Moorschutz bringt Vorteile für Mensch und Natur
Die Erkenntnis, dass Feuchtgebiete wichtig sind für den Wasserhaushalt, die Biodiversität und den Kampf gegen die Erderwärmung, ist wahrlich nicht neu. Das beweist die Ramsar-Konvention, die 1971 in der iranischen Stadt Ramsar abgeschlossen wurde. Diese Übereinkunft, der sich bis heute 172 Staaten angeschlossen haben, hat das Ziel, Feuchtgebiete als wichtige Ökosysteme ganzheitlich zu schützen. Papier ist geduldig, was nicht nur die internationale Ramsar-Konvention belegt, sondern auch die Nationale Moorschutzstrategie, die das Bundeskabinett 2022 beschlossen hatte. Solche politischen Entscheidungen zeigen die richtige Einstellung, doch leider fehlt es häufig am nachhaltigen Handeln. Da werden Moore renaturiert und gewissermaßen nebenan wird weiter Torf abgebaut bzw. im Gartenbau eingesetzt. Und weil die Abbaugebiete in Deutschland kleiner werden, wird eben mehr Torf aus den baltischen Staaten importiert. Noch immer werden Moore abgebaggert, Tümpel trockengelegt, Schilfbestände und Sumpfgebiete unzureichend geschützt. Es ist höchste Zeit, die restliche Natur zu erhalten, die noch nicht zerstört wurde. Feuchtgebiete benötigen mehr Schutz, denn Moore, Sümpfe, Auen und Feuchtwiesen, Schilfgürtel und Tümpel sind wichtig für uns Menschen, Wildtiere und die gesamte Natur!

Der Anklamer Stadtbruch wird wieder Wildnis
In meinem Blog bin ich bereits mehrfach auf Feuchtgebiete und Moore eingegangen, so z. B. in ‚Eine Strategie rettet noch kein Moor. Moore binden CO2 und stärken Wasserhaushalt‘, doch der Bedeutung des Themas entsprechend, möchte ich an dieser Stelle auf einige weitere Beispiele von Feuchtgebieten, Mooren und Sümpfen eingehen. Einen interessanten Sonderfall stellt der Anklamer Stadtbruch in Mecklenburg-Vorpommern dar, der rund eine halbe Stunde Fahrzeit von der Hansestadt Anklam entfernt ist. In der Region heißt es meist ‚das Stadtbruch‘, doch bleibe ich lieber bei ‚der Stadtbruch‘. Diese an den Rändern auf zwei Wanderwegen erkundbare vielfältige Landschaft aus Mooren, Sümpfen, Flachwasserseen, Schilf und Bruchwäldern mit Erlen, Birken und Kiefern verdanken wir einer Sturmflut im Jahr 1995, als die Ostsee über den Deich schwappte. Teile der damals überschwemmten Flächen liegen unter dem Meeresspiegel, da sie absanken, als das Grundwasser für die Torfgewinnung abgepumpt wurde. Der Deich wurde zwar überflutet, doch er ist nicht gebrochen, daher konnte sich nach der Flut eine sehr variantenreiche Landschaft entwickeln. Ausschlaggebend dafür war, dass die politischen Entscheider der Stadt Anklam, aber auch des Landes letztendlich entschieden, das Gebiet der Natur zu überlassen.

„Durch seine Größe und Unwegsamkeit gehört die Moorlandschaft zu den wenigen echten Wildnisgebieten, die Deutschland noch zu bieten hat. Auf fast 20 Quadratkilometern leben Seeadler, Kranich, Wendehals, Zwergschnäpper, Karmingimpel und Tüpfelsumpfhuhn vom Menschen fast vollkommen ungestört“, so der NABU. „Biber, Fischotter, Moorfrösche und die höchste Dichte an Seeadlern in Deutschland sind hier zu Hause.“ Die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe konnte 2018 von der Stadt Anklam 1 360 Hektar mit Hilfe des Landes Mecklenburg-Vorpommern und zahlreicher Spender erwerben und auf diese Weise dauerhaft für die Natur sichern. Bis zum Herbst 2024 wurden im Rahmen der Renaturierung die früheren Entwässerungsgräben und die drei schiffbaren Torfkanäle verschlossen, um die Wasserstände im Moorgebiet zu stabilisieren. Damit endete auch äußerlich die Zeit des Torfabbaus und der Entwässerung, die bereits im 16. Jahrhundert begonnen hatte. Entwässerungsmaßnahmen zielten im Anklamer Stadtbruch daher anfänglich nicht auf die Urbarmachung der Flächen für eine land- oder forstwirtschaftliche Nutzung, sondern es ging um den Torf als Brennmaterial für die Bewohner der Stadt Anklam. Mit einer Eindeichung sollte das absinkende Gebiet 1932/33 gegen eine Überflutung durch die Ostsee geschützt und gleichzeitig bessere Bedingungen für die fortwirtschaftliche Nutzung geschaffen werden. Dr. Frank Hennicke, der Leiter des Naturparks Flusslandschaft Peenetal, bezweifelt in seiner ‚Geschichte des Anklamer Stadtbruchs‘ die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit des Deichbaus und unterstreicht die schwerwiegenden ökologischen Folgen für das Moor durch die konstante Entwässerung über Schöpfwerke. In der Weimarer Republik sei es auch darum gegangen, die Deicharbeiten als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu nutzen.

