Die Heilkraft des Waldes: Waldbaden für alle, nicht nur in Corona-Tagen

Der Wald ist mehr als ein Holzlieferant

Baden, wenn Hallen- und Freibäder wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind? Ja, im Wald ist es noch möglich, auch wenn wir dafür keine Badehose brauchen und nicht mehr als ‚Wanderkolonne‘ auftreten dürfen. Waldbaden wird in Japan längst als ‚Shinrin Yoku‘ nicht mehr belächelt – wie von vielen in Deutschland -, sondern ist Teil der Gesunderhaltung. Beim Waldbaden geht es darum, die Atmosphäre des Waldes ebenso in sich aufzunehmen wie auch sekundäre pflanzliche Stoffe aus der Gruppe der Terpene. Gerade jetzt, wo die vielfältigen Freizeitaktivitäten beispielsweise im Sportbereich reduziert sind, da bietet sich ein Spaziergang oder eine Wanderung im Wald an. Da sich das Coronavirus nicht so schnell verabschieden wird, sollten alle Chancen zur Stärkung unseres Immunsystems genutzt werden. Und dies gilt selbstredend auch für die Zeit danach, in der wir hoffentlich wieder mit Freunden oder der ganzen Familie unterwegs sein dürfen. In den vergangenen Jahren wurde auch in Deutschland immer intensiver über die gesundheitlichen Aspekte des Waldes diskutiert, der eben weit mehr ist als ein CO2-Speicher, Freizeitareal oder Holzlieferant.

Grünes Moos.
Vielfältige Moose lassen sich in den Wäldern entdecken. Wer sich auf die Natur einlässt, der findet oft auch wieder Ruhe. (Bild: Ulsamer)

Mal das Moos streicheln

Zwar werden immer wieder Studien zitiert, die sich mit dem Zusammenhang von Wald und Gesundheit beschäftigen, doch zumeist sind die Zahlen der einbezogenen Teilnehmer sehr gering, und es fehlen nicht selten die Vergleichsgruppen der ‚Waldmuffel‘. Hier wollen u.a. die Ludwig-Maximilians-Universität München und die Technische Universität München durch kooperative Projekte im Bereich Wald und Gesundheit Abhilfe schaffen. Die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse untermauern zumindest die Bedeutung, die dem Wald für die psychische und körperliche Gesunderhaltung zukommt. Aufbauend auf eine Recherche wissenschaftlicher Veröffentlichungen zur gesundheitlichen Wirkung des Waldes heißt es in „Die Heilkraft des Waldes. Warum der Wald uns Menschen so gut tut“*: „Im Vergleich zu Aufenthalten in urbanen Umgebungen scheinen Waldaufenthalte antidepressiv und stressreduzierend zu wirken, die kognitiven Funktionen zu verbessern und das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem zu stärken.“ Das klingt auf alle Fälle positiv und sollte uns zu Abstechern in den Wald anregen. Den angesprochenen Terpenen, die für die Kommunikation der Bäume untereinander wichtig sind, wird überdies eine kräftigende Wirkung für das Immunsystem des Menschen zugesprochen: „Vor allem die natürlichen Killerzellen stehen hier im Fokus, da diese nicht nur virusbefallene Zellen im Körper erkennen und abtöten, sondern auch Tumorzellen.“ *

Grüner Frosch zwischen Gräsern in einem Teich.
Tümpel im Wald bieten Lebensraum für Pflanzen und Tiere. (Bild: Ulsamer)

So ganz neu ist die Ansicht, ein Spaziergang oder eine Wanderung durch unsere Wälder trage zur Gesunderhaltung bei, ohnehin nicht. Es hat in vergangenen Jahrhunderten nur niemand auf eine wissenschaftliche Begründung für Spaziergänge oder Wanderungen gewartet. Wie weit sich manche Mitbürger von der Natur entfernt haben, das lässt sich auch daran ablesen, dass der eine oder andere einen ‚Wald-Trainer‘ benötigt, um sich mal wieder Baumrinde aus der Nähe anzuschauen oder mit der Hand über Moos zu streichen. Für mich klingt es zwar etwas skurril, wenn Mitmenschen von einem zertifizierten Coach dazu angeregt werden sollen, sich auch mal auf den Waldboden zu legen und Bäume und Himmel aus dieser Perspektive zu betrachten. Aber wenn es hilft, mehr Menschen für neue Wald-Erfahrungen zu gewinnen, dann sollte uns dies recht sein. Denn bei manchen Joggern oder Mountainbikern bin ich mir nicht sicher, ob sie – nach ihrem geplagten Gesichtsausdruck zu urteilen oder dem Tempo, das sie vorlegen – die Schönheiten der Umgebung überhaupt noch wahrnehmen. Der Wald erlebt derzeit zwar eine Renaissance als Verbündeter im Kampf gegen die Erderwärmung, da Bäume CO2 binden, doch seine Bedeutung für unsere Gesundheit ist zu wenigen Menschen wirklich bewusst.

