Deutschland braucht mehr blühende Wiesen

Hummeln, Bienen und Schmetterlinge suchen Nektar und Pollen

Spazierengehen oder Wandern ist auch in Corona-Zeiten möglich, und dann wird uns bewusst, dass sich die in den Hintergrund getretenen Defizite beim Naturschutz inzwischen nicht von alleine gelöst haben. Wie könnte es auch anders sein. Eine ausgeräumte Landschaft, in der Inseln aus Büschen oder Bäumen fehlen, und in der an vielen Ackerflächen Feldraine mit Blühpflanzen verschwunden sind, zeigt das Problem: Wo sollen hier Bienen, Hummeln oder Schmetterlinge leben und Nahrung finden? Großflächiger Anbau auf Feldern, aber nicht selten auch Stangenforst statt Mischwald haben unsere Natur verändert, vielfach zerstört. Mais- oder Fichtenplantagen tragen allemal nicht zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Und viele Tümpel wurden zugeschüttet, Kleingewässer sind durch Gülle überdüngt. Im städtischen Bereich tragen Schotterflächen und Einheitsrasen in Gärten und Parks ebenfalls zum Schwund bei Hummeln oder Schmetterlingen bei. Wenn Kommunen in die Fläche hinaus wuchern oder immer neue Verkehrstrassen die Rest-Natur zerschneiden, dann muss man sich nicht wundern, wenn zahlreiche Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum verlieren. Um so wichtiger ist es, jede Chance – auch auf kleinen Flächen – zu nutzen, um mehr blühende Pflanzen für die Insekten heranwachsen zu lassen. Blühende Wiesen braucht das Land!

Hummel an einer blühenden Pfanze.
Hummeln, Wildbienen und Schmetterlinge werden nicht nur in Deutschland immer seltener, sondern z.B. auch in Irland. (Bild: Ulsamer)

Wenn blühende Feldraine verschwinden

Politiker können sich nicht um alles gleichzeitig kümmern, das ist verständlich. Aber wir müssen aufpassen, dass Umwelt- und Naturschutz nicht als zweitrangig angesehen werden, wenn es um den Wiederaufbau angeschlagener Volkswirtschaften in der ‚Nach‘-Corona-Zeit geht. Viele schütteln zurecht den Kopf, wenn sie Fotos von wieder eröffneten chinesischen Wildtiermärkten sehen, doch lautlose Missfallenskundgebungen werden nicht zu verstärktem Schutz der Natur führen. Die Chinesen müssen aufhören, alles zu vertilgen, was fliegt, krabbelt oder bellt, das ist für mich keine Frage. Ansonsten kommen weitere Sars-Seuchen auf uns zu. Unser Einfluss auf das Essverhalten der Chinesen ist gering, doch wir können unsere EU-Agrarpolitik auf Ökologie und Nachhaltigkeit ausrichten. Aber nicht nur auf unseren Feldern brauchen wir eine Neuorientierung, sondern auch in unseren Wäldern und Kommunen. Brachflächen sind überall Mangelware, obwohl gerade auf ihnen Tiere und Pflanzen einen Rückzugsraum finden.

Asphaltierter Weg in der Mitte, links und rechts kaum noch erkennbar der Feldrain mit etwas grünem Gras. Die Äcker grenzen fast unmittelbar an den Weg an.
Häufig wird der Feldrain immer stärker minimiert, so dass von einem Randstreifen zwischen dem Feld und dem Wirtschaftsweg kaum etwas zu sehen ist: Für Blühpflanzen, Gebüsch und Insekten bleibt nichts übrig. Aber auch Feldhasen, Igel oder Rebhühner finden in einer ausgeräumten Landschaft keinen Schutz. (Bild: Ulsamer)

