Die Kelten – Händler, Handwerker, Bauern und Krieger

Das europäische Erbe der Kelten besser aufarbeiten

Die Kelten besiedelten in der Eisenzeit weite Teile Mitteleuropas und lebten in einer differenzierten Gesellschaft, trieben Handel mit den Völkern am Mittelmeer, verdingten sich als Söldner bis Kleinasien, errichteten zuerst burgähnliche ‚Fürstensitze‘, dann städtische Strukturen in ihren Oppida, und doch wurden sie von der Geschichtsschreibung lange vernachlässigt – zum Teil bis heute. Archäologen zog es eher nach Ägypten oder ins Zweistromland, und die heimische Welt vom 8. Jahrhundert vor Christus bis zur Zeitenwende wurde weniger intensiv aufgearbeitet. Ein Grund für die geringe Präsenz im öffentlichen Bewusstsein ist das weitgehende Fehlen schriftlicher Aufzeichnungen, und wenn Berichte vorliegen, dann entstammten sie nicht selten der Feder militärischer und politischer Gegner, wie z. B. Gaius Julius Caesar, oder wurden Jahrhunderte später verfasst. Und so füllte sich so manches deutsche Museum mit Raubkunst aus fernen Ländern, statt Raum zu bieten für Artefakte aus dem kulturellen Schaffen der Kelten. Grabungsfunde aus den letzten Jahrzehnten machen deutlich, dass die Kelten eine wichtige Periode in Europa gestalteten.

Rekonstruktion einer von Kelten errichteten Mauer. Holzbalken und dazwischen aufgeschichtete Steine, dahinter ein Erdwall.
Im bayerischen Kelheim, direkt am heutigen Main-Donau-Kanal, erinnert eine Mauerkonstruktion mit Tor an das keltische Oppidum Alkimoennis. Am Zusammenfluss von Donau und Altmühl siedelten die Kelten in einer Stadt, die eine Grundfläche von mehr als 600 ha umfasste und von einer Mauer umgeben war. Der griechische Astronom und Geograph Ptolemaios hat diese Ansiedlung im 2. Jahrhundert n. Chr. erwähnt. Schon zu Zeiten der Kelten lag Kelheim günstig für den überregionalen Handel – auch entlang der Donau. (Bild: Ulsamer)

Siedlungen an Handelswegen

Ein Autor begibt sich auf dünnes Eis, wenn er vereinfachend von den Kelten spricht, dessen bin ich mir bewusst, denn es handelte sich nicht um ein in sich geschlossenes Volk oder gar eine Nation, sondern um eine Vielzahl von Stämmen oder familiären Großgruppen. Dennoch bleibe ich in meinem Blog-Beitrag bei diesem Begriff. Der antike griechische Geschichtsschreiber Herodot gebrauchte den Begriff ‚Keltoi‘ um 450 v. Chr. und er meinte damit in etwa die ‚Kühnen‘, die ‚Tapferen‘. Die lateinisch schreibenden Gelehrten benutzten Celtae oder Galli, was letztendlich zu den Galliern führte. So manche von Griechen oder Römern niedergeschriebene Schilderungen der Kelten waren wenig freundlich, denn die Autoren hielten diese schlichtweg für Barbaren. Nicht nur sprachlich gab es Gemeinsamkeiten bei den keltischen Stämmen vom heutigen Spanien bis nach Böhmen, von Frankreich bis in die Türkei, von der Donau bis zu den Britischen Inseln, sondern auch bei den Begräbnisriten und Grabbeigaben, in der Schmiedekunst oder beim Siedlungsbau. Zahlreiche Bauwerke – wie die Heuneburg an der Oberen Donau – konnten nur entstehen, weil sich eine soziale Organisation herausgebildet hatte, die die Abwicklung längerfristiger und umfassender Projekte erlaubte. Der dortige Fürstensitz wurde um 600 vor Chr. durch eine Lehmziegelmauer geschützt, die zwar einheimische Techniken einbezog, in den Grundzügen jedoch auf Vorbilder im Mittelmeerraum zurückging. Ob nun ein sachkundiger Baumeister aus Sizilien anreiste oder keltische Händler neue Erkenntnisse mitgebracht hatten, dies lässt sich nicht mehr feststellen, doch es gab auf alle Fälle einen überregionalen kulturellen Austausch. Lange Wanderungen ließen sich im Übrigen bereits in der Steinzeit erkennen, als Stonehenge in England oder Newgrange in Irland entstanden und der Bogenschütze von Amesbury den Weg aus der Alpenregion bis in die Region von Wessex – wenige Kilometer von Stonehenge – nicht gescheut hatte.

