Fungie: Wenn ein Touristen-Magnet abtaucht

Das irische Dingle verliert ‚seinen‘ Delfin

37 Jahre lang sorgte ein freilebender Delfin im irischen Touristenort Dingle für einen nicht enden wollenden Besucherstrom: Fungie fühlte sich von den Booten, die junge und alte Gäste zum beliebten Delfin transportierten, nicht gestört. Ganz im Gegenteil: Dieser Delfin schien die Besucher, die gerne auch mal mit ihm schwammen, als seine ‚Familie‘ adoptiert zu haben. Delfine sind im Regelfall keine Einzelgänger, sondern als soziale Tiere mit ihrer Gruppe – ihrer sogenannten Schule – unterwegs. Nicht so Fungie, der fast vier Jahrzehnte als Einzelgänger in der Bucht vor dem Fischereihafen, dem sogenannten Dingle Harbour, lebte. So entwickelten sich viele Geschichten, die versuchten, Begründungen für sein ungewöhnliches Verhalten zu finden. Mal soll Fungie seine Mutter verloren haben und in der Bucht auf seine neuen ‚Artgenossen‘ getroffen sein, doch der Delfin durfte bei seinem ersten Auftauchen vor Dingle bereits 5 bis 10 Jahre alt gewesen sein – schätzt man. Andere meinten, sein Weibchen sei in der Bucht gestorben und so sei Fungie gewissermaßen ‚sesshaft‘ geworden. Wie Fungie auftauchte und sich zum Touristen-Magneten ersten Ranges entwickelte, so ist er jetzt auf gleich verschwunden. Ausgerechnet in Corona-Tagen, wo das ganze Land wie auch Dingle selbst von einem zweiten Lockdown der irischen Regierung getroffen wurde! Manch ein Geschichtenerzähler mag dies als Menetekel, als geheimnisvolles Zeichen drohenden Unheils, in seinen Storys weiterspinnen.

Drei Kuinder sitzen auf der Statue von Fungie. Im Hintergrund der Hafen.
Fungie, dem Touristen-Magneten, wurde in Dingle schon zu Lebzeiten eine Skulptur am Hafen gewidmet. Doch bietet die gesamte Halbinsel Dingle viele weitere Anziehungspunkte: Nur wenige Kilometer vom Städtchen entfernt soll der Heilige Brendan bereits lange vor Kolumbus mit seinen Gefährten in einem Boot aufgebrochen und bis nach Amerika gelangt sein. (Bild: Ulsamer)

Zuerst kam Hollywood, dann kam Fungie

Aus einem kleinen irischen Dorf in Kerry hat sich Dingle seit den 1970er Jahren zu einem Touristenstädtchen entwickelt, das rund 2 000 Einwohner zählt, und in guten Jahren nicht selten von Reisenden geradezu überschwemmt wird. Im Hafen sind in den letzten 20 Jahren die lokalen Fischerboote weniger geworden, doch die Zahl der Segel- und Motorboote von Freizeitschiffern hat enorm zugenommen: eine separate, moderne Marina wurde gebaut, modern ausgerüstet und selbst für größere Jachten sehr attraktiv. Spanische und französische Trawler landen Fisch im großen Maßstab an, der sofort in Kühl-Lkw umgeladen wird, um die Touristen in südlichen Destinationen mit Fisch zu versorgen. Blicken wir ein wenig zurück: Der Tourismus startete mit dem Beginn der Dreharbeiten für ‚Ryan’s Daughter‘ ab 1968 erst richtig durch, denn es kam nicht nur Geld in die Stadt, sondern Hollywood-Größen wie die Schauspieler Robert Mitchum, Sarah Miles oder Trevor Howard und der Regisseur David Lean, der auch die ‚Die Brücke am Kwai‘, ‚Lawrence von Arabien‘ und ‚Doktor Schiwago‘ geschaffen hat, spazierten plötzlich durch den Ort. Der Glanz der Filmwelt färbte auch auf Dingle ab und nicht wenige US-Amerikaner machten sich auf, um die Schauplätze des Films zu besuchen, und nicht nur den Wurzeln ihrer ausgewanderten Familien nachzuspüren. ‚Ryan’s Daughter‘ fand zwar bei Kritikern eine gemischte Aufnahme, doch an der Kinokasse reüssierte der Film, und für Dingle als aufstrebende Tourismusdestination war dieser Film, der 1970 in die Kinos kam, ein echter Glücksfall.

