Kloster Frauenalb: Steinschlag in historischem Gemäuer

Die Politik muss mehr für den Erhalt historischer Orte tun

Bei einem Rundgang durch die Klosterruine Frauenalb im baden-württembergischen Landkreis Karlsruhe waren meine Frau und ich beeindruckt von dem einstigen großen Kirchenschiff und den beiden erhaltenen Türmen. Diese Klosteranlage, deren Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht, hat eine wechselvolle Historie hinter sich: Vom Grafen Eberstein um 1190 gegründet, um die unverheirateten Frauen der Stifterfamilie und nahestehender Adelsgeschlechter unterzubringen, überstand das Benediktinerinnenkloster Feuer, Plünderung während des Bauernkriegs, die zeitweilige Aufhebung durch den Markgrafen von Baden 1598, doch tatkräftige Nonnen hauchten dem Kloster stets wieder Leben ein, bis das Damenstift 1803 im Zuge der Säkularisation endgültig aufgehoben wurde. Danach wurde die Anlage mal als Lazarett, dann für verschiedene gewerbliche Zwecke genutzt – eine Spinnerei bzw. Lackwarenfabrik – bis 1853 ein weiteres Feuer die Kirche zerstörte. Eine öffentliche Stiftung kümmert sich um den Erhalt der Klosterruine. Indessen wurde wenige Tage nach unserem Besuch die Anlage wegen Steinschlaggefahr gesperrt. Leider ist nach meinem Eindruck die Situation in der Klosterruine Frauenalb symptomatisch für viele historische Orte in Deutschland: sie werden nicht ihrer Bedeutung entsprechend erhalten. Vielfach gilt dies in besonderer Weise für das Umfeld.

Im Hintergrund die beiden Türme der früheren Klosterkirche, im Vordergrund die starken Mauern, die noch erhalten geblieben sind.
Die mächtigen Mauerreste zeugen noch von der barocken Kirche aus dem 18. Jahrhundert. Während der Säkularisation 1802/1803 fielen die Klosteranlage und die damit verbundenen Ländereien an den Markgrafen Karl Friedrich von Baden, der allerdings kaum Gespür für eine sinnvolle Nutzung zeigte. Die Ansiedlung einer Spinnerei und Weberei scheiterte ebenso wie eine Lackwarenfabrik bzw. eine Wollmanufaktur. „In die leeren Klostergebäude nisten sich, gefördert vom badischen Staat, schnell Unternehmer mit neuen und teilweise abenteuerlichen Ideen ein. Nach zwei Misserfolgen folgt 1806 ein Maschinenfabrikant, der einen ersten Versuch im aufgehobenen Kloster Allerheiligen nach drei Jahren wegen der abgelegenen Lage aufgibt und jetzt das gleiche in Frauenalb beginnt“, so die Schweizer Internetseite ‚Süddeutscher Barock‘. „Er wird 1809 durch den Grossherzog Karl Friedrich von Baden ausgebremst, der Frauenalb seiner zweiten Gemahlin schenkt. Deren Söhne versuchen, ohne Erfolg, Manufakturen anzusiedeln.“ Wenig Rücksicht nahmen die einzelnen Betriebe auf die Gebäude, die teilweise beschädigt wurden. 1819 veräußerte Großherzog Ludwig von Baden das Klosterareal an eine Investorengruppe, die weite Teile der Liegenschaften mit Ausnahme von Kirche und Konvent an weitere Personen verkauften. Eine Tuchfabrik und eine Brauerei, die auch die Gewölbe nutzte, betrieben ihre Geschäfte im Kirchenbereich bis 1842 bzw. 1852. Zum Scheitern der gewerblichen Aktivitäten trugen die mangelhaften Verkehrswege bei, die Transporte in die abgelegene Gegend erschwerten. Im Mai 1853 zerstörte ein Feuer die Kirche. Die Ruine des Kirchenschiffs wird für kulturelle Veranstaltungen genutzt, wenn kein Steinschlag droht. (Bild: Ulsamer)