Brunnen mit einer Umrandung aus Natursteinen. In der Mitte eine Tafel mit dem Text: „Unter den Wiesen dieses Hochtals befand sich das weltberühmte Gräberfeld der Hallstatt- und frühen Latènezeit.“
Der ältere Abschnitt der Eisenzeit von 800 bis 500 v. Chr. trägt den Namen Hallstattzeit, und sie verdankt dies einem Gräberfeld in einem Seitental oberhalb des Hallstätter Sees. Dort wurde von Kelten – wie bereits zuvor in der Steinzeit – Salz gewonnen, das für die Haltbarmachung von Fleisch wichtig war. Von 1846 bis heute wurden rd. 1 500 Gräber archäologisch entdeckt, insgesamt wird von 2 000 bis 4 000 Bestattungen ausgegangen. An das Gräberfeld erinnert auch die Inschrift an einem ‚Gedächtnisbrunnen‘: „Unter den Wiesen dieses Hochtals befand sich das weltberühmte Gräberfeld der Hallstatt- und frühen Latènezeit.“ (Bild: Ulsamer)

Die sogenannten Fürstensitze der Kelten entstanden um 600 vor Christus, die Oppida als städtische Ansiedlungen ab 200 v. Chr. jeweils an Handelswegen: Dies unterstreicht gleichfalls die wirtschaftlichen Verbindungen, über die Bernstein von der Ostsee mit Wein aus mediterranen Keltereien getauscht, Keramik aus Griechenland bis zu den mitteleuropäischen Kelten und Zinn aus Cornwall transportiert wurde. Handwerker aus keltischen Siedlungen produzierten nicht nur für den lokalen Bedarf, sondern Textilien oder Gegenstände aus Eisen fanden Abnehmer weit darüber hinaus. Und dies gilt auch für das Salz aus dem österreichischen Hallstatt oder Hallein, denn für das Haltbarmachen von Fleisch war es von größter Bedeutung. Dessen ist man sich heute oft nicht mehr bewusst, wenn es 1 kg Salz schon für weniger als einen Euro gibt. Die Gräberfelder in einem Tal über dem Hallstätter See gaben einer ganzen Zeitepoche ihren Namen, denn die Hallstattkultur beginnt um 800 v. Chr. und wird von der Latènekultur ab ca. 450 v. Chr. abgelöst, die bis zur Zeitenwende reicht.

Rechts eine Liege der Kelten, darauf ein stilisierter Mensch. Links ein vierrädriger Wagen, der ebenfalls im Hügelgran gefunden wurde.
Von der Liege auf den Wagen! Das Keltenmuseum in Hochdorf vermittelt einen überaus sehenswerten Einblick in die in der Kammer des nahegelegenen Grabhügels gefundenen Artefakte, darunter eine einzigartige Liege, einem Sofa ähnlich, und einen mit Eisenblech beschlagenen vierrädrigen Wagen. (Bild: Ulsamer)

