E-Scooter: Zusätzliches Freizeitvehikel statt Autoersatz

Die Unfallgefahren steigen

Noch immer haben E-Scooter bei manchen Kommunalpolitikern einen Glorienschein, denn in deren Augen ersetzen sie Autofahrten und tragen somit zur CO2-Reduktion bei. Auch wenn diesen politischen Entscheidern die Wahrheit nicht munden mag, das Gegenteil ist der Fall: Die E-Scooter werden weit überwiegend für zusätzliche Fahrten im Freizeitbereich genutzt und sind somit Umweltschädlinge. Studien belegen, dass sogar Strecken, die früher zu Fuß zurückgelegt wurden, jetzt mit dem E-Scooter bewältigt werden und auf diese Weise zusätzlicher Strom statt eigener Muskelkraft eingesetzt wird. Die Unfälle mit E-Scootern sind im Übrigen nicht zu unterschätzen, und die Verletzungen sowie die Kosten gleichermaßen. Inzwischen stehen und liegen die E-Scooter in Städten so häufig im Weg, dass die Verbände blinder und sehbehinderter Menschen völlig zurecht Alarm schlagen. Gerade für diese Mitbürgerinnen und Mitbürger werden falsch abgestellte E-Scooter zu immer gefährlicheren Stolperfallen. Wenn E-Scooter parallel zu Straßenbahnen oder Bussen unterwegs sind, dann wird überdeutlich, dass sie den ÖPNV nur selten ergänzen, sondern ihm auch noch Passagiere abspenstig machen. E-Scooter tragen daher nicht zu mehr menschenfreundlicher Urbanität bei, sondern zerstören sie durch eine beispiellose Verunstaltung des Stadtbilds.

Zwei Männer auf E-Scootern fahren auf einer Straße in Berlin - gefolgt von einer Straßenbahn.
Welchen ökologischen Nutzen soll es bringen, wenn Mitbürger parallel zu einer Straßenbahnlinie mit dem E-Scooter unterwegs sind? (Bild: Ulsamer)

Kein Nutzen für die Umwelt

Nachdem ich in vorhergehenden Blog-Beiträgen zum gleichen Thema überwiegend Straßenszenen aus Dresden und Stuttgart veröffentlicht habe, stammen die Eindrücke zu diesem Artikel und die Aufnahmen aus Berlin. Meine persönlichen Erfahrungen hier genauso wie andernorts decken sich mit Untersuchungen aus Deutschland und anderen Staaten: E-Scooter verbessern nicht die Umweltbilanz, zumindest nicht die von Leihunternehmen bereitgestellten Roller. „Unsere Studie zeigt aber, dass geteilte E-Scooter momentan hauptsächlich den Öffentlichen Nahverkehr, das Fahrrad und das Zu-Fuß-Gehen ersetzen“, so Daniel Reck von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Etwas besser scheint die Situation bei E-Scootern zu sein, die sich im eigenen Besitz befinden, da sie eher Fahrten mit einem Auto ersetzen – und generell auch länger halten. Leih-Scooter bringen für das Klima nichts, ganz im Gegenteil – und dies liegt zusätzlich am schnellen Verschleiß. Die Erkenntnisse aus der Schweiz zum ‚E-Trotti‘ unterstützen die Skepsis des deutschen Umweltbundesamts: „Als Leihfahrzeug in Innenstädten, wo ÖPNV-Netze gut ausgebaut und die kurzen Wege gut per Fuß und Fahrrad zurückzulegen sind, bringen die Roller eher Nachteile für die Umwelt – und drohen als zusätzlicher Nutzer der bereits unzureichend ausgebauten Infrastruktur das Zufußgehen und Fahrradfahren unattraktiver zu machen.“

Von seinem Reiterstandbild scheint der Alte Fritz auf vier Personen herabzublicken, die auf der Straße passieren.
Was mag der ‚Alte Fritz‘ – der Preußenkönig Friedrich der Große – wohl über die E-Scooter-Grüppchen denken, die er täglich passieren sieht? Wer in unseren Städten die E-Scooter betrachtet, dem fällt schnell auf, dass es eine Mär ist, die Lenker würden statt mit dem Auto ins Büro oder zur nächsten ÖPNV-Station eilen. Eine Nutzung in der Freizeit mag manche Mitbürgerin oder Mitbürger verständlicherweise erfreuen, doch mit der Einsparung von CO2 hat dies alles nichts zu tun. (Bild: Ulsamer)