Seit Jahren zeigen kompetente Wissenschaftler klare Zusammenhänge zwischen der Abnahme von Insekten und einer immer intensiveren Landwirtschaft auf, in der häufig die chemische Keule regiert. An dieser Stelle möchte ich erneut betonen, dass sich meine Kritik nicht an den einzelnen Landwirt richtet, sondern an die Politik, die durch Gesetze und Verordnungen in Deutschland und der EU falsche Anreize gesetzt hat: Die immer intensivere Bewirtschaftung der Flächen und die Massentierhaltung sind auch eine Folge einer Landwirtschaftspolitik, die „greening“ als Tarnung für die Ausbeutung der Natur, die Schädigung von Pflanzen und Tieren missbraucht. Wo sollen denn Hummeln, Wildbienen oder Schmetterlinge Nektar und Pollen finden, wenn Ackerraine oft kaum noch zu erkennen sind? Und wo sollen Igel und Feldhase leben, wenn ihnen der Unterschlupf geraubt wird? Wo sollen Feldlerchen ein Plätzchen mit schütterem Bewuchs finden, wenn Maiskulturen für die Biogasanlagen nicht selten dominieren?

Zitronenfalter an einer gelben Löwenzahnblüte.
Überwinternde Zitronenfalter sind Frühlingsboten. Blüten an Feldrainen oder an den Rändern von Waldwegen werden eifrig angeflogen. (Bild: Ulsamer)

 Schmetterlinge und Hummeln in Gefahr

Wenn Trecker-Piloten gen Berlin zogen, um gegen die neue Düngeverordnung zu protestieren, dann habe ich mich gefragt, in welche Zukunft sie wohl tuckern wollen! Meine Vorstellung von einer nachhaltig handelnden Gesellschaft entspricht wohl kaum den bäuerlichen Kreuzzüglern! Die Überdüngung verseucht nicht nur unser Grundwasser, sondern schädigt auch die Artenvielfalt. Auf eine reichliche Portion an Insektiziden, Herbiziden, Pestiziden oder Neonics setzen weiterhin viele Bauern, obwohl sie bekanntermaßen viele Tierarten bedrohen. Zaghaft soll der Bio-Agrarbereich weiter ausgebaut werden, dies haben sich zumindest auch die Landesregierungen in Bayern und Baden-Württemberg aufs Panier geschrieben – geschoben und gedrängt durch bürgerschaftliches Engagement. Das Volksbegehren Artenvielfalt ‚Rettet die Bienen!‘ setzte in Bayern Maßstäbe, und Ministerpräsident Markus Söder erkannte die Chance, das Thema aufzugreifen und politisch zu nutzen. Es ist zu hoffen, dass die Forderungen auch wirklich umgesetzt werden. Gleiches gilt für Baden-Württemberg – und natürlich alle anderen Bundesländer.

Weiße Buschwindröschen unterhalb einer grauen Leitplanke aus Metall.
Jede Blüte zählt: Brachflächen, Böschungen an Straßen, Parks und Gärten haben noch viel Potential. (Bild: Ulsamer)

Wir alle erleben seit Jahren den katastrophalen Schwund der Insekten in Deutschland und anderen europäischen Staaten. Dies belegen Wanderungen durch Wiesen und Wälder: Immer häufiger fehlen die spezifischen Insekten. Auch an Seen, Bächen und Kleingewässern muss man Libellen zumeist schon suchen. Der Entomologische Verein Krefeld, der sich seit über 100 Jahren der wissenschaftlich orientierten Insektenkunde widmet, hat in einer Langzeitstudie von 1989 bis 2016 einen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten von über 75 % festgestellt – und dies in über 60 Naturschutzgebieten. Ganz folgerichtig ist der Schwund an Insekten auf landwirtschaftlichen Monokulturen noch dramatischer. Der NABU Baden-Württemberg hat über 20 Studien zusammengetragen, die allesamt den Schwund an Insekten belegen. Studien gibt es genügend, die das Verschwinden der Insekten belegen, jetzt muss gehandelt werden.

Biene auf weißer Obstbaumblüte.
Wespen, Wildbienen und ihre Kolleginnen, die Honigbienen, sind wichtige Bestäuber. (Bild: Ulsamer)

Globaler Rückgang der Insekten

Das Insektensterben ist kein rein europäisches Phänomen. So haben australische Autoren 73 Studien ausgewertet, in denen es um Insekten ging und ihre Zusammenfassung in der Zeitschrift ‘Biological Conservation‘ veröffentlicht: Der Rückgang der Kerbtiere lasse sich weltweit feststellen, und deren Biomasse habe jährlich einen Schwund von 2,5 Prozent. Besonders dramatisch verlaufe der Rückgang bei Schmetterlingen und Bienen, und auch Wespen und Ameisen seien – wie der Dungkäfer – elementar betroffen.

