Matthias Erzberger wurde vor 100 Jahren ermordet

Rechtsextremistisches Attentat auf einen Demokraten

Was wäre wohl aus der Weimarer Republik geworden, wenn der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger und der Liberale Walter Rathenau nicht von Rechtsterroristen ermordet worden wären, und Reichspräsident Friedrich Ebert von der SPD nicht früh verstorben wäre? Diese Frage lässt sich im Nachhinein nicht eindeutig beantworten, doch die sich in Deutschland entwickelnde Demokratie stand durch nationalistische Kreise und linksextreme Gruppierungen im Innern ebenso unter Druck wie durch die Sieger des Ersten Weltkriegs, und dazu kam der Verlust an politischen Führungspersönlichkeiten, die für Demokratie und Frieden kämpften. Matthias Erzberger hätte bei seiner Geburt in Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb wohl niemand vorausgesagt, dass er in die erste Reihe der Politik aufsteigen und zur Hassfigur für nationalistische Kreise werden würde. Die Rechtsterroristen der ‚Organisation Consul‘ erschossen Erzberger am 26. August 1921 in der Nähe von Bad Griesbach im Schwarzwald. Ein kurzes Leben ging durch Meuchelmörder zu Ende, deren politische Sympathisanten aus dem früheren kaiserlichen Militär nichts unversucht gelassen hatten, Erzberger mit der abstrusen ‚Dolchstoßlegende‘ die Schuld am verlorenen Krieg in die Schuhe zu schieben, den sie selbst angezettelt, mit aller Brutalität geführt und am Ende verloren hatten.

Erzberger im Anzug mit Brille an einem Schreibtisch sitzend. Er hält Unterlagen in den Händen.
Matthias Erzberger blieb immer der Anwalt der kleinen Leute, sei es als Journalist, Arbeitersekretär, Reichstagsabgeordneter oder Minister. Er arbeitete sich in die unterschiedlichen Themenbereiche immer intensiv ein, und so wurde seine Sachkenntnis selbst von Vertretern anderer demokratischer Parteien anerkannt. In seinen ersten beiden Jahren im Reichstag las  Erzberger Protokolle der Sitzungen aus den letzten 30 Jahren durch, um so bestens vorbereitet zu sein. (Bild: Stadtarchiv Münsingen)

Der Anwalt der kleinen Leute

Wer auf der Schwäbischen Alb geboren wird und sich in die Berliner Politik wagt, der tut sich bis heute schwer: Dies galt viel mehr noch für Matthias Erzberger, der 1875 in Buttenhausen im damaligen Königreich Württemberg zur Welt gekommen war.  Aber mit großem Fleiß arbeitete er sich – aus einfachen Verhältnissen stammend – in Journalismus und Politik nach oben. Bemerkenswert ist es, wie zielstrebig Matthias Erzberger seinen Weg in die Politik ging. Als ältestes von sechs Kindern eines Schneiders und Postboten in einem kleinen Häuschen in dem Dorf Buttenhausen im romantischen Lautertal geboren, wurde ihm nicht in die Wiege gelegt, ein führender Zentrumspolitiker zu werden. Ganz im Gegenteil: Bis zu seiner Ermordung nutzten seine politischen Gegner die Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen, seinen schwäbischen Dialekt und seine religiöse Einstellung für Angriffe gegen ihn aus. Das Dorf Buttenhausen, heute zur Stadt Münsingen in Baden-Württemberg gehörend, zeichnete sich durch eine außergewöhnliche religiöse Zusammensetzung aus: Etwa die Hälfte der Einwohner waren Juden, die andere Hälfte Protestanten – und Erzbergers Familie gehörte zu den wenigen Katholiken. Die friedliche und vielfältige Dorfgemeinschaft wurde erst durch die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zerstört. Der jüdische Friedhof und ein interessantes Museum im ehemaligen Realschulhaus, das die jüdische Geschichte Buttenhausens wachhält, erinnern noch heute an die Zeit, in der Juden und Christen das dörfliche Leben gemeinsam prägten. Matthias Erzberger wurde in unmittelbarer Nähe zu der 1938 von den Nationalsozialisten niedergebrannten Synagoge geboren.

Blick auf das rötlih-orangene Geburtshaus von Matthias Erzberger. Im Vordergrund ein Baum und eine Stele mit einem Foto Erzbergers.
Aus der dörflichen Enge erarbeitete sich Matthias Erzberger seinen Weg in die Politik durch nicht nachlassenden Fleiß und die Hinwendung zum Mitmenschen. Heute findet sich in seinem kleinen Geburtshaus in Buttenhausen, einem Ortsteil der Stadt Münsingen, eine interessante Dauerausstellung. Zwar sind von Erzberger nur wenige persönliche Gegenstände erhalten geblieben, doch in der Ausstellung an diesem historisch bedeutsamen Ort, die vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg entwickelt wurde, wird sein Leben und Wirken in eindrucksvoller Weise herausgearbeitet. Über Anfahrt und Öffnungszeiten können Sie sich im Internet informieren: www.erzberger-museum.de  Die Gedenkstätte ist auf jeden Fall einen Besuch wert. (Bild: Ulsamer)

