Die Stadt am Fluss und ihre Possen um die Neckarbrücken

Die Stadtverwaltung verstolpert in Esslingen sogar Erfolge

Der Neckar hat die Entwicklung der Stadt Esslingen im Laufe ihrer Geschichte immer wieder mitbestimmt: An einer Furt, noch besser an einer Brücke, da ließ sich Wegzoll kassieren, und Handelsströme brachten Wohlstand. Mit Brücken sollte man sich also in einer Stadt am Fluss auskennen – in Esslingen leider Fehlanzeige! Lange wurde deren langfristiger Bestand nicht ausreichend erhalten, so dass Sanierungen in letzter Stunde – wie an der Vogelsangbrücke – oder gar der Abriss – wie bei der 1964 erbauten Hanns-Martin-Schleyer-Brücke – notwendig wurden. Mehr Voraussicht in wirtschaftlich guten Tagen hätte hier nicht geschadet. Aber selbst bei der Sanierung der altehrwürdigen Pliensaubrücke, der zweitältesten Steinbrücke nördlich der Alpen, fehlte es am glücklichen Händchen oder dem notwendigen Sachverstand: Kaum war die Steinbrücke aus dem 13. Jahrhundert saniert, da wurde sie für Radfahrer gesperrt, weil die Brüstung zu niedrig geraten war. Bauzäune verschandeln nun die historische Brücke, damit Radfahrer sie doch wieder nutzen und bei einem Sturz nicht in die Tiefe auf die Bundesstraße B10 fallen können. So richtig schuld war in der Stadtverwaltung mal wieder niemand – auch nicht für die Kostensteigerungen.

Stabile Metallzäune auf einer Fußgängerbrücke.
Ein Brückenteil, das Fußgänger und Radfahrer aus der Pliensauvorstadt über den Neckar in Richtung Innenstadt führt, wird seit Jahren durch dauerhafte Schutzzäune verunziert. Das ist allemal kein Entrée für die einstige Freie Reichsstadt Esslingen. Diese Brücke wurde nach dem Zweiten Weltkrieg über den Neckar errichtet und verbindet den Pliensauturm mit dem historischen Brückenteil aus dem 13. Jahrhundert. In der Mitte sieht man noch Schienen, denn einst wurde sie sogar von der Straßenbahn befahren, die Esslingen mit Nellingen auf den Fildern und Denkendorf verband. (Bild: Ulsamer)

Falsche Prioritäten in der Stadtverwaltung

Mit Dr. Jürgen Zieger hat Esslingen einen Architekten als Oberbürgermeister, doch der geht lieber mal den CDU-Stadtrat Tim Hauser so polemisch an, dass sich eine breite Mehrheit des Gemeinderats in einem Schreiben an den Stadt-Chef wendet und auf Mäßigung drängt. Aber wenn der OB schon keine Zeit hat, sich um Details einer Brücke zu kümmern, dann vielleicht doch der Erste Bürgermeister – Architekt und Stadtplaner – Wilfried Walbrecht, der sich 2018 immerhin schon mit 67 Jahren für eine weitere Amtszeit als Baubürgermeister beworben hatte und eine Gemeinderatsmehrheit fand. Nun ja, was können schon der SPD-Oberbürgermeister und sein Baubürgermeister von den Freien Wählern für eine zu niedrige Brüstung bei der Brücke, so könnte man fragen. Die Stadtoberen werden kaum im Plan die Höhe nachgemessen haben, welche bei Radverkehr statt 90 Zentimeter eben 130 Zentimeter messen müsste. Aber auf der Inneren Brücke in Esslingens Zentrum war das Geländer vor einigen Jahren ärgerlicherweise auch schon mal zu niedrig, und auf der Konrad-Adenauer-Brücke das gleiche Problem. Wer aus Fehlern nichts lernt und rechtzeitig vorbeugt, der ist eigentlich in einer Stadtverwaltung Fehl am Platze!

