Die Natur braucht konsequenten Schutz

Ökologische Neuorientierung der EU-Agrarpolitik!

Passend zum Weltbienentag am 20. Mai legte die Bundesregierung ihren alle sechs Jahre erscheinenden Bericht zur Lage der Natur vor. Die EU-Kommission ließ sich gleichfalls nicht lumpen und präsentierte ihre Biodiversitätsstrategie 2030. Weder den Bienen noch zahllosen anderen Tier- und Pflanzenarten ging es durch diese Berichte und Erklärungen allerdings besser. So verhärtet sich bei mir der Eindruck, es liegt gewiss nicht an fehlenden Analysen oder wortgewaltigen Forderungen, sondern am konkreten Handeln. Und so wurde der ‚Internationale Tag der Biodiversität‘ am 22. Mai auch wieder zu einem Gedenktag für ausgestorbene Arten. Dies wird bei Wildbienen und Hummeln besonders deutlich, die immer weniger werden, und selbst Käfern oder Regenwürmern geht es schlechter. In entsprechenden Studien wird seit Jahren immer deutlicher, dass die beständige Intensivierung der Landwirtschaft einen maßgeblichen Anteil am Rückgang der Artenvielfalt trägt. Bundesministerin Svenja Schulze betonte bei der Vorstellung des Berichts zur Lage der Natur: „Vor allem in der Agrarlandschaft geht es der Natur dagegen besorgniserregend schlecht.“ Und schon war wieder Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied zur Stelle und warf sich für seine Standeskollegen in die Bresche: „Allgemeine und vor allem eindimensionale Schuldzuweisungen aus dem Bundesumweltministerium helfen der Artenvielfalt nicht.“ Immer das gleiche Spiel: der Schwarze Peter wird weitergereicht, es ändert sich wenig, den Schaden haben Tiere und Pflanzen – und letztendlich wir alle.

Eine blaue Libelle auf einem Ast.
„Besonders kritisch ist die Situation bei den Libellen, Reptilien und sonstigen Tierarten (insbesondere Krebsen), bei denen sich jeweils nur eine oder gar keine Art in einem günstigen Erhaltungszustand befindet”, so der ‚Bericht zur Lage der Natur in Deutschland‘. Wo sollen Libellen auch leben, wenn Tümpel und Weiher verschwunden sind und so mancher Fluss eher einer Betonrinne ähnelt? (Bild: Ulsamer)

Wildtiere darben auf Agrarflächen

Es ist an der Zeit, dass alle Beteiligten versuchen, gemeinsam sachgerechte Lösungen zu finden, um das Artensterben zu stoppen. Kurzhaarschnitt für den Rasen im Garten oder gar eine Schotterwüste im Vorgarten sind genauso schädlich für die Natur wie der beständige Griff zu Billigfleisch beim Discounter. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass der größte Flächennutzer, und dies ist nun mal mit rd. der Hälfte der Landesfläche in Deutschland die Landwirtschaft, auch seinen Beitrag zu einem schonenderen Umgang mit der Natur leisten muss. Hohe Nährstoffeinträge durch Dünger, Pestizide und Herbizide, Intensivierung der Nutzung, z. B. durch häufigere Mahd, relativ wenig Beweidung oder die Entwässerung von Flächen, dies alles trägt seinen Teil zum Rückgang von Tier- und Pflanzenarten bei. Da richten auch die Blühstreifen wenig aus, die von Landwirten angelegt werden. Dennoch möchte ich solche Ansätze nicht gering reden, insbesondere dann nicht, wenn Biotope vernetzt werden.