Im katholischen Lehrerseminar in Saulgau – seit 2000 Bad Saulgau – legte Erzberger die Prüfung zum Volksschullehrer ab: Für diese Ausbildung musste kein Schulgeld bezahlt werden, und sie war für ihn damit eine der wenigen Chancen, sich beruflich zu entwickeln. Im wenig weltoffenen Lehrerseminar hatte es Erzberger vermocht, eine Zeitung aus der Hauptstadt abonnieren zu dürfen: So rückte Berlin, seine spätere Wirkungsstätte, schon mal näher an Oberschwaben heran. Erzberger war als Volksschullehrer tätig, doch begann er 1896 als Redakteur für das katholische „Deutsche Volksblatt“ zu arbeiten. Mit großem Elan stürzte sich Erzberger in die journalistische Arbeit in Stuttgart: „Indes bestach bereits der Neuling auf dem Korrespondentenplatz im Halbmondsaal, der zuvor ein paar Schulungskurse und kurz die Katholische Universität in Fribourg (Schweiz) besucht hatte, durch die Geschwindigkeit, mit der er, getrieben von Neugier, ihm bis dahin fremde Themenfelder eroberte“, so Wulf Reimer, ein früherer Redakteur der Süddeutschen Zeitung.1 Die Bereitschaft, sich intensiv in Themen einzuarbeiten, kam ihm auch im politischen ‚Geschäft‘ zu Gute. Parallel zu seiner journalistischen Tätigkeit versuchte Erzberger, mit seinen Aktivitäten in katholischen Arbeitervereinen und bei der Gründung Christlicher Gewerkschaften einen Gegenpol zu sozialistischen Bestrebungen seiner Zeit zu bilden. Als Arbeitersekretär stand er Hilfesuchenden bei Fragen zur Alters- und Krankversicherung mit Rat und Tat zur Seite. Sein Wunsch, ein Anwalt der ‚kleinen Leute’ zu sein, bildete sich hier heraus und prägte sein gesamtes Wirken. „So leistete Erzberger einen Beitrag dazu, dass sich klein- und unterbürgerliche Katholiken in Württemberg im Zuge der Fundamentalpolitisierung der wilhelminischen Gesellschaft politisch und sozial organisierten und ihre Interessen vertreten konnten“, so Christopher Dowe.5 Und er fährt fort: „Diesen Gruppen blieb Erzberger zeitlebens eng verbunden und vertrat ihre Interessen, so wie sie seine treue politische Hausmacht bleiben sollten.“

Der Reichstag in Berlin bei Nacht. Im Mittelpunkt Säulen, die einen Vorbau tragen. Inschrift: Dem deutschen Volke"
Matthias Erzberger war einer der ersten Berufspolitiker aus einfacheren gesellschaftlichen Kreisen und brachte seine Sachkenntnis in die Debatten im Berliner Reichstag ein. Erzberger war ein wahrer Anwalt der kleinen Leute und stritt für ihre Rechte im Parlament. Ich würde mir sehr wünschen, dass der Bundestag, wenn er schon im Reichstagsgebäude tagt, auch wieder zur Debattenkultur früherer Jahre zurückkehrt. (Bild: Ulsamer)

Von Oberschwaben nach Berlin

Als jüngster Abgeordneter wurde Erzberger 1903 mit 28 Jahren in den Reichstag gewählt: Zwar war sein Wahlkreis, der u.a. Biberach, Leutkirch, Waldsee und Wangen umfasste, dem Zentrum sicher, doch sein Ergebnis von mehr als 92 % der abgegebenen Stimmen war dennoch eine besondere Auszeichnung. Er zog mit seiner Familie nach Berlin, um sich voll in das politische Geschehen einbringen zu können. Im Gegensatz zu den Bundestagsabgeordneten unserer Tage konnte der nun in Berlin wohnende Erzberger nur ein- bis zweimal jährlich seinen Wahlkreis besuchen. Dabei stand der intensive Austausch mit seinen Wählerinnen und Wählern im Mittelpunkt, deren Anliegen er auch unterm Jahr in schriftlicher Form aufnahm und bearbeitete. So wurde Erzberger zu einem der ersten Berufspolitiker, der zugleich den Reichstag als politisches Forum nutzte und dennoch den Kontakt zur Bürgerschaft niemals vernachlässigte. Da könnte sich so manches Mitglied unseres XXL-Bundestags ein Vorbild nehmen! Seine Verantwortung für den redaktionellen Teil des ‚Deutschen Volksblatts‘ gab Erzberger nach der Wahl in den Reichstag ab, seine journalistische Tätigkeit allerdings behielt er bei: Erzberger sicherte sich durch das Schreiben politischer Beiträge für zumeist süddeutsche Zeitungen ein Einkommen für sich und seine Familie, da die Abgeordneten noch nicht an Diäten im heutigen Sinne und in entsprechender Höhe zu denken wagten.

Wenig Freunde machte sich Erzberger, als er 1905/06 im Reichstag Korruption und Misswirtschaft in der Kolonialverwaltung, aber auch Morde und Misshandlungen öffentlich machte, die an der einheimischen Bevölkerung begangen worden waren. Seine Kritik führte u.a. dazu, dass ein Verwandter von Kaiser Wilhelm II., der Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg, seinen Hut nehmen musste. „Ein schwäbischer Volksschullehrer hatte einen Erbprinzen gestürzt.“2  Rechte und nationalistische Gruppierungen stellten sich gegen ihn, und ihr Hass begleitete ihn bis zu seiner Ermordung. Zu den Verbreitern von Hetzparolen zählte ab diesem Zeitpunkt Karl Helfferich, der Mitarbeiter des geschassten Erbprinzen im Kolonialamt gewesen war. Wenig anfangen konnte Erzberger auch mit dem wilhelminischen Pomp, der bei Offiziersuniformen mit viel Lametta begann und schon damals in Bürokratie endete. Bei Adel und Militär, aber auch bei einer nationalistisch denkenden Justiz machte sich Erzberger mit seinen meist gut vorbereiteten Reden und Zeitungsartikeln keine Freunde. Er legte für deren Geschmack zu oft den Finger in gesellschaftliche Wunden und forderte dazuhin eine Gleichstellung der Katholiken.