Differenzierte Gesellschaftsstrukturen

Neben Händlern und Handwerkern waren für die Kelten auch Bauern prägend, die die Versorgung der Fürstensitze oder späteren Oppida sicherstellen mussten. Milch, Käse und Fleisch waren wichtige Nahrungsmittel der Kelten. Die notwendigen Mengen waren für damalige Verhältnisse alles andere als eine Kleinigkeit, denn auf der Heuneburg lebten – rechnet man die Bewohner der Außensiedlung hinzu – in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. um die 5 000 Menschen. Rom war zu jenem Zeitpunkt noch ein Marktflecken und Athen brachte es höchstens auf die doppelte Einwohnerzahl. Diese Vergleiche zeigen überdeutlich, dass es sich lohnt, das keltische Erbe verstärkt aufzuarbeiten, was einfacher gesagt als getan ist, denn aus baulichen Überbleibseln und kunsthandwerklichen Arbeiten lassen sich ohne schriftliche Aufzeichnungen schwer umfassende Schlüsse auf deren Nutzung ziehen. Ergänzende Informationen bieten – wie bereits erwähnt – häufig Autoren, die fleißig bei anderen Quellen abgeschrieben hatten oder ihre eigenen Interessen mit den niedergeschriebenen Texten verfolgten. In besonderer Weise gilt das für Julius Caesar, der – ganz römischer Feldherr und Staatsmann – mit seinen Darstellungen auch sich selbst ins rechte Licht zu setzen versuchte. Grabungen in jüngerer Zeit, die noch unberaubte Gräber erschließen konnten, zeigen eine breite kulturelle Vielfalt und ein großes handwerkliches Können. Die Kelten waren Impulsgeber, griffen aber auch Anregungen aus umliegenden Kulturen auf.

Grabhügel aus der Zeit der Kelten. Auf dem Hügel ein behauener großer Stein.
Fürstensitze und Fürstengräber sind zwei in der Wissenschaft nicht unumstrittene Begriffe, denn mit ihnen verbinden sich auch Annahmen zur keltischen Gesellschaftsstruktur. Ob damals Fürsten oder Häuptlinge in diesen burgähnlichen Siedlungen wohnten und in der Nähe beigesetzt wurden, ändert allerdings nichts an der Pracht mancher Grabbeigaben, die zum Glück nicht in früheren Jahrhunderten Grabräubern in die Hände gefallen waren. Zwar hatten die natürliche Erosion und die landwirtschaftlichen Nutzer diesen Grabhügel in Hochdorf (Gemeinde Eberdingen) im Kreis Ludwigsburg weitgehend eingeebnet, doch die eigentliche Grabkammer enthielt trotz des Deckeneinsturzes eine Fülle von hochinteressanten Beigaben. (Bild: Ulsamer)

Der heutige Wissensstand erlaubt die Feststellung, dass die Kelten organisatorisch in der Lage waren, große Erdbewegungen für sogenannte Fürstengräber vorzunehmen, ohne auf ein Heer von rechtlosen Leibeigenen zurückgreifen zu müssen. Insofern unterscheidet sich die keltische Kultur beispielsweise von Ägypten im Zeitalter der Pharaonen. Dies mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass die Kelten keine Schrift entwickelten, denn sie mussten keinen streng hierarchischen Staat im Griff behalten, wo Unfreie zur Arbeit zusammengeführt wurden. Dennoch gab es auch bei den Kelten eine soziale Gliederung, die es erlaubte, Handwerker für Arbeiten freizusetzen, um kulturelle Gegenstände zu schaffen, die nicht im täglichen Leben zum Einsatz kamen, sondern z. B. als Grabbeigaben dienten. „Vielleicht gehörten die in diesen sogenannten Fürstensitzen ansässigen und in den dazugehörigen Gräbern beigesetzten Personen zu politisch einflussreichen und wirtschaftlich mächtigen Stammesaristokratien, die weitreichende Handelsbeziehungen pflegten und deren gesellschaftliche Stellung möglicherweise auch religiös fundiert war,“ so Bernhard Maier in seinem Buch ‘Die Kelten. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart’.

