Geisterlehrer in Baden-Württemberg

20 Jahre bleiben Lehrerstellen unbesetzt – und keiner merkts

Wo Menschen arbeiten, da werden Fehler gemacht, und dies lässt sich kaum ändern. Allerdings stimmt es betrüblich, wenn in Baden-Württemberg zwei Jahrzehnte lang jedes Jahr zwischen 1 500 und 2 500 Lehrerstellen als besetzt geführt wurden, obwohl es diese Pädagogen gar nicht gab, zumindest nicht in der Realität. Geisterlehrer leben gewissermaßen nur in der Statistik bzw. in der Software, doch sie tragen leider nicht zum Unterricht bei. Was mich besonders irritiert ist nicht nur der IT-Schlamassel, sondern die Nonchalance, mit der der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann Nachfragen vom Tisch fegt. Der Fehler sei durch eine Arbeitsgruppe aus dem Finanz- und dem Kultusministerium aufgearbeitet und behoben worden, also könne man den Vorgang ruhen lassen. Das sehe ich nun ganz anders, denn wir leben nicht in ‚The Länd‘ von King Winfried, sondern in einer parlamentarischen Demokratie. Aber der Vorzeigegrüne, der als Student mit den Maoisten liebäugelte, zeigt in seiner dritten Amtsperiode immer stärker monarchistische Züge, allerdings mochte er öffentlichen Widerspruch noch nie. Und so bügelte er kritische Nachfragen zur Sanierung des Opernhauses in Stuttgart mürrisch ab, die ein oder auch zwei Milliarden Euro kosten dürfte, und meint „Grombiera statt Kunscht gibt es mit mir nicht“. Da mag auch der baden-württembergische Landtag dank grün-schwarzer Regierungspolitik nach den nächsten Wahlen einen noch größeren Blähbauch bekommen, was kümmert das Politiker, die meinen, alles besser zu wissen.

Ein breites Gebäude mit Flügeln links und rechts. Auf der Kuppel weht die Fahne des Landes Baden-Württemberg. Im Vordergrund auf Steinsockeln ein Löwe und ein Hirsch aus Metall.
Im Neuen Schloss, erbaut von 1746 bis 1807, residieren heute keine Herzöge oder Könige mehr, sondern u. a. das Finanzministerium des Landes Baden-Württemberg unter Danyal Bayaz. Für mich ist es ein Rätsel, warum im Finanzministerium niemand hellhörig wurde, wenn allein zwischen 2015 und 2024 rd. eine Milliarde Euro an Budget nicht abgerufen wurde, da es die Geisterlehrer nur im IT-System gab. „Der Sprecher des Kultusministeriums nannte einen Korridor von 110 bis 120 Millionen Euro, den so viele Stellen wohl pro Jahr kosten würden, die aber schlicht nicht abgeflossen seien“, so ‚News4Teachers‘. „Das sei nicht aufgefallen bei einem solchen milliardenschweren Haushalt.“ Wenn solche Summen im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport unter Theresa Schopper (Bündnis90/Die Grünen) nicht auffallen, was dürfte denn dann bei genauerer Betrachtung an weiteren Problemfällen auftauchen? (Bild: Ulsamer)

Ministeriale Rechenkünstler

Die Liberalen, die bei den Landtagswahlen im März 2026 um den Wiedereinzug in den Landtag bangen müssen, forderten zurecht einen Untersuchungsausschuss zu den Geisterlehrern, sie fanden keinen Widerhall bei Grünen, CDU und SPD, die in den letzten zwei Jahrzehnten das Kultusministerium innehatten! Aber die letzten drei Wahlperioden saß Winfried Kretschmann als Ministerpräsident in der Villa Reitzenstein, der sich jedoch für Fehler und Missstände nie mitverantwortlich fühlt. Ich habe mir den Bericht der Arbeitsgruppe angesehen, den die Vertreter des Ministeriums für Finanzen und des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport zusammengetragen haben, und schon allein dieser wirft weitergehende Fragen nach den Verantwortlichkeiten auf. Dort heißt es u. a.: „Angemessene Kont­rollmechanismen bezüglich der Stellenbewirtschaf­tung waren unzureichend beziehungsweise nicht vorhanden. Eine interne Revision im eigentlichen Sinne existierte demnach nicht.“ Das klingt nach einem vernichtenden Urteil über interne Strukturen, die mal wieder folgenlos bleiben.