Eine weiße 'Veränderliche Krabbenspinne' mit ihrer Beute - einem Inekt - auf einer bläulichen Blüte.
Überrascht sah ich ein Insekt, das in einer Blüte ‚verstorben‘ schien. Erst auf den zweiten Blick entdeckte ich die ‚Veränderliche Krabbenspinne‘, die mit ihrem Gift die Beute erlegt hatte. Die Weibchen können ihre Farbe an die Umgebung anpassen. (Bild: Ulsamer)

Völlig daneben liegt Rukwied jedoch mit seiner Aussage: „Die Landwirte bleiben meist allein auf den Kosten des Naturschutzes sitzen, das muss sich endlich ändern.“ Da frage ich mich schon, ob der Bauernpräsident das ernst meint? Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe leben inzwischen zu einem Gutteil von Agrarsubventionen und nicht von den Verkaufserträgen, dabei spielt gerade die EU-Förderung eine große Rolle. Blühstreifen werden bei der EU als ökologische Vorrangflächen im Rahmen des ‚Greenings‘ anerkannt und in den meisten Bundesländern auch noch als Agrarumweltmaßnahme oder im Vertragsnaturschutz gefördert. Im Grunde hätte die EU längst eine reine Flächenförderung beenden müssen, doch eine solche ökologische Neuorientierung haben die Bauernverbände durch ihre Lobbyarbeit bisher verhindert. Vor diesem Hintergrund sind weitere Vorgaben der EU-Kommission zum Erhalt der Biodiversität mit Vorbehalt zu betrachten: Wir brauchen eine Agrarrevolution, die der Natur und den bäuerlichen Familienbetrieben dient, ansonsten wird die Artenvielfalt weiter abnehmen. Und, dies möchte ich auch hier nochmals betonen, es liegt nicht am einzelnen Landwirt, wenn die Agrarflächen veröden, sondern am Subventionssystem, das falsche Anreize setzt.

Vorne ein aspaltierter Feldweg, dahinter ohne Übergang die braunen Ackerfurchen.
Ausgeräumte Landschaft, Intensivierung der Landwirtschaft, Monokulturen, fehlende Feldraine, der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden: Wo sollen da noch Schmetterlinge, Hummeln und Bienen Nahrung oder Vögel und Igel einen Unterschlupf finden? (Bild: Ulsamer)

Artenarme Lebensräume dominieren

Erschreckend, aber nicht wirklich überraschend, ist die Feststellung des Berichts zur Lage der Natur in Deutschland, wenn es zu den Lebensräumen heißt: „32 Prozent weisen einen unzureichenden Zustand auf, während sich 37 Prozent der untersuchten Lebensräume in einem schlechten Zustand befinden, vor allem die landwirtschaftlich genutzten Grünland-Flächen, aber auch Seen und Moore.“ Wer viel wandert und mit offenen Augen durch die Landschaft geht, der kann solche Beurteilungen ganz unwissenschaftlich, aber dennoch richtig, nur unterstreichen. Und bei den untersuchten Tierarten bestätigt sich der Gesamteindruck: „30 Prozent sind in einem unzureichenden Zustand. 33 Prozent sind in einem schlechten Zustand, das betrifft vor allem Schmetterlinge, Käfer und Libellen.“ In manchen Regionen, die durch intensiv bewirtschaftete Monokulturen bestimmt werden, sind Schmetterlinge längst Mangelware geworden. Und Libellen haben sich rar gemacht, da zahllose Tümpel und Weiher verschwunden sind und begradigte Bachläufe auch nicht sehr einladend auf diese Tiere wirken. Flurbereinigungen haben nicht selten zu großflächigen Ackerlandschaften beigetragen, die so ausgeräumt sind, dass viele Vögel weder Brutplätze noch Nahrung finden.

