert als Friedhof genutzt. Die Zeichen ergeben ANM COLMAN AILITHIR – Colman der Pilger. Die große Zahl christlicher Relikte auf der Dingle-Halbinsel ist ein Beleg für die frühe Christianisierung zu einer Zeit, in der relativ viele Menschen hier lebten. Unter der britischen Herrschaft wurden zahllose Bewohner zur Emigration nach Amerika oder England gezwungen oder sie landeten in Workhouses. Steve MacDonogh betont in seinem Buch ‚The Dingle Peninsula‘ zurecht, dass „here, at the western edge of Europe, a new way was forged in the course of the fifth to eighth centuries and a lifestyle was developed which was to contribute to the remarkable and extensive Irish missionary movement of later centuries throughout continantal Europe.“ In vielfacher Hinsicht war die Dingle-Halbinsel eine Wiege christlicher Zivilisation, die Missionare aufs europäische Festland entsandte. Auf diese Missionierung bin ich in meinem Artikel ‚Der irische Beitrag zur frühen Christianisierung Europas‘ eingegangen. (Bild: Ulsamer)

Kapelle für Pilger

Die Gemarkung Mám an Orig hat unterschiedliche Namen, was sich aus Übertragungen aus dem Irischen ins Englische ergibt oder aus den britischen Versuchen, irische Bezeichnungen freihändig in ihr eigenes System zu pressen. So heißt die Örtlichkeit des einstigen Klosters auch Kilcolman oder Cill na gColmán, was in etwa die Kirche der Colmáns bedeutet. Sogar ‚hill-top of the yellow stones‘ oder ‚mountain pass of the Hoares‘ sind gebräuchlich. Für die Ordnance Survey maps versuchten die Briten, die als Kolonialherren auftraten, im 19. Jahrhundert alles passend zu machen, doch die Vielfalt der Ortsnamen überlebte. Es ist noch nicht lange her, als der Versuch zu Zwistigkeiten führte, dem Touristenort Dingle wieder irische Schilder zu verordnen, und gleich mehrere Vorschläge in der Debatte heftig aufeinanderprallten.

Von Hand wurde zur besseren Erkennbarkeit das christliche Kreuz eingezeichnet, das auf dem Bild schwer zu erkennen ist.
Vor Ort ist das christliche Kreuz recht gut erkennbar, doch nicht unbedingt auf aktuellen Fotos. Daher hier der Versuch, das Kreuz nachzuzeichnen. (Grafik: Ulsamer)

Zum Kloster gehörte eine heilige Quelle, die St. Brendan gewidmet war. Interessant sind die Vertiefungen in Steinen, sogenannte ‚bullán‘, von denen eine noch gut vor dem herausstechenden Felsbrocken zu erkennen ist. Ähnliche Formen wurden bereits aus der Steinzeit überliefert, wo sie u. U. zum Mahlen von Getreide dienten. ‚bullán‘ ist ein Lehnwort aus dem Englischen, ‚bowl‘, Schüssel. Gefunden werden solche Vertiefungen gerade auch in frühen kirchlichen Anlagen, wo sie als eine Art Weihwassergefäß gedient haben könnten. Bemerkenswert ist die Verbindung des vorchristlichen Ogham-Alphabets mit dem christlichen Symbol des Kreuzes im kleinen Kloster Maumanorig.

Auf grünem Weideland ist ein Zaun und dahinter ein Wall aus Erde und Steinen zu sehen.
Im 6. Jahrhundert dürfte das kleine Koster Maumanorig, Mam an Oraig, Cill na gColmán, die Kirche der Colmans, oder Kilcolam gegründet worden sein. Ein Erdwall umgab das Kirchlein und die wenigen Hütten. Eine Quelle wurde dem Heiligen Brendan gewidmet. Von der Dingle-Halbinsel aus, auf der die Reste des Klosters besichtigt werden können, soll der Heilige Brendan zu Missionsreisen aufgebrochen sein. Treffen die Legenden zu, dann könnte der Heilige Brendan bei seiner Seereise von 565 bis 573 wirklich schon in Neufundland gelandet sein, und somit vor den Wikingern und lange vor Kolumbus. Weitere Informationen hierzu finden Sie in meinem Beitrag ‚War der Heilige Brendan vor den Wikingern und Kolumbus in Amerika? Mit dem Currach auf großer Fahrt ins ‚gelobte Land‘‘‘. (Bild: Ulsamer)

Bei einem erneuten Besuch des mittelalterlichen Klostergeländes in Maumanorig ging mir die Frage durch den Kopf, was wohl aus so manchem großen Kirchenbau werden wird, wenn die Zahl der christlichen Kirchgänger in weiten Teilen Europas im gleichen Maße fortschreitet. Gerne verweise ich hier auf meinen Artikel ‚Deutschland: Kirchenmitglieder erstmals in der Minderheit. 40 000 kirchlichen Immobilien droht die Umwidmung‘. Der christliche Glaube, der Pilger im frühen Mittelalter in das abgelegene Kerry führte, ist in Irland – wie in Deutschland – im Rückwärtsgang unterwegs.

 

Eine sichtbare Vertiefung in einem grauen Stein, der von Gras und gelben Blümchen umgeben ist.
Vor dem großen Felsbrocken mit einem christlichen Kreuz ist eine Vertiefung in einen Stein eingearbeitet. Diese ‚bulláns‘ oder ‚bullaun stones‘ gehen auf die Steinzeit zurück, was Funde belegen. Peter Harbinson spricht in der ‚Encyclopaedia of Ireland‘ die Bandbreite möglicher Nutzungen an, die von einem Mörser für das Mahlen von Getreide oder das Zerreiben von Erz bis zu einer Wasserschale für Segnungen oder das Heilen von Krankheiten reichen. Solche Becken gibt es auch in kleineren Steinen, die transportiert werden konnten. ‚bulláns‘ finden sich in verschiedenen frühen christlichen Ansiedlungen. (Bild: Ulsamer)

 

Drei Ziegen schauen über den Felsbrocken in Maumanorig in Richtung des Fotografen.
Das ‚National Monument‘ Maumanorig liegt innerhalb einer Weidefläche, daher macht es durchaus Sinn, zu schauen, wer denn dort gerade grast. Sind es Bullen, wäre ich vorsichtig, bei Schafen und Ziegen besteht sicherlich keine Gefahr. Nur der historische Ort unterliegt der Fürsorge des irischen Staats, die Weiden sind privat, doch ist der Zutritt erlaubt, wenn sorgsam das Tor wieder geschlossen wird und die Weidetiere nicht gestört werden. Maumanorig gehört zum Heritage Walk ‚Cosán na Naomh‘. Ein entsprechendes Informationsblatt hat das Museum Chorca Dhuibhne – West Kerry Museum – in Ballyferriter herausgegeben. Wer sich für Geschichte interessiert, dem möchte ich noch Dún an Óir empfehlen, eine Klippe über dem Smerwick Harbour. Dort kämpften 600 irische Katholiken und ihre Verbündeten aus Frankreich, Spanien und dem Baskenland 1580 gegen ein englisches Heer. Hinweisen möchte ich auf meinen Artikel ‚Dún an Óir: Kaum ergeben, schon geköpft. Ein Massaker von 1580 im irischen Kerry‘. (Bild: Ulsamer)

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