Tieren gebührt ein höherer Stellenwert
Wir werkelten auf der Schafweide vor dem Haus und sahen Jonathan, eine Möwe, die uns seit mehr als zehn Jahren besuchte, vom Kamin des Nachbarhauses auf die nahegelegene Straße schweben. Eigentlich saß diese Silbermöwe doch nie auf der Fahrbahn, vielleicht war ihr die bettelnde Jungmöwe auf die Nerven gegangen, die nun auf ihrem Kamin thronte. Der Gedanke war noch nicht zu Ende gedacht, da tauchte ein älterer Geländewagen auf und hielt auf die Möwe zu. Bis sich der Gedanke festgesetzt hatte, war das stinkende Vehikel schon vorbeigebraust, und die Möwe bewegte sich nicht mehr. Nur mit ein paar Federn spielte der Wind. Ungläubig verharrten meine Frau und ich, waren wie paralysiert. Nirgendwo ein Fußgänger oder Radfahrer, dem der üble Zeitgenosse hätte ausweichen müssen, kein anderes Fahrzeug weit und breit. Hatte der Fahrer weder gehupt noch gebremst, war er wirklich auf der Gegenfahrbahn auf Jonathan zugefahren? Am Ort des Geschehens bestätigte sich leider der unfassbare Gedanke: Jonathan, die Silbermöwe, die wir so genannt hatten, war tot, plattgewalzt von einem Autofahrer, der nicht auf seiner Spur blieb oder auswich, sondern den weißen Vogel einfach überfuhr. Länger als ein Jahrzehnt war die Möwe ein Begleiter während der Urlaubswochen im Südwesten Irlands, die im Regelfall nach unserer Ankunft auftauchte, auf den Zaunpfosten Platz nahm oder auf der Wiese nach Insekten suchte. Von seiner Klippe flog er mit wenigen Flügelschlägen zum Meer, wo er sich sein Futter suchte, wie seine Speiballen belegten. Natürlich rechneten wir damit, dass Jonathan eines Tages nicht wieder zurückkehren würde, denn Stürme und Wellenberge sorgen für entsprechende Opfer unter den Möwen. Wer aber konnte damit rechnen, dass der gefiederte Freund von einem Autofahrer mutwillig überfahren wird?

Jonathan – ein Wildtier zu Besuch
Zu Beginn hatten wir uns gefragt, ob denn hier wohl immer dieselbe Möwe zu Besuch kommt. Als Laie kann man ja noch nicht einmal erkennen, ob die jeweilige Möwe Männlein oder Weiblein ist. So fällt es doppelt schwer, die Besucherin oder den Besucher im Federkleid von seinen Artgenossen zu unterscheiden. Sein Verhalten, besonders aber seine außergewöhnlichen Flugkünste, ließen jedoch den Schluss zu, dass sich trotz der zeitlichen Abstände stets wieder die gleiche Silbermöwe einfand. Die bevorzugten Sitzplätze auf dem Kamin des Nachbarhauses, weil an unserem ein Blitzableiter im Weg war, oder auf bestimmten Zaunpfosten und der höchsten Erhebung, einem Elektromasten, suchte er stets aufs Neue auf. Ließ er sich auf dem Autodach nieder, dann genügte der Hinweis „Nein, nein, nicht auf dem Autodach“, und Jonathan wechselte auf einen nahegelegenen Pfosten.

Sein leicht watschelnder Gang führte Jonathan auf immer gleichen Wegen, die die Schafe freigefressen hatten, zu deren Tränke. Wasser trank er selbst aus dem kleinen Vogelbecken auf der Terrasse, wozu bei seiner Größe und der Größe seines Schnabels durchaus Geschicklichkeit gehörte. Im Gegensatz zu den häufig kolportierten Storys, in denen Möwen das Essen aus der Hand oder vom Tisch stehlen, ist uns dies mit ihm nie passiert. Auch wenn in manchen Medien jede Möwe Heringsbrötchen oder Eiswaffeln entwendet, so ist das ohnehin nur Fakenews, die lediglich zu einem schlechten Image der Möwen beitragen. Und vielleicht neigte dann der Autofahrer, der Jonathan killte, dazu, direkt auf ihn Jagd zu machen. Möwen haben es verdient, als intelligente Vögel wahrgenommen zu werden, die uns mit ihren Flugkünsten beeindrucken, wenn wir ihnen unvoreingenommen begegnen. Eines ist sicher, fast 100 % der Möwen haben noch nie ein Heringsbrötchen gesehen und ganz gewiss keines gestohlen! Das galt selbstredend auch für Jonathan. Mehr dazu in: ‚Möwen zwischen Lokalkolorit und Bedrohung. Entfremdung von der Natur nimmt zu‘.