Herbstlich gefärbter Mischwald.
Wir brauchen mehr Wald und nicht weniger, gerade auch wenn wir die Erderwärmung bremsen wollen. Mischwald ist dabei das Gebot der Stunde. (Bild: Ulsamer)

Lichter Mischwald dient Mensch und Natur

Die Freizeitforschung beschäftigt sich schon länger mit den Aktivitäten, die sich auch im Wald durchführen lassen, und der eine oder andere erinnert sich noch an die hohe Zeit der Trimm-Dich-Pfade, die das Aufkommen der Fitness-Center zumeist nicht überlebt haben. Auch wenn man sich nicht an Geräten plagt, so fördert die Bewegung an frischer Luft doch zumeist das subjektive Wohlempfinden. Wenn immer mehr Menschen über Stress klagen oder mit ihren persönlichen Problemen nicht mehr fertig werden, dann setzen Wissenschaftler zunehmend auf den Wald als ‚Gegenmittel‘. Pillen und Dragees helfen eben doch nicht bei allen Patienten aus einer Sinnkrise! Ob der Wald hier hilft, das wird sich nur im Einzelfall klären lassen, aber jede Chance sollte genutzt werden – auch im gesamtgesellschaftlichen Interesse. „In der Natur fällt es den Menschen leichter, persönliche Probleme zu reflektieren, was sich wiederum positiv auf die Gesundheit auswirkt.“* Gerade auch für Kinder und Jugendliche – Stichwort ‚Waldpädagogik‘ – halte ich das Erleben der Natur für unerlässlich, und hier bieten sich Exkursionen in unser Wälder an, wo je nach Interessenslage Tiere und Pflanzen in den Mittelpunkt rücken können. Durchaus lassen sich aber auch technische Fähigkeiten einbringen – z. B. mit kleinen Wasserrädern an einem Bach.

Ein Mann auf einem Mountainbike fährt durch den Wald.
Wir müssen unsere Wälder schützen, und dies ist eine Aufgabe für die im Forstbereich tätigen Menschen, aber auch für uns alle: Mountainbiker sollten keine Trampelpfade breitwalzen, und alle Gäste sollten keine Spuren – keinen Müll! – zurücklassen. (Bild: Ulsamer)

Eine positive Wirkung wird sich eher entwickeln, wenn man nicht durch eine Baumplantage aus lauter Fichten mit Rückegassen und breiten Schottertrassen marschiert, andererseits sollten wir uns auch nicht auf die wenigen Urwaldpfade konzentrieren. In den letzten Jahren hat sich in weiten Regionen ohnehin die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir auf lichten Mischwald setzen müssen, der sich weitgehend durch Sukzession erneuert, sprich Aufforstungen verlieren gegenüber dem natürlichen Nachwachsen der Bäume aus den vorhandenen Samen an Bedeutung. Damit ergeben sich langfristig Waldflächen mit einer größeren Vielfalt an Bäumen und anderen Pflanzen. Aus wirtschaftlichem Interesse wird der Mensch in weiten Bereichen immer wieder strukturierend eingreifen, aber die ‚große‘ Zeit der Baumplantagen ist vorbei. Mischwald ist nicht nur nachhaltiger und ökologischer, sondern erfreut auch den Spaziergänger und Wanderer, in dem z.B. Lichtspiele durch einfallende Sonnenstrahlen bewusster wahrgenommen werden – und hilft bei gesundheitlichen Problemen vielen Menschen.

