Landratsamt Esslingen: Abriss statt Sanierung

Würden Sie Ihr Haus nach 44 Jahren abreißen?

Bis zuletzt wollte ich es nicht glauben, doch nun machen Bagger dem sogenannten ‚Altbau‘ des Landratsamts im baden-württembergischen Esslingen den Garaus. Nach gerade mal 44 Jahren erfolgt der Abriss. Bei solch einer Schnapszahl würde jede private Hausbesitzerin, jeder Hausbesitzer vielleicht ein Gläschen darauf trinken, dass die Kredite abbezahlt sind und das stets pfleglich behandelte und renovierte Domizil in guter Verfassung ist. Ganz anders im öffentlichen Bereich, wo mit anderer Leute Geld gerne mal ein Landratsamt nach nur vier Jahrzehnten Nutzung zerdeppert wird oder – wie in Berlin – Bundeskanzler Olaf Scholz einen Erweiterungsbau für 777 Mio. Euro in Auftrag geben will: eine glatte Verdopplung des ohnehin gigantomanisch anmutenden Bundeskanzleramts! In Stuttgart sollen Renovierung und Erweiterung des Opernhauses eine Milliarde Euro kosten, und zur Tarnung wurden knapp 50 Bürgerinnen und Bürger willkürlich ausgewählt und ihre Treffen als Bürgerbeteiligung tituliert – eine Farce.

Reste eines Gebäudes aus Beton. Ein Treppenhaus ragt noch gen Himmel. Mehrere gelbe Bagger sind im Einsatt. Im Hintergrund ein vor einigen Jahren erstellter Neubau.
„Muss das weg?“ Diese Frage habe ich in meinem Blogbeitrag „Öffentliche Gebäude als Wegwerfartikel“ bereits 2020 aufgeworfen. Ich bin der Überzeugung, dass beim öffentlichen Bauen mehr Nachhaltigkeit auch weniger Abrisse bedeuten würden. (Bild: Ulsamer)

Priorität für den Erhalt

„Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen. Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss. Die ‚graue Energie‘, die vom Material über den Transport bis zur Konstruktion in Bestandsgebäuden steckt, wird ein wichtiger Maßstab zur energetischen Bewertung sowohl im Planungsprozess als auch in den gesetzlichen Regularien.“ Dieses völlig richtige Zitat stammt im Übrigen nicht von bauunwilligen Kulturkritikern, die gerne in einer Höhle leben, sondern es findet sich in einem Positionspapier des Bunds Deutscher Architekten mit dem Titel ‚Das Haus der Erde – Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land‘ aus dem Jahr 2019. Die Architektenvereinigung weist mehr als deutlich auf die Bedeutung der ‚grauen Energie‘ hin, die bereits für das Altgebäude verbraucht wurde und bei einem Abriss verloren geht. Die ‚graue Energie‘ sei bei den Planungen berücksichtigt worden, so das Landratsamt, und man habe auch an Themen wie ‚Recyclingbeton‘ gedacht. Das glaube ich gerne, doch in der Realität ist die Wiederverwertung von Beton und anderen Gebäudeteilen nicht ganz so einfach – wie ich bei einem industriellen Bauvorhaben lernen ‚durfte‘.

Ein Fußgängersteg spannt sich über den Neckar.
Mindestens 150 Mio. Euro für ein Ersatzgebäude des Landratsamts, doch Geld für den maroden Alicensteg über den Neckar gleich in der Nachbarschaft, der seit 2015 gesperrt ist, gibt’s nicht. Diese Fußgängerbrücke ist vom Landratsamt aus bestens zu sehen, liegt gewissermaßen vor der Haustüre. Bürokratien blähen sich auf und richten sich immer behaglicher ein, die Bürgerinnen und Bürger allerdings können einen direkten Weg über den Neckar seit Jahren wegen vorgeblicher Baufälligkeit nicht mehr nutzen. Wenn der Stadt Esslingen Finanzmittel für Sanierungen fehlen, dann liegt dies auch an der Kreisumlage. Vielleicht interessiert Sie, liebe Leserinnen und Leser der ergänzende Beitrag ‚Die Stadt am Fluss und ihre Possen um die Neckarbrücken‘. (Bild: Ulsamer)

