Katastrophenalarm: Technik wichtig, Mensch entscheidend

Cell Broadcast für schnelle Warnung

Nachdem der Warntag 2020 der Bundesregierung ein einziger Flop war, meldeten sich beim nächsten Anlauf am 8. Dezember 2022 die Warn-App NINA, und – man mag es kaum glauben – auch per Cell Broadcast poppte am Handy ein Warnhinweis hoch. Die wenigen erhaltenen Sirenen blieben in unserer Region allerdings still. Kann man sich nun wieder beruhigt zurücklehnen? Ich denke, nein! Natürlich ist es wichtig, dass alle Kanäle genutzt werden, um im Katastrophenfall die Bürgerinnen und Bürger zu alarmieren, was jedoch nur eine Seite der Medaille darstellt. Bei der tödlichen Flut im Ahrtal lag der schreckliche Blutzoll nicht in erster Linie an fehlenden technischen Mitteln, um die Anwohner zu alarmieren und zu evakuieren, sondern die zuständigen Behörden reagierten zu langsam oder gar nicht! Dies ergaben nicht nur Recherchen der Medien nach dem Flutereignis, sondern es zeigte sich bereits bei den ersten Sitzungen des Untersuchungsausschusses, der vom rheinland-pfälzischen Landesparlament eingesetzt worden war. Wenn bei einer sich abzeichnenden Katastrophe die zuständigen Behörden und die politisch Verantwortlichen nicht rechtzeitig den ‚Alarmknopf‘ drücken, dann melden sich weder NINA noch Cell Broadcast, dann heulen keine Sirenen und dann informieren auch Radio und Fernsehen nicht über drohende Gefahren.

Eine Sirene auf einem roten Ziegelach. Diese Sirene ist noch von der herkömmlichen Bauart: Wie ein umgestülpter tiefer Teller auf einem Metallmast.
Altertümlich anmutend, doch im Katastrophenfall durchaus hilfreich. Allerdings wurden Sirenen auf öffentlichen Gebäuden in den letzten Jahrzehnten aus Kostengründen immer weniger. Eine Gegenbewegung hat eingesetzt, denn Sirenen können in einem Alarm-Mix bedeutsam bleiben. (Bild: Ulsamer)

Inkompetenz kostet Leben

Was nutzen dramatische Videos von der Mannschaft eines Polizeihubschraubers aus der Flutnacht, wenn sie nicht sofort ausgewertet werden? Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) blieb noch im Oktober 2022 im Angesicht dieser Aufnahmen bei seiner Aussage, er habe am 14. Juli 2021 keine Katastrophenlage erkennen können. Da blieb ihm nur der Rücktritt. Damit folgte er seiner früheren Kabinettskollegin Anne Spiegel (Bündnis90/Die Grünen), die nach der Flutwelle erst mal in Urlaub fuhr. Sie hatte sich zwar aus dem Umweltressort in Mainz nach Berlin abgesetzt, doch kaum zur Bundesfamilienministerin ernannt, musste sie gehen. Zuvor hatte die Flut schon der nordrhein-westfälischen CDU-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser den politischen Boden unter den Füßen weggespült. Spiegels Umweltministerium hatte am 14. Juli gegen 17 Uhr noch ein völlig falsches Lagebild per Pressemitteilung weitergegeben: „Während die Flutwelle an der Oberahr bereits Häuser wegschwemmte und der Campingplatz Stahlhütte in Dorsel erste Vermisste zählte, prognostizierte das Ministerium, dass man mit keinem Extremhochwasser rechnen müsse“, so Axel Spilcker im ‚Focus‘. Nicht nur unter Ministerinnen und Ministern schienen Fehleinschätzungen bei den Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen aus mangelnder Sachkenntnis zu resultieren. Deshalb musste auch der Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU) seinen Hut nehmen. Er löste zu spät den Katastrophenalarm aus und ließ ansonsten sowohl Kompetenz wie Einfühlungsvermögen vermissen.

