Landesregierung Baden-Württemberg ohne Sinn für UNESCO-Welterbe
Als ich im Dezember 2022 über die anstehende Schließung des Archäopark auf der Schwäbischen Alb berichtete, da hatte ich noch einen Rest Hoffnung, dass sich die grün-schwarze Landesregierung in Baden-Württemberg doch noch aufraffen würde, um die Präsentation eiszeitlicher Kunst am Rande der Stadt Niederstotzingen zu retten. Da hatte ich mich allerdings geirrt, denn der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann verschrieb sich dem Keltenkult, und er gibt lieber eine Milliarde Euro für die Sanierung des Opernhauses in Stuttgart aus als einige hunderttausend Euro für die Präsentation steinzeitlicher Objekte unmittelbar an der Fundstelle, der Vogelherdhöhle. Rund 40 000 Jahre alt sind u. a. die in der Vogelherdhöhe gefundenen kleinen Skulpturen eines Mammuts und eines Pferds. Die Bedeutung der Vogelherdhöhle darf daher auch für die Anerkennung der UNESCO als Welterbe nicht geringgeschätzt werden, die sich auf die Höhlen und die eiszeitliche Kunst der Schwäbischen Alb bezieht. Diese legen Zeugnis ab für die ersten in Europa siedelnden modernen Menschen. Mangels Förderung durch das Land Baden-Württemberg gammelte der Archäopark nun einige Jahre vor sich hin, um jetzt als „naturnaher Kindergarten“ von der Stadt Niederstotzingen genutzt zu werden. Als Eltern und Großeltern haben wir gewiss nichts gegen einen Naturkindergarten, aber er ist kein Ersatz für die Ausstellung eiszeitlicher Kunst im unmittelbaren Umfeld der Vogelherdhöhle.

Eiszeitkunst ohne Fürsprecher in der Landesregierung
Auf das wenig sachgerechte Handeln der baden-württembergischen Landesregierung bin ich in meinem Blog-Beitrag ‚Eiszeitkunst: Geschichts- und konzeptionslose Landesregierung. Baden-Württemberg ohne Gesamtstrategie für UNESCO-Welterbestätten‘ eingegangen und verweise gerne an dieser Stelle auf diesen. Es war absurd der Stadt Niederstotzingen den Schwarzen Peter zuzuschieben, denn diese Kommune verfügt noch nicht einmal über 5 000 Einwohner und kann einen Abmangel aus dem Museumsbetrieb nicht allein tragen. Für mich ist es völlig unverständlich, dass die Landesregierung weiter an der Sanierung und Erweiterung des Opernhauses in Stuttgart festhält, die für Land und Stadt jeweils eine Milliarde Euro kosten dürfte. Kritik an diesem Vorhaben bügelt Winfried Kretschmann in seiner dritten Amtszeit in einer Art und Weise ab, die generell die Frage aufwirft, ob es eine Amtszeit- und Altersbeschränkung für Spitzenpolitiker geben sollte. Es ist eben nicht jeder ein Konrad Adenauer. Spätestens in der dritten Amtsperiode zeigen sich bei Kretschmann, den ich in seiner Anfangsphase als Ministerpräsidenten geschätzt habe, immer deutlichere Abnutzungserscheinungen. So manches Mal soll das Schwäbische im Grunde nur die Eigenwilligkeit übertünchen und dem ‚Basta‘ eines Gerhard Schröders ein freundliches Mäntelchen umlegen. „Grombiera statt Kunscht gibt es mit mir nicht“, beschied er Journalisten und Öffentlichkeit, als laut und vernehmlich die Frage gestellt wurde, ob denn Milliardenbetrag nicht etwas viel sei, um die Räumlichkeiten für Oper und Ballett in Stuttgart auf Vordermann zu bringen. Mehr dazu lesen Sie in: ‚Winfried Kretschmann und sein Grombiera-Trauma. Zeit und Kosten explodieren bei der Staatstheater-Sanierung‘.

