Hühner gehören auf die Wiese

Das liebe Federvieh braucht Platz und frische Luft

In letzter Zeit sieht man wieder mehr Hühner, die ins Freie dürfen: die Zahl der mobilen Ställe nimmt zu. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mehrheit der über 170 Mio. Hühner, die in Deutschland gehalten werden, von einem Freilauf nur träumen können. Noch immer dürfen Legehennen oder Masthähnchen in drangvoller Enge untergebracht werden. Sogenannte „ausgestaltete Käfige“ sind zwar jetzt in Deutschland verboten, nicht aber in anderen EU-Staaten. Dazuhin gibt es Kleingruppenkäfige mit beschränktem Platz für Legehennen. Wenn sich 26 Hühner in der Mast mit je 1,5 Kilogramm auf einem Quadratmeter drängeln, entspricht dies Platzvorgaben der EU. Lese ich solche Zahlen, vergeht mir schlichtweg der Appetit auf Hühnchen oder Eier. Aber wenn es doch hin und wieder ein Ei sein soll, dann achten wir auf Freilandhaltung, denn eine tierquälerische Unterbringung von Hühnern, aber auch von Schweinen und Rindern, müssen wir zumindest beim Einkaufen bekämpfen. Es ist aber längst überfällig, das gesamte landwirtschaftliche System in Deutschland und der Europäischen Union – GAP – auf eine neue Basis zu stellen, wo Tierwohl, Ökologie und Nachhaltigkeit tragende Säulen bilden. Bisher werden die EU-Subventionen mit der Gießkanne über die Landwirtschaft ausgegossen, auch wenn sie in weiten Bereichen weder Mensch und Natur noch Tieren und Umwelt dienen.

Braune Hühner als kleine Gruppe hinter einem Elektrozaun. Sie haben viel Platz. Im Hintergrund ein mobiler Stall.
So mancher Hühnerhalter hat den Zug der Zeit erkannt und erklommen: er setzt auf Freilandhaltung mit mobilen Ställen. (Bild: Ulsamer)

Weniger Tiere mit mehr Platz

Ich erinnere mich gut an Besuche in meiner späteren Kindheit bei meinen landwirtschaftlich aktiven Verwandten, wo einige Hühner auf dem Hof und den Wiesen herumspazierten und ein Hahn alles im Blick behielt. Wenn es dämmrig wurde, versammelten sie sich ganz von allein in ihrem Stall. Nun gut, demnächst werde ich 70 Jahre alt, und Rückblicke sind so eine Sache, aber ich halte die frühere Hühnerhaltung noch immer für die bessere Form und lehne es ab, wenn in einem Betrieb 100 000 oder 200 000 Hennen oder Hähne in engen Stallungen ihr Dasein fristen müssen und sich wegen des Gedränges selbst bei Bodenhaltung gegenseitig die Federn ausrupfen. Zwar lästerte die frühere CDU-Landwirtschaftsministerin des Bundes, Julia Klöckner, gerne über die ‚Bullerbü-Landwirte‘, die sich gegen eine ständige Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion stemmen und das Heil nicht in immer mehr Tieren auf möglichst wenig Fläche sehen. Der Ex-Weinkönigin schienen weder die familiengeführten bäuerlichen Betriebe noch das ‚Vieh‘ am Herzen zu liegen. Cem Özdemir von den Grünen hat nun die Chance, als neuer Landwirtschaftsminister das Ruder herumzuwerfen, wenn FDP und SPD mitspielen und er Partner in den anderen EU-Staaten findet. Seine ersten Auftritte nährten bei mir jedoch Zweifel, ob er das Pferd nicht von hinten aufzäumen möchte: Eifrig spricht er von höheren Preisen für Fleisch im Supermarkt, aber zu selten macht er unmissverständlich deutlich, dass die bisherigen EU-Fördermittel nur noch in bäuerliche Betriebe fließen dürfen, die das Tierwohl und den Schutz von Natur und Umwelt in der täglichen Praxis sicherstellen. Die industrialisierte Produktion von Fleisch, Eiern, Milch oder Kartoffeln und Getreide bzw. Mais für die Biogasanlage in Großbetrieben berechtigt nicht per se zum Empfang von Subventionen!