Im Hintergrund die weiße Mauer der Heuneburg, im Vordergrund Informationstafeln, die die damalige Bebauung andeuten.
Innerhalb der Heuneburg waren verschiedene Handwerker tätig, was die Ausgrabungen belegen konnten. Metall wurde für Alltagsgegenstände, Waffen oder Schmuck verarbeitet. Handspindeln, aber auch Webgewichte weisen auf die Textilherstellung hin, für die die Kelten bekannt waren. Zwar ist das nicht eindeutig geklärt, doch die Heuneburg dürfte die beim griechischen Geschichtsschreiber Herodot erwähnte Stadt Pyrene sein: „der Istros“ – die Donau – „entspringt im Lande der Kelten bei der Stadt Pyrene und fließt mitten durch Europa.“ (Bild: Ulsamer)

Vom Fürstensitz zum städtischen Oppidum

Gesellschaftliche Veränderungen, aber auch neue Handelswege können dazu beigetragen haben, dass die Kelten die Fürstensitze – häufig Höhenburgen gleich – aufgaben und Oppida wie in Manching bei Ingolstadt oder in Kelheim an der Donau errichteten. „Heute gelten Oppida als erste Städte nördlich der Alpen“, so Dirk Husemann und Jutta Wieloch in dem Sammelband ‚Die Kelten. Geheimnisse einer versunkenen Kultur‘. „Nie zuvor hatte es Siedlungen solcher Ausmaße in Mitteleuropa gegeben. Flächen von 50 bis 100 Hektar waren die Regel. Beim heutigen Kelheim umschlossen die Mauern sogar 600 Hektar. Derartige Dimensionen erreichten europäische Metropolen wie Venedig, Mailand, Florenz und Köln erst wieder im 14. Jahrhundert.“ Das erwähnte Kelheim liegt an der schiffbaren Donau, wo heute der Main-Donau-Kanal mündet. Die Donau war bereits bei den Kelten eine wichtige Verkehrsader, die ost- und westkeltische Stämme verband. Oppida, also keltische Städte, entwickelten sich im gesamten Bereich dieser Stämme, sei es im heutigen England, in Deutschland, Italien oder natürlich in Frankreich. Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang das keltische Oppidum ‚Heidengraben‘ bei der kleinen Gemeinde Grabenstetten auf der Schwäbischen Alb, welches mit seinen 1700 Hektar wohl die größte befestigte Siedlung der prähistorischen Zeit in Mitteleuropa darstellt. Doch die Bedeutung dieses Ortes reicht viel weiter zurück: ab 1200 v. Chr. entstand hier ein Begräbnis- und Sakralplatz mit 40 heute im Gelände zum Teil gut sichtbaren Grabhügeln. Die weitläufigen Befestigungsbauwerke des Oppidums, z.B. das Zangentor bei Erkenbrechtsweiler, werden derzeit behutsam rekonstruiert.

Ein gewaltiger Wall aus großen Natursteinen durchzieht einen Wald. Im Hintergrund Windenergieanlagen.
Der ‚Hunnenring‘, wie er im Volksmund lange hieß, ist ein von den Kelten errichteter gewaltiger Steinwall beim saarländischen Otzenhausen (Ortsteil von Nonnweiler). Das rd. 2,5 Meter lange Bauwerk aus Natursteinen erreicht noch heute eine Höhe von bis zu 10 Metern. An seiner Basis ist der Wall ca. 40 Meter breit. Ursprünglich handelte es sich um eine Mauer (Murus Gallicus), die aus hölzernem Fachwerkgerüst bestand, das mit losen Steinen befüllt wurde. Diese enorme Wallanlage schützte ein keltisches Oppidum, eine städtische Siedlung der Treverer. Die Anfänge der Anlage am Dollberg reichen bis 400 v. Chr. – also in die frühe Latènezeit zurück, stark erweitert wurden die Wälle im 2. und 1. Jahrhundert v. Christus. Um 51 v. Chr. eroberten römische Truppen den Ringwall, die das frühere Oppidum allerdings nicht besiedelten, sie errichteten lediglich einen gallo-römischen Tempel. Die Wallanlage in Otzenhausen liegt ca. 30 Kilometer südöstlich von Trier in Rheinland-Pfalz, einer wichtigen römischen Ansiedlung. (Bild: Ulsamer)