Das letzte Blatt der Waffenstillstandserklärung mit den Unterschriften u.a. von Marshall Foch und Matthias Erzberger.
Matthias Erzberger beendete mit seiner Unterschrift den Ersten Weltkrieg, doch zum 100. Gedenktag kam Matthias Erzberger 2018 in weiten Teilen von Politik und Medien zu kurz. Nicht so in einer Veröffentlichung des Auswärtigen Amts: „Am 11. November, um fünf Uhr morgens, unterzeichneten Erzberger und Foch sowie ihre Begleiter den Waffenstillstand im Salonwagen des französischen Oberkommandierenden auf einer Waldlichtung bei Compiègne in Frankreich. Obwohl er damit nur fortführte, was auf Drängen der Obersten Heeresleitung begonnen worden war, machte sich Erzberger durch dieses Ereignis bei der politischen Rechten verhasst. Die Unterschrift von Compiègne kostete ihn letztlich sogar das Leben. Wenige Jahre später fiel er einem Attentat zum Opfer.“ Den Waffenstillstand unterzeichneten: Ferdinand Foch, Marschall, Alliierter Oberkommandierender, und Rosslyn Wemyss, Admiral, Erster Seelord, auf Seiten der Alliierten und für Deutschland Matthias Erzberger, Staatssekretär ohne Portefeuille, Alfred Graf von Oberndorff, Auswärtiges Amt, Gesandter, Detlof von Winterfeldt, Generalmajor, Vertreter der Obersten Heeresleitung beim Reichskanzler sowie Ernst Vanselow, Kapitän zur See. (Bild: Auswärtiges Amt, CC BY-NC-ND 3.0 DE)

„Die Kugel, die mich treffen soll …“

Das Zentrum unterstützte zu Beginn des Ersten Weltkriegs die deutsche Kriegsführung, und auch Erzberger ließ sich von der nationalen Begeisterung mitreißen, doch früher als andere Politiker erkannte er, dass der Krieg verloren und nur noch die Einleitung von Friedensverhandlungen sinnvoll war. Auch Friedrich Ebert und die von ihm geführte SPD-Fraktion hatte 1914 noch für die Kriegskredite gestimmt. Schrieb Erzberger 1914 noch „Das ganze deutsche Volk lebt nur für die eine Parole: Kaiser, Volk und Vaterland“, so initiierte er im Juli 1917 im Reichstag eine Friedensresolution, die zwar eine überparteiliche Mehrheit fand, aber ohne Wirkung bei Kaiser, nationalistischen Organisationen und der Militärführung blieb. Auch mit Hilfe der Zensurbehörden versuchte die Militärführung des Reichs Matthias Erzberger mundtot zu machen, der sich weiter für einen Verständigungsfrieden einsetze. Das Deutsche Reich wurde von Kaiser Wilhelm II. in den Ersten Weltkrieg geführt, und bis Herbst 1918 widersetzte sich die Oberste Heeresleitung der von Matthias Erzberger im Reichstag durchgesetzten Friedensresolution. Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff betrieben mit ihrer Halsstarrigkeit und Menschenverachtung die Fortsetzung eines Krieges, der längst verloren war und unsägliches Leid über Soldaten und Zivilisten in den am Krieg beteiligten Staaten brachte. Nicht zuletzt geht auch der uneingeschränkte U-Boot-Krieg auf Ludendorff zurück, der zum Kriegseintritt der USA führte. Als jedoch die Aussichtslosigkeit des Krieges auch von den halsstarrigen Uniformträgern nicht mehr geleugnet werden konnte, da schoben sie dem Zivilisten und Zentrumspolitiker Matthias Erzberger den Schwarzen Peter zu.

Eine Perversion sonders Gleichen ist es, dass ausgerechnet die für die Kriegsführung verantwortlichen Militärs unter Feldmarschall Paul von Hindenburg Erzberger mit den Waffenstillstandsverhandlungen beauftragten: Die kriegslüsternen Mitglieder der Obersten Heeresleitung, die die Friedensverhandlungen zu einem früheren Zeitpunkt ständig hintertrieben hatten, übertrugen nun die undankbare Aufgabe, den Waffenstillstand nach einem verlorenen Krieg zu unterzeichnen, einem demokratischen Politiker. Als Erzberger im Wald von Compiègne das Waffenstillstandsabkommen akzeptierte, unterschrieb er damit am 11. November 1918 im Grunde auch sein eigenes Todesurteil. Die nationalistischen Kräfte sahen in ihm ihren Hauptgegner, dem sie nach dem Leben trachteten. Erzberger war sich dieser Bedrohung durchaus bewusst: „Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen.“

Auf der einen Seite des Propagandablatts bewaffnete deutsche Soldaten mit der Unterschrift 'Als Ludendorff Krieg führte', daneben versklavte Soldaten in Uniform und einem Wächter mit Peitsche. Untertitel: 'Als Erzberger Frieden schloß'.
Zu den Musterbeispielen der Fake-News jener Zeit gehört eine Darstellung, in der die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) die Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg und gar während des Kriegs verklärte und demokratische Ansätze in Misskredit brachte. So wurde in der Darstellung der DNVP Ludendorffs Kriegsführung zum ‘Heldenepos’ und Matthias Erzberger zum Verursacher der Knechtschaft. Mit solchen Pamphleten wurde Erzberger, der für das Deutsche Reich die Kapitulation unterschrieb, zum Freiwild – und er bezahlte den Einsatz für sein Land mit dem Tode. Ermordet von Rechtsextremisten. Gezeigt wurde dieses Propagandablatt im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart in der Ausstellung „Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten 1918-1924“. (Bild: Reproduktion)

Militärs schieben den Demokraten die Schuld zu

Die Nationalisten, Militaristen und Kaisertreuen hatten nach Kriegsende den politischen Vorteil, dass am 9. November 1918 in Berlin – von Philipp Scheidemann bzw. Karl Liebknecht – die Republik ausgerufen worden war und der Kaiser abgedankt hatte. „Auf diese Weise konnte sich die Oberste Heeresleitung heraushalten; später sagte man, daß der Waffenstillstand ja von Zivilisten, dazu noch von einem Zentrumspolitiker, unterzeichnet worden war“, so Gerhard Binder6 in seiner ‚Geschichte im Zeitalter der Weltkriege‘. Und der letzte kaiserliche Reichskanzler Max von Baden hatte die Regierungsgeschäfte bereits dem Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert, übertragen. Etwas überspitzt könnte man sagen, die Militärs und der Adel hatten sich vom Acker gemacht und überließen es dem Volksschullehrer von der Schwäbischen Alb, Matthias Erzberger, und dem gelernten Sattlergesellen, Friedrich Ebert, die sie vorher gerne geschmäht hatten, den Waffenstillstand zu unterschreiben und Deutschland durch eine turbulente Zeit zu führen.