Der Neckar mit Kanufahrern. Links und rechts Bäume und Gebüsch.
Wenn nicht gerade Zäune den Blick versperren, dann zeigt sich der Neckar – einst der wilde Fluss – von seiner besten Seite. Fast seiner besten Seite, denn er ist kanalisiert und schiffbar und wartet noch auf etwas mehr Renaturierung seiner Ufer. (Bild: Ulsamer)

Da schreibt uns das Esslinger Baurechtsamt lieber ein Briefchen, unsere Efeuhecke rage zu weit in den Gehweg hinein, als dass sie sich um Brückengeländer kümmert. Bei uns war immerhin noch locker Platz für einen Zwillingskinderwagen – und Absturzgefahr bestand auch keine. 120 bis 130 Zentimeter waren auf unserem Gehweg Efeu-frei: Gerade die Zentimeterzahl, die bei der Pliensaubrücke zum Stolperstein wurde! Hätte das Baurechtsamt doch mal bei der Brüstungshöhe Alarm geschlagen. Weitere Beispiel: Auf Teufel komm raus wird ein Baugebiet im ‚Greut‘ durchgedrückt, und Obstbäume werden schon mal gefällt, obwohl noch Klagen anhängig sind. Das Lapidarium, das einen steinernen Einblick in die Stadtgeschichte vermitteln könnte, ist so verdreckt und dunkel in drei Torbögen untergebracht, dass ich nur den Kopf schütteln kann über so viel Ignoranz. Oberbürgermeister, seine Bürgermeisterkollegen und der Gemeinderat sollten gemeinsam eine neue Prioritätenliste für die Arbeit der Stadtverwaltung erarbeiten, das wäre ein wichtiger Schritt für eine erfolgreichere Zukunft.

Rohre mit großem Durchmesser warten auf den Einbau.
Sanierungsarbeiten sind prinzipiell immer zu begrüßen, so auch beim Neubau eines Kanals, der den Geißelbach durch die Untere Beutau in Esslingen in Richtung Neckar führt. Immer häufiger habe ich jedoch den Eindruck, dass sich durch beständige Instandhaltung umfassende und besonders kostenintensive Schäden vermeiden lassen – was nicht nur für Esslingen gilt und für jedes Privathaus! (Bild: Ulsamer)

Marode Brücken, Stege und Kanäle

Der frühere Busbahnhof steht in Esslingen mitten in der Stadt seit 2014 leer: Dort hätte eine riesige Fläche über Jahre eine ökologische Zwischennutzung erfahren können, doch Fehlanzeige. Absperrungen – wieder einmal die so geliebten Bauzäune! –  umgeben eine unansehnliche Asphaltfläche, die einer neuen Nutzung harrt. Da hätten sich Passanten und Schmetterlinge über eine Blühwiese gefreut. Aber statt eines solchen Paradieses auf Zeit – inzwischen bereits 6 Jahre! – hatten die Stadt Esslingen und die Stadtwerke als grünes Trostpflaster eine wenige Quadratmeter große „StadtOase“ auf dem neu gestalteten, nur leider wenig Flair ausstrahlenden Bahnhofsvorplatz aufgestellt – nur für ein paar Monate. So ist das mit dem grünen Gewissen: gerne wird darüber gepredigt, doch gehandelt wird nicht!

Ein freier Platz in Esslingen umgeben von Bauzäunen. Seit Jahren leerstehend.
Seit sechs Jahren ist der frühere Busbahnhof in Esslingen eine trostlose Asphaltwüste, die immer mal wieder als Ablageort für Baumaterial genutzt wird. Eine grüne Zwischennutzung fand keine Befürworter bei Oberbürgermeister Jürgen Zieger und seinem Baubürgermeister Wilfried Walbrecht. Sie setzten lieber auf eine wenige Quadratmeter große ‚StadtOase‘, die einige Wochen den tristen Bahnhofsvorplatz auflockern sollte. „Wir wollen damit auch neue Formen austesten, um mehr Grün in die Stadt zu bringen und bei heißen Sommern die Lebensqualität zu erhöhen”, betonte der Erste Bürgermeister Wilfried Wallbrecht, Freie Wähler. Was für ein Hohn! Hätte Baubürgermeister Walbrecht doch mal besser den trostlosen Ex-Busbahnhof auf Zeit großflächig begrünt! Diese Ödnis in der Stadt hätte vermieden werden können. (Bild: Ulsamer)