Zu den Besonderheiten der Kelten gehört es, dass nicht selten die Frauen gemeinsam mit ihren Männern in den Krieg zogen, und so berichtete z.B. Caesar, dass die Frauen eigene Rechte besaßen. Die keltischen Paare waren eine Art Zugewinngemeinschaft: „Wer von beiden länger lebt, erhält den beiderseitigen Anteil mit dem hinzugekommenen Gewinn“, so Caesar. Ins Feld zogen die Kelten mit Kriegstrompeten (Carnyx), und dies nicht selten auch als Söldner in fernen Landen. So kämpften sie sogar in Kleinasien: als Galater wurden sie sesshaft und schafften es mit dem Brief des Apostel Paulus an die Galater in die Bibel. Angeworben hatte König Nikomedes I. von Bithynien (in Kleinasien) rd. 20 000 Kelten vom Stamme der Volcae, die 278 v. Chr. für ihn kämpften. Ursprünglich siedelten die keltischen Volcae zwischen Rhein, Main und Leine. Keltische Gruppierungen hatten auch griechische Gebiete heimgesucht und geplündert. Die Kelten waren gefürchtet, nicht selten sollen die Kämpfer – folgt man zeitgenössischen Geschichtsschreibern – nackt in die Schlacht gezogen sein, doch Funde belegen, dass sie zumeist ähnlich ausgerüstet waren wie ihre Gegner. Im Jahr 387 v. Chr. hatte ein keltisches Heer sogar das aufstrebende Rom attackiert und die Stadt geplündert, wobei es ihnen nicht gelang, das Kapitol zu stürmen. Das Geschnatter von Gänsen soll die römischen Verteidiger vor einem nächtlichen Angriff der Kelten gewarnt haben. Nach einer hohen Zahlung in Gold zogen die Kelten wieder ab, denen das warme Klima und Malaria zu schaffen machten. Um die Übergabe von 1 000 Pfund Gold rankt sich die Geschichte, dass sich die Römer über die beim Wiegen eingesetzten Gewichte beschwerten und Betrug witterten. Brennus, Heerführer der keltischen Senonen, soll dann sein Schwert zusätzlich auf die Waage geworfen und ausgerufen haben „Vae victis!“ – ‚Wehe den Besiegten!‘. Der Stamm der Senonen lebte seit dem 4. Jahrhundert in Norditalien, und sie gerieten mit den Etruskern und der sich ausbreitenden römischen Republik aneinander.

Ein rundes Gebäude auf einer Grünfläche. Auf dem Dach wachsen kleine Bäume.
Das architektonisch eindrucksvolle Gebäude des Museumsparks Alesia in der Gemeinde Alise-Sainte-Reine im Département Côte-d‘Or bietet einen interessanten Überblick über das militärische Geschehen beim Kampf der Kelten gegen die römischen Truppen, doch es geht weit darüber hinaus und präsentiert die Geschichte der Gallier. (Bild: Ulsamer)

Alesia: Eine vernichtende Niederlage

Die Kelten trieben Handel in europäischen Dimensionen und hatten sich auch in weiten Regionen angesiedelt. Sie bildeten keine Nation oder ein gemeinsames Volk heraus, und daher war ihr Widerstand gegen die Römer und die Germanen zumeist nicht übergreifend organisiert. Versuche, sich in Gallien gegen die römische Besetzung gemeinsam zu wehren, führten zu einzelnen Erfolgen, doch letztendlich besiegte Caesar bei Alesia die von Vercingetorix vereinten keltischen Stämme aus dem Gebiet des heutigen Frankreichs. Die Römer waren militärisch überlegen, und Caesar war der gewieftere Stratege, allerdings auch ein kaltherziger Feldherr, dem jedes Mittel zum Sieg recht war. Als sich Vercingetorix mit seinen Kämpfern auf den Hügel bei Alesia zurückgezogen hatte, belagerte Caesar nicht nur die Stadt mit Hilfe eines geschlossenen Rings aus Wällen, Holzpalisaden und Gräben, sondern er errichtete einen zweiten Verteidigungsring, denn er rechnete mit einem Angriff der keltischen Reiterei und eines Entsatzheeres.