400 Hektar wurden abgetorft, ehe der Torfabbau 1945 im Anklamer Stadtbruch endete. In der Sowjetischen Besatzungszone und der nachfolgenden DDR setzte die SED-Regierung auf Braunkohle als Energieträger. Einzelne Bereiche des Stadtbruchs waren schon 1935 bzw. 1937 unter Naturschutz gestellt worden. Die bereits erwähnte Sturmflut im Jahr 1995, die den Deich überrollte, stellte eine Zäsur dar, denn es ging um die Frage einer weiteren land- und forstwirtschaftlichen Nutzung des Gebiets. Auf der einen Seite schlugen hohe Kosten für eine Ertüchtigung des 12 Kilometer langen Damms und das beständige Abpumpen des Wassers bei dadurch absinkendem Grund zu Buche, auf der anderen Seite hatte die Stadt Anklam erkannt, dass sich ein jährlicher Zuschussbedarf für den Holzeinschlag ergab. Der Anklamer Stadtbruch war somit wirtschaftlich für die Stadt nicht einträglich. Deshalb blieb bei der Bürgerschaft und weiteren Flächennutzern in der Region ein lauter Aufschrei aus, als die Entscheidung fiel, den Anklamer Stadtbruch den natürlichen Prozessen zu überlassen. Der Anklamer Stadtbruch hat so eine Chance bekommen, sich wieder zu einer Wildnis, wenn auch aus zweiter Hand, zu entwickeln.

Amazonas des Nordens
Gut 40 Minuten mit dem Auto von der Hansestadt Rostock entfernt liegt das Naturschutzgebiet Ribnitzer Großes Moor, dessen frühere Ausdehnung sich noch einige hundert Meter in die Ostsee hinein verfolgen lässt. Das Moor entwässerte früher direkt in die Ostsee, ehe im 19. und 20. Jahrhundert im Rahmen des Torfabbaus die Entwässerung durch den Fischergraben in die Ribnitzer See erfolgte. Eine Karte aus dem späten 18. Jahrhundert zeigt das Moor noch gehölzfrei und als Weideland genutzt. Großflächig erfolgte der Torfabbau im 19. Jahrhundert, von 1918 bis 1950 wurde Torf maschinell gewonnen. Die tiefgründige Entwässerung hatte schwere Folgen für die restlichen Moorbestände. „Von der Graal-Müritzer und von der Neuhäuser Seite wurden Abwässer der örtlichen Kläranlagen in das Gebiet eingeleitet“, so die Stiftung Umwelt und Naturschutz Mecklenburg-Vorpommern, in deren Besitz sich heute ein Teil des Moorgebiets befindet. Weitere Flächen gehören der Stadt Ribnitz-Damgarten.

Die Torfgewinnung für Heizzwecke wurde 1953 eingestellt, da diese wegen der Braunkohleförderung nicht mehr rentabel war. In den Jahren 1995 bis 2000 konnte der Wasserstand im Ribnitzer Großen Moor durch den Verschluss von Gräben und ergänzenden Maßnahmen erhöht werden. Ein verbesserter Wasserrückhalt ist gerade für die Sommermonate wichtig, wo die Niederschläge zu gering für den langfristigen Erhalt des Moors sind. „Langfristiges Entwicklungsziel ist es, das Regenmoor in seiner ursprünglichen Ausdehnung zu restaurieren und den Wald im Hochmoor auf natürliche Weise (hoher Wasserstand) zurückzudrängen“, so Falk Fleischer in dem kleinen Büchlein ‚Mecklenburger Landschaften. Ribnitzer Forst, Gelbensander Forst und Alte Heide‘.

Die Peene in Mecklenburg-Vorpommern bringt es zwar nur auf 83 Flusskilometer, ehe sie in den Peenestrom mündet, dennoch nennen sie manche den ‚Amazonas des Nordens, denn sie zählt zu den letzten unverbauten und ursprünglichen Flüssen in Deutschland. Mit rd. 20 000 Hektar ist die Flussniederung der Peene eines der weitläufigsten Niedermoorgebiete in Mittel- und Westeuropa. Über Jahrhunderte wurden Weiden und Wiesen flächendeckend genutzt, doch ab den 1960er Jahren kam die Nutzung ortsferner Flächen nahezu zum Erliegen. Der Torfabbau wurde 1925 eingestellt. Biber und Fischotter haben an der Peene und in den umgebenden Niedermooren eine Heimat gefunden, und dies gilt auch für zahlreiche Nachtfalterarten und die letzten nachgewiesenen Seggenrohrsänger in Mecklenburg-Vorpommern. Ziel von Renaturierungsmaßnahmen war und ist es, den Wasserhaushalt des Peenetalmoors auf einem zumindest naturnahen Niveau zu halten.