Zwei Ölkäfer. Das kleinere Männchen auf dem Weibchen. Sie schimmern bläulich-schwarz.
Der Schwarzblaue Ölkäfer ist das Insekt des Jahres 2020 – gekürt durch die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und dem Bundesamt für Naturschutz. Er verfügt über ein starkes Gift gegen Fressfeinde, doch gegen die Zerstörung seines Lebensraums ist er dadurch nicht gefeit. Verspeisen sollte man den ‚Schwarzblauen Ölkäfer‘ keinesfalls, denn die in einem Käfer enthaltene Dosis an Cantharidin kann sogar einen Menschen töten. (Bild: Ulsamer)

Im Bericht der Bundesregierung wird ein Augenmerk zurecht auch auf die Grünlandnutzung gelegt: „Die intensive Landwirtschaft führt zu einer immer stärkeren Homogenisierung der Landschaft, in der inzwischen monotone artenarme Lebensräume vorherrschen. Artenreiche Grünland-Lebensräume, wie extensiv genutzte Mähwiesen, Magerrasen und Nasswiesen, verzeichnen starke Rückgänge sowohl quantitativ hinsichtlich ihrer Fläche als auch qualitativ etwa hinsichtlich des vorhandenen Arteninventars.“ Auf Mähwiesen, die nur zweimal im Jahr bearbeitet werden, oder die extensiv genutzten Weideflächen, genauso wie auf Feuchtwiesen oder Magerrasen müssen wir immer häufiger in unserer Kulturlandschaft verzichten. Wo heute bis zu sechsmal pro Jahr gemäht wird, geht dies nur mit reichlich Dünger, und artenreiche Blühwiesen können sich so selbstredend nicht entwickeln. Auf diese Entwicklung hat der Naturfilmer Jan Haft in seinem aufrüttelnden Buch ‚Die Wiese‘ hingewiesen.

Kleiner Damm aus Ästen. Der Bach ist aufgestaut.
Wenn wir den Biber gewähren lassen, dann schafft er eine neue Landschaft, die sehr an vergangene Zeiten erinnert: Dämme schaffen Wasserflächen für Libellen und andere Tiere, sie tragen zum Hochwasserschutz bei und korrigieren Fehler des Menschen, der zu viele Bäche und Flüsse begradigt hat. Das Foto entstand bei Altglashütten im Südschwarzwald. (Bild: Ulsamer)

Agrarsubventionen ökologisch orientieren

Im Bericht zur Lage der Natur werden die Kegelrobbe und der Steinbock als positive Beispiele genannt, deren Erhaltungszustand sich verbessert hat. Damit wird natürlich ausgedrückt, dass es den meisten Tieren in den dazwischen liegenden Regionen nicht gut geht. „Gleichzeitig sind in dem Zeitraum von zwölf Jahren jedoch etwa ein Drittel der Vogelarten in ihrem Bestand zurückgegangen.“ Und weiter heißt es dort: „Der Anteil der Brutvögel mit abnehmenden Beständen über zwölf Jahre liegt deutlich höher als im Zeitraum der letzten 36 Jahre.“ Damit wird auch klar, dass sich keine Veränderung zum Besseren auf Agrarflächen ergibt. Aber Bauernpräsident Rukwied fragt nicht nach der Verantwortung der Traktor-Piloten, die auch gerne mal mit Demos gegen das verschärfte Düngerecht protestieren und grüne Kreuze auf ihre Monokulturen stellen, sondern er greift den Naturschutz an: „Vor allem bleibt er die Antwort schuldig, warum die zahlreichen, mit enormen Mittelaufwand von Bund und Ländern betriebenen Naturschutzprogramme, die dem Verlust an Artenvielfalt entgegenwirken sollen, offenbar wirkungslos bleiben.“ Hinter solchen Sätzen steckt natürlich System, denn Rukwied dürfte es gewiss schon aufgefallen sein, dass die meisten Naturschutzgebiete relativ klein sind und damit die externen Einflüsse – Dünger, Pestizide, Herbizide – in diese geschützten Areale schwappen. Und man darf genauso wenig übersehen: „Rund 40 % der Fläche auch der deutschen Natura 2000-Gebiete sind landwirtschaftlich genutzt, weshalb der Landwirtschaft auch in diesen Schutzgebieten eine besondere Bedeutung zukommt.“ Rukwieds Strategie ist klar: Von der eigenen Verantwortung der Landwirtschaft ablenken und die Subventionen sichern.