„Der nationale Leidensweg nach Compiègne war das Schwerste und Bitterste, was mir in meiner amtlichen Tätigkeit auferlegt worden ist“, so Erzberger 1921.3 Bereits beim ersten Zusammentreffen machte der französische Marschall Ferdinand Foch, Leiter der französisch-englisch-amerikanischen Delegation, klar, dass es keine Verhandlungen geben werde, sondern Deutschland könne nur die Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens annehmen oder ablehnen – und damit eine Fortsetzung des Krieges mit der Besetzung Deutschlands auslösen. Die Unterschrift Erzbergers unter das unausweichliche Waffenstillstandspapier war auch die Geburtsstunde der ‚Dolchstoßlegende‘. Wenn wir heute über Fake News sprechen, dann ist diese ‚Dolchstoßlegende‘ eine frühe Ausformung: Dem zivilen Politiker Erzberger schoben rechtsnationale und militaristische Kreise die Schuld für den verlorenen Krieg unter. Das Heer sei, so die Lesart der rechtsextremistischen Gruppierungen, im Feld ungeschlagen gewesen und Erzberger und andere demokratische Politiker – wie Friedrich Ebert – hätten die Soldaten gewissermaßen aus dem Hinterhalt gemeuchelt. Nichts konnte ferner von der Realität sein! Doch dreiste Lügen haben oft in der Politik eine große Langlebigkeit.

Titelblatt der Zeitschrift 'Kladderadatsch' mit einer polemischen Zeichnung. Der französische Oberbefehlshaber Foch als Geier auf einem Ast. Unter ihm geht Erzberger als Mond auf. Text" Deutsch-Französische Frühlingsnacht. Aufsteigt der Mond aus Buttenhausen, Ein alter Kauz denkt nur ans Mausen!"
Am 27. April 1919 machte der ‚Kladderadatsch‘ mit einer polemischen ‚Karikatur‘ auf, die erneut Matthias Erzberger in Misskredit bringen sollte. Der französische Oberbefehlshaber Ferdinand Foch wird als Geier auf einem Ast dargestellt unter dem Matthias Erzberger als Mond aufgeht. Der Text ist beleidigend und folgt damit der Hetze reaktionärer nationalistischer und kaisertreuer Reaktionäre: “Deutsch-Französische Frühlingsnacht. Aufsteigt der Mond aus Buttenhausen, Ein alter Kauz denkt nur ans Mausen!” Erzberger trat 1920 als Finanzminister wegen der Hetzkampagnen gegen ihn zurück, um sich gerichtlich gegen die falschen Behauptungen von Karl Helfferich und anderen umfassend wehren zu können. Erzberger konnte die Vorwürfe entkräften und wollte wieder in die erste Reihe der Politik zurückkehren, doch dies verhinderten die Rechtsextremisten mit allen Mitteln, und sie schreckten auch vor Mord nicht zurück. Am Kladderadatsch, der von 1848 bis 1944 erschien, lässt sich auch der Niedergang einer satirischen Zeitschrift nachzeichnen: Als liberales Blatt gestartet, endete der Kladderadatsch als rechtsextremes Kampforgan, das bereits ab 1923 Adolf Hitler unterstützte. Gegründet von David Kalisch, dem Sohn eines jüdischen Kaufmanns und Autors leichter Komödien, versank der Kladderadatsch in der Endphase im Antisemitismus. (Bild: Reproduktion aus dem Kladderadatsch)

Die ‚Dolchstoß‘-Lüge

Der neue Reichskanzler Friedrich Ebert, SPD, und insbesondere Generalfeldmarschall Hindenburg forderten Erzberger auf, das Abkommen auf jeden Fall zu unterzeichnen. In der Folgezeit wurde Erzberger daraufhin von nationalistischen Kreisen als „Verräter“ gebrandmarkt, der das Deutsche Reich an den Gegner verkauft habe. Und dies, obwohl Erzberger einige Erleichterungen aushandeln konnte, die z.B. einen geordneten Rückzug der deutschen Truppen ermöglichten. Nicht die Generäle trugen die Last und Verantwortung für den verlorenen Krieg – oder Kaiser Wilhelm II., der sich ins Exil abgesetzt hatte -, sondern wie immer in solchen Fällen die Bürgerinnen und Bürger, sowie demokratische Politiker wie Erzberger und Ebert.

General Ludendorff und Feldmarschall Hindenburg hatten in den letzten Kriegstagen vehement auf ein sofortiges Ersuchen für einen Waffenstillstand gedrängt, mit der Betonung „daß unser Friedensangebot sofort hinausgeht“. Unterschrieben wurde dieses Telegramm von Paul von Hindenburg bereits am 1. Oktober 1918. Und so schreibt Gerhard Binder zurecht: „Die Militärs waren am Ende ihrer Weisheit. Jetzt sollten die Zivilisten herhalten.“ Als ersichtlich wurde, dass die Alliierten keine Verhandlungen führen würden, sondern eine bedingungslose Kapitulation forderten, bemerkte Hindenburg: „Gelingt Durchführung dieser Punkte nicht, so wäre trotzdem abzuschließen.“ Aber die Militärführung versuchte alles, die Niederlage anderen – den demokratischen Kräften – anzulasten, was ihnen, auch dank rechtslastiger Medien, gelang. Das aufkeimende Pflänzchen der Demokratie wurde so völlig zu Unrecht mit den Folgen des Waffenstillstands und des nachfolgenden Versailler Vertrags mit seinen drakonischen Reparationen verbunden. Der Start der Weimarer Republik stand damit von Anfang an unter einem schlechten Stern. „Auf Drängen des Reichskanzlers und des Kabinetts erklärte sich Erzberger bereit, an die Spitze der deutschen Delegation zu treten“, so der frühere baden-württembergische CDU-Ministerpräsident Erwin Teufel. „Rückblickend muss man sagen: Das war der größte Fehler Matthias Erzbergers, und es war der größte Fehler der Demokraten und Befürworter der Republik! Denn dadurch blieben die eigentlichen Kriegsverlierer, die Militärs, die in unsinnigen Materialschlachten und Stellungskriegen Millionen Menschen verheizten, von dieser undankbaren Aufgabe verschont.“ Und die Militärs drückten sich somit nicht nur um das Schuldeingeständnis, sondern die nationalistischen Kräfte versuchten mit der ‚Dolchstoßlegende‘ die Schuld für den verlorenen Krieg den Kräften zuzuschieben, die sich bereits ab 1917 für den Frieden eingesetzt hatten.

