EU-Umweltschutz: Pfandflaschen wichtiger als Wattestäbchen

Impressionen von einem irischen Strand

Die Europäische Union (EU) ist ein zentraler Player im Umweltschutz in Europa, doch viel zu lange hat sie sich auf Nebenkriegsschauplätze konzentriert, anstatt die wichtigen Probleme aufzugreifen. Die im Grunde richtige Kunststoffstrategie der EU geht in weiten Bereichen allerdings an der unschönen Realität vorbei, denn statt der Durchsetzung eines Pfands für Kunststoffflaschen setzte sie im ersten Schritt auf ein Verbot von Wattestäbchen mit Kunststoffstiel oder Einweg-Plastik-Löffel. Nun wandern wir seit Jahrzehnten an europäischen Stränden und sammeln häufig den Müll anderer Leute, aber wir finden wenig Wattestächen und Plastikbesteck, dafür weit mehr Plastikflaschen in allen Phasen des Zerfalls und Reste von Fischernetzen! Leider hat es die EU-Kommission noch nicht einmal geschafft, einen überzeugenden Vorschlag für die Abschaffung der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit zu erarbeiten, und so bleiben auch die Konzepte für die Eindämmung der Kunststoffflut in Flüssen und Meeren weit hinter den notwendigen Maßnahmen zurück.

Zwei Plastikteile einer Getränkeflsche am Strand mit Sand und braunem Seetang.
Reste einer Plastikflasche am Ventry Beach im irischen Kerry. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass sich die Verschmutzung in den letzten Jahren deutlich vermindert hat. Immer mehr Bürger sammeln – wie wir – den Müll anderer Zeitgenossen ein. (Bild: Ulsamer)

Pfandsysteme Mangelware

Bei unserer jüngsten Strandwanderung bot sich das gleiche Bild am Ventry Beach, einem Strand im irischen Kerry. Weit und breit keine Wattestäbchen, der Lieblingsgegner der EU-Bürokraten, und auch keine Becher oder Besteck aus Plastik, dafür jede Menge Plastikflaschen und ihre Überreste. Kein Wunder, denn in der Republik Irland und den meisten EU-Mitgliedsstaaten gibt es kein Pfandsystem für Plastikflaschen! Und Mineralwasser oder Erfrischungsgetränke werden ebenda fast ausnahmslos in Kunststoffflaschen verkauft. Glasflaschen beinhalten eher Bier, Cider oder hochprozentigere Flüssigkeiten. Zuerst sind die Regale der Supermärkte voll mit Kunststoffflaschen und danach leider Bäche, Flüsse und Meere. In der EU-Kunststoffstrategie ist bis 2025 eine Sammelquote von 90% für PET-Flaschen vorgesehen! In manchen Mitgliedsstaaten scheint man sich nicht bewusst zu sein, wie schnell fünf Jahre vergehen, wenn es noch nicht einmal rudimentäre Pfand- und Rücknahmesysteme für Getränkeflaschen aus Kunststoff gibt. Sicherlich arbeitetet die eine oder andere Regierung schon mal an der Beantragung von Ausnahmegenehmigungen. Süditalienische Strände sind voll von Plastikflaschen, und in Irland ist die Lage nur besser, weil inzwischen viele Bürger sich am Reinigen der Küsten beteiligen.

Jarte Europas. Deutlich erkennbar, dass nur wenige Staaten über ein Pfandsystem für PET-Flaschen verfügen.
In Europa wird noch zu viel über Pfandsysteme nachgedacht, aber zu wenig gehandelt! Ohne Pfandsysteme für PET-Getränkeflaschen lässt sich die Plastikflut kaum eindämmen. (Bild: statista.com)