Eine Schiefertafel und eine alte Schulbank aus Holz und zwei Bilder von Schülern aus dem 19. Jahrhundert.
Beim Übergang von der Schiefertal und händisch geführten Personalakten hin zu IT-Personalsystemen scheint mancher Bürokrat den Überblick verloren zu haben. Ansonsten könnte es keine Geisterlehrer geben, die nicht existieren, aber bei ‘L-DIPSY‘ eine Planstelle belegen. Dies wirft auch die Frage nach der Verantwortung auf, die man nicht wie der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann, den ich einst sehr schätzte, vom Tisch fegen kann. Das Bild stammt aus der früheren französischen Mustersiedlung ‚Le Familistère’, heute UNESCO-Welterbe, in der besonders Wert auf die Bildung der Kinder gelegt wurde. Mehr dazu in: ‚Le Familistère de Guise: Wohnen und Arbeiten in Gemeinschaft. Godin – französischer Sozialreformer und Unternehmer im 19. Jahrhundert‘. Noch eine Anmerkung zum IT-System L-DIPSY: Dipsy heißt der grüne ‚Teletubby‘ aus der gleichnamigen britischen Kinderserie ‘Teletubbies’, die auch in Deutschland ausgestrahlt wurde. Kritiker bemängeln die übertrieben kindliche Sprache der Teletubbies, die es für die kleinen Zuschauer schwer mache, neue Wörter zu lernen. Hoffentlich hat das nicht auf die Software L-DIPSY und deren Nutzer bei Sprache und Mathematik ausgestrahlt! (Bild: Ulsamer)

„Bei den fälschlicherweise als besetzt ausgewiesenen IST-Stellen handelt es sich tatsächlich um ‚Geisterlehrer‘: Dies bedeutet, dass eine Stelle im IT-System als besetzt geführt wird, es aber keinen zugehörigen Personal­fall gibt. Auswertungen der AG der Jahre 2015 bis 2024 zu den Stellen-Diskrepanzen ergaben, dass Abwei­chungen seit dem Jahr 2015 bestehen (zwischen 2.480 und 1.880 Stellen). Die AG konnte zwar ein­zelne Fehlerursachen ermitteln; die Höhe dieser ermittelten Abweichungen erklärt aber nicht ansatz­weise die Diskrepanzen in vierstelliger Höhe.“ Fehler im IT-System ‚L-DIPSY‘ werden ebenso aufgelistet wie falsche Eingaben durch einzelne Personen. Nun mag keiner die einzelnen Segmente der Software verstanden haben, doch hätte nicht spätestens im Finanzministerium ein Mitarbeiter hellhörig werden müssen, wenn jährlich um die 120 Millionen Euro nicht abgeflossen sind, da es die entsprechenden Lehrer nicht gab und sie daher auch kein Gehalt bezogen? Ich sage es mal etwas flapsig, vielleicht hätte sich der grüne Finanzminister Danyal Bayaz mehr um solche Budgetfragen kümmern sollen, als das bei einem Sturm vom Opernhaus geflogene Dach als Mahnmal für den Klimawandel im Eckensee ausstellen zu lassen. Das abgehobene Dach war allerdings nicht dem Klimawandel zuzuschreiben, sondern dem Sanierungsrückstand, den das Finanzministerium mit verursacht hat. Mehr dazu in: ‚Stuttgart: Wenn das Operndach als Knäuel endet … und der Klimawandel schuld sein soll‘.