Zimmer im Geburtshaus und heutigen Museum. Trichter mit Zeitungsartikeln sind auf den Sessel gerichtet, in dem gewissermaßen Erzberger sitzt, der sich all die Verunglimpfungen anhören muss.
Da von Matthias Erzberger kaum persönliche Gegenstände erhalten geblieben sind, mussten die Museumsgestalter der Dauerausstellung in seinem Geburtshaus in Münsingen-Buttenhausen zu künstlerischen Mitteln greifen. So z.B. im Raum „Antirepublikanische Hetze“: Hier wird deutlich mit welch infamen und aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen rechtsextremistische und nationalistische Gruppierungen versuchten, Matthias Erzberger aus der Politik zu drängen. Als dies nicht gelang, gaben sie ihn zum ‚Abschuss‘ frei. Erzberger widerstand allen Anfeindungen, aber er spürte auch die Bedrohung: „Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen.“ Leider hat er Recht behalten. Die Verleumdungen gegen Erzberger gipfelten in der Dolchstoßlegende: Feige Militärs und Kaisertreue schoben Erzberger und anderen Demokraten die Schuld für den verlorenen Krieg zu und lenkten so von ihrer eigenen Schuld ab. (Bild: Ulsamer)

Erzberger als Retter und Märtyrer

Zwar war die ‚Dolchstoßlegende‘ eine einzige Lüge, aber sie eignete sich damals hervorragend zum Kampf gegen die demokratischen Kräfte. Mit dieser Fake News der besonders perfiden Art brachten sich die militärischen Führer – einschließlich Paul von Hindenburg – aus der Schusslinie und machten so auch den Weg frei für die Zersetzung der Weimarer Republik. Nochmals Erwin Teufel: „Und sie haben den Eindruck erweckt, als hätten demokratische Politiker die Niederlage im Krieg und auch den Versailler Vertrag zu verantworten. Die böse Dolchstoßlegende war geboren.“

„Aller Hass meiner Gegner macht mich nicht irre in der Überzeugung, dass damals nur die Unterzeichnung des Friedens der Weg zur Rettung des deutschen Volkes war“, schrieb Erzberger 1920 in seinen Erinnerungen.  Sowohl durch seine Unterschrift unter das Waffenstillstandsabkommen als auch durch seine Befürwortung der Unterzeichnung des Versailler Vertrags tat Erzberger alles, um eine Besetzung oder Aufteilung des Deutschen Reiches zu verhindern, doch die nationalistischen Kreise dankten ihm dies nicht. Ihre Wut auf Erzberger wurde nur umso größer. Erzberger kam als Retter in der Not und wurde zum Märtyrer. Aber nicht nur er als Zentrumspolitiker, sondern auch den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert nahmen rechtsextreme Organisationen und Zeitungen aufs Korn. Als Nachfolger Max von Badens wurde Ebert faktisch Regierungschef und versuchte, die Weimarer Republik durch die schlimmsten Stürme zu steuern. Am 11. Februar 1919 wählte ihn die Nationalversammlung zum ersten Reichspräsidenten. Wir dürfen nicht vergessen: Letztendlich zählt auch Friedrich Ebert zu den Opfern der extremistischen Attacken, denn er verschleppte eine schwere Erkrankung, um einen der zahllosen Verleumdungsprozesse zu Ende zu bringen. Friedrich Ebert stellte auch in seinen letzten Tagen die eigene Gesundheit zurück, um für die Demokratie und den eigenen Ruf zu kämpfen. Erzberger und Ebert mussten nicht nur gegen rechtsextremistische Hetzattacken streiten, sondern wurden von einer nationalistischen Justiz allzu oft im Stich gelassen.

Dunkelbraune Büste von Matthias Erzberger und im Hintergrund ein Foto von ihm.
„Die nach Reichsfinanzminister Matthias Erzberger benannte Finanz- und Steuerreform von 1919/20 war das bedeutendste Ereignis der deutschen Finanzgeschichte des 20. Jh.“, so die Chronik des Bundesministeriums für Finanzen (BMF). „Die immense Verschuldung des Deutschen Reiches aus dem Ersten Weltkrieg sowie hohe innere und äußere Kriegsfolgelasten erzwangen einen völligen Umbau der Finanzverfassung und des Steuersystems.“ Im Jahre 2011 benannte das BMF in einer Gedenkveranstaltung den repräsentativen Großen Saal des Detlev-Rohwedder-Hauses in Berlin in ‚Matthias-Erzberger-Saal‘ um. (Bild: Bundesministerium der Finanzen/Jörg Rüger)

Steuerreform in neun Monaten

Auch heute ist gewiss noch beherzigenswert, was Erzberger über seine veränderte Grundhaltung – von der Unterstützung des Kriegs bis zur Friedensresolution und zum Versailler Vertrag – schrieb: „Das sind die wahren Weisen, die vom Irrtum zur Wahrheit reisen, und das sind die Narren, die im Irrtum verharren.“ Politische Fehler zu begehen, das lässt sich ohnehin nicht vermeiden, doch dann offen eine Kurskorrektur vorzunehmen, das ist der richtige Weg. Erwin Teufel bemerkte dazu: „Und Politiker müssen ständig bereit sein zu lernen.“ Diese Einsichtsfähigkeit würde ich mir auch bei vielen heutigen Politikerinnen und Politikern wünschen!