Lange Reihe heller Bienenstöcke aus Holz auf grünen Kisten. Zahlreiche Bienen schwärmen vor den Eingängen.
Honigbienen sind unerlässliche Helfer der Obstbauern. Die Zunahme der Hobbyimker ist nur dann positiv zu sehen, wenn auch die blühenden Wiesen und Bäume zunehmen: ansonsten nimmt nur der Nahrungswettbewerb zwischen Honig- und Wildbienen zu. (Bild: Ulsamer)

Zu den zentralen Ursachen gehören nach dieser Studie der Verlust an Lebensraum durch die intensive Landwirtschaft, sowie die Ausdehnung von Städten und Verkehrswegen. Düngemittel und Pestizide – dazuhin Neonikotinoide – gefährden das Überleben von Insekten. Francisco Sánchez-Bayo vom Sydney Institute of Agriculture kommt in dem Report zu dem Schluss, dass alles getan werden müsse, um den Insektenschwund aufzuhalten, denn er befürchtet ansonsten einen „catastrophic collapse of nature’s ecosystems“.

Kleine Hummel mit langem Rüssel an einem hellen Wiesenschaumkraut.
Insekten brauchen wieder mehr Blühpflanzen! (Bild: Ulsamer)

Vielfältige Wiesen sind gefragt

Zu den zentralen Problemen, die unseren Insekten ihr Dasein verleiden, gehören der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden als Teil der industriellen Landwirtschaft, und zusätzlich die großflächige Mahd. Mit modernen Geräten können auch 20 Hektar große Wiesen an einem Tag gemäht werden. Wenn dann noch das Gras umgehend als Winterfutter abtransportiert wird, landen viele Insekten in den mit Kunststoffbahnen verpackten Grasballen. Diejenigen, die sich zunächst noch hatten retten können, droht ein ungutes Schicksal: Sie finden keinen Unterschlupf und werden z.B. von Krähen verspeist. Gehen Sie doch mal über eine solche großflächig gemähte Wiese! Sie werden sich wundern, wie wenige Grashüpfer dort wirklich noch unterwegs sind. Auch vor der Mahd erschrecke ich immer wieder über die geringe Vielfalt an Insektenarten auf solchen Wiesen. Und wann haben Sie denn zuletzt ein Heupferd gesehen?

Weißer Schmeterlin an Wisenschaumkrautblüten.
Insekten werden von der industriellen Landwirtschaft ebenso bedroht wie vom Flächenfraß, Schottergärten oder ständig kahlrasiertem Rasen. Wir müssen ihre Lebensräume schützen! (Bild: Ulsamer)

Über Jahrzehnte wurde das Grünland zugunsten von Ackerflächen vermindert, und damit verschwanden Magerwiesen, die noch eine gewisse Vielfalt an Blühpflanzen auszeichnete. Brachflächen sind – nicht zuletzt durch den erhöhten Flächendruck – gleichfalls verschwunden, Blühstreifen an Ackerflächen sind inzwischen ebenfalls Mangelware. Einzelne Blühstreifen sind im Übrigen nicht allein die Lösung des Problems, da diese eher mit überdimensionalen Blumenbeeten zu vergleichen sind, die zwar kurzfristig das Nahrungsangebot erhöhen, aber ohne überjährige Pflanzen, die Schutz bieten, sind sie dauerhaft nicht zielführend. Es muss auch der Verinselung entgegengewirkt werden: Die ökologischen Rückzugsbereiche müssen Trittsteine eines Systems werden, das die Wanderung der Insekten und anderer Tiere erlaubt. Ein zu hoher Stickstoffeintrag bedroht jedoch auch die Entwicklung der naturnahen Flächen. Eine Überweidung trägt ebenfalls zum Rückgang der Insekten bei. Nicht vergessen dürfen wir bei nachtaktiven Insektenarten die Lichtverschmutzung in unseren städtischen Bereichen, die sie nicht selten das Leben kostet.