Generell habe ich den Verdacht, dass nicht nur die Mathematikkenntnisse vieler Schülerinnen und Schüler nachlassen, sondern es um die Rechenkünste in den Ministerien für Bildung bzw. Finanzen in Baden-Württemberg auch nicht zum Besten steht. Der Fehler scheint sich in den Jahren 2005/2006 eingeschlichen zu haben, doch konnte lediglich der Zeitraum ab 2015 aufgearbeitet werden, da zum vorhergehenden Jahrzehnt die Unterlagen nicht mehr greifbar waren. Für mich ist es ein Skandal, wenn über ein Jahrzehnt gut eine Milliarde Euro nicht abgerufen wird, da es die Geisterlehrer nicht gibt und sie daher auch kein Gehalt beziehen. Nicht nur im Kultus-, sondern auch im Finanzministerium gehört mal aufgeräumt, und entsprechende Arbeitsbereiche sollten neu besetzt werden. Vielleicht finden sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen es auffällt, wenn im Jahr 100 Millionen Euro wegen Geisterlehrern nicht abgerufen werden, die im Budget vorgesehen waren! Die Frage nach Verantwortlichkeiten darf nicht unbeantwortet bleiben, auch wenn sich dies der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmannn am Ende seiner dritten und letzten Amtsperiode wünscht.

Geisterlehrer sind vertane Chancen für die Bildung unserer Kinder und Enkel!

 

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Ein altes ehemaliges Schulgebäude, das heute einen Kindergarten beherbergt. Über der Eingangstür steht "Schulhaus" in roten Buchstaben. Links und rechts Fenster mit alten grünen Fensterläden. Vor dem Gebäude steht ein Schild Achtung - Straßenschäden.Früher war nicht alles besser, und schon gar nicht in der Schule! Aber ganz gewiss wäre aufgefallen, wenn sich jährlich 1 500 bis 2 500 Lehrer nicht in den Schulen betätigt hätten, sondern nur als Geisterlehrer durch die Schulwelt geirrt wären. Zu meinen Zeiten in einem Ministerium gab es ein jährliches Budget, und dann wäre aufgefallen, wenn am Jahresende über 100 Millionen Euro nicht abgerufen worden wären. Warum ministerialen Rechenkünstlern nicht abgerufene Mittel in dieser Höhe sowohl im Kultus- als auch im Finanzministerium entgangen sind, das sollte zumindest aufgeklärt werden! Wer die Ursache nur auf die IT-Software schiebt, der hat die Problematik nicht verstanden und dies scheint leider auch für den früheren Lehrer und heutigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmannn zu gelten. Vielleicht will er aber auch nur kritische Themen vom Tisch fegen, um unbeschadet nach der Landtagswahl in den Ruhestand gehen zu können. Es scheint nicht nur Straßenschäden, so das Foto, im Land zu geben, sondern auch einen Mangel an mathematischen Fähigkeiten in Teilen der Bürokratie. (Bild: Ulsamer)

3 Antworten auf „Geisterlehrer in Baden-Württemberg“

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Ulsamer,
    positiv an der von Ihnen beschriebenen Situation ist, dass das Geld für die “Geisterlehrer” nicht anderweitig abgeflossen ist.
    Gleichwohl ist eine Aufklärung des Geschehens dringend notwendig, um Wiederholungen zu vermeiden.
    Die Schülerinnen und Schüler hätten mit aktiven Lehrkräften ein besseres Angebot erhalten und es bleibt zu hoffen, dass die Lehrerinnen und Lehrer, die durch die begangenen Fehler benachteiligt worden sind, nicht für immer dem System Schule fehlen werden.
    In Grenzen zuversichtlich bin ich, dass der nachlässige Umgang mit den Ursachen der misslungenen Stellenbesetzung keinen Beleg dafür darstellt, dass Kinder, Jugend und deren Bildung für die Politik von begrenzter Wichtigkeit sind.
    Aufarbeitung eines Fehlers erfolgt nicht in erster Linie einen oder mehrere Schuldige zu bestimmen, sondern um die zukünftige Entwicklung besser zu gestalten.
    Mit freundlichen Grüßen
    Gerhard Walter

    1. Sehr geehrter Herr Walter,
      ich kann Ihnen nur zustimmen. Auch die Politik muss aus Fehlern lernen, um in der Zukunft solche zu vermeiden.
      Mit besten Grüßen
      Lothar Ulsamer

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