Gerne gestehe ich, dass wir Jonathan hin und wieder einen Happen zukommen ließen. Aber wenn die Menschheit die Meere leerfischt, dann kann man einem Seevogel durchaus etwas abgeben. Fischhaut mit gekochten Kartoffelschalen mochte er besonders gerne. Legte man diesen Leckerbissen weit abseits des eigenen Esstisches ab, flog er von einer höheren Warte gezielt an, allerdings erst, wenn wir einen entsprechenden Abstand eingenommen hatten. Das war gut so, denn die Möwe Jonathan blieb ein Wildtier, obwohl wir sie mit einem Namen bedacht hatten. Wildtiere haben es im städtischen und ländlichen Bereich zunehmend schwer, was auch für Möwen zutrifft. Bei den Schafhaltern rund herum sind weder Möwen noch Krähen beliebt, doch der nächstgelegene Farmer, der uns immer einige Schafe als ‚Rasenmäher‘ ausleiht, teilt unsere Meinung, dass diese Vögel für gesunde Schafe oder ihre Lämmer keine echte Bedrohung sind. Bei kranken Lämmern mag das anders aussehen, daher ist es wichtig, dass der Schäfer regelmäßig seine Kontrollgänge macht. Als wieder mal ein Lämmchen bei uns auf die Welt kam, patrouillierte Jonathan in der Nähe, damals auf jeden Fall argwöhnisch von uns beobachtet. Gleichwohl machte sich die Silbermöwe weder an das erwachsene Schaf noch an seine Lämmer heran, sondern wartete geduldig auf die Nachgeburt, die sie begierig auffraß.

Wenn über den Niedergang der Weidetierhaltung geklagt wird, dann wird häufig vorschnell Möwen, Kolkraben, dem Fuchs oder dem Wolf in Deutschland die Schuld zugeschoben. Der wahre Grund hingegen liegt in der geringen Rentabilität z. B. der Schafhaltung, denn die europäische Wolle ist kaum gefragt, die Fleischpreise werden durch Importe aus Neuseeland gedrückt und die EU-Agrarsubventionen fließen in die falschen Kanäle. Weitere Informationen hierzu finden Sie in meinem Beitrag ‚EU-Agrarförderung bleibt grünlackierte Geldverteilmaschine. Familiengeführte Betriebe und die Artenvielfalt sterben‘. Möwen sind keine Heiligen und können auch anders, das haben wir selbst erlebt, wenn Mantelmöwen kleinere Vögel attackierten. Eines ist definitiv sicher: Möwen sind besser als ihr Ruf, und sie sorgen dafür, dass Aas und menschliche Abfälle nicht zur Ausbreitung von Krankheiten beitragen können.

Die Rechte der Tiere
Wenn die Feuerwehr ausgesetzte Kätzchen aus einem Glascontainer bergen muss, Kinder einen Igel als Fußball missbrauchen, Hunde in der Urlaubszeit an Autobahnrastplätzen festgebunden werden, ein Seehundkopf an die Tür einer Aufzuchtstation genagelt wird, dann wirft dies ein bezeichnendes Licht auf die Gesellschaft. Mähroboter verletzten in der Dämmerung Igel schwer oder gar tödlich, doch es erhebt sich kein Aufschrei. Zig Millionen Rinder und Schweine oder Hühner leiden in engen Ställen ohne Tageslicht und einen Zugang zur Außenwelt vor sich hin, und die Politik findet immer wieder eine Ausrede, um die tristen Verhältnisse und ihre finanziellen Nutznießer zu schützen. Da passt es – leider! – nur zu gut, wenn ein rücksichtsloser Autofahrer grundlos auf eine Silbermöwe zusteuert und sie überfährt. Wild-, Haus- und sogenannte Nutztiere haben eigene Rechte, die die Menschen nicht missachten dürfen. Werden in einer Gesellschaft die Rechte der Tiere mit Füßen getreten, dann leistet diese einen moralischen Offenbarungseid. Die Entfremdung von der Natur scheint weiter zuzunehmen, was schlimme Folgen nicht nur für die Wildtiere hat, sondern für die Gesellschaft allgemein.

Keine Möwe, kein anderes Tier hat es verdient, mutwillig niedergewalzt zu werden! Besonders betroffen blieben wir zurück, da wir die Gelegenheit hatten, die Möwe Jonathan über ein Jahrzehnt aus der Nähe zu beobachten. Diese Chance bietet sich bei Wildtieren in Freiheit nur selten. Ja, Jonathan war uns ans Herz gewachsen. Den Namen Jonathan hatten wir bei Richard Bach und seinem Buch ‚Die Möwe Jonathan‘ entlehnt, und so hoffen wir, dass unser gefiederter Freund Jonathan seine Schwingen nun in einer besseren Welt ausbreiten und zu neuen Höhenflügen ansetzen kann.