Gruppe von Personen, darunter auch Kinder gehen durch eine Allee alter Bäume im Wald.
Nach Corona wird es hoffentlich bald wieder möglich sein, mit der gesamten Familie oder Freunden durch die Wälder zu streifen. Auch im Bayerischen Wald, auf der Insel Usedom oder im Biosphärengebiet Schwarzwald gibt es im Übrigen verschiedene Anbieter, die eine Einführung ins Waldbaden erleichtern. (Bild: Ulsamer)

Die Natur spüren

Rund ein Drittel Deutschlands ist mit Wald bedeckt, wobei im eigentlichen Wortsinn nur rd. fünf Prozent der natürlichen Entwicklung überlassen werden. Etwas mehr als ein Drittel wird als naturnah bezeichnet. Mit unseren bewaldeten Flächen liegen wir in Europa nicht schlecht: Österreich bringt es zwar auf 46 % der Landesfläche, im Vereinigten Königreich (13 %) oder der Republik Irland (11 %) sieht die Situation dagegen gänzlich anders aus. Immer mehr Regionen sehen in Deutschland Chancen, die gesundheitsfördernden Effekte des Waldes für ihre Angebote zu nutzen. In Bayern wurde schon mal ein wichtiger Aspekt abgeklärt: „Dabei zeigte sich, dass etwa die Hälfte aller Reha- und Vorsorgeeinrichtungen in Bayern, also rund 170, weniger als 500 m Wegstrecke vom nächstgelegenen Wald entfernt liegt.“** So bieten sich Ansatzpunkte für solche Rehaeinrichtungen, ihr Angebot zu erweitern, denn es macht selbstredend keinen Sinn, Stunden für den ‚Anmarsch‘ zum Wald aufzuwenden, um dann ein Bisschen Waldluft zu schnuppern. Dies gilt für uns alle: Anfahrzeiten spielen eine Rolle, und der CO2-Fußabdruck in Zeiten des Klimawandels ebenso. Um so wichtiger ist es, die Natur auch in unserer Nähe zu erhalten, und dies gilt für den Wald, und gleichermaßen für eine möglichst vielfältige Landschaft aus Feldern und blühenden Wiesen.

Dicke Stämme und kleinere Bäume mit Bättern werden von der Sonne beschienen.
Wir sollten auch immer beachten, dass wir Gast im Wald sind: Tiere und Pflanzen haben dort ihren Lebensraum. (Bild: Ulsamer)

Nun bin ich zwar Soziologe und daher immer geneigt, mir wissenschaftliche Quellen zu suchen. Aber beim Wald geht es auch um unser ganz persönliches Empfinden. Wenn sich grüne Blätter im leichten Wind in der Sonne wiegen und die Schatten über den Waldboden gleiten, Gras, Moos, Farne oder Büsche um uns sprießen und sich unterschiedliche Bäume gen Himmel recken, kleine Bäche plätschern oder Libellen über Tümpeln flirren, dann wird für mich Wald in besonderer Weise erlebbar. Aber auch Spuren von Rehen, Hasen oder Wildschweinen im Winter verleihen unseren Wäldern ein ganz besonderes Flair und geben uns vielleicht Rätsel auf. Die unterschiedliche Rinde einer Eiche oder einer Esche zu fühlen, die verschiedenen Zapfen von Fichte oder Kiefer in Händen zu halten, dies ist für mich ein echtes Erlebnis. In der ersten Märzhälfte, obwohl die Nächte noch kalt sind, einen Molch oder die Larve eines Feuersalamanders in einer größeren Pfütze zu entdecken oder die Frösche und Kröten in einem Tümpel rufen zu hören, das empfinde ich als Einbindung in die Natur. Und dies ganz ohne wissenschaftlichen Beleg.

Ein schwarzer Käfer krabbelt über einen geschotterten Waldweg.
Die kleinen Käfer auf dem Weg, aufblühende Blumen mit Wildbienen, Sträucher und Bäume verdienen unsere Aufmerksamkeit. Wer sie in Ruhe betrachtet, der entschleunigt auch sein Leben. (Bild: Ulsamer)