Auf meine kritischen Einwände im November 2020 antwortete Landrat Heinz Eininger wie zu erwarten mit der Feststellung, das Gebäude „weist erhebliche bauliche, technische und funktionale Mängel auf und kann mit erheblichen Instandsetzungsarbeiten, die regelmäßig durchgeführt werden, nur noch ‚am Leben erhalten‘ werden.“ Als weiteren Abrissgrund werden „Brandschutzmaßnahmen“ genannt, und dann kommt der – vorgeschobene – eigentliche Grund: „Des Weiteren hat es nicht die baulichen Voraussetzungen für die räumliche Gestaltung einer modernen Verwaltung als starker Dienstleister für die Einwohner im Landkreis und entspricht nicht mehr den Anforderungen einer modernen Arbeitswelt.“ Nun kenne ich den sogenannten ‚Altbau‘ des Landratsamts direkt am Neckar auch von innen, nein, ich kannte ihn, und so im Zerfall begriffen erschien er mir nicht. Über den Dienstleistungscharakter des Landratsamts Esslingen – oder vergleichbarerer Ämter – möchte ich hier nicht streiten, doch mit Sicherheit hätten zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser Welt gerne im jetzt abgerissenen Gebäudeteil gearbeitet. Mängel sind dazu da, beseitigt zu werden, das kostet ebenfalls Geld, aber wenn einem nur die Abrissbirne einfällt, dann ist das in unserer krisengeplagten Zeit zu wenig.

Ein Bürogebäude aus Beton und viel Glas. Die Fassade ist in Grün gehalten.
So schnell wird ein Bürogebäude des Landratsamts in Esslingen zum ‚Altbau‘. In weiten Regionen der Welt – und sogar in deutschen Landen – wäre dieses Bauwerk nach vier Jahrzehnten gewiss nicht abgerissen worden. (Bild: Ulsamer)

Ausreden finden sich immer

„Moderne und zukunftsfähige Büroformen lassen sich aufgrund des vorhandenen Fassadenrasters im Altbau des Landratsamtes nur eingeschränkt realisieren. In einem Neubau dagegen ist die Grundrissgestaltung flexibel, was zu einer hohen Flächeneffizienz führt“, schreibt Landrat Eininger. Da liegt doch der Hund begraben: Man muss die Anforderungen eben so stellen, dass letztendlich die Planer und Beratungsfirmen nur für einen Abriss plädieren können! So arbeitet kein mittelständischer Unternehmer, sondern er sucht den Kompromiss zwischen dem vorhandenen Gebäude und den neuen Anforderungen – zumindest bei Büroflächen, die nur gut 40 Jahre genutzt wurden. „Die geplante Bürokonzeption für den Verwaltungsneubau berücksichtigt dabei die verschiedenen Anforderungen an die Arbeitsplätze der Zukunft wie mobiles Arbeiten und variabel nutzbare Arbeitsplätze.“ Klingt gut, doch „mobiles Arbeiten“ müsste zu weniger Arbeitsplätzen in den Gebäuden des Landratsamts führen, das außerdem gerade einen weiteren Neubau im nahegelegenen Plochingen beziehen konnte. Denn wer mobil arbeitet, der sitzt ja nicht gleichzeitig im Landratsamt, und wer im Homeoffice tätig ist, der kommt auch nur noch selten zur eigentlichen Arbeitsstätte. Das von Landrat Eininger angeführte „mobile Arbeiten“ hat nun herzlich wenig mit der Flächenstruktur in einem Bürotrakt zu tun. Wer selten anwesend ist, der sucht sich eben einen freien Arbeitsplatz im Betrieb oder Landratsamt, und dies geht auf alten und neuen Flächen gleichermaßen.