Gelbes Schild mit schwarzem Text: "Vorsicht Spielende Hühner" und einem schwarzen Huhn.
Weit ist es gekommen, wenn Spaziergänger bereits mit einem Warnschild „Vorsicht Spielende Hühner“ darauf hingewiesen werden müssen, dass ein gackerndes Huhn den Weg kreuzen könnte. (Bild: Ulsamer)

Es kann nicht sein, dass wir als Steuerzahler unseren Obolus für die fehlgeleiteten EU-Subventionen entrichten, um dann beim Griff ins Regal nochmals zur Kasse gebeten werden, um dort unseren Beitrag zum Tierwohl und einer gesunden Natur zu leisten. Die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse werden steigen, doch eine Konzentration der Fördermittel auf Bereiche, die einen Nutzen für Natur und Tier bieten, wird den Anstieg bremsen. Viel zu lange wurden mit EU-Mitteln Flächensubventionen ohne jeden ökologischen Sinn verteilt, und die Zahl der bäuerlichen Betriebe nimmt dennoch ab. Im Grunde zerstört die EU-Agrarordnung nicht nur Bauernhöfe, sondern sie killt auch Insekten und Vögel. Dazuhin verlängert dieses marode Fördersystem das Leid der sogenannten ‚Nutztiere‘, die in immer größeren Einheiten gehalten werden. Die Politik hat in Berlin und in Brüssel viel zu lange gepennt und Verbesserungen verschleppt, dies sieht man bei der Hühnerhaltung ebenso wie bei Milchkühen, wo Kälber zunehmend wirtschaftlich wertlos sind und durch ganz Europa gekarrt werden, wo sie am Ende einer langen Reise geschlachtet werden. Im Grunde ist das EU-Agrarsystem eine einzige Perversion. Es ist auch nicht damit getan, die Ställe freundlicher zu gestalten, sondern die Zahl der gehaltenen Tiere muss reduziert werden. „Wir haben in Brüssel erreicht, dass die Förderung für Tierwohlställe auf bis zu 80 Prozent der Investitionssumme erhöht werden und länger als sieben Jahre laufen darf“, so Klöckner 2021. Eine bessere Haltung von Tieren kostet Geld und bedarf der Förderung, doch ebenso wichtig ist die Reduktion der Nutztiere insgesamt.

Weiße, braune Hühner hinter einem Zaun.
Hinter ‚Gittern‘, aber an der Luft mit frischem Gras: So lässt es sich leben und Eier legen, wenn auch nicht so viele wie die Akkord-Hühner, die fürs Eierlegen ihre Gesundheit opfern müssen. 45 Mio. Legehennen gibt es derzeit in Deutschland. (Bild: Ulsamer)

Zurück zum Haushuhn früherer Zeiten

Weil der Politik der Mut fehlt, den gordischen Knoten durchzuschlagen und Natur und Tierwohl in den Mittelpunkt der Landwirtschaftspolitik zu rücken, werden zumeist nur die besonders krassen Auswüchse abgemildert. Im Kastenstand dürfen weiterhin Sauen gehalten werden, weil sie dort ihre Ferkel in einem technisierten Prozess bekommen sollen. Da frage ich mich manchmal schon, wie der Nachwuchs der Schweine bei meinen Verwandten überhaupt überleben konnte, denn es gab nur Schlupflöcher für die Ferkel, wenn sich die Muttersau mal ohne Rücksicht auf die Kleinen herumwälzen wollte. Eile mit Weile, so die Bundesregierung, und daher wurde für den Kastenstand eine weitere Übergangsfrist von 15 (!!) Jahren gewährt. So manches Automobilunternehmen würde sich freuen, wenn es bei der Verringerung der Emissionen auch in solchen Dimensionen denken dürfte. Nun gilt ein Tötungsverbot für Hähne, die gleich nach dem Ausschlüpfen bisher als ‚wertlos‘ beseitigt wurden. Wer auf Legehennen setzt, der kann keine Hähne gebrauchen, und als Folge der bisherigen spezialisierten Zucht setzen die männlichen Nachkommen von Legehennen auch zu langsam Fleisch an. Es bleibt nun die Geschlechtsbestimmung vor dem Ausschlüpfen oder die Aufzucht der ‘Bruderhähne’, und der dritte Weg könnte zum Töten der ungewollten Hähne im EU-Ausland und dem Import der jungen Legehennen führen. Damit würde das Tierleid nur örtlich verlagert. Dies wäre wieder einmal einer der typischen Schleichwege für die Politiker, die in ihren Sonntagsreden ihr eifriges Wirken für die Tiere selbst loben können, obwohl am Montag die Lkw mit den ausländischen Legehennen anrollen. Hier müssen EU-einheitliche Regelungen her!

