Deutschland, ein einzig Kippenland

Zigarettenfilter bedrohen unsere Umwelt

Nahezu überall finden sich in deutschen Landen Zigarettenstummel, sei es auf Straßen und Plätzen, in Parks oder auf landwirtschaftlichen Flächen und im Wald. Ganz besonders ins Auge sprangen die achtlos weggeworfenen Kippen bei unserem jüngsten Besuch in Berlin. Unsere Hauptstadt gönnt sich auf Kosten anderer Bundesländer gerne mal einen zusätzlichen Feiertag, doch in Sachen Sauberkeit liegt Berlin gewiss nicht an der Spitze. Kippen sammeln sich auf Gehwegen oder rund um Stadtbäume, obwohl für weggeschnippte Zigarettenreste eigentlich ein Bußgeld fällig wäre. Aber nicht nur in Berlin, sondern von den Alpen bis zur Nord- und Ostsee, von Görlitz bis Duisburg kann man kaum noch einige Schritte gehen, ohne auf die Hinterlassenschaften von Rauchern zu treffen. Kippen sind nicht nur eine Belästigung fürs Auge, sondern eine Gefahr für Wasser und Böden, für Tiere und letztendlich auch uns Menschen. Die politischen Entscheider können sich in der EU, im Bund oder bei den Ländern nicht zu einem harten Vorgehen gegen die Verschandelung unserer urbanen Bereiche und naturnaher Regionen aufraffen, vielleicht weil sie es sich mit den Rauchern unter dem Wahlvolk nicht verscherzen wollen oder selbst gerne eine paffen. Wenn gutes Zureden und Informieren nicht helfen, dann muss ein Kippenpfand her!  Und das Rauchen im öffentlichen Bereich sollte untersagt werden.

Zahlreiche Zigarettenstummel liegen auf einer kleinen Grasfläche.
Schadstoffe verunreinigen Böden und Wasser. (Bild: Ulsamer)

Giftstoffe geraten in die Natur

Immer häufiger frage ich mich, warum ich als Nichtraucher im Außenbereich von Restaurants, im Biergarten, am Seeufer oder Strand den Qualm vom Nachbarn ertragen muss. Ebenso halte ich es für einen schlechten Witz, dass ich als Zahler von Steuern und Abgaben finanziell an den Entsorgungskosten beteiligt werde, die durch das Beseitigen der illegal weggeworfenen Kippen entstehen. Und die Umweltschäden betreffen ohnehin uns alle, auch wenn wir keine Zigarette anrühren, geschweige denn in den Straßenkandel oder ein Blumenbeet werfen. Die Zahl der in der Bundesrepublik täglich konsumierten (versteuerten) Zigaretten ist zwar von 400 Mio. im Jahr 1991 bis 2021 auf 197 Mio. Stück zurückgegangen, doch die Halbierung lässt sich bei den Kippen am Wegesrand leider nicht feststellen. Die Zahl derer, die ihre Kippen in die Landschaft werfen, scheint eher zugenommen zu haben.

Sammelbehälter für Zigaretten aus Plexiglas am Strand. Im Hintergrund das Meer.
40 % der Zigarettenstummel wandern ins Meer, so der Hinweis auf diesem Sammelbehälter im französischen Küstenstädtchen Étretat. (Bild: Ulsamer)