Von den mit einem Pfand belegten Kunststoffflaschen werden in Deutschland inzwischen rd. 98% zurückgegeben und im Regelfall auch recycelt. Dies ändert aber nichts an der völlig desolaten Situation in anderen Mitgliedsstaaten, in denen bisher nur über Pfandsysteme philosophiert wird. Ein Strandspaziergang in Italien zeigt schnell, wie weit der Weg noch zu einer hohen Recyclingquote bei Plastikflaschen sein dürfte. In Irland erleben wir sogar Rückschritte, denn die Container für PET-Flaschen verschwanden von Recyclinghöfen, da sie sich angeblich nicht lohnten, so die offizielle Aussage. ‚Fehlwürfe‘ – ähnlich wie in Deutschland beim Gelben Sack – kämen der Wahrheit vermutlich näher. Nun werden ‚Eco-Bags‘ zum Kauf angeboten, in die neben Plastikflaschen auch Zeitungen, kleinere Kartons und andere Verpackungsmittel wandern. Diese muss man dann wieder auf den Recyclinghöfen abgeben. Ein solcher Umweg ersetzt selbstredend keine Rückgabe über Automaten gegen Pfanderstattung, denn nur eine solche bringt einen sortenreinen Materialfluss.

Rest einer grünen Kunststoffflasche auf großen vom Meer abgerundeten grauen Steinen.
Auch wenn die Überreste von Flaschen gerne mal grün leuchten, so haben sie doch negative Auswirkungen auf unsere Umwelt. Der Müll an Meeresstränden besteht im Übrigen zu 85% aus Plastik. (Bild: Ulsamer)

Pfandsysteme, um die Plastikflut zu stoppen

Mögen Österreich und Deutschland, die skandinavischen und baltischen sowie wenige kleinere Staaten ebenfalls mit Pfandsystemen unterwegs sein, so bleiben doch weite EU-Bereiche ohne ein gesichertes Rückholsystem für Plastikflaschen. Und so verwundert es nicht, wenn allenthalben leere Flaschen herumliegen. Auch in Deutschland würde ich mir ein höheres Pfand auf alle Flaschen und Dosen wünschen, denn noch immer verunzieren sie Flussufer, Parks und Straßen, Wälder und Wiesen. Für manche Zeitgenossen reicht das bisherige Pfand nicht als Schmerzgrenze, um sie von der Vermüllung unserer Landschaft abzuhalten. So fallen in Europa jährlich 25 Mio. Tonnen an Kunststoffabfällen an, von denen derzeit weniger als 30% recycelt werden. Von den Abfällen an Stränden machen Kunststoffe einen Anteil von 85% aus, wozu auch die Fischerei mit Netzresten nicht unerheblich beiträgt. Laut EU tragen Fischfanggeräte ca. 27% zu allen Strandabfällen bei. Und dies können wir nur durch eigenen Augenschein bestätigen. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt angelangt wären: Die EU muss sich auf die zentralen Umweltschädlinge konzentrieren, die sich an Stränden und im Meer wiederfinden, und da sind Plastikflaschen oder Fischernetze wichtiger als Wattestäbchen!

Eine zerfallende Kunststoffflasche mit weißem Drehverschluss mit Seetang auf Sandstrand.
Hier eine Kunststoffflasche am Strand, als Hinterlassenschaft eines wenig umweltbewussten Zeitgenossen. Wir haben die gezeigten Flaschen und deren Überreste am Ventry Beach natürlich nicht nur fotografiert, sondern auch aufgesammelt und in unsere eigene Mülltonne befördert. (Bild: Ulsamer)

