Der Star – vielseitiger Sänger und Formationsflieger

Ein früherer ‚Allerweltsvogel‘ ist bedroht

Stare machen sich zunehmend rar, obwohl sie noch zu den häufigsten Vogelarten in Deutschland gehören. Und so mancher Weingärtner oder Besitzer von Kirschbäumen atmet auf, wenn die dunkel gefiederten Vögel keinen Massenangriff auf seine begehrten Früchte vortragen. Doch die Stare bekommen wir immer seltener zu Gesicht, und dies ist kein subjektiver Eindruck, denn der Vogelschutzbericht 2019 der Bundesregierung vermeldet einen traurigen Rückgang um über die Hälfte seit 1988. Den Staren macht wie Amseln, Drosseln und Finken der Verlust an Lebensraum zu schaffen, den sie gerade durch eine Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft erleiden. Und selbst die Flucht aus der ausgeräumten landwirtschaftlichen Feldflur in die städtischen Gärten und Parks kann den Niedergang nicht wirklich abmildern. Den Staren fehlen zwar nicht die Nisthöhlen von Spechten im Laubwald, es ist der Weg zu ergiebigen Weideflächen, der immer länger wird. Für die Aufzucht der Küken brauchen die Stare Würmer und Insekten von Flächen mit niedrigem Grasbewuchs und ohne chemische Keule. Der Star, Vogel des Jahres 2018 des NABU, ist inzwischen als gefährdet auf der Roten Liste gelandet.

Ein gefleckter Star auf einer Weide.
Dieser junge Star hat es auf einer Weide mit extensiver Nutzung noch gut. Der dramatische Rückgang der Stare ist kein Einzelfall, sondern viele Vogel- und Insektenarten sind bedroht. Wir brauchen eine Neuausrichtung der EU-Agrarsubventionen, denn das jetzige System vernichtet bäuerliche Existenzen und die Natur ebenso. (Bild: Ulsamer)

Industrielle Landwirtschaft verdrängt die Stare

Im Grunde ist es kein Wunder, sondern eine folgenrichtige und gleichzeitig fatale Entwicklung, wenn auf das Sterben der Insekten das ebenso leise Verschwinden vieler Vogelarten folgt. Betroffen sind gerade die Vögel, die für sich selbst oder ihre Jungen Insekten als Nahrung benötigen. In Mais- und Rapsmonokulturen ist nichts zu holen, wenn dort auch noch die Hexenküche brodelt: Insektizide, Herbizide, Pestizide, Neonikotinoide, Glyphosat & Co. zerstören das Gleichgewicht in den Resten unserer Natur. Pflanzen, die nicht ins Einheitsbild der industriellen Landwirtschaft passen, werden ebenso gekillt wie Insekten oder Würmer, die eine gute Mahlzeit für die Stare abgeben würden. Selbst die Hecken mit Brombeeren fehlen in der Agrarlandschaft unserer Tage, in denen auch – als Folge der Flurbereinigungen – kleine Schläge verschwunden sind. Mit größeren Maschinen lassen sich gewaltige Flächen intensiv bearbeiten, und da würden Hecken, Bauminseln, Tümpel oder Felsbrocken nur stören. „Der Trend ist eindeutig: Im Jahr 1950 gab es in der damaligen Bundesrepublik Deutschland 2 Millionen Bauernhöfe, 2017 waren es nur noch 270.000“, so die Wissenschaftssendung Quarks. „Die landwirtschaftliche Fläche ist aber nicht einfach verschwunden, sondern wurde unter immer weniger Betrieben aufgeteilt. Deshalb ist auch die Fläche pro Betrieb deutlich gestiegen: Vor 60 Jahren war ein Hof im Schnitt 7,5 Hektar groß, heute sind es 62,3 Hektar. Die Zeit der kleinteiligen Landwirtschaft ist also vorbei.“ Dies bedeutet gleichzeitig, dass der Lebensraum für Vögel, Insekten, Feldhasen oder Igel immer mehr zusammengeschmolzen ist.