Weltweit geht die Zahl der Raucherinnen und Raucher zwar zurück, allerdings wurden 2019 laut Angaben des ‚Tobacco Atlas‘ fünf Billionen Zigaretten konsumiert. Nach Schätzungen werden ca. 60 bis 80 % der Zigarettenreste nicht ordnungsgemäß entsorgt, sondern in die Umwelt geworfen. Mit diesen Zigarettenstummeln wandern verschiedene giftige Substanzen ins Wasser oder in Böden, so z. B. Nikotin, Arsen, Blei, Chrom, Kupfer, Benzol, Formaldehyd, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Diese Giftstoffe sammeln sich – wie vorgesehen – im Filter, der zwar eher nach Watte aussieht, doch er besteht überwiegend aus Celluloseacetat, einem Kunststoff, der zu Mikroplastik zerfällt. Nicht nur die Giftstoffe gefährden oder töten Lebewesen wie Schnecken und Fische, sondern die kleinen Kunststoffpartikel werden nicht selten von Tieren aufgenommen, die sie mit Futter verwechseln. So heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Bündnis90/Die Grünen aus dem Jahr 2019: „In Versuchen mit Seeringelwürmern (Hediste diversicolor) wurden von WRIGHT et al. (2015) die Auswirkungen von Schadstoffen aus benutzten Zigarettenfiltern untersucht. Bei deutlich geringeren Konzentrationen, als sie aus städtischen Oberflächenabflüssen bekannt sind, zeigten Seeringelwürmer bereits signifikant längere Eingrabungszeiten, Gewichtsverluste von mehr als 30 Prozent und mehr als eine Verdopplung von DNA-Schäden. Weitere Studien wiesen Effekte von Zigarettenfiltern auch auf Schnecken (BOOTH et al. 2015) und Fische (LEE & LEE 2015) nach. Zudem stellen Zigarettenkippen – wie alle kleinen Fremdstoffpartikel – eine Bedrohung für Meereslebewesen dar. Diese können kleine im Wasser befindliche Partikel jeder Art mit Nahrung verwechseln, was zur Verstopfung im Verdauungsapparat mit möglicher Todesfolge oder zum Verhungern mit gefülltem Magen führen kann.“ Und am Schluss der Nahrungskette nimmt dann der Mensch diese Partikel auf.

Ein Häufchen Zigarettenstummel auf Steinboden.
Manche Müllsünder finden überall ein Plätzchen für Kippen und Kronkorken, wie hier auf der Burg Helfenstein bei Geislingen a. d. Steige in Baden-Württemberg. (Bild: Ulsamer)

Härtere Gangart gegen Kippen-Verunreinigung

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Leider nein! Das zeigt sich in unseren Städten und Gemeinden. Die in vielen Kommunen angedrohten Bußgelder für weggeworfene Zigarettenkippen zeigen kaum Wirkung: Wer möchte auch den ganzen Tag hinter Zeitgenossen herlaufen, die zwar gerne ihre Umgebung mit Rauch belästigen, doch zu faul sind, einen für die Kippen vorgesehenen Sammelbehälter anzusteuern. In manchen Stadtgebieten frage ich mich inzwischen generell, wer die Übeltäter im Zaum halten will, wenn er sie gestellt hat. Zigarettenkippen sind der am häufigsten vorgefundene Müll in unserer Welt, und die tausenden von Schadstoffen, die freigesetzt werden, schädigen durch ihren Eintrag in Binnengewässer oder die Meere auch Fische. Dies belegt die Studie von Eli Slaughter u.a. mit dem Titel ‚Toxicity of cigarette butts, and their chemical components, to marine and freshwater fish‘. Wie schnell Giftstoffe aus einem Zigarettenfilter ausgewaschen werden, untersuchten Wissenschaftler der Technischen Universität in Berlin: Rund die Hälfte des Nikotins wird bei Regen, in einer Pfütze oder einem Weiher innerhalb von 30 Minuten ausgeschwemmt. Wasserflöhe, Amphibien oder Fische sind die Leidtragenden und alle Tiere, die ihren Durst an verunreinigten Bächen oder Tümpeln stillen. Je mehr Schadstoffe ins Oberflächenwasser geraten, desto teurer wird die Aufbereitung von Trinkwasser für uns Menschen.

In einer Metallplatte mit Löchern, die den Wurzelbereich eines Baumes schützen sollen, liegen viele Zigarettenstummel.
So mancher Stadtbaum Unter den Linden in Berlin und anderswo hat nichts zu lachen bei all den Schadstoffen aus Zigarettenstummeln. (Bild: Ulsamer)