Auf der deutschen UNESCO-Internetseite heißt es zu den Höhlen mit eiszeitlicher Kunst: „Die Welterbestätte ist eine weltweit einzigartige archäologische Fundlandschaft in den Tälern von Ach und Lone im östlichen Teil Baden-Württembergs. Die dort vorhandene Dichte archäologischer Stätten ist außergewöhnlich. An allen Fundorten konnten durch archäologische Ausgrabungen seit den 1860er Jahren Stein- und Knochengeräte sowie Schmuck- und Kunstobjekte freigelegt werden, die zwischen 33.000 und 43.000 Jahre alt sind. Die Höhlen und Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb dokumentieren in herausragender Weise die Kultur der ersten in Europa siedelnden modernen Menschen. Einzigartige Zeugnisse dieser Kultur, die sich in den Höhlen erhalten haben, sind geschnitzte Figuren, Schmuck und Musikinstrumente. Sie gehören zu den ältesten Belegen figürlicher Kunst und den weltweit ältesten bis heute gefundenen Musikinstrumenten.“ Wenn Politiker eine solch positive Einschätzung lesen, dann sollten sie sich intensiver bemühen, die Zugänglichkeit der Höhlen zu sichern. So heißt es bei der UNESCO: „Die Höhlen sind zu festgelegten Öffnungszeiten zugänglich. Die Möglichkeit der Besichtigung von Exponaten und Fundstellen dient der Vermittlung des außergewöhnlichen universellen Wertes der Stätte.“ Diesen Anforderungen wird die Landesregierung zumindest bei der Vogelherdhöhle nicht gerecht.

Politische Worthülsen hat die Eiszeitkunst nicht verdient
Der baden-württembergischen Landesregierung fehlt bis heute eine Gesamtstrategie für die UNESCO-Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alb, daran wurden wir bei einem neuerlichen Besuch mit einem unserer Enkel im Museum Alte Kulturen auf dem Schloss in Tübingen erinnert, als wir gemeinsam die in der Vogelherdhöhle gefundene kleine Pferdeskulptur betrachteten. Selbstredend spricht nichts gegen einen ‚naturnahen Kindergarten“, doch ist es ein Armutszeugnis, dass die Vogelherdhöhle nicht zugänglich ist und die Chance verspielt wurde, einzelne archäologische Fundstücke direkt bei der Vogelherdhöhle im Archäopark zu präsentieren. Skurril ist es, wenn auf der Internetseite der Gemeinde Niederstotzingen vollmundig über eiszeitliche Kunst auf der Schwäbischen Alb berichtet wird: „Sie ist die 42. UNESCO-Welterbestätte in Deutschland und umfasst die Fundorte der ältesten mobilen Kunstwerke der Welt, deren Bedeutung für das Verständnis der Menschheitsgeschichte und die Entwicklung der Künste weltweit einzigartig ist.“ Wer so das Welterbe vereinnahmt, zu dem die Vogelherdhöhle auf der Gemarkung der Stadt Niederstotzingen gehört, der hätte engagierter für die Zugänglichkeit der Höhle und die Präsentation der Eiszeitkunst kämpfen müssen. Dies gilt in gleicher Weise für den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der über die größeren Finanztöpfe verfüg.

Bei der Aufnahme der eiszeitlichen Kunst und der Fundstätten ins ‚Welterbe‘ hatte Kretschmann noch betont: „Lassen wir uns heute offiziell als Erben in die Pflicht nehmen, den Kulturschatz zu bewahren, der tausende Jahre überdauert hat.“ Nach einem solch vielversprechenden Satz hätte ich erwartet, dass eine Gesamtkonzeption für die eiszeitliche Kunst und die Höhlen auf der Schwäbischen Alb erarbeitet worden wäre, in der auch die Vogelherdhöhle mit dem kleinen Museum im Archäopark einen würdigen Platz gefunden hätte.

Zum Beitragsbild
Nur 4,28 cm groß oder besser klein ist die aus Mammutelfenbein geschnitzte Skulptur eines Wildpferds, die 1931 von Gustav Riek bei Ausgrabungen in der Vogelherdhöhle entdeckt wurde. Sie zählt mit einem Aller von etwa 40 000 Jahren zu den ältesten figürlichen Kunstwerken der Welt. Zu sehen ist sie im Museum Alte Kulturen der Universität Tübingen auf dem Schloss. Vergeblich hatten sich Professor Nicholas Conard, der als erfolgreicher Archäologe der Tübinger Universität in den Höhlen der Schwäbischen Alb wichtige Artefakte ausgegraben hat, und zahlreiche deutsche und internationale Fachkolleginnen und -kollegen in einem offenen Brief an Ministerpräsident Kretschmann gewandt und sich für den Erhalt des Archäoparks als Teil einer Gesamtkonzeption für die eiszeitliche Kunst aus den Höhlen der Schwäbischen Alb eingesetzt. Mehr dazu finden Sie in meinem Artikel ‚Archäopark: Geschichts- und konzeptionslose Landesregierung. Baden-Württemberg ohne Gesamtstrategie für UNESCO-Welterbestätten‘. (Bild: Ulsamer)