Wir müssen alle gemeinsam die Plastikflut stoppen, die sich weltweit – und ganz besonders in Asien – in unsere Ozeane ergießt. Dabei ist es aber auch in Europa an jedem von uns, Plastikflaschen zu recyclen und Kunststoffverpackungen zu vermeiden. Zwar sammeln wir weiterhin den Plastikmüll unserer weniger umweltbewussten Mitbürger am Strand auf, doch mal ganz ehrlich, wenn wir uns schon den Rücken krumm machen und unsere eigene Mülltonne füllen, dann muss auch die Politik den richtigen Rahmen setzen! Auf diese Thematik bin ich bereits in meinem Blog-Beitrag ‚Am Meer: Ein Spülsaum voller Plastikteilchen‘ eingegangen, und ich möchte mich daher hier nicht wiederholen. Die freundliche Miene der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die vom ‚Green Deal‘ palavert, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Sachen Umwelt- und Naturschutz ein Ruck durch die EU gehen muss, wenn sie wirklich die schlimmsten Verschmutzungen von Flüssen, Seen und Meeren mit Plastik verhindern will. Reden ist eben das eine und handeln das andere, dies scheinen in der EU, aber auch in den Regierungen der Mitgliedsstaaten nicht alle Politiker verstanden zu haben. Wir brauchen ein EU-weites Pfand für Plastikflaschen und andere Getränkeverpackungen!

 

In Strandnähe kaut ein schwarzes Rind auf einer Kunststoffflasche.
Dieses Rind kaut in der Nähe von Minard Castle im irischen Kerry genüsslich auf den Resten einer Plastikflasche herum. Gefährlich sind Kunststoffartikel in der Natur somit nicht nur für Meeresbewohner, sondern auch für andere Lebewesen. (Bild: Ulsamer)

 

Weiß-schwarzes Einmalfeuerzeug mit der Aufschrift 'Guilty' - schuldig - auf einem Sandstrand.
Wenn schon ein Flaschenpfand, dann bitte auch ein Pfand auf Einmalfeuerzeuge und Zigaretten, denn ihre Kippen sind ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Umwelt. Treffender könnte der Aufdruck auf dem Feuerzeug nicht sein, das achtlos am Strand weggeworfen wurde: schuldig. (Bild: Ulsamer)

 

Eine helle Pet-Flasche mit rotem Drehverschluss treibt senkrecht im Neckar zwischen großen Felsbrocken.
Nicht nur am Meer, sondern auch in den Flüssen treiben zahllose Kunststoffflaschen herum, die sich dann zum Plastikmüll in den Ozeanen dazugesellen, wenn sie niemand vorher einsammelt. Diese einzelne Flasche im Neckar bei Esslingen mag nicht bedeutsam erscheinen, aber schon am nächsten Wasserkraftwerk versammeln sich ganze Flaschenfluten. (Bild: Ulsamer)

 

Sandstrand, völlig übersät mit leeren Flaschen und anderem Müll. Dahinter grüner Bewuchs.
Dieses Bild von einem süditalienischen Strand zeigt: schlimmer geht immer! (Bild: Ulsamer)

2 Antworten auf „EU-Umweltschutz: Pfandflaschen wichtiger als Wattestäbchen“

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Ulsamer,
    ich hoffe Ihre Beiträge können die Leser zum Um- oder überhaupt zum Denken anregen.
    Am empfindlichsten sind wir an der Brieftasche. Deshalb ist Ihr Vorschlag, das Pfand zu erhöhen richtig. Vor vielen Jahren war ich an der Organisation eines Schulfestes beteiligt und der Ansicht, 10 Pfennig Pfand seien ausreichend. Meine Mitstreiter haben mich davor gewarnt und sie hatten recht. Nach dem Fest war ich ziemlich lange damit beschäftigt, die in den Wiesen und in den Hecken verbliebenen Pfandflaschen zu sammeln.

    Mit freundlichen Grüßen aus Immendingen

    Gerhard Walter

    1. Sehr geehrter Herr Walter, ihr Beispiel ist ein weiterer Beleg dafür, dass mnanche unserer Mitbürger nur durch ein höheres Pfand zu einem pfleglicheren Umgang mit Getränkeflaschen und der Natur angeregt werden können. So hoffen wir beide auf ein Umdenken. Mit besten Grüßen Ihr Lothar Ulsamer

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