Gebäude des Landratsamts Esslingen mit über 10 Stockwerken.
Nach dem Abriss des sogenannten ‚Altbaus‘ aus dem Jahr 1978 ist das Bestandsgebäude der neue ‚Altbau‘! Mal sehen, wie lange du durchhältst. (Bild: Ulsamer)

„Ein Beratungsszenario im Drei-Zonen-Prinzip – öffentlicher Bereich für Mitarbeiter und Bürger, halböffentlicher Bereich für Mitarbeiter und Bürger mit Terminvereinbarung, interner Bereich nur für Mitarbeiter – bietet den Kunden des Landratsamtes einen modernen Verwaltungsbau mit kurzen Wegen und einer klaren Wegweisung“, betont Landrat Eininger. Spricht dies für einen Neubau in Esslingen und Plochingen? Nach meiner Meinung muss es darum gehen, dass im Zeitalter der Digitalisierung im Regelfall ein Besuch des Landratsamts nicht mehr notwendig ist, sondern immer mehr Fragen per Internet oder mobile Dienste beantwortet und abgearbeitet werden können. Da springt der Landrat dann doch zu kurz, wenn er schreibt „Die Digitalisierung wird nicht zwangsläufig zu Flächeneinsparungen führen.“ Das muss aber das Ziel sein: weniger Fläche und weniger Beschäftigte! „Viel wahrscheinlicher ist es, dass sich die Nutzung der Büroflächen verändert. Es gibt zukünftig einen steigenden Bedarf an Rückzugs-, Besprechungs- und Projekträumen.“ Nun gut, Hoffnung darauf, dass der Abriss aufzuhalten gewesen wäre, hatte ich bei dieser Erwiderung ohnehin keine! Manchmal habe ich den Eindruck, dass Verwaltungen „Rückzugsräume“ – nicht allein im Büro – wollen, damit sie dem Bürger weniger nahekommen. Fragwürdige Priorisierungen können nur zu falschen Entscheidungen führen.

Links Reste des Bürogebäudes, das abgerissen wird. In der Mitte eine Infotafel mit dem Neubau, rechts das jetzige Bestandsgebäude.
Links die Reste des sogenannten ‚Altbaus‘, rechts der Bestandsbau und dazwischen das demnächst zu errichtende Ersatzgebäude. (Bild: Ulsamer)

Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt rücken

Nun ist der bauliche Mitvierziger den Baggern zum Opfer gefallen, und selbst die Grünen im Kreistag hatten zugestimmt – eigentlich unglaublich! Doch heute wundert mich das nicht mehr allzu sehr, denn die lassen ja auch im Rheinischen Braunkohlerevier die Bagger (!) rollen und den Weiler Lützerath in einem gewaltigen Loch verschwinden. Leicht verwunderlich ist es, wenn die Vertreter von Bündnis90/ Die Grünen die Kosten bzw. die Abschreibungen schönrechnen, indem sie zum jetzigen Neubau schreiben: „Das neue Gebäude wird größtenteils über Darlehen finanziert und über 50 Jahre abgeschrieben.“ Ein halbes Jahrhundert hat der Bau, der jetzt abgerissen wird, noch nicht einmal überdauert! Das lässt Schlimmes für die Zukunft erwarten. Gleichermaßen trifft dies auf die völlig unkritische Einstellung gegenüber einem Stellenzuwachs zu, der nach Meinung der Grünen bei Neubau oder Sanierung zusätzliche Flächen erforderlich gemacht hätte: „Notwendig ist in beiden Fällen auch eine Erweiterung, da die Mitarbeiterzahl des Landkreises stetig wächst.“ Was waren das noch für Zeiten, als die Urmütter und -väter der Grünen eine kritische Einstellung gegenüber der Bürokratisierung unserer Gesellschaft hegten! Aufgabenkritik scheint für zu viele Politikerinnen und Politiker ein Fremdwort zu sein, und so kann die Bürokratie weiter wachsen – an Gesetzen, Verordnungen und Mitarbeitern.