Marode Brücken oder zerfallende Stege – wie über Bundesstraße und Neckar -, dies ist leider zu einem Markenzeichen der alten Reichsstadt geworden, in der wir seit vier Jahrzehnten leben. Schade, sehr schade! Diese Stadt hat so viel zu bieten: den Neckar, die Weinberge, Wald, einen mittelalterlichen Stadtkern und erfolgreiche Unternehmen. Was fehlt ist eine neue Dynamik in der Stadtverwaltung, aber auch Präzision in der Amtsausübung. Manchmal frage ich mich, was die Stadtverwaltung in den wirtschaftlich guten Jahren mit den reichlich fließenden Gewerbesteuern und anderen Einnahmen gemacht hat? In die Sanierung ist auf jeden Fall zu wenig Geld geflossen, was sich auch bei der zentralen Anbindung mehrerer Stadtteile an die Innenstadt und das übergreifende Verkehrsnetz zeigt: die über 8 000 Einwohner von Rüdern, Sulzgries, Krummenacker und der Neckarhalde müssen für bis zu zwei Jahre eine Umleitung hinnehmen, da in der Unteren Beutau der verdolte Geißelbach zu wenig bauliche Zuwendung erfahren hatte. Der Kanal war so hinfällig, dass er zunächst mit großen Metallplatten abgesichert werden musste, damit Fahrzeuge und besonders die Busse nicht durch die Straßendecke brechen. Jetzt sind Spezialisten am Werk, und das braucht Zeit. Ein früheres Eingreifen hätte Anwohnern im Umfeld längere Fahrten – auch mit dem Bus – erspart und den Umleitungsverkehr nicht in andere Bereiche verlagert.

Radfahrer und Fußgänger auf einer Brücke. Im Hintergrund ein mittelalterlicher Turm.
Kaum war die Sanierung der Pliensaubrücke in Esslingen am Neckar beendet, da musste sie für den Radverkehr gesperrt werden: die steinerne Brüstung war      30 Zentimeter zu niedrig geraten! Bauzäune schützen nun die Fahrradfahrer vor dem Absturz auf die unter der Brücke verlaufende Bundesstraße. Solche Planungsfehler sollten in Esslingen nicht mehr vorkommen, da man in der Vergangenheit schon so manches Problem mit zu niedrigen Brückengeländern hatte. Zusammen mit dem Denkmalamt wird nun eine dem historischen Bauwerk entsprechende Lösung erarbeitet. (Bild: Ulsamer)

Mehr Präzision in der Planung

Ja, Brückengeländer sind so eine Sache. Und es kann immer etwas schiefgehen, das wissen wir alle. Wenn einem als Bürger und Steuerzahler jedoch immer mehr Missstände auffallen, dann stellt sich durchaus die Frage nach der politischen Verantwortung – nicht nur bei Brückenbrüstungen! Spricht man diese an, dann ducken sich die politisch Verantwortlichen nicht nur in Esslingen immer schnell weg. Im angrenzenden Stuttgart, der baden-württembergischen Landeshauptstadt, ließen Stadt und Land das über 100 Jahre alte, denkmalgeschützte Opernhaus (Littmann-Bau) über Jahre vergammeln, um jetzt Sanierungs- und Erweiterungskosten von 1 Mrd. Euro aufzurufen, die ohne echte Bürgerbeteiligung durchgedrückt werden sollen. Und dies in meiner Geburtsstadt! In Berlin setzte man gegen Corona-Muffel auf eine Plakataktion mit einer älteren Dame, die den Stinkefinger zeigt. Was ist denn nur mit den Entscheidern in manchen unserer Kommunen los?