Zwei Wälle mit aufgesetzten Holzpalisaden und Wachtürmen, dazwischen eine breite Grünfläche.
Die römischen Soldaten errichteten zuerst Wälle und Mauern mit einer Länge von 15 Kilometern um das Oppidum Alesia herum. Ergänzend zu dieser Belagerungsanlage bauten sie einen zweiten Ring mit 21 Kilometern, um sich gegen das erwartete Entsatzheer der Kelten verteidigen zu können. Vor den Wällen mit ergänzenden hölzernen Palisaden hoben die römischen Truppen Wassergräben aus und versenkten Hindernisse aus Holz und Metall mit Fallgruben. Gegen diese ausgeklügelten Verteidigungsanlagen, errichtet in größter Eile von den Soldaten selbst, hatten weder die keltischen Kämpfer um Vercingetorix in Alesia noch die zu Hilfe eilende Reiterei und das Entsatzheer eine Chance. In Alesia endete die große Zeit der Gallier, die danach romanisiert wurden. (Bild: Ulsamer)

Als die Nahrungsmittelvorräte in der belagerten Stadt aufgebraucht waren, gingen Frauen, Kinder und ältere Menschen aus dem Tor hinunter in Richtung auf die römischen Linien und hofften auf Gnade, doch Caesar verweigerte ihnen den Weg durch seinen hermetisch geschlossenen Belagerungsring. Die Einwohner Alesias verhungerten zwischen ihrem Oppidum und den römischen Wällen. Mit dem Aushungern von Städten und erbarmungsloser Gewalt selbst gegen Zivilisten haben auch moderne Aggressoren wie Wladimir Putin kein moralisches Problem. Ethische Fragen spielten auch für Gaius Julius Caesar keine Rolle. Die römische Geschichtsschreibung erklärte den Feldzug Caesars in Gallien zwar zu einer späten Rache für die Plünderung Roms mehr als drei Jahrhunderte zuvor, doch „Nüchtern betrachtet, war nicht die Rache für die einstige Niederlage der Hauptgrund für Caesars Gallienfeldzug, sondern schlicht Geldbedarf: Gallien war reich an Gold, bot fruchtbares Ackerland und Zugang zu wichtigen Handelsrouten“, schreibt Holger Müller im von Eva-Maria Schnurr herausgegebenen Sammelband ‚Die Kelten‘. Caesar ging es bei seinen kriegerischen Aktivitäten im Grunde um die Absicherung des eigenen Aufstiegs im wachsenden römischen Reich. Sein Sieg 52 v. Chr. in Alesia und die Gefangennahme von Vercingetorix brachte ihn auf dem Weg zur angestrebten Alleinherrschaft deutlich voran.

Eine männliche Figur mit Armen vor dem Oberkörper. Die Füße fehlen, die Statue steht auf Metallpfosten.
Da die Kelten keine eigene Schrift entwickelten, kamen sie gewissermaßen aus dem Nebel der Geschichte und verschwanden dort auch wieder, nachdem sie weite Teile Europas besiedelt hatten. Wenn die schriftlichen Aufzeichnungen fehlen, dann sind Überbleibsel ihrer Bauten, Werkzeuge und Schmuck sowie figürliche Darstellungen umso wichtiger. Der Krieger von Hirschlanden, aus Stubensandstein gearbeitet, ist die älteste bisher von Archäologen aufgefundene lebensgroße menschliche Gestalt. Sie stammt vermutlich aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Sie wäre damit älter als der ‚Keltenfürst vom Glauberg‘. Vermutlich stand der Krieger anfänglich auf einem Grabhügel, doch wurde die Skulptur daneben entdeckt. (Bild: Ulsamer)

Geschichte der Kelten besser präsentieren

In der Geschichte der Kelten bleibt vieles im historischen Nebel verborgen, denn wer seine eigenen Gedanken und Handlungen nicht zu Papier bringt, der ist schnell Fehlinformationen ausgeliefert. Und Fake News ist gewiss keine neuzeitliche Erfindung, sondern wurde auch in vorhergehenden Jahrtausenden genutzt. Die Druiden hatten kulturelle und gesellschaftliche, sowie religiöse Vorstellungen und Vorgaben mündlich tradiert, doch mit dem Aufgehen der keltischen Stämme in anderen Völkern schwand das Wissen der Druiden. Geschichten um und von den Kelten überlebten in Gesellschaften, die länger als andere eine mündliche Weitergabe von Erzählungen kannten, so      z. B. in Irland. Schriftliche Zeugnisse in gallischer Sprache und lateinischer Schrift wurden bisher nur wenige gefunden.