Drei bräunliche Brachvögel mit etwas gebogenem Schnabel auf einer grünen Weide an einer Überschwemmungsfläche.
Der Große Brachvogel ist selten geworden. Ihm fehlen gerade auch geeignete Brutgebiete, denn der Umbruch von Grünland raubte ihm ebenso entsprechende Habitate wie die häufige Mahd im verbliebenen Grünland. (Bild: Ulsamer)

Es ist an der Zeit, dass den Teilen der Landwirtschaft, die nur auf Flächensubventionen setzen, von der europäischen und deutschen Politik klargemacht wird: Öffentliche Gelder gibt es zukünftig nur für öffentliche Leistungen, die der Gemeinschaft dienen. Es kann doch auf Dauer nicht sein, dass Landwirte mit Steuergeldern dafür bezahlt werden, dass sie Flächen ohne ökologischen Mehrwert bearbeiten. Ansonsten könnte jeder Bäcker öffentliche Leistungen dafür erwarten, dass er eine Backstube und einen Laden vorhält! Aus den Rückmeldungen auf meine Beiträge weiß ich auch, dass zahllose Bauern nicht mehr hinter der einseitigen Politik von Joachim Rukwied stehen, sondern auf Ökologie und Nachhaltigkeit setzen – und diese Landwirte müssen gestärkt werden. Ohne politischen Druck lässt sich das nicht erreichen, dessen bin ich mir bewusst, aber das anachronistische Fördersystem der EU muss im Agrarbereich völlig neu ausgerichtet werden.

Blindschleiche, bräunlich, schlängelt sich zwischen grünen kleinen Pflanzen.
Wann haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, zuletzt eine Blindschleiche gesehen? Jüngst hatten wir mal wieder Glück. „Blindschleichen besiedeln ein breites Spektrum an unterschiedlichsten Lebensräumen. Sie bevorzugen lichte Wälder und Waldränder mit erhöhter Bodenfeuchtigkeit und einem vielfältigen, strukturreichen Mosaik an Sonnen- und Versteckplätzen. Aber auch offene Heide- und Moorlandschaften, Brachflächen, Trockenrasen, Streuobstwiesen, Gärten, Parks, Straßenböschungen, Steinbrüche und Abgrabungsstätten werden bewohnt”, so der NABU. Wenn Wälder zu Baumplantagen geworden sind oder die Felder bis an die erste Baumreihe, bzw. den Wirtschaftsweg reichen, dann fehlen den Blindschleichen die Lebensräume. Und auch Heide- und Moorlandschaften oder Brachflächen haben sich rar gemacht. 2017 hatten die Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) und mehrere Partnerorganisationen, darunter der NABU-Bundesfachausschuss Feldherpetologie, die Blindschleiche zum Reptil des Jahres gekürt. Der vierbeinigen Verwandtschaft geht es auch nicht besser: Eidechsen müssen immer wieder für Bauprojekte weichen. (Bild: Ulsamer)

Mehr Rücksicht auf die Natur nehmen

Neubaugebiete ausufernder Kommunen, die Zerschneidung durch Verkehrswege oder der Aufbau zusätzlicher Infrastruktur bis hin zu Windkraftanlagen im Wald tragen ebenfalls zur Verarmung der Natur in Deutschland bei. Andererseits sind inzwischen städtische Parks und private Gärten zum Rückzugsort von Vögeln und Insekten, aber auch von Igel und Feldhase geworden, denn in ausgeräumten Agrarlandschaften finden sie weder eine Bleibe noch Nahrung. Es ist höchste Zeit für eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über die Entwicklung der Natur in unserem Land. Schottergärten in den Städten und das Verschwinden von blütenreichen Ackerrändern auf dem Lande oder Baumplantagen in unseren Wäldern sind Symptome für eine Entfremdung von der Natur. Mancher Besucher von Wald und Flur hat sich inzwischen allerdings auch von der Natur entfernt und saust mit dem Mountainbike über kleine Pfade, trampelt ohne Rücksicht auf Tiere und Pflanzen über nachwachsende Bäumchen oder Wiesen, und dann lässt so mancher Zeitgenosse zusätzlich noch seinen Müll zurück.