Verbindung zur Natur stärken

„Der Wald wird oft als ‚Grüne Apotheke‘ bezeichnet: Er macht den Kopf frei, belebt und erfrischt. Seine heilenden Kräfte werden hier auf 187 Hektar bewusst genutzt. Seit November 2016 ist der Heringsdorfer Küstenwald als 1. Kur- und Heilwald Europas ein großes Natur-Gesundheitsstudio“, so die Internet-Seite ‚heilwald-heringsdorf.de‘. In Mecklenburg-Vorpommern haben sich die für den Tourismus Verantwortlichen – nicht nur auf der Insel Usedom – schon früh mit dem Thema Waldbaden befasst, und dabei zwischen Kur- und Heilwäldern unterschieden. Der Kurwald solle der Prävention, der Heilwald für die medizinische Therapie dienen. Wer später hofft, ‚Anwendungen‘ auch bei den Krankenkassen abrechnen zu können, der muss an den Definitionen feilen. Aber mal ganz ehrlich: Jeder sollte ohne Rücksicht auf abrechnungsspezifische Vorgaben mal wieder in den Wald gehen. Und ihn selbstverständlich ohne Spuren wieder verlassen: Weder Müll noch tiefe Reifenabdrücke von Mountainbikes sollten zurückbleiben. Es wird Fälle geben, wo die Therapie auch in ein Abrechnungsformular passt, doch das wichtigste ist es, die Pflanzen und Tiere im Wald zu achten, zu sehen, zu hören und zu erspüren. Käfer, Ameisen, Wildbienen, Hummeln und Vögel, Waldeidechsen, Molche und Mäuse sowie größere Tiere gehören zum Wald, und wir sollten ihre Bedürfnisse berücksichtigen, denn wir sind der Gast! Nicht Wolf, Luchs, Reh oder Hirsch bedrohen die Wälder, sondern der Mensch, wenn er den Wald als Forstplantage oder Müllplatz betrachtet. Ganz nebenbei: Wenn wir die Erderwärmung bremsen wollen, dann müssen wir nicht nur die Emissionen drastisch zurückfahren, sondern auch mehr Bäume pflanzen.

Gelbe Libelle mit offenen Flügeln im Flug.
Wer sich Zeit lässt beim Spaziergang oder der Wanderung, der sieht auch die kleinen Tiere im Wald. (Bild: Ulsamer)

„Die Verbindung zur Natur ging den Patienten der Klinik im Verlauf ihres Lebens oftmals verloren und muss in der Therapie wiederhergestellt werden“, so die Autoren des Beitrags „Wälder in der Therapie. Wie die Heilkraft der Wälder künftig an Kliniken zum Einsatz kommen könnte“. ** Der eine oder andere wird speziell ausgebildete Mitarbeiter der medizinischen Einrichtungen benötigen, mal reicht auch ein Coach, der auf Vitalpfaden oder ganz normalen Wanderwegen die der Natur entfremdeten Zeitgenossen wieder zur Natur zurückführt. Die Mehrheit von uns wird sicher ganz alleine, zu zweit oder nach Corona, mit der gesamten Familie oder Freunden seinen Weg in den Wald finden. Für meine Frau und mich ist es überraschend, wie wenige Menschen wir jetzt in Zeiten der Kontaktrestriktionen und der geschlossenen Freizeiteinrichtungen bei unseren Stunden im Wald sehen. Treffen sollen wir ja niemanden. Nun, Wald soll auch nicht zum Volksfest werden, daher ist es uns ganz recht, den Wald sozusagen ‚für uns‘ zu haben. Aber so mancher vergibt die Möglichkeit, im Wald stadtnah auf die Natur zu treffen und sich in sie einzufühlen.

Nicht jeder möchte Bäume umarmen oder kann sich für Käfer begeistern, die seinen Weg kreuzen, aber der Wald ist ein Ort, an dem wir unseren ‚Motor‘ mit neuer Energie aufladen können. Dabei gilt: Der Wald, die Tiere und Pflanzen brauchen unseren Schutz!

 

Literaturhinweise:

*Lena Friedmann, Anika Gaggermeier, Michael Suda, Roland Schreiber, Angela Schuh und Gisela Immich: Die Heilkraft des Waldes. Warum der Wald uns Menschen so gut tut, in: LWF aktuell, 4/2018

** Lena Friedmann, Anika Gaggenmeier, Michael Suda: Wälder in der Therapie. Wie die Heilkraft der Wälder künftig an Kliniken zum Einsatz kommen könnte, in: LWF aktuell, 2/2019

 

Ein kleines Rinnsal läuft zwischen bemoosten Steinen und Gras.
Jeder kleine Bach erinnert uns an die Bedeutung des Wassers für unser Leben. (Bild: Ulsamer)

 

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