Steinerne Tafel mit Inschrift. Martialis, Sohn des Dannotalos, hat dieses Gebäude Ucuetis gewidmet, zusammen mit den Schmieden, die Ucuetis in Alesia ehren.‘
Die Kelten entwickelten keine eigenständige Schrift, wenn man von den Ogham-Zeichen in Irland absieht, die allerdings vom 5. bis 7. Jahrhundert verwandt wurden. Sie verließen sich auf die mündliche Überlieferung durch ihre Druiden. Es gibt jedoch Inschriften in gallischer Sprache und lateinischer Schrift. Bemerkenswert ist die im Museum von Alesia gezeigte Tafel. Die Übersetzung der Inschrift lautet: ‚Martialis, Sohn des Dannotalos, hat dieses Gebäude Ucuetis gewidmet, zusammen mit den Schmieden, die Ucuetis in Alesia ehren.‘ Diese Weihetafel für den von den Kelten verehrten Gott der Schmiede ‚Ucuetis‘ wurde im Bereich der gallo-römischen Stadt auf dem Mont Auxois gefunden, deren Grundmauern besichtigt werden können. Die Tafel belegt auch, dass das Oppidum Alesia bestanden hat. (Bild: Ulsamer)

Die Spuren der Kelten lassen sich in ihrem früheren Siedlungsgebiet noch immer finden, man denke nur an Fürstensitze, Hügelgräber, Skulpturen oder Schmiedearbeiten und Schmuck. Die keltischen Stämme selbst sind gerade auch im Einflussbereich Roms langsam romanisiert worden, dazu zählte die Einbeziehung gallischer Adeliger in die römischen Strukturen. Die keltische Kultur – einschließlich der Druiden – erlosch weitgehend, wenn man von Randregionen und natürlich dem Dorf von Asterix und Obelix einmal absieht. Im irischen Gälisch hat sich eine keltische Sprache bis heute erhalten, allerdings deutlich überformt. Über zwei Jahrtausende haben sich Überlieferungen auch im Gälischen so vermischt, dass sie nicht mehr eindeutig den Kelten zugeschrieben werden können, obwohl dies manche Wissenschaftler noch vor einem Jahrhundert anders sahen.

Statue eines Mannes mit einer Art Mantel und Schwert auf einem Sockel aus Stein.
Er kämpfte und starb für die Freiheit der Kelten: Vercingetorix vereinigte die gallischen Stämme und kämpfte in Alesia, der Hauptstadt des Stamms der keltischen Mandubier, vergeblich gegen das von Caesar angeführte römische Heer. Napoleon III. hatte nicht nur die archäologische Forschung in Alesia angeregt, sondern gab beim Bildhauer Aimé Miller eine Kolossalstatue von Vercingetorix aus behämmertem und vernietetem Kupferblech in Auftrag. Aufgerichtet wurde die 6,60 Meter hohe Statue auf einem 7 Meter hohen Sockel aus Granit und Kalkstein am 27. August 1865. Vercingetorix schaut eher resigniert, was auch seiner Niederlage und seinem Tod durch römische Hand entspricht. Napoleon III. klingt in der von ihm angeregten Inschrift dagegen kämpferisch: „Das zu einer einzigen Nation vereinte Gallien kann es, von einem selben Geiste belebt, mit dem Universum aufnehmen – Napoleon III. im Gedächtnis des Vercingetorix“. Die in Paris gestaltete Statue musste stehend auf dem Straßenweg nach Alesia transportiert werden, da sie zu zerbrechlich war, um sie liegend zu bewegen. (Bild: Ulsamer)