Unverdrossen arbeitete Erzberger auch in der Weimarer Republik als Finanzminister mit und schuf innerhalb von nur neun Monaten eine Finanz- und Steuerreform, die bis heute die Basis unseres Steuersystems ist. „Matthias Erzberger hat mit seiner Steuer- und Finanzreform Maßstäbe für Staat und Steuern auch unserer Gegenwart gesetzt“, bemerkte der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht Paul Kirchhof.1 Dies gelang Erzberger auch wegen seines Fleißes und seines exzellenten Gedächtnisses: „In seinen ersten Jahren als Parlamentarier, 1903 bis 1905, arbeitete er die stenographischen Protokolle der Reichstagssitzungen der letzten dreißig Jahre systematisch durch und archivierte das für ihn Erhebliche in einer umfangreichen Kartei“, so Kirchhof. Seit Erzbergers Steuerreform hat leider nur die Komplexität des Steuersystems zugenommen. Ich würde gerne mal erleben, dass in der Bundesrepublik Deutschland das Steuersystem in so kurzer Zeit übersichtlicher und bürgernäher gestaltet würde. Noch heute warte ich auf die Steuererklärung, die auf einen Bierdeckel passt, und die immer mal wieder versprochen wurde. Aber außer heißer Luft hat sich in den letzten 20 Jahren wenig in unserem Land in Sachen Steuervereinfachung getan.

Fahndungsaufruf. Suche nach den Mördern von Erzberger. Mit Fotos.
Die Polizei machte nach dem Mord an Matthias Erzberger ihre Arbeit und identifizierte schnell die Mörder des Zentrumspolitikers: Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen, zwei ehemalige Offiziere und Mitglieder der rechtsterroristischen ‚Organisation Consul‘. Sie setzten sich zunächst ins Ausland ab, konnten während der NS-Diktatur allerdings straffrei nach Deutschland zurückkehren. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg kam es erst im zweiten Anlauf zu einer Verurteilung. Und der letzte badische Ministerpräsident Leo Wohleb begnadigte die Mörder von Erzberger bereits nach kurzer Haft. (Bild: Staatsarchiv Freiburg, F 179/4 Nr. 79)

Von der Diffamierung zum Mord

Mit allen Mitteln versuchte die nationalistische Rechte, Erzberger zu diffamieren, und auch bürgerliche Kräfte beteiligten sich daran. „Nieder mit Erzberger, dem Reichsverderber, dem Helfer unserer Feinde“, schrieb Heinrich Frenzel in einer Hetzschrift. Der bereits erwähnte Karl Helfferich, ein deutschnationaler Politiker und Vizekanzler im Kaiserreich, überzog Erzberger mit übelsten Verleumdungen und bekam vor Gericht eine ‚Strafe‘, die sich als Freispruch las. Bei einer Veranstaltung der „Bayerischen Mittelpartei“ wurde er gar als „der Erzbergertöter“ angekündigt. Selbst der ‚Kladderadatsch‘ würdigte Erzberger in einer Karikatur als „die kopfnickende ewig lächelnde Pagode des Marschalls Foch“ herab.

So kam, was denn wohl kommen musste, da ein großer Teil der Politik, der Medien und der Justiz nicht rechtzeitig einschritten: Im August 1919 wollten Landjäger Erzberger lynchen, 1920 schoss ein entlassener Offiziersanwärter auf den Reichsfinanzminister, der nur mit Glück überlebte, und am 26. August 1921 ermordeten zwei Mitglieder der nationalistisch-antisemitischen Organisation ‚Consul‘ Matthias Erzberger mit acht Schüssen bei einem Spaziergang hinauf zum Kniebis im Schwarzwald bei Bad Griesbach. Sein Parlamentskollege Carl Diez, der Erzberger begleitet hatte, überlebte schwer verletzt. Erzberger hatte sich vor Gericht durchgesetzt, er hatte seinen Ruf wieder hergestellt und stand vor der Rückkehr in die erste politische Reihe, da griffen die Rechtsextremisten zur Waffe!

Zu den weiteren Opfern der nationalistischen Terrororganisation ‚Consul‘ zählte 1922 der Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau. Er hatte der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei angehört. Ein Anschlag dieser rechtsextremistischen Terrorbande mit Blausäure auf Philipp Scheidemann überlebte das Opfer. Scheidemann wurde 1922 als Oberbürgermeister von Kassel attackiert, doch er war schon vorher der erklärte Feind für die Rechtsextremisten von ‚Consul‘, denn er hatte am 9. November 1918 in Berlin die Republik ausgerufen und war zum Reichsministerpräsidenten gewählt worden.

'Hindenburg'-Straßenschild in Esslingen am Neckar. Im Hintergrund historische Bebauung.
Für mich ist es unverständlich, dass es in deutschen Städten – wie hier in Esslingen am Neckar – noch Straßen gibt, die nach Paul von Hindenburg benannt sind. Hindenburg war nicht nur als Generalfeldmarschall im Kaiserreich für eine skrupellose und menschenverachtende Kriegsführung im Ersten Weltkrieg verantwortlich, sondern er verbreitete auch die abstruse ‚Dolchstoßlegende‘, die die Schuld am verlorenen Krieg den demokratischen Kräften zuschob. Als Reichspräsident ermöglichte er 1933 durch die Straffreiheitsverordnung die straffreie Rückkehr von rechtsextremistischen Mördern, die z. B. Matthias Erzberger auf dem Gewissen hatten. Und Hindenburg machte sich in der Endphase der Weimarer Republik zum Steigbügelhalter Adolf Hitlers. Wer einem solchen Politiker noch heute Straßen und Plätze widmet, der handelt geschichtsvergessen! Diese Örtlichkeiten müssten längst den Namen von Matthias Erzberger oder Friedrich Ebert tragen. (Bild: Ulsamer)