In Berlin – und anderen Städten – haben sich die E-Scooter zu einer wahren Plage entwickelt, denn allein, zu zweit oder zu dritt sausen die Nutzer gemeinsam auf einem Leihroller über Gehwege und durch Fußgängerzonen, obwohl diese Bereiche rechtlich tabu sind. Zurückgelassen werden sie, wo gerade der Strom ausgeht oder die Lust auf etwas anderes die Freizeitnutzer zum Abstieg veranlasst. Rücksichtslos ist noch ein freundliches Wort, das auf nicht wenige E-Roller-Fahrer zutrifft. Mitten auf Plätzen und Gehwegen, in Grünanlagen, massiert an Straßenbahnhaltestellen oder U-Bahn-Stationen werden die Fahrzeuge abgestellt. Blinde und sehbehinderte Mitbürgerinnen und Mitbürger finden auf dem Gehweg kaum noch durch das Gewirr abgestellter E-Scooter, gerne ergänzt durch Überreste von Fahrrädern, die – nach ihrem Zustand zu urteilen – keiner mehr abholen wird. Aber auch Rollstuhlfahrer oder Mütter und Väter mit einem Kinderwagen kommen an E-Scootern in der Gehwegmitte nicht vorbei und ich störe mich ebenfalls an diesen Hindernissen im öffentlichen Raum, den nicht wenige E-Scooter-Fahrer geentert haben und als ihren Privatbesitz betrachten.

Zwei Kinder fahren mit dem E-Scooter eines Verleihunternehmens. Die hintere Person schaut auf das Handy.
Ab 14 dürfen E-Scooter gefahren werden, allerdings stets allein. Und wenn der ‚Passagier‘ auch noch Neues vom Handy berichtet, dann trägt dies kaum zur Fahrsicherheit bei. Zwei von drei Nutzern, die mit dem E-Scooter 2021 verunglückten, waren im Übrigen männlichen Geschlechts. (Bild: Ulsamer)

Unfallgefahr nicht unterschätzen

Nochmals zur Frage der Nutzung, denn sie vor allem sollte entscheidend sein für die Bewertung von Leihrollern im Stadtgebiet. In Paris zeigte es sich, dass 47 % der befragten Nutzer ohne verfügbare E-Scooter zu Fuß gegangen wären, 29 % hätten den ÖPNV genutzt und neun Prozent die Strecke mit dem Fahrrad zurückgelegt. Lediglich acht Prozent der Befragten ersetzten mit dem E-Scooter eine Auto- oder Taxifahrt. Drei Prozent der Nutzer wären ohne E-Roller gar nicht unterwegs gewesen. Im Grunde deckt sich dieses Ergebnis mit einer Studie der GDV-Unfallforscher „Es werden überwiegend zusätzliche Fahrten durchgeführt oder es werden Fußwege oder die Nutzung des ÖPNV ersetzt.“ Wie so oft in der Politik lassen sich die Entscheider in den Rathäusern – aber auch beim Bund – durch wissenschaftlich fundierte Untersuchungen nicht irritieren, sondern setzen auf E-Scooter und verkaufen diese noch fälschlicherweise als umweltfreundlich, um nur besonders ‚modern‘ zu erscheinen.

E-Scooter stehen auf dem Gehweg und blockieren diesen.
Soll so die Stadt der Zukunft aussehen? (Bild: Ulsamer)

Die Zahl der E-Scooter nimmt stark zu, und parallel dazu steigen die Unfallzahlen. Im Jahr 2020 – neuere Gesamtzahlen liegen nicht vor – wurden den deutschen Versicherern laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 1 150 Unfälle mit E-Scootern gemeldet, wobei im Schnitt 3 850 Euro ausbezahlt wurden. Dies ist eine ähnliche Schadensbilanz wie bei Mofas und Mopeds. Aktuellere Zahlen legte das Statistische Bundesamt zum Unfallgeschehen vor: „Im Jahr 2021 registrierte die Polizei 5 535 E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden. 4 882 Menschen, die mit dem E-Scooter unterwegs waren, wurden verletzt, fünf starben.“ Und es heißt weiter: „Alkoholkonsum spielt beim Unfallgeschehen von E-Scootern eine vergleichsweise große Rolle. Das Fahren unter Alkoholeinfluss war gemeinsam mit der falschen Straßenbenutzung der mit Abstand häufigste Vorwurf gegen E-Scooter-Fahrerinnen und -Fahrer.“ Wie bei Fahrrädern, normalen Pedelecs oder E-Bikes bis zu einer Beschleunigung auf 20 km/h gilt auch bei E-Scootern keine Helmpflicht: das verpflichtende Tragen eines Helms könnte jedoch bei so manchem schweren Sturz die Verletzungsgefahr zumindest verkleinern. Aber die Politik kann sich hier seit Jahren nicht zu einer breiten Helmpflicht aufraffen.

Am Straßenrand sind zahlreiche E-Scooter kreuz und quer abgestellt, dazu noch E-Roller verschiedener Verleihfirmen.
Hier schlägt das Verleih-Unwesen voll zu! Als ich vor Jahren in Stuttgart für Ladesäulen für ein Carsharing-Modell warb, erklärte mir zurecht der damalige Fraktionsvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen im Gemeinderat, man müsse auch an die Gefahr einer Übermöblierung der Stadt denken. Heute stehen in meiner Geburtsstadt überall E-Scooter und andere Verleihvehikel herum – wie in zahllosen anderen Städten. Besonders massiert treten die Probleme jedoch in Berlin auf – wie auf dem Foto zu sehen. Stadtbäume würden gerade in Zeiten des Klimawandels eher gedeihen, wenn ihr Umfeld kein betonierter Abstellplatz wäre.  (Bild: Ulsamer)

Wem gehört die Stadt?