Die Geschichte der Kelten stärker ins Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu heben, halte ich für eine wichtige Aufgabe. Es gilt, intensiver die Zusammenhänge zwischen den einzelnen archäologischen Fundstätten herauszuarbeiten, gerade auch die Erkenntnis, dass die keltischen Stämme weite Teile Europas besiedelten. So betonte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann zurecht: „Das Keltische stellt in gewisser Weise die erste paneuropäische Kulturgemeinschaft nördlich der Alpen dar.“ Und Museen und Fundstätten sollen bei der Darstellung der Kelten unterstützt werden: „Die besondere historische Beziehung des heutigen Baden-Württemberg zu den Kelten soll im Land sichtbarer und für die Menschen emotional erfahrbar gemacht werden.“ Wenn ich die Präsentationen bei der Heuneburg mit dem Museumspark in Alesia vergleiche, dann ist in Baden-Württemberg und darüber hinaus noch viel zu tun. Die Kelten und ihre Geschichte haben es verdient, weiter und umfassender wissenschaftlich aufgearbeitet und präsentiert zu werden.

 

Keltisches Kreuz. Ein Ring umschließt den Punkt, an dem die Balken zusammentreffen. Weitere runde Ornamente.
Die Kelten kamen aus Nordfrankreich im 6. Jahrhundert v. Chr. nach Irland. Dort erhielten sich keltische Spuren – ebenso wie in Cornwall, Wales und Teilen Schottlands – deutlich länger als auf dem Festland, selbst im täglichen Leben. Dies gilt auch für die gälische Sprache, die in Randregionen überlebte. Das keltische Kreuz ist ein Beleg dafür, wie christliche und keltische Symbole verschmolzen. Kelten- oder Hochkreuze sind Symbole der mittelalterlichen sakralen Kunst. Zwar finden sich solche Kreuze mit einem geschlossenen Ring um den Schnittpunkt der Balken auf vielen Gräbern, doch standen sie ursprünglich auf Flächen mit einer besonderen – religiösen, kulturellen – Bedeutung und wurden dort auch zum Treffpunkt der Menschen. Dieses Kreuz habe ich auf der Dingle-Halbinsel bei Dun Urlann aufgenommen. (Bild: Ulsamer)

 

Wall- und Grabenanlage an einem abfallenden Hügel.
Auf dem Ipf – einem Zeugenberg des Weißen Jura der Schwäbischen Alb – errichteten die Kelten auf dem Gipfelplateau eine Ansiedlung von bis zu 185 Metern Durchmesser in über 200 Metern Höhe über dem Talboden, unweit der heutigen Gemeinde Bopfingen im baden-württembergischen Ostalbkreis. Die Wälle und Gräben sind immer noch (deutlich?) zu erkennen. Dieser keltische Fürstensitz lag damals an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, über den Donau, Main und Neckar, den ‘wilden Fluss’ der Kelten, zu erreichen waren. (Bild: Ulsamer)

 

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Im oberen Teil des Bilds zeigt sich eine weiße Mauer mit Dach vor dem blauen Himmel. Darunter Büsche und Bäume bis zur deutlich tiefer liegenden Donau.Die Heuneburg hoch über der Donau hat gewiss Händler und andere Reisende, aber auch die regionale Bevölkerung beeindruckt, wenn sie aus der Ferne auf die weißen Mauern zugingen. Die Basis der Mauer bestand aus Kalksteinblöcken, die aus einem fünf Kilometer entfernten Steinbruch herangeschafft werden mussten. Darauf errichteten die keltischen Handwerker eine Mauer aus hunderttausenden von Lehmziegeln. So richtig geeignet war diese Art der Mauer, die aus dem Mittelmeerraum stammt, für das relativ feuchte Klima nicht. Die Mauer bot für damalige Verhältnisse einen guten Schutz für den sogenannten Fürstensitz, doch diente sie auch dazu, Menschen zu beeindrucken. (Bild: Ulsamer)

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