Hindenburgs ‚Rückfahrkarte‘ für Mörder

Auf der extremen Rechten brach nach der Ermordung Erzbergers Jubel aus: „Nun danket alle Gott, für diesen braven Mord. Den Erzhalunken, scharrt ihn ein, heilig soll uns der Mörder sein, die Fahne schwarz-weiß-rot.“3 Völlig anders die Reaktion bei Reichskanzler Joseph Wirth, der in Anwesenheit von 30 000 Trauergästen in Biberach betonte: „Wir wollen über den Toten den Schild halten, aber nicht in stummem Schmerz, sondern wir wollen handeln, denn das Vaterland ist in Gefahr.“ Wie wahr seine Aussage leider wurde, dies wissen wir heute. Und er fuhr fort: „Gott segne, lieber Freund, dein Werk, die Verfassung des Deutschen Reiches, den demokratischen Volksstaat.“

Maschinenschriftlicher Brief an Prinz Max von Baden. Androhung der Ermordung.
Die rechtsextremistischen Attentäter der ‚Organisation Consul‘, die Matthias Erzberger ermordeten, hatten Sympathisanten und Unterstützer in nationalistischen und monarchistischen Kreisen. Nach dem Mord an Erzberger erhielt auch Prinz Max von Baden ein Drohschreiben. Aus diesen wenigen Zeilen wird überdeutlich, mit welchem Hass gerade auch Erzberger verfolgt worden war. (Bild: Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe, FA N 6187, ‚1)

Erzbergers Mörder, Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen, wurden von der Polizei schnell ermittelt, doch sie setzten sich ins Ausland ab. Nach einer Amnestie von Reichspräsident Hindenburg konnten beide wieder nach Deutschland zurückkehren, um unter dem diktatorischen Regime der Nationalsozialisten neue Funktionen zu übernehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Mörder zwar aufgegriffen, doch – Schande über die damalige badische Justiz – zuerst freigesprochen. Die Richter beriefen sich allen Ernstes auf die ‚Straffreiheitsverordnung‘ von 1933: „Mit der sogenannten Straffreiheitsverordnung, die unmittelbar nach der Machtergreifung von Hindenburg unterzeichnet worden war, hatten die Nationalsozialisten alle Täter frei von Schuld sprechen lassen, die vor 1933 ‚im Kampf für die nationale Erhebung des deutschen Volkes‘ Straftaten begangen hatten“, so Torsten Schöll.4 „Adolf Hitler selbst war es dann, der dafür sorgte, dass explizit der Mord an Erzberger unter diese Regelung fallen sollte.“ Erst auf mehr als berechtigten Druck der französischen Besatzungsmacht wurde der Mord an Matthias Erzberger nochmals verhandelt und zwar ohne Richter, deren Rechtsbewusstsein zu sehr von der braunen Vergangenheit geprägt war. Schulz und Tillessen wurden dabei verurteilt, doch vom letzten badischen Ministerpräsidenten Leo Wohleb nach wenigen Jahren Haft begnadigt. Auch dies halte ich für einen Skandal. So darf mit einem politisch motivierten Mord an einem demokratischen Politiker nicht verfahren werden.

Matthias Erzber mit Georg Baumgartner und Monsignore Franz Vogt. Alle im Anzug.
Obwohl Erzberger seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hatte, um hier am parlamentarischen und politischen Leben teilnehmen zu können, war er auch in seiner heimatlichen Region in Oberschwaben so oft wie möglich präsent. Das Foto zeigt Matthias Erzberger mit Georg Baumgartner sowie Monsignore Franz Vogt in Weissbad (v. links n. rechts) im Juli 1920. (Bild: Stadtarchiv Münsingen)

Erzberger-Straßen statt Hindenburg-Schilder!

Die Hetze gegen Matthias Erzberger im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und gipfelnd in den Hasstiraden von Nazischergen wie Josef Goebbels hallten auch in der Bundesrepublik Deutschland nach. Matthias Erzberger geriet geradezu in Vergessenheit, statt seiner wurden die Steigbügelhalter der Nationalsozialisten – wie Reichspräsident Hindenburg – weiterhin mit der Benennung von Straßen geehrt: Es wäre längst Zeit gewesen, die verbliebenen Hindenburg-Schilder abzuhängen und die Straßen Matthias Erzberger zu widmen. Aber: „Matthias Erzberger ist, verglichen mit anderen Politikern seiner Generation wie Friedrich Ebert oder Konrad Adenauer, seit jeher ein Stiefkind der Erinnerungskultur.“3

So ganz sicher waren sich wohl auch die Christdemokraten nicht, ob sie Matthias Erzberger zu ihren Urvätern rechnen sollen. Der ehemalige CDU-Ministerpräsident Erwin Teufel ist sich dagegen sicher. „Erzberger war ein Verfechter der Demokratie und der Völkerverständigung. Er hat hier die politische Ausrichtung der Christdemokratischen Union ganz wesentlich geprägt. Erzberger war aber darüber hinaus auch in wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Hinsicht ein großer Vorläufer der Christdemokratie. Allerdings war sich die CDU nach 1945 dieser Tradition selbst nicht so bewußt.“ Das Wirken von Matthias Erzberger kam leider auch nach dem Zweiten Weltkrieg kaum zur Geltung: Die Dolchstoßlegende, ein infamer Versuch, Erzberger zu diffamieren und als Mensch zu zerstören, trug auch in der Bundesrepublik Deutschland noch ihre giftigen Früchte. Fake News scheinen manchmal auch ein Jahrhundert zu überdauern.

„Drei Kräfte“, so Erzberger, „streiten um die Seele Europas und der Welt: der Kapitalismus, der Sozialismus und der christliche Solidarismus. Wem gehört die Zukunft? Nur jener Geistesrichtung, welche die modernen Ideen zu meistern versteht, den tiefsten Sinn des Weltkrieges erfaßt und aus dem Weltkrieg die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen zieht.“ Und Erzberger weiter: „Der christliche Solidarismus lebt. Er wird siegen und ihm wird die Zukunft gehören … Er rückt den Gemeinschaftsgedanken in den Vordergrund, ohne Beseitigung der Privatwirtschaft.“ Vielleicht sollte die CDU, die unter Angela Merkel ihrer Wertebasis verlustig ging, das eine oder andere bei Matthias Erzberger nachlesen.