Langer Steg über den Neckar. Links über die Bundesstraße - die entsprechenden Schilder sind zu sehen.
Alle Welt ermahnt die Bürger, mehr zu Fuß zu gehen, doch der Alicensteg über den Neckar ist in Esslingen schon seit Jahren gesperrt. Fußgänger könnten über diesen Steg vom Stadtteil Zollberg kommend sowohl die Bundesstraße B10 als auch den Fluss auf dem Weg in die Innenstadt überqueren, wenn der Steg nicht zu baufällig wäre. Verwaltung und Gemeinderat diskutieren seit Jahren über den Abriss oder eine Sanierung bzw. einen Neubau. In der Innenstadt verunstaltete auch ein martialischer Betonsteg mit deutlichen Zerfallsspuren das Stadtbild, dann wurde er ersatzlos abgerissen. (Bild: Ulsamer)

In kleineren Gemeinden ist die Bodenhaftung der Bürgermeister und ihrer Verwaltungsmitarbeiter weit deutlicher ausgeprägt als in Großstädten, was ich bei vielen beruflichen Aktivitäten erleben durfte. Ich würde mir wünschen, dass sich auch in größeren Städten so mancher Oberbürgermeister, Bürgermeister und deren Mitstreiter bewusstwürde, dass er im Dienst der Bürgerschaft steht. Der Bund der Steuerzahler, und gleichfalls die Rechnungshöfe beklagen zurecht, dass im öffentlichen Bereich immer wieder zu großzügig und ungezielt mit Steuergeldern umgegangen wird. Dies fängt bei schludriger Planung an – und wenn es auch nur um ein Brückengeländer geht – und setzt sich beim Bau der „Kulturscheune“ in Berlin oder dem von Angela Merkel gewünschten Erweiterungsbau für das Bundeskanzleramt fort. Wo gibt es denn ein Projekt von Bund, Ländern oder Kommunen, das wirklich im Kostenrahmen geblieben wäre? In Esslingen übersahen die Planer die richtige Höhe für die Brüstung der neu sanierten Brücke, beim Besucherzentrum des Nationalparks Schwarzwald wurden die Parkplätze vergessen und letztendlich verdoppelten sich die Kosten. Die öffentlichen Hände haben über Jahre nur auf das Geldausgeben gesetzt, es ist an der Zeit für neue Schwerpunktsetzungen, Detailgenauigkeit und Sparsamkeit.

Und es ist wirklich schade, um nochmals auf die Pliensaubrücke zurück zu kommen, dass man in der Esslinger Stadtverwaltung im Grunde einen Erfolg verstolperte: Statt Lob für die Sanierung der denkmalgeschützten Brücke gab es bundesweit hämische Kommentare für die zu niedrige Brüstung. Generell ist es mir aber ein Rätsel, in welcher Weise in Deutschland Brücken für Straßen und Eisenbahn gebaut wurden, die nach 50 oder 60 Jahren am Ende sind: Können, wollen, dürfen wir es uns leisten, alle Brückenbauwerke nach einem halben Jahrhundert zu ersetzen? Ich denke: Nein! Nachhaltigkeit geht auf jeden Fall anders.

 

Die Clifton Suspension Bridge - fast 150 Jahre im Dienst und kein bisschen müde.
Es ist kein spezifisches Esslinger Problem: Brücken werden unzureichend unterhalten und machen schlapp oder brauchen umfassende Sanierungen in letzter Stunde. Es ist kaum zu glauben, dass so manche Brücke in unserer Welt auch nach 150 Jahren ihren Dienst tut – wie die Clifton Suspension Bridge von Isambard Kingdom Brunel in Bristol: Einst gedacht für Fußgänger und Pferdefuhrwerke erträgt sie heute sogar 11 000 Autos pro Tag. Alle Einnahmen aus der Maut von einem Pfund pro Fahrzeug werden beständig in die Erhaltung gesteckt. (Bild: Ulsamer)

 

Eine mehrspurige Brücke im Sonnenlicht. Keine Fahrzeuge. Im Hintergrund ein weißes Parkhaus.
Die im Jahre 1964 erbaute Hanns-Martin-Schleyer-Brücke wird abgerissen, sie hat keine Chance das stolze Alter einer Brücke von Isambard Kingdom Brunel zu erreichen. Liegts an der moderneren Konstruktion oder an der mangelhaften Instandhaltung? Vermutlich an beidem. Nachhaltigkeit muss auch bei Bauwerken wieder einen höheren Stellenwert bekommen. (Bild: Ulsamer)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.