Historischer Ort mit wechselvoller Geschichte

„Die Stadt Karlsruhe, die Stadt Ettlingen und der Landkreis Karlsruhe sind übereingekommen, eine Stiftung zu errichten, um die Grundstücke, auf denen die Kirchenruine Frauenalb auf Gemarkung Schielberg im Landkreis Karlsruhe steht, zum Eigentum zu erwerben und dafür zu sorgen, dass die Kirchenruine und die anderen Ruinenteile in ihrem jetzigen Zustand erhalten und vor weiterem Verfall geschützt werden“, so heißt es in der Satzung der Stiftung Frauenalb, die 1959 gegründet wurde. Über die Jahre wurde mit einem Millionenaufwand saniert, hingegen scheint man jetzt den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben, wenn Besucher durch herabfallende Steine gefährdet sind. In Zeiten klammer kommunaler Kassen dürfte es zunehmend schwerer werden, historische Bauwerke zu erhalten. Bei Priorisierungen in öffentlichen Haushalten muss jedoch darauf geachtet werden, dass die Zeugnisse der Geschichte nicht zu kurz kommen. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“, so der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Rede am 1. Juni 1995 zur Geschichte der Vertreibung. Da kann ich Helmut Kohl nur beipflichten, andererseits habe ich den Eindruck, dass das Geschichtsbewusstsein zunehmend dahinschmilzt. Und dies trifft für die positiven genauso wie für die dunklen Perioden unseres Landes zu. Ein kleines, aber dennoch aussagefähiges Beispiel dafür ist die Umwandlung einer Ausstellung zur eiszeitlichen Kunst auf der Schwäbischen Alb, die immerhin zum UNESCO-Welterbe gehört, in einen Kindergarten. So geschehen am Rande der Stadt Niederstotzingen, in der der Archäopark mit der Vogelherdhöhle geschlossen wurde, weil es die Landesregierung unter dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann nicht für nötig hielt, konzeptionell und finanziell zu helfen. Hintergründe zu dieser skandalösen Entwicklung finden Sie in meinem Beitrag ‚Kindergarten statt steinzeitlichem Weltkulturerbe. Landesregierung Baden-Württemberg ohne Sinn für UNESCO-Welterbe‘.

Ein größeres und mehrstöckiges Gebäude mit einer rosafarbenen Fassade. Zu sehen ist eine Feuertreppe aus Metall. Es handelt sich um ein ehemaliges Pflegeheim.
Das heute leerstehende Pflegeheim hat – wie auch die anderen Gebäude im Klosterbereich – eine wechselvolle Geschichte. Die ehemalige Küferei bzw. Schreinerei des Klosters wurden umgebaut, und aus ihnen entstand das 1898 eingeweihte Hotel Klosterhof. Die im gleichen Zeitraum gebaute Albtalbahn brachte nicht nur Übernachtungsgäste ins Hotel Klosterhof, sondern auch zum Gasthof ‚König von Preussen‘. Die Allgemeine Ortskrankenkasse Heilbronn erwarb 1919 das Hotel Klosterhof und nutzte es als Erholungsheim für deren Mitglieder. 1936 griffen die Nationalsozialisten nach dem Erholungsheim und nutzten es als ‚Gauschulungsburg‘, um ihre verbrecherische NS-Ideologie zu verbreiten. In der Abtei und dem von den Nationalsozialisten zweckentfremdeten Erholungsheim wurden nach dem Kriegsende zeitweilig frühere NS-Zwangsarbeiter und andere vom NS-Regime verschleppte Menschen (‚Displaced Persons‘) untergebracht. Danach wurde das Gebäude wieder als Sanatorium und später als Pflegeheim genutzt. Nun kann man nur hoffen, dass der Versuch gelingt, das ehemalige Hotel Klosterhof in seniorengerechte Wohnungen umzubauen. (Bild: Ulsamer)