Helles Gebäude in Berlin, umgeben von einigen kleineren Bäumen.
Im März 2017 benannte der Deutsche Bundestag ein von ihm genutztes Gebäude nach Matthias Erzberger. In dem 1961 erbauten Stahlbeton-Skelettbau residierte einst das Ministerium für Volksbildung der DDR. Ein spätes Gedenken an diesen wichtigen Zentrumspolitiker, der rechtsradikalen Organisationen wegen seiner demokratischen Gesinnung als erklärter Feind galt. Seine Bereitschaft, nach dem Ersten Weltkrieg den Waffenstillstand zu unterzeichnen, geriet zu seinem eigenen Todesurteil. Weder die Staats- noch die Militärführung hatten den Mut, diesen Schritt zu tun, um eine Besetzung Deutschlands zu verhindern und weiteres Blutvergießen zu vermeiden. (Bild: Deutscher Bundestag / Axel Hartmann Fotografie)

Gedenken und Mahnung

Der damalige Präsident des Deutschen Bundestags, Norbert Lammert, unterstrich 2017 in seiner Rede zur Benennung zweier Gebäude des Deutschen Bundestags nach Matthias Erzberger und dem früheren SPD-Vorsitzenden, Otto Wels, der sich in einer Rede 1933 vehement gegen das Ermächtigungsgesetz gestemmt hatte: „… dass wir Persönlichkeiten ehren, die in ihrem Kampf um Demokratie und Parlamentarismus scheiterten oder dafür sogar mit dem Leben bezahlten, ist keine deutsche Besonderheit – der Schleier des Vergessens aber, der vielfach über diesen Wegbereitern unserer Demokratie liegt, schon. So gibt es in Berlin einen Hindenburgdamm, aber bis heute keine Straße und keinen Platz, der an Matthias Erzberger erinnert.“ Und auch eine Suche bei Google oder Wikipedia unterstreicht, dass Hindenburg in Straßennamen und deutlich längeren Beiträgen herumgeistert als Matthias Erzberger. Die Erinnerungskultur in unserem Land hat also durchaus noch Lücken, die es zu füllen gilt. Dies zeigte sich auch bei den Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs, z.B. beim Besuch von Emmanuel Macron und Angela Merkel in Compiègne. Zumindest in der medialen Aufbereitung spielte Erzberger keine Rolle!

Wenn ich auf Erzbergers Wirken 100 Jahre nach seiner Ermordung durch die rechtsextremistischen Attentäter der ‚Organisation Consul‘ zurückblicke, dann kann ich nur Hochachtung empfinden. Er hat die Fahne der parlamentarischen Demokratie in Zeiten hochgehalten, in denen extremistische Kräfte bereits alles daransetzten, deren Aufblühen zu verhindern. Er brachte das Opfer, den Waffenstillstand nach einem Krieg zu unterzeichnen, den Kaiser, nationalistische Kräfte und Heeresleitung – trotz der vom ihm angeregten Friedensresolution – nicht beenden wollten. Früher als andere sah er die Sinnlosigkeit des Krieges ein und forderte zur Umkehr auf. Die Justiz befand sich aber bereits im Griff nationalistischer und rechtsextremistischer Kräfte und tat nichts, um demokratische Politiker wie Matthias Erzberger – oder auch Friedrich Ebert – zu schützen.

Matthias Erzbergers Kampf für Demokratie und Rechtsstaat sollte für uns alle ein Vorbild sein. Nicht vergessen sollten wir auch, wie er die Unterstützung annexionistischer Kriegsziele als falsch erkannte und gemeinsam mit Friedrich Ebert u.a. eine Friedensresolution in den Reichstag einbrachte, die mit Stimmen des Zentrums, der SPD und der Fortschrittlichen Volkspartei eine Mehrheit fand. Es genügt nicht, Matthias Erzberger hin und wieder in einer Feierstunde zu gedenken, sondern sein Handeln müssen wir als Ansporn und Mahnung verstehen, Demokratie und Freiheit zu verteidigen und engagiert für den Rechtsstaat einzutreten. Wenn wir dies tun, dann war sein Opfer in der Weimarer Republik nicht umsonst.

 

Literaturhinweise

1 Matthias Erzberger 1875 – 1921. Patriot und Visionär, hrsg. Von Christoph E. Palmer und Thomas Schnabel, Stuttgart 2007

2 Matthias Erzberger. Ein Wegbereiter der deutschen Demokratie. Buch zur Dauerausstellung der Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen, hrsg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2011

3 Paula Lutum-Lenger: „Ein Märtyrer für die Sache der deutschen Republik.“ – Die Erinnerungsstätte für Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen, in: Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg, hrsg. Von Konrad Pflug, Ulrike Raab-Nicolai, Reinhold Weber, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2007

4 Torsten Schöll: Attentat auf die Demokratie, Vor 100 Jahren wurde der bürgerliche Politiker Matthias Erzberger Opfer rechtsextremer Gewalt, Stuttgarter Zeitung, 16. 3. 2021

5 Christopher Dowe: Die Kamera als politische Waffe? Matthias Erzberger im Fokus der Pressefotografen, Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte, Heidelberg 2011

6 Gerhart Binder: Geschichte im Zeitalter der Weltkriege, Stuttgart 1977

 

Zum Beitragsbild

Gedenkstein für Matthias Erzberger bei Bad Grönenbach. Die Aufschrift spricht von 'starb', doch Erzberger wurde an dieser Stelle ermordet.Ein Gedenkstein erinnert an der Aufstiegsstraße von Bad Griesbach zur Schwarzwaldhochstraße an den am 26. August 1921 ermordeten Reichsfinanzminister Matthias Erzberger. Der Gedenkstein steht etwas verloren innerhalb einer steilen Haarnadelkurve. Und der Text des Gedenksteins klingt auch mehr als beschönigend, denn statt „starb“ sollte es eigentlich „ermordet“ heißen: Die nationalistische und rechtsextreme Terrororganisation ‚Consul‘ schickte zwei Meuchelmörder in den Schwarzwald, die Erzberger erschossen.  (Bild: Ulsamer)

Eine Antwort auf „Matthias Erzberger wurde vor 100 Jahren ermordet“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.