Feuchtgebiete konsequenter schützen
Schwer zu akzeptieren ist es für mich, wenn Politiker zwar gerne in Sonntagsreden über den Schutz der Moore fabulieren, an Werktagen aber der Torfabbau in Deutschland weitergeht und zudem Torf aus dem Baltikum importiert wird. Ein wichtiger Importhafen ist Wismar in Mecklenburg-Vorpommern mit einem eigenen Torfterminal , das nicht allzu weit von den geschilderten Mooren Anklamer Stadtbruch, Ribnitzer Großes Moor und Peenetalmoor entfernt ist. Und in Mecklenburg-Vorpommern wird weiterhin Torf abgebaut, wobei 95 % des deutschen Torfs aus Niedersachsen stammt. Jeder Hobbygärtner sollte zu torffreier Erde greifen, und im professionellen Gartenbau sollte endlich auf Torf verzichtet werden: „In beinahe jeder spanischen Gewächshaustomate und in 99 Prozent aller in der EU verspeisten Salatköpfe steckt baltischer Torf in der Erzeugung“, so Nerijus Zableckis, der für den Litauischen Naturschutzfonds arbeitet und das litauische Projektteam von „LIFE Peat Restore“ koordiniert, das der NABU zusammen mit acht Partnerorganisationen aus Polen und dem Baltikum im Jahr 2016 gestartet hat. Dem fragwürdigen Torfabbau werde ich mich noch in einem gesonderten Artikel zuwenden, weise aber gerne auf meinen Beitrag ‚Klimawandel: Moorschutz wird noch bedeutender. Torf gehört weder in den Ofen noch in den Garten‘ hin.

Die drei genannten Feuchtgebiete – Anklamer Stadtbruch, Ribnitzer Großes Moor und das Peenetalmoor – zeigen, welche Chancen sich für den Erhalt und die Renaturierung von Mooren bieten, wenn es mal nicht am politischen Willen mangelt. Und natürlich sind in dünner besiedelten Räumen – wie in Mecklenburg-Vorpommern – Renaturierungsmaßnahmen auf Moorflächen eher umsetzbar als in der Nähe urbaner Zentren. Dies entbindet jedoch die politischen Entscheidungsträger nicht davon, auch in konfliktreicheren Regionen mehr für den Schutz von Feuchtgebieten zu tun. Bei Mooren zeigt sich unser deutsches Problem wie bei vielen anderen Fragestellungen: Wir haben kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Handlungsdefizit! Darauf bin ich in meinem Beitrag ‚Schwarzwald: Das Wildseemoor ist ein seltenes Kleinod. Der Schutz der Moorböden kommt kaum voran‘ eingegangen.

Wer im Kampf gegen den Klimawandel Erfolge erzielen möchte, der muss auf den Erhalt und die Renaturierung von Mooren setzen, denn sie speichern auf der gleichen Fläche deutlich mehr CO2 als Wälder. Entwässerte Moorböden geben das klimaschädliche CO2 dagegen ab, daher geht es um den Erhalt von Mooren und die Renaturierung von falsch genutzten Moorböden, selbst wenn dies dem einen oder anderen Land- oder Forstwirt Probleme bereitet. Torfmoose nehmen Wasser auf wie ein Schwamm und können es in Dürrezeiten wieder abgeben, was der Natur hilft und in vielen Fällen auch den Menschen: ‚Klimawandel: Ohne ein Moor wären wir auf dem Trockenen gesessen. Moorschutz braucht weltweit eine höhere Priorität‘. Moore und weitere Feuchtgebiete tragen in Dürrezeiten zu einem ausgeglichenen Wasserhaushalt bei, und sie sind die Heimat für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.
Es ist unser aller Aufgabe, eine Verpflichtung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die vorhandenen Moore zu bewahren und entwässerte Moorböden zu renaturieren! Feuchtgebiete sind unerlässlich für Mensch und Tier, für die ganze Natur und eine lebenswerte Gesellschaft.


Zum Beitragsbild
Mit steigendem Wasserstand sterben die Bäume im Anklamer Stadtbruch in Mecklenburg-Vorpommern ab und das Moor hat eine Chance zur Regeneration. Moore sind wichtig als CO2-Senke, aber auch als Wasserspeicher und Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Sie sind ein Hotspot der Biodiversität. Wenn wir in Dürrezeiten nicht zunehmend auf dem Trockenen sitzen wollen, dann müssen wir um den Erhalt und die Renaturierung von Mooren und Gewässern kämpfen. Mehr dazu in: ‚Moore und Gewässer brauchen nachhaltigen Schutz. Dem Klimawandel auch im ‚Kleinen‘ entgegenwirken‘. (Bild: Ulsamer)