Das Europäische Hochwasserwarnsystem (EFAS) – European Flood Awareness System – warnte Deutschland bereits vier Tage vor der Katastrophe vor Hochwasser und präzisierte einen Tag zuvor das Gefahrenzentrum: das Ahrtal. Der Deutsche Wetterdienst hatte ebenfalls am Vortag vor „extrem ergiebigem Dauerregen“ gewarnt, die Hochwasservorhersagezentrale wie das Landesamt für Umwelt informierten über die sich zuspitzende Situation, doch keiner der Verantwortlichen hatte den Mumm, schnellstmöglich Vorbereitungen zu treffen und die Menschen zu warnen, gar eine Evakuierung vorzubereiten. Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie an der englischen Universität Reading, die EFAS mitentwickelte, sprach daher von einem ‚monumentalen Systemversagen‘ bei den zuständigen Gremien. Die Die Flutwelle ist auch kein Erdbeben, das schlagartig auftritt, daher hätten zumindest am Unterlauf der Ahr die Bewohner gewarnt werden können, ja müssen, als am Oberlauf das Hochwasser bereits katastrophale Höhen erreicht hatte. Es hätten dann die vorhandenen Möglichkeiten zur Information und Evakuierung der Anwohner ausgereicht, so z. B. Lautsprecherdurchsagen durch Polizei oder Feuerwehr, vorhandene Sirenen oder notfalls Kirchenglocken, Hörfunk und Fernsehen, das Internet, NINA. Hätte der Landrat rechtzeitig den Katastrophenalarm ausgelöst, hätten Hilfsorganisationen wie Feuerwehr, Technisches Hilfswerk (THW), Rotes Kreuz, DLRG u.a. – den gefährdeten Bürgerinnen und Bürgern helfen können. Viele Anwohner hätten sich selbst in höheres Gelände retten können, wenn sie über die Lage unterrichtet worden wären. Inkompetente Persönlichkeiten in manchen Leitungsfunktionen haben das Desaster zugelassen.

Screenshot vom Handy: "Dies ist die Entwarnung zur Warnung "Bundesweiter Warntag 2022".
NINA war beim Warntag 2022 ebenfalls erwacht, wogegen sie 2020 noch überwiegend geschlummert hatte. Diese App behält nach meiner Meinung trotz Cell Broadcast ihre Bedeutung, denn über NINA werden auch Wetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes oder Corona-Hinweise übermittelt. Für NINA und alle Warnmedien gilt jedoch, dass sie nur so gut sein können wie die Behörden, die die Meldungen bereitstellen. Hier kommt es auf Präzision und Schnelligkeit an. (Bild: Ulsamer)

Der Mensch ist entscheidend

Technik ist wichtig, und dies gilt auch im Katastrophenfall. So kommt Cell Broadcasting eine wichtige Funktion bei der Alarmierung zu, denn sogar ohne eine bestimmte App wie NINA werden alle Menschen mit eingeschaltetem Mobiltelefon in definierten Funkzellen über Gefahren unterrichtet. Aber wenn niemand rechtzeitig den Katastrophenalarm auslöst, nutzen alle modernen Kommunikationsmittel nichts. Der Mensch und seine Entscheidungen, sein zu zögerliches oder sachgerechtes und kompetentes Handeln entscheiden im Katastrophenfall über Leben und Tod. Versagt haben bei der Flutwelle im Ahrtal die zuständigen Behörden bis zur Ministerebene. Schon vor 40 Jahren zeigten sich Landräte bei der Auslösung des Katastrophenalarms zögerlich, was ich als THW-Helfer seinerzeit miterleben konnte. Wenn es um Menschenleben geht, sollte besser einmal zu früh als zu spät Alarm geschlagen werden. In Rheinland-Pfalz riss die politische Flut Ministerin Spiegel und Minister Lewentz mit sich, doch für mich stellt sich gleichfalls die Frage, welche Mitverantwortung Ministerpräsidentin Malu Dreyer für das Organisationsversagen trägt?

Am Rande möchte ich noch bemerken: Zur Verschleierung der Ursachen trägt auch bei, wenn vorschnell von ‚Naturkatastrophen‘ gesprochen wird. Dies gilt für die Coronapandemie, genauso wie bei manchem Hochwasser. Wer immer näher an brutal kanalisierte Bäche und Flüsse baut, der muss sich nicht wundern, wenn bei extremem Starkregen ganze Wohngebiete absaufen. Der Klimawandel mag die Situation verschärfen, doch im Grunde wurde den Flüssen ihre Überschwemmungsfläche geraubt und in Baugrund umgewandelt. Ein zögerliches Umdenken hat zwar eingesetzt, allerdings wird selbst nach Überflutungen nicht überall der Sicherheitsabstand erhöht.

Die technischen Mittel für die Alarmierung der Bevölkerung müssen weiter ausgebaut und resilienter gestaltet werden. Ebenso wichtig ist es, die Entscheider in Behörden und Politik besser auf Katastrophen vorzubereiten. Krisenstäbe sollen Katastrophen verhindern oder eindämmen – und diese nicht noch verschlimmern!

 

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Screenshot vom Handy. "Warnung auf höchster Stufe - Probewarnung - Bundesweiter Warntag".Cell Broadcast zeigte am Warntag 2022 seine Funktionsfähigkeit. Über diesen Dienst lassen sich alle Mobiltelefone erreichen, die noch nicht zu angejahrt und eingeschaltet sind. Dafür wird keine spezielle App benötigt, und die Warnung kommt direkt auf den Bildschirm und wird durch akustische Signale begleitet. Problematisch ist bei Cell Broadcast natürlich die Abhängigkeit von Funkmasten und der entsprechenden Stromversorgung. Deren Widerstandsfähigkeit muss für Katastrophenfälle deutlich verbessert werden. (Bild: Ulsamer)

 

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