In einer freiheitlichen Gesellschaft fällt es schwer, Verhaltensänderungen zu erzwingen. Und dies ist im Regelfall auch gut und richtig. Wenn jedoch die Mitmenschen, Tiere und Pflanzen, ja die Umwelt im weitesten Sinne durch unsoziales Verhalten gefährdet werden, dann erwarte ich mehr als laue Sonntagsreden von den politischen Entscheidern. „Sensibilisierung“ der Raucher sei wichtig, so heißt es auch bei der EU, damit diese ihre Zigarettenreste sachgerecht entsorgen. Information und gutes Zureden sind sicher wichtig, aber mal ganz ehrlich, wer heute noch nicht weiß, dass weggeschnippte Kippen gefährlich für die Umwelt sind, der muss gesellschaftlichen Druck spüren. Sammelsysteme – wie ‚TobaCycle‘ – können einen Teil der Kippen sogar einem Recycling zuführen, und sollten daher ausgebaut werden. Doch es wird ein harter Kern unbelehrbarer Mitbürger übrigbleiben, bei dem nur ein hohes Zwangspfand, durchgesetzte Bußgelder für das illegale Wegwerfen von Kippen und ein Rauchverbot im öffentlichen Raum helfen werden. Umweltverschmutzung muss bestraft werden, und dies gilt auch für das Wegwerfen von Kippen in Stadt und Land! Wo Aufklärung nichts fruchtet, müssen Strafen folgen! Deutschland darf nicht länger zu einem Kippenland verkommen.

 

Einige Zigarettenstummel und eine gelbe Löwenzahnblüte.
Es lässt sich kaum noch ein Ort ohne Kippen finden. Und beim nächsten Regen über Esslingen fließen die Schadstoffe in den Neckar. (Bild: Ulsamer)

 

Ein Sperling auf Pflastersteinen ganz nahe an einer Kippe.
Vögel tragen nicht selten Zigarettenkippen als Baumaterial für den Nestbau ein und gefährden damit sich selbst und die Küken. „Die Zigarettenreste sondern in den Nestern toxische Substanzen, wie Nicotin oder z.B. Ethylphenol, Schwermetalle (z.B. Titandioxid), Propylenglykol, verschiedene Insektizide und sogar Zyanid, ab, die den Tieren schaden können und sich negativ auf die Fortpflanzung auswirken können“, so die Umweltorganisation BUND. „Bei monogamen Arten mit klaren Rollenverteilungen wie dem Hausgimpel konnte bei den Weibchen, die mehr Zeit zum Nestbauen und Brüten aufwenden, stärkere toxische Belastungen nachgewiesen werden. Besonders die Küken in den Nestern zeigen genotoxische Schäden, also Veränderungen im genetischen Material der Zellen durch die chemischen Stoffe.“ (Bild: Ulsamer)

 

Zigarettenstummel und Kronkorken auf brauner fester Erde.
Vor Sitzbänken in Stadt und Flur geben sich besonders gerne Kippen und Kronkorken die ‚Ehre‘. Die Vermüllung nimmt zu. (Bild: Ulsamer)

 

Mehrere Stummel und ein kleines grünes Pflänzchen umrandet von Natursteinen.
Und beim nächsten Regen in Tübingen bekommt das zaghafte Pflänzchen einen Schwung Nikotin und andere Schadstoffe ab. (Bild: Ulsamer)

 

Sammelbehälter für Kippen in Berlin.
Es gilt, die Sensibilität für Umweltgefahren zu schärfen. Gute Frage: Wieviel Liter Wasser werden durch eine Kippe verunreinigt? Die Meinungen gehen auseinander und reichen von 50 bis 1 000. Eines ist klar, dies belegen verschiedene Studien, viele Tiere im Wasser werden geschädigt oder sterben an Nikotin und weiteren Schad- bzw. Giftstoffen aus weggeworfenen Kippen. (Bild: Ulsamer)

 

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Unzählige Zigarettenstummel liegen in einem Metallgitter mit kleinen Quadraten.Eine Studie von Amy L. Roder Green u.a. in Berlin ergab 2,7 Zigarettenstummel pro Quadratmeter, wobei die Zahlen an den untersuchten Orten auch auf bis zu 48,8 hochschnellten. Dies klingt viel, doch hätten die Autoren der Untersuchung ‚Littered cigarette butts as a source of nicotine in urban waters‘ den im Bild gezeigten Quadratmeter im Bereich des S- und U-Bahnhofs Warschauer Straße in Berlin analysiert, dann wäre die Zahl der umweltgefährlichen Zigarettenreste noch weiter in die Höhe geklettert. (Bild: Ulsamer)

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