Ein 'Weißling'. Der Schmetterling sitzt auf einer Vergissmeinnichtblüte.
Schmetterlinge und Wildbienen werden immer seltener. Der Entomologische Verein Krefeld, der sich seit über 100 Jahren der wissenschaftlich orientierten Insektenkunde widmet, hat in einer Langzeitstudie von 1989 bis 2016 einen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten von über 75 % festgestellt – und dies in über 60 Naturschutzgebieten. Ganz folgerichtig ist der Schwund an Insekten auf landwirtschaftlichen Monokulturen noch dramatischer. (Bild: Ulsamer)

Ein pfleglicher Umgang mit der Natur ist nicht nur in unser aller Interesse, sondern eine Aufgabe für jede Bürgerin und jeden Bürger, für Jung und Alt. Und der Stellenwert, den wir der Natur zubilligen, zeigt sich auch beim Einkaufsverhalten. Mit ‚Geiz ist geil‘ verpassen wir den Umstieg in eine ökologische und nachhaltige Gesellschaft. Der Bürgerschaft kann es jedoch nicht auf Dauer zugemutet werden, mit den Steuergeldern ein perverses EU-Agrarsystem zu unterhalten, um dann beim Einkauf für naturnähere Erzeugnisse höhere Preise zu bezahlen. Daher springt auch Robert Habeck zu kurz, der als Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen einen staatlich verordneten Mindestpreis für Fleisch fordert. Nein, dass gesamte Agrarsystem und die nachgeordneten Bereiche von Schlachtung und Verarbeitung bis zum Verkauf der Erzeugnisse muss reformiert werden. Und staatliche Preisvorgaben und Quoten haben im Agrarbereich noch nie zu etwas Gutem geführt.

Star fliegt aus einer Spechthöhle aus und transportiert den Kot der Jungen ab.
Selbst die Bestände des Stars, einst ein ‚Allerweltsvogel‘, gehen seit Jahrzehnten zurück. So schreibt Johanna Romberg in ihrem Buch ‚Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten‘ über den Star, dass in „Deutschland bis zu vier Millionen Brutpaare” leben, aber: „Das sind jedoch weniger als halb so viele wie noch 1990; seit der Jahrtausendwende befinden sich die Bestände im freien Fall.” Diese Star-Familie hat in einer Spechthöhle einen sicheren Nistplatz gefunden. Der Elternvogel transportiert – im Bild – den Kot der Jungen ab. (Bild: Ulsamer)

EU-Agrarpolitik: Auf Ökologie setzen

Wenn sich nahezu 70 % der Lebensräume aus Sicht des Artenschutzes in einem ungünstig-unzureichenden bzw. ungünstig-schlechten Zustand befinden, dann darf uns dies nicht ruhenlassen. Es macht wenig Sinn, in der EU eine Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie zu definieren, die wildlebende Arten und deren Lebensräume schützen soll, wenn es bei der Umsetzung hapert. So raffte sich die Bundesregierung unter Angela Merkel erst zu einer schärferen Düngeverordnung auf, als die EU-Kommission mit Strafzahlungen drohte. Gerade Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen tragen zur starken Nitratbelastung des Grundwassers bei, aber sie führen auch an der Oberfläche zur Überdüngung. In der FFH-Richtlinie wird beispielsweise auf die Vernetzung der Biotope gesetzt, um Tieren und Pflanzen einen Austausch zu ermöglichen. Doch auch hier liegt es im Argen. Dabei ist die FFH-Richtlinie nicht von gestern, sondern aus dem Jahre 1992!