Fungie und ein Boot mit Touristen, die Fungie betrachten.
37 Jahre verbrachte der Große Tümmler Fungie vor der Hafenausfahrt von Dingle und wurde dafür sogar ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen – als der Delfin, der am längsten in Freiheit alleine lebte. Nun, ganz alleine war er nicht, denn er hat wohl die menschlichen Besucher in ihren Touristenbooten und besonders die wenigen Menschen, die mit ihm schwammen, als seine ‚Artgenossen‘ angenommen. (Bild: Kocher)

Als ein Großer Tümmler in der Nähe des Hafens von Dingle gesichtet wurde, war das natürlich 1983 keine Sensation, doch als er blieb und immer mehr Menschen ihn aus der Nähe sehen wollten, da entwickelte sich Fungie – wie er genannt wurde – zu einem Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. Der Zufall mag diesen Delfin in die Gewässer vor Dingle geführt haben, er wurde im Laufe der Zeit aber zu einem weiteren Glücksfall für die Einwohner. Mit Landwirtschaft und Fischerei hatten sich viele Bürger mehr schlecht als recht durchgebracht, doch im Grunde lebt Dingle heute vom Tourismus. Jährlich dürfte rund eine halbe Million Besucher mit einem Dutzend auf Fungie-Touren spezialisierten Booten in den Dingle Harbour hinausgefahren sein, ihn gesucht, gefunden und von Nahem bewundert haben. Das urplötzliche Verschwinden von Fungie, der bisher nie mehr als ein oder zwei Tage nicht zu sehen war, führte nicht nur zu Suchaktionen mit Schiffen und Tauchern, sondern schaffte es auch in die Weltpresse. „Fungie, the resident male, bottlenose dolphin that helped transform it (Dingle) from a small fishing and farming community into a global tourist destination, has vanished after 37 years“, berichtete die New York Times.

Screenshot aus Internetseite der New York Times. Titel über einer grünen Landschaft: "Fungie, Ireland's Missing Dolphin, 'Goes With the Tide'".
Selten schafft es ein Delfin bis in die New York Times. Fungie ist dies gelungen, der 37 Jahre lang am Übergang des Dingle Harbour zur Dingle Bay im Südwesten Irlands lebte. (Bild: Screenshot, nytimes.com, 25.10.2020)

Hat Fungie seine Kraft verloren?

Die Spekulationen über das ungeklärte Abtauchen von Fungie starteten mit seinem denkbaren Umzug in eine andere Bucht, allerdings zweifelten viele daran: Was sollte diesen Delfin nach 37 Jahren bewogen haben, seine ‚heimatlichen‘ Gewässer zu verlassen? Immerhin hatte es Fungie als der am Längsten alleinlebende Delfin ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft, das im Übrigen erstmals 1955 im Auftrag der irischen Guinness-Brauerei veröffentlicht wurde. Mit jedem Tag, an dem sich Fungie nicht mehr blicken ließ, mehrten sich die Stimmen, die von seinem Tod ausgingen. Die Washington Post schrieb: „Dolphins lose agility as they grow old and are not as able to easily track food, the scientist explained. If Fungie’s ability to feed himself was compromised, that would be the end.“ Fungie hat immer selbst für seine Nahrung gesorgt und wurde nie mit Fischen angefüttert, daher liegt der Verdacht nahe, dass er altersmäßig nicht mehr in der Lage war, ausreichend Fische zu fangen. So mancher staunende Besucher, der Fungie über die Jahre öfter beobachtet hatte, meinte auch einen nachlassenden Elan zu erkennen.

Zwei Boote mit Passagieren im Hafen von Dingle.
Zwölf Boote fuhren täglich mit Touristen zu Fungie hinaus, der die Besucher meist auch durch Sprünge aus dem Wasser begrüßte. Nun scheint er für immer abgetaucht zu sein. Er möge in Frieden ruhen. Rund 50 direkt beschäftigte Mitarbeiter suchen nun neue Aufgaben, aber auch darüber hinaus wird sich das Fehlen des Großen Tümmlers auswirken. (Bild: Ulsamer)

Die Betreiber der Boote, die bisher Touristen zu Fungie geschippert hatten, wollen ihren Gästen zukünftig die Schönheiten der Dingle Bay und der Küstenlinie näherbringen. Dies ist sicherlich eine Alternative, doch sollten die Unternehmer bedenken, dass schon allerlei Konkurrenz unterwegs ist. Und zu meinem Leidwesen werden immer mehr Schnellboote eingesetzt, die mit starken Motoren an der Küste entlangrasen und einen erheblichen Krach verursachen. Auch die Bootsführer zeigen hin und wieder ihren durchgeschüttelten Passagieren Delfin-Schulen, die im Gegensatz zu Fungie aber keinen Wert auf menschlichen Besuch zu legen scheinen, denn sie werden durch den Lärm beim Orten der Fische gestört. ‚Immer schneller und lauter‘ scheint für manchen Kapitän das Credo zu sein, denn die Besucher scheinen weniger Zeit für einen Bootstrip eingeplant zu haben. Da war eine Fahrt zu Fungie dann doch eher beschaulich!