Antennnen auf einem Gebäude des Landratsamts Esslingen.
Technische Antennen auf dem Dach sind das eine, aber menschliche Antennen für das, was man in diesen Krisenzeiten tut und was nicht, das ist etwas anderes. Hat sich eine politische Klasse in unserem Land verselbständigt? (Bild: Ulsamer)

Wenn in Deutschland öffentliche Gebäude nach gut 40 Jahren abgerissen werden, Brücken – wie an der A 45, der Sauerlandlinie – nach 50 Jahren gesprengt werden, dann läuft etwas falsch in unserem Land. Wer dieser Taktung folgt, der kommt nie vor die Welle, sondern die Finanzmittel versickern im ständigen Ersatzbedarf. Der Bund Deutscher Architekten stellt klar heraus, was nachhaltiges Bauen bedeutet: „Erst ein Gebäude, das sich aufgrund seiner architektonischen Qualität über Jahrzehnte in der Nutzung bewährt und damit die derzeit wirtschaftlich kalkulierte Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren bei weitem übersteigt, wird dem Nachhaltigkeitsgedanken gerecht und ist im Sinne der Gesellschaft werthaltig.“

Mit meiner kritischen Einschätzung des Abrisses des Landratsamts Esslingen möchte ich nicht behaupten, es wäre nicht lange genug über dieses Thema diskutiert worden, ganz im Gegenteil, aber im Grunde werden wir keine Veränderung erreichen, wenn mit Steuermitteln Abrisse und Neubauten finanziert werden, die sich hätten vermeiden lassen. Es kommt im öffentlichen Bereich auf eine Veränderung des Denkens an! Ich glaube, es ist nicht überzogen, wenn ich schreibe, politische Entscheider müssen denken (lernen) wie der private Häuslebauer oder der mittelständische Unternehmer. Dies gilt überall, in Städten und Landkreisen, in Ländern und nicht zuletzt beim Bund. 150 Mio. Euro für einen Ersatzbau des Landratsamts in Esslingen, 777 Mio. Euro für ein Erweiterungsgebäude des Bundeskanzleramts in Berlin oder eine Mrd. Euro für die Sanierung eines Opernhauses in Stuttgart, das passt nicht in eine Zeit, in der sich die Schlangen vor Tafelläden verlängern und die Politik täglich meint, wir müssten unseren Gürtel enger schnallen und eine Dusche sei doch Luxus, ein Waschlappen tue es auch. Nachhaltigkeit benötigt Priorität beim Bauen! Dies ist wichtig für die Umwelt und die Steuerzahler!

 

 

Noch ein kleiner Hinweis

Die Clifton Suspension Bridge - fast 150 Jahre im Dienst und kein bisschen müde.Instandhaltung, Sanierung und Renovierung vermeiden so manchen Abriss. Stege und Brücken halten dann eben nicht 50 Jahre, sondern 150! Isambard Kingdom Brunel hat mit der Clifton Suspension Bridge in Bristol (im Bild) ein Bauwerk errichtet, das 1864 für Pferdefuhrwerke und Fußgänger vorgesehen war, heute rollen täglich 11 000 Fahrzeuge über die Brücke. Das Konstruktionsprinzip und die konsequente Instandhaltung machen es möglich. Übrigens, die oft bewunderte Golden Gate Bridge in Kalifornien, die 1937 eröffnet wurde, erträgt pro Tag 120 000 Fahrzeuge. Wir brauchen wieder mehr Nachhaltigkeit beim Bauen und die Bereitschaft, auch laufende Instandhaltungsmaßnahmen durchzuführen. Mehr zu den Brücken von Brunel: ‚Wenn Brücken 150 Jahre auf dem Buckel haben. Isambard Kingdom Brunel setzte auf Nachhaltigkeit‘

 

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