Eine schwarze Holzbiene mit offenen Flügeln, die nahezu durchsichtig sind. Sie sitzt auf einer rötlich-violetten Blüte.
Honigbienen haben die Imker, die sich auch in schwierigen Perioden um sie kümmern, doch Wildbienen und Hummeln sind auf sich selbst gestellt: Nicht selten fehlen Örtlichkeiten für den Nestbau oder die Nahrung. Im Bild: eine Holzbiene. (Bild: Ulsamer)

Die EU-Agrarpolitik und die deutsche Umsetzung müssen so verändert werden, dass sich nachhaltig und ökologisch wirtschaftenden Bauern ein auskömmlicher Rahmen bietet, in dem die selbst erzielten Umsätze deutlich steigen und die Abhängigkeit von Subventionen abnimmt. Dies bedeutet eine Minimierung von Dünger, Pestiziden und Herbiziden, aber auch eine Abkehr von der Massentierhaltung, in der Tiere in immer größere Ställe zusammengepfercht werden. Wenn wieder mehr Rinder auf die Weide getrieben werden, wenn auch Schweine oder Hühner in kleineren Gruppen den Tag im Freien verbringen können, dann brauchen wir weniger Futtermittel aus Südamerika oder anderen Regionen, in denen der Raubbau an der Natur noch schneller voranschreitet. Die heutige Überproduktion bei Fleisch oder Milch, die über die deutschen Bedürfnisse hinausgeht, würde dann verschwinden. Es macht keinen Sinn, die Böden in Deutschland auszulaugen und Tiere unter unwürdigen Bedingungen zu halten, um dann die Überschüsse nach China oder gar nach Afrika zu exportieren. Gerade in afrikanischen Staaten zerstören die in der EU nicht absetzbaren Erzeugnisse die lokalen Märkte.

Unsere Landschaft muss eindeutig vielfältiger werden, denn nur dies kann Hummeln und Wildbienen, aber auch Käfern oder Libellen wieder neue Lebensräume bieten. Mehr blühende Wiesen und Ackerränder, mehr Gebüsch und Bauminseln, zusätzliche Tümpel, Weiher und renaturierte Bachläufe sind von großer Bedeutung. Der ökologische Landbau muss deutlich ausgeweitet werden, doch auch in der konventionellen Landwirtschaft sind noch große Spielräume für ökologische Maßnahmen vorhanden. Diese Chancen müssen durch eine Neuorientierung der EU-Agrarpolitik genutzt werden. Berichte und Analysen zur desolaten Lage der Natur sind wichtig, aber aus ihnen müssen politische Handlungen folgen, und da tut sich insbesondere Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner in keiner Weise hervor. Langfristig schadet es aber auch den Bauern, wenn sie als Bremser beim Natur- und Tierschutz wirken. Viele Landwirte haben dies längst erkannt, doch noch sind sie eine Minderheit. Wir müssen alle gemeinsam für den nachhaltigen Schutz der Natur kämpfen!

 

Grafik mit dem Text "Lage der Natur in Deutschland'. Die Grundaussage: Knapp 70 % der unter dem Blickwinkel des Artenschutzes bewerteten Lebensräume weisen einen ungünstig-unzureichenden oder -schlechten Erhaltungszustand auf. Kein Wunder, dass auch 63 % der betrachteten Arten in diese negativen Kategorien fallen.
Der Bericht zur Lage der Natur in Deutschland zeigt die gravierenden Probleme auf, unter denen Lebensräume, Tiere und Pflanzen leiden. Knapp 70 % der unter dem Blickwinkel des Artenschutzes bewerteten Lebensräume weisen einen ungünstig-unzureichenden oder -schlechten Erhaltungszustand auf. Kein Wunder, dass auch 63 % der betrachteten Arten in diese negativen Kategorien fallen. (Bild: Bundesamt für Naturschutz, 25.5.20)

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