Drei weiße Hühner im Vordergrund. Weit dahinter die großen Hühnerställe und davor weitere Hennen.
Mehr Platz ist wichtig für Hühner, doch nicht jede Legehenne ‚erwandert‘ sich eine große Wiese oder Grünland. Ca. 20 % der Legehennen leben in Freilandhaltung, 12 % gehören ökologischen Erzeugern. In den Ställen entsprechen die Bedingungen der Bodenhaltung. Bei der Zucht der heutigen Akkord-Hühner, die besonders eifrig Eier legen, dürfte manchen Hybridtieren auch die Erkundungslust abhandengekommen sein. Mehr Deckung hätten sie auch zwischen Obstbäumen oder Büschen und vielleicht – wie angesprochen – auf Flächen mit Solarpanelen. (Bild: Ulsamer)

Die einzig sinnvolle Lösung scheint mir längerfristig zu sein, von der zweigeteilten Zucht von Legehennen einerseits und Hennen und Hähnen zu Mastzwecken andererseits abzugehen. Aus dem Haushuhn, das einst auf der Wiese nach Würmern oder Insekten suchte, sind zwei optimierte Hühnerarten geworden: Die eine soll fast schon jeden Tag ein Ei legen, und auf 321 Stück kamen Legehennen in Thüringen bereits 2020, auch wenn darunter ihre Gesundheit leidet und zerbricht. Schnell lässt die Zahl der gelegten Eier bei den ‚Akkord‘-Hühnern nach, und Legehennen werden nach 12 bis 15 Monaten geschlachtet, dabei könnte ein Huhn durchaus 10 Jahre alt werden! Früher legten die Hühner gerade mal ein Drittel oder die Hälfte der Eier im Jahr. Die Hybridform für die Mast – ob männlich oder weiblich – ist auf den Fleischansatz hin gezüchtet worden. Schnell soll mit möglichst wenig Futtereinsatz das Schlachtgewicht erreicht werden. Als ich 1952 geboren wurde, da erreichte ein Huhn nach ca. 120 Tagen mit 1,5 kg das Schlachtgewicht, heute benötigen die Turbo-Masthühner gerade noch 30 Tage, sollen die Keulen und Filets üppiger ausfallen, dann werden sie so gemästet, dass sie nach weiteren zehn Tagen 2,5 kg wiegen. Wie so oft, wenn der Mensch der Natur ins Handwerk pfuscht, gelang zwar die wirtschaftliche Optimierung der Hühner, doch ihr Leiden wird immer schlimmer. So richtig verdienen an diesem Irrweg die Zuchtbetriebe, die Tiere in Reinform halten. Sie liefern den Nachschub für die Brütereien, denn die optimierten Hybridtiere eignen sich nicht zur Weiterzucht. Wir brauchen in der Hühnerzucht weniger Frankenstein und mehr Natur! Auf die enorme Abhängigkeit von wenigen Zuchtunternehmen weist die Albert-Schweitzer-Stiftung hin: „Nur noch vier weltmarktbestimmende Unternehmen züchten sogenannte Legehennen. Im Verhältnis dazu gab es Ende der 1960er-Jahre noch ca. 50 Unternehmen auf der ganzen Welt, die sich mit der Zucht von »Legehennen« beschäftigten. Von den vier heutigen Zuchtunternehmen erzeugen allein die EW Group (inkl. »Lohmann Tierzucht«) und Hendrix-Genetics mehr als 90 % der Legehybriden.“ Das ist ja wirklich kaum zu glauben!

Fünf braune Hühner auf einer Wiese.
Auslauf an frischer Luft, Platz zum Scharren und Würmer suchen. „Mancher gibt sich viele Müh / Mit dem lieben Federvieh: / Einesteils der Eier wegen, /Welche diese Vögel legen,
Zweitens, weil man dann und wann /Einen Braten essen kann“, so hieß es in Max und Moritz von Wilhelm Busch. Und: „Drittens aber nimmt man auch / Ihre Federn zum Gebrauch / In die Kissen und die Pfühle, / Denn man liegt nicht gerne kühle.“ Zu Buschs Zeiten dachte noch niemand an Turbohühner, die entweder im Akkord Eier legen oder Fleisch ansetzen müssen. (Bild: Ulsamer)

Das Tierwohl braucht Priorität

Im Jahr 2021 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland 668,7 Millionen Hühner, Puten und Enten geschlachtet, wobei das erzeugte Putenfleisch zurückging, bei Jungmasthühnern gab es dagegen einen Zuwachs. Nicht nur diese Zahlen belegen, dass es Zeit für einen tiefgreifenden Wandel ist. Weniger Fleisch mit besserer Qualität und weniger Tierleid oder gar kein Fleisch, das sind die Alternativen, wenn wir bei der Landwirtschaft die Tiere besser halten, die Emissionen und den Wasserverbrauch reduzieren und die Böden schützen wollen. Hühner, Gänse oder Puten, Rinder und Schweine gehören nicht in gewaltige Ställe mit Kunstlicht, naturfernen Böden und Futter, das um die halbe Welt transportiert wird. Sie gehören auf die Weide!