Biene auf einer gelben Löwenzahnblüte.
Löwenzahn weist oft auf Überdüngung hin, doch sie sind auch wichtige Nahrungsquelle für Insekten. (Bild: Ulsamer)

Paradiese für Insekten schaffen

Hummeln, Bienen, Schmetterlinge, Ameisen, sind genauso wie Vögel, Fledermäuse, Regenwürmer, Feldhasen, Rebhühner, Waldschnepfen und Igel auf dem Rückzug. Wir alle müssen jetzt gemeinsam handeln und ihre Lebensräume sichern. Dabei kommt es sowohl auf kleine Flächen im ländlichen oder urbanen Bereich an, als auch auf breite und unendlich lange Böschungen an Bundesstraßen und Autobahnen, die aufgewertet und so neuen Lebensraum für Insekten bieten können. Und würde die Deutsche Bahn nicht fleißig Herbizide versprühen, dann wäre das Umfeld der Gleisanlagen auch ökologisch interessanter. Es ist schon ein Wunder, dass sich Eidechsen im Schotterbett wohlfühlen.

Gerade auch in den Gärten lässt sich viel verbessern: Schotter raus und Mähroboter abstellen! Wer in einem Steinbruch leben möchte, der sollte umziehen, und wer Kurzhaarschnitt beim Rasen bevorzugt, der kann hoffentlich bald wieder auf den Fußballplatz. Selbst in unserem Minigarten überwinterte schon einige Male ein Igel, ein Eichhörnchen besucht die Futterstelle, die eigentlich für Meisen, Rotkehlchen, Buch- und Grünfinken gedacht ist. Mönchsgrasmücken erfreuen uns mit ihrem ungewöhnlichen Gesang, Ringel- und Türkentauben machen Station an der Vogeltränke und ein Pärchen Eichelhäher hat in einer alten und von Efeu überwucherten Esche ein Nest gebaut. Amseln erfreuen sich an den Efeubeeren, die wir auf Geheiß der Stadtverwaltung Esslingen am Gehweg zurückschneiden mussten. Inzwischen sind auch einige ‚Zimmer‘ im Insektenhotel belegt. Obwohl wir wirklich keine ‚Hobbygärtner‘ sind und die Gartenfläche eher mit der Größe eines Geschirrtuchs vergleichbar ist, sind wir erstaunt, wer sich alles dort tummelt.

Rötliche Blüten und weiße Margeriten in einer üppigen Blühwiese.
Artenreiche Wiesen sind immer stärker einem Einheitsgrün oder Ackerflächen zum Opfer gefallen. Dies muss sich wieder ändern. (Bild: Ulsamer)

Lasst die Blumen blühen!

Bei aller Kritik sehe ich auch positive Ansätze in der Biolandwirtschaft, aber auch bei konventionell arbeitenden Bauern, die sich an ökologischen Kriterien orientieren. Wälder werden nachhaltiger nach FSC- oder PEFC-Standards bewirtschaftet, und in Nationalparks oder in den Kernzonen von Biosphärengebieten werden Waldflächen aus der Bewirtschaftung genommen. Insekten und viele andere Tierarten haben dort Überlebenschancen.

Lichter Mischwald mit Wiese am Rand.
In lichten Mischwäldern kann sich Artenreichtum erhalten und entwickeln. (Bild: Ulsamer)

Glyphosat & Co. gehören weder auf unsere Felder noch in Parks oder Gärten, denn die chemische Keule erschlägt die Vielzahl an blühenden Pflanzen, die wir so dringend brauchen. Ein aufgeräumtes Zimmer mag Vorteile haben, doch eine ausgeräumte Landschaft und akkurate Vorgärten mit Schotter und einem Bonsaibaum helfen Insekten wirklich nicht weiter. Der Schwund bei Hummeln, Wildbienen oder Schmetterlingen ist nur ein erstes Alarmzeichen, denn auch so manche Vogelart ist auf dem Rückzug. Wie sollen die meisten bei uns heimischen Vögel ihre Jungen aufziehen, wenn die Insekten fehlen? Blühende Wiesen braucht das Land! Wir müssen Tiere und Pflanzen besser schützen! Es wird Zeit, dass wir die Blumen, Büsche und Pflanzen wieder blühen lassen.

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