Screenshot aus der Internetseite der BBC. Fungie lässt sich von einer Besucherin fotografieren. Text: "Fungie: The mising dolphin which became an Irish star".
Das Verschwinden von Fungie ist ein weltweites Medienthema. (Bild: Screenshot, bbc.co.uk, 20.10.2020)

Fungie, ein Star unter den Delfinen

Ein Großer Tümmler, der sich freiwillig immer am gleichen Ort mit Menschen umgibt, anstatt mit Seinesgleichen täglich 60 bis 100 Kilometer durch den Ozean zu ziehen, dies ist eine Besonderheit. Zwar gibt es auch in anderen Buchten Irlands Delfine, die dort regelmäßig auftauchen, doch sie umkreisen nicht die Boote und springen zur Freude der Besucher aus dem Wasser.

Foto aus der Washington Post mit einem kleinen Boot und Fungie, der in die Luft schnellt.
Weit über das irische Touristenstädtchen Dingle hinaus wurde Fungie, ein Großer Tümmler, bekannt: Jährlich wollte ihn rund eine halbe Million Besucher bei einer Bootsfahrt sehen. (Bild: Screenshot, Facebook, 25.10.2020)

Der zweite Lockdown wegen Corona traf nun auch den Tourismus in Irland, doch die vergangene Saison war augenscheinlich nicht ganz schlecht: Zwar fehlten die Mittel- und Südeuropäer im Sommer fast gänzlich, doch die Iren selbst und zahlreiche Briten füllten die Hotels, Ferienhäuser und Restaurants, nachdem diese wieder öffnen durften. Dass nun ausgerechnet bei der zweiten Welle von Covid-19 der allseits beliebte Delfin Fungie für immer abgetaucht zu sein scheint, ist hoffentlich kein schlechtes Omen. Fungie hat in unglaublicher Weise viele Menschen angesprochen, ja begeistert, und dies zeigt sich schon in der weltweiten Beachtung seines Verschwindens. „Fungie: The missing dolphin who became an Irish star“, so die BBC, und CNN titelte „The search for Fungie: Ireland’s beloved bottlenose dolphin who has gone missing after 37 years“. Ja, Fungie, war der glänzende Star der Dingle Bay! Wenn wir uns an Fungie erinnern, dann sollten wir auch an seine Artgenossen denken, die unter Überfischung, Treibnetzen, Plastikmüll und Lärm leiden – und in manchen Regionen der Welt sogar noch bejagt werden. Alle Delfine brauchen unseren Schutz!

 

Grünliches Seepferdchen mit grünen Wassetrpflanzen und einem Steinbrocken.
Sollten Sie nach diesem oder vor dem nächsten Lockdown nach Dingle kommen, dann empfehle ich, Dingle Oceanworld, das größte Aquarium Irlands zu besuchen. Von Schmetterlingen über Otter bis zu Haien und Pinguinen reicht die Bandbreite der gezeigten Arten: dabei geht es nicht nur um die Präsentation der Tiere, sondern gerade auch um Informationen zu ihrem Lebensraum. Kevin Flannery, Meeresbiologe und Chef von Oceanworld, betonte gegenüber der Washington Post die Abhängigkeit Dingles vom Tourismus und fuhr fort: „Now, along with the pandemic, we have the disappearance of one of the biggest attractions.” (Bild: Ulsamer)

 

Ein Boot fährt sehr nahe an jagende Delfine heran.
Freilebende Delfine müssen mit Respekt behandelt werden, was auch heißt, dass Boote sich nur nähern sollten, wenn die Tiere nicht erschreckt werden. Ein gewisser Mindestabstand muss eingehalten werden! Dies berücksichtigen aber nicht alle Bootsführer. (Bild: Ulsamer)

 

Fungie schwimmt am Ausgang des Hafens zur Dingle Bay. Ein kleines und ein großes Boot sind in der Nähe.
Wenn Tiere in Zoos als Besucherattraktion gehalten werden, dann habe ich damit meine Probleme. Und das gilt in besonderer Weise für Delfinarien, denn diese schnellen Schwimmer legen gerne auch mal bis zu 100 Kilometer am Tag zurück. Fungie allerdings hatte sich freiwillig in der Bucht vor Dingle ‚niedergelassen‘ und hätte jederzeit wieder verschwinden können, doch er betrachtete die Touristenboote wohl als seine ‚Familie‘, seine Schule. (Bild: Ulsamer)

 

Ein Großer Tümmler . ein Delfin - kommt mit dem Vorderkörper aus dem Wasser heraus. Daneben ein rotes Boot teilweise sichtbar.
Text zum Beitragsbild (ganz oben): Große und kleine Boote erschreckten Fungie nie, im Gegenteil: sie zogen ihn magisch an. Während des ersten Corona-Lockdowns wurde es ausnahmsweise einem Boot erlaubt, täglich zu Fungie hinauszufahren, der über Jahre den ‚Publikumsverkehr‘ gewohnt war. (Bild: Kocher)

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