Das Überschwemmen der Innenstädte mit E-Scootern durch Verleihfirmen ist nach den vorliegenden Studien kein Beitrag zur Reduzierung umweltschädlicher Klimagase, sondern das Gegenteil ist richtig. Durch diese Elektrofahrzeuge werden sogar Fußwege und Fahrten mit dem ÖPNV ersetzt. Warum es Kommunen dennoch zulassen, dass E-Scooter das Stadtbild verunzieren, ist mir ein Rätsel. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass es selbstredend auch verantwortungsbewusste E-Scooter-Fahrer gibt, besonders jene, die das Vehikel selbst besitzen und daher sorgfältig mit ihm umgehen.

Ein Mann am Lenker, eine Frau dicht dahinter auf einem E-Scooter.
Nicht jeder scheint begriffen zu haben, dass E-Scooter nicht als Sammeltaxi gelten. Es sausten auch schon mal drei Jugendliche auf einem Roller auf mich zu. Da reichte es noch nicht einmal für ein Foto! Aber Duos sind gewiss keine Seltenheit. So vermeldet das Statistische Bundesamt für die Unfälle mit E-Scootern im Jahr 2021, dass bei Unfällen 205 Mitfahrerinnen und -fahrer verletzt wurden. 168 von ihnen waren zwischen sechs und 24 Jahren alt. (Bild: Ulsamer)

Für blinde und sehbehinderte Mitbürgerinnen und Mitbürger sind umgestürzte oder mitten auf dem Gehweg abgestellte E-Scooter gefährliche Hindernisse. Vor mancher Haltestelle von Bussen und Bahnen oder an Straßenecken stehen diese Vehikel wild durcheinander oder auch als sperrige Phalanx nebeneinander, so dass nicht nur für Blinde oder Rollstuhlfahrer kaum ein Durchkommen ist! Selbst für einen Kinderwagen reicht der Durchgang auf so manchem Gehsteig nicht aus! Versuche, das Abstellen von E-Scootern nur auf bestimmten Flächen zuzulassen, sind nach meinem Eindruck bisher weitgehend gescheitert. Warum muss die Mehrheit der Stadtbewohner E-Scooter ertragen, die über Gehwege und durch Fußgängerzonen oder Parkanalgen flitzen, obwohl sie für die Umweltbilanz und den Kampf gegen den Klimawandel keine Vorteile bringen? Darf es sein, dass wir unseren Weg um falsch abgestellte E-Scooter herum suchen müssen? Müssen Blinde, die es gewiss in unserer Welt nicht einfach haben, auf zusätzliche Hindernisse achten, obwohl E-Scooter keinen ökologischen oder gesellschaftlichen Vorteil bringen? Manchmal verdichtet sich bei mir der Eindruck, dass E-Scooter-Vandalen und Müllfrevlern, Graffitischmierern und Randalierern zu oft der öffentliche Raum überlassen wird! Die Stadt gehört jedoch der Bürgerschaft und nicht Zeitgenossen, die meinen, sie könnten sich über alle Regeln hinwegsetzen!

 

Ein E-Roller mit grünem Aufdruck mitten auf einem gepflasterten Platz (vor dem 'Humboldt Forum' in Berlin)
Bei so manchem gewählten Abstellplatz – wie vor dem Humboldt Forum in Berlin – dürfte es sich nicht um Strommangel, sondern um eine bewusste Provokation handeln. Es ist Zeit, dass die Kommunen einschreiten! (Bild: Ulsamer)

 

Eine gelb-weiße Straßenbahn und davor am Straßenrand unzählige E-Scooter.
In Innenstädten, die – wie Berlin – über ein dichtes ÖPNV-Netz verfügen, haben E-Scooter von Verleihern im Grunde keine Berechtigung. Der kurze Weg zu Straßenbahn, Bus, S- oder U-Bahn kann auch zu Fuß zurückgelegt werden. Eine blühende Hecke würde mein Auge mehr erfreuen, als solch eine E-Scooter-Reihe. (Bild: Ulsamer)

 

Zwei Personen auf einem E-Scooter. Sie fahren auf dem Gehweg. Direkt am U-Bahnhof Kurfürstendamm.
Zu zweit und auch noch auf dem Gehweg – doch was unternehmen Ordnungsämter und Polizei? (Bild: Ulsamer)

 

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Zahlreiche E-Scooter unterschiedlicher Verleihfirmen - schwar, grün, orange) stehen an einer Ecke, dahinter schwarze Mülltonnen.„E-Roller, die im Weg stehen, stellen eine ernstzunehmende Unfallgefahr für blinde und sehbehinderte Fußgängerinnen und Fußgänger dar“, so der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.  Dem ‚Free-Floating-System‘, an dem E-Scooter überall abgestellt werden können, müssen engere Grenzen gezogen und die Einhaltung kontinuierlich überprüft werden. Statt einer solchen Ansammlung würde ich mir einen weiteren Stadtbaum wünschen! (Bild: Ulsamer)

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