Zahlreiche braune Hühner in der Umgebung von mobilen Ställen. Kleine Solaranlage im Vordergrund.
Hier ist die Solaranlage noch klein, aber es bieten sich Chancen: Mobile Ställe sind eine Lösung, um die Freilandhaltung umzusetzen. Angegangen wird auch die Haltung unter und bei Freilandsolaranlagen. Hühner lieben Gras und allerlei Kleingetier, und sie ergänzen die regenerative Stromgewinnung. Zumeist umgibt die Solarfelder ohnehin ein stabiler Zaun, um Zweibeiner der größeren Art fernzuhalten. (Bild: Ulsamer)

Veränderungen in Deutschland werden nur funktionieren, wenn die anderen EU-Staaten mitziehen und die entsprechenden Vorgaben für das Tierwohl auch bei Importen aus anderen Staaten gelten. Wer allein auf deutschen Bauernhöfen die Normen erhöht, und dies ist dringend erforderlich, der verlagert die Probleme nur ins Ausland. Hühner brauchen aber überall wieder Zugang zu einer echten Weide und nicht nur einen trostlosen Auslauf oder einen naturfernen Untergrund bei so mancher Bodenhaltung. Zu einer ganzheitlichen Betrachtung gehört es auch, die Nebenfolgen abzuschätzen: Nachdem die Hähne von Legehennen bereits vor dem Schlüpfen aussortiert oder aufgezogen werden (z. B. ‘Huhn & Hahn’), fehlt Zoos und Tierparks das Futter für manche Tiere, denn rd. die Hälfte der bisher getöteten Hähne wanderten in die Schnäbel und Schnauzen von dort gehaltenen Wildtieren. Ersatz kommt aus dem Ausland oder es werden Mäuse verfüttert, die dann speziell dafür aufgezogen werden.

Eine weiße Gans mit orangenem Schnabel geht an rötlich blühenden Blumen entlang.
Wegen mir können Gänse ihr Höchstalter erreichen, doch selbst wenn sie für den Konsumenten gezüchtet werden, müssen sie tiergerecht gehalten werden. (Bild: Ulsamer)

Wichtig ist die Stärkung regionaler Kreisläufe, denn das Futter für die Hühner sollte vom eigenen Hof oder zumindest aus der Region kommen, bereits diese Regelung würde zu einer Reduzierung des Bestands führen. Der Marktanteil der Biolandwirtschaft muss deutlich schneller als bisher wachsen und die konventionell arbeitenden Bauern müssen mehr Rücksicht auf die Natur nehmen. Das Tierwohl braucht bei allen Betrieben eine hohe Priorität! Wer hier mitzieht, der wird gefördert, wer nicht, dem stehen auch keine Mittel des Steuerzahlers via EU oder aus zusätzlichen deutschen Programmen zu! „Ihrer Hühner waren drei / Und ein stolzer Hahn dabei“ heißt es bei Wilhelm Busch über Witwe Bolte. Nun gut, mit drei Hühnern und einem Hahn lässt sich heute natürlich kein bäuerlicher Betrieb erhalten, aber die Zukunft kann auch nicht bei hunderttausenden von Hühnern in einem einzigen Betrieb liegen. Eine Rückbesinnung und Neuorientierung zugleich muss wieder dazu führen, dass Hühner tiergerechter gezüchtet und gehalten werden. Die Spezialisierung in Mast- oder Legehennen ist langfristig zu beenden. Zweinutzungshühner sind ein Ausweg.

Lasst Hühner, Puten und Gänse wieder auf die Wiese, auch ‚Federvieh‘ hat ein Anrecht auf Platz, Luft und Licht sowie gesundes Futter!

 

 

Hühner und einige Puten in einem Freigelände - umgeben von einem hohen Zaun. Sie haben ein Hühnermobil für die Nacht.
Dieser mobile Stall erlaubt den Hühnern und Puten einen Auslauf im satten Grün. Verschiedene Hühnerhalter experimentieren damit, die Hühner frei zwischen den Obstbäumen laufen zu lassen und hoffen, dass sie sich der Schadinsekten annehmen. (Bild: Ulsamer)

 

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