Stare aufgereiht auf zwei Stromleitungen.
Stromleitungen sind ein Sammelpunkt für Stare. Und wenn noch einer eintrifft, dann rücken die anderen einfach weiter. Stare leben gerne in Kolonien zusammen. (Bild: Ulsamer)

So mancher Feldhase ist in städtische Parks umgesiedelt, Igel haben es sich in Gärten so gemütlich wie möglich gemacht, und Stare wohnen im urbanen Raum in Nistkästen statt in Baumhöhlen, die ein freundlicher Specht für sie gezimmert hat. Schottergärten und Glyphosatspray für den Hobbygärtner dezimieren aber auch in den Städten das Nahrungsangebot für Stare. In Mode kommen immer häufiger Pflanzen, die keinen Nektar für Wildbienen anbieten oder keine Früchte mehr tragen. Wo sollen die Stare da noch ihr ‚Auskommen‘ finden? ‚Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar‘, so hieß es 1835 in einem Gedicht von Hoffmann von Fallersleben, zu dem Ernst Richter eine erste Vertonung beisteuerte. In diesem bekannten Kinderlied heißt es:

„Alle Vögel sind schon da,
alle Vögel, alle.
Welch ein Singen, Musiziern,
Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern!
Frühling will nun einmarschiern,
kommt mit Sang und Schalle.“

Vielerorts ist jetzt allerdings Stille eingekehrt, zumindest was die natürlichen Sänger mit Federn oder das Brummen von Wildbienen und Hummeln angeht. Der Lärm, den wir Menschen mit Maschinen, Autos, Motorrädern, Zügen oder Flugzeugen beisteuern, übertönt immer häufiger den einst vielstimmigen Chor der Stare. Ihr Konzert ist selten geworden, mancherorts ganz verstummt, auch wenn z. B. in Rom noch hunderttausende von Überwinterungsgästen ihre Formationsflüge zeigen.

Starenschwarm über einem Weinberg, im Hintergrund Industrieanlagen.
Stare werden immer seltener zu sehen sein, darüber können auch Starenschwärme bei einer Zwischenstation in den Süden nicht hinwegtäuschen. Durch ihre Formationsflüge schützen sich die Stare vor Greifvögeln, die kaum ein einzelnes Beutetier fixieren können. (Bild: Ulsamer)

Immer weniger Stare am Himmel

In meinem Beitrag ‚Amsel, Drossel, Fink und Star und die schwindende Vogelschar‘ finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, viele Details zum Siechtum, das wichtige Vogelarten erfasst hat. Hier nur kurz eine Gesamtzahl, gewissermaßen zur Erinnerung: „Deutschland hat in nur zwölf Jahren rund 12,7 Millionen Vogelbrutpaare verloren“, so der NABU – „das entspricht einem Minus von 15 Prozent“, und es gab “die stärksten Rückgänge beim Star“. Wir dürfen das unauffällige und langsame Verschwinden von früher weit verbreiteten Vogelarten nicht aus dem Blick verlieren, auch wenn es beim Schwarzstorch, Uhu, Seeadler oder Kranich positive Bestandsentwicklungen gibt: Diese Signale für einen Aufwärtstrend verdanken wir intensiven Schutzaktivitäten und nicht einer generellen Verbesserung der Lebensräume von Vögeln. So schreibt Johanna Romberg in ihrem Buch ‚Federnlesen. Vom Glück, Vögel zu beobachten‘ über den Star, dass in „Deutschland bis zu vier Millionen Brutpaare“ leben, aber: „Das sind jedoch weniger als halb so viele wie noch 1990; seit der Jahrtausendwende befinden sich die Bestände im freien Fall.“ Und der Vogelschutzbericht der Bundesregierung, der von der EU-Kommission in eine EU-weite Bestandsaufnahme integriert wird, geht nur noch von 2,6 bis 3 Mio. Brutpaaren von Staren in Deutschland aus. Das Bild verdüstert sich somit weiter!

Älterer roter Traktor auf einer Wiese beim Heuwenden. Die Wiese ist umgeben von eine Steinmauer bzw. einer Fuchsienhecke. Möwen suchen nach Beutetieren.
Da mag Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner noch so lange über die ‚Bullerbü‘-Landwirte lästern: Kleinräumige Bearbeitung von Wiesen und Äckern hat für die Natur viele Vorteile. (Bild: Ulsamer)

Das Umbrechen