Häufig fehlt nicht nur dem historischen Ort im engeren Sinne die entsprechende Zuwendung, sondern dem Umfeld in entsprechendem Maße. Diese Diskrepanz sprang uns bei der Klosterruine Frauenalb geradezu ins Gesicht. Sieht man vom florierenden ‚Landgasthof König von Preußen‘ einmal ab, dann verunstalten das frühere Kloster ein leerstehendes Pflegeheim, das ehemalige Hotel Klosterhof, und das weitgehend ungenutzte frühere Abteigebäude aus dem Jahr 1672. Das Pflegeheim soll von einer Projektgesellschaft, die noch Investoren sucht, in 30 Seniorenwohnungen umgebaut werden. Ich kann nur hoffen, dass das geplante Wohnstift am Klosterhof in der Gemeinde Marxzell realisiert wird und damit der Leerstand zumindest in diesem Gebäude endet. Bei Preisen von 397 000 Euro für eine Wohnung mit 47 m² dürfte mancher Interessent allerdings tief Luft holen, denn im direkten Umkreis gibt’s außer dem bereits erwähnten Restaurant wenig Annehmlichkeiten. Vielleicht überzeugt die „moderne Wohnform für Best Ager (62+)“, so die Internetseite der Projektgesellschaft die Zaudernden. Bleiben wir im badischen Landesteil von Baden-Württemberg, so drängt sich ein Vergleich mit der Klosterruine Allerheiligen auf, die selbst mehr Pflege verdienen würde und noch mehr betrifft dies die Wasserspiele im ehemaligen Klostergarten. Die angrenzenden früheren Kurgebäude könnten ganz passend eine Verschönerungskur vertragen. Stellt man die Ruine des Klosters Allerheiligen – bzw. Frauenalb – und das jeweils umgebende Ensemble mit ähnlichen historischen Orten in anderen Regionen Europas einander gegenüber, dann drängt sich die Frage auf, warum in unserem Land mit geschichtsträchtigen Stätten so umgegangen wird. Das Kloster der Prämonstratenser in Allerheiligen bestand von 1192 bis 1803 und überlebte Großbrände und Plünderungen bis es sich 1802/1803 im Zuge der sogenannten Säkularisation der Markgraf Karl Friedrich von Baden unter den Nagel gerissen hat. Damit schließt sich der Kreis zum Kloster Frauenalb, das damals ebenfalls ans Haus Baden ging – und später an unterschiedliche private Besitzer, ehe es die erwähnte Stiftung rettete. Mehr zum früheren Kloster Allerheiligen im Schwarzwald finden Sie in meinem Beitrag: ‘Kloster Allerheiligen: Abgebrannt, geplündert und verstaatlicht. Historische Orte müssen besser geschützt werden‘.

Dreistöckiges Gebäude mit einer hellen Fassade und rötlichen Fensterumrahmungen. Das Gebäude wirkt etwas verwahrlost.
Wenig einladend ist das Umfeld der Klosterruine Frauenalb, wenn man vom Gasthof ‘König von Preussen’ absieht, denn auf einer Seite liegt das dreistöckige Abteigebäude, das einer Auffrischung und intensiven Nutzung bedarf, und auf der anderen das leerstehende Pflegeheim. Im Abteigebäude befindet sich u. a. das Klostermuseum, doch machte bei mehreren Besuchen ein rot-weißes Absperrband klar, dass ein Zutritt nicht möglich ist. (Bild: Ulsamer)

Bei vielen historischen Orten würde ich mir in Deutschland mehr Rücksicht auf deren Bedeutung wünschen, und dies gilt für deren Erhalt ebenso wie für ihre Umgebung. Gerade in Zeiten, in denen Ebbe in öffentlichen Kassen herrscht, dürfen Gebäude oder Plätze, die geschichtlich besonders relevant sind, nicht in Vergessenheit geraten oder verfallen. Und bei allen Planungen im Umfeld muss der historische Ort berücksichtigt werden. Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835), preußischer Gelehrter und Bildungsreformer, schrieb sehr treffend: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“

 

Dreistöckiges Gebäude am Hang. Unten eine rötliche Fassade, oben weiß mit dem Schriftzug König von Preussen.
Um 1790 wurde eine Klosterschänke gebaut, aus der sich der über die Region hinaus bekannte Gasthof König von Preußen entwickelte, der heute im Privatbesitz ist. Ein König von Preußen dürfte hier nicht abgestiegen sein, doch eindeutige Aussagen zur Namensgebung ließen sich nicht finden. (Bild: Ulsamer)

 

Zwei mehrstöckige Außenmauern aus Stein stehen noch vom Konventgebäude. Efeu wächst empor.
Die Herren von Eberstein gründeten 1148 das Zisterzienserkloster Herrenalb und um 1190 das Benediktinerinnenkloster Frauenalb. Im Bild Mauern des Konventgebäudes, das in Frauenalb von 1696 bis 1704 bzw. 1727 bis 1731 errichtet wurde, und in dem die Nonnen lebten. (Bild: Ulsamer)

 

Portal aus Stein mit einem Wappen darüber.
Vom geschlossenen Klosterbereich gelangte man durch das Nordportal in den Klosterhof und zum Abteigebäude. Das Wappen der Äbtissin von Ichtratzheim überstand den großen Brand von 1853, der die barocke Klosterkirche zur Ruine machte. Gertrude von Ichtratzheim prägte das Kloster Frauenalb in ihrer Zeit als Äbtissin von 1715 bis 1761. (Bild: Ulsamer)

 

Blick auf die Ruine von Tintern Abbey in Wales. Im Vordergrund niedrigere Mauerreste, dahinter das frühere Kirchenschiff.
Das Benediktinerinnenkloster in Frauenalb wurde um 1190 gegründet, das Zisterzienserkloster Tintern Abbey in Wales 60 Jahre früher am 9. Mai 1131. Aufgelassen wurde Tintern Abbey 1536 als Folge der Gründung der anglikanischen Staatskirche. Tintern Abbey verdankt seinen hohen Bekanntheitsgrad dem britischen Landschaftsmaler William Turner, der die Abtei 1792 besuchte und bildgewaltig in Szene setzte. William Wordsworth kam ein Jahr später nach Tintern Abbey, und seine Eindrücke von der Landschaft verdichtete er in seinem Gedicht ‚Lines Composed A Few Miles Above Tintern‘. Der damalige Besitzer von Tintern Abbey, der Duke of Beaufort, begann bereits im 18. Jahrhundert mit Erhaltungsarbeiten, als sich im Zuge der Romantik Touristen zu den Klosterruinen aufmachten. Zu dieser Zeit versuchten das Haus Baden und nachfolgende Besitzer noch rücksichtslos Kapital aus dem Kloster Frauenalb zu schlagen, was regelmäßig schief ging. 1901 wurde Tintern Abbbey von der britischen Krone erworben und unter Schutz gestellt, als Kulturdenkmal geschützt wurde Frauenalb 1921, aber erst die 1959 gegründete Stiftung Frauenalb sorgte für den Erhalt der Klosterruine. (Bild: Ulsamer)

 

Zum Beitragsbild

Links sind zwei Türme zu sehen, rechts das frühere Kirchenschiff: Die Außenmauern stehen noch.Der Brand von 1853 hat wenig von der Kirche des Klosters Frauenalb übriggelassen. Im Auftrag der Äbtissin Gertrud von Ichtratzheim baute der Vorarlberger Baumeister Peter Thumb von 1727 bis 1731 die barocke Kirche mit zwei Türmen, deren Ruine heute zu sehen ist. Nach der Feuersbrunst konnte der Versuch des Badischen Kriegsministeriums verhindert werden, eine Schießpulvermühle in Frauenalb zu errichten. Ansonsten würde heute vielleicht nicht einmal mehr die Ruine stehen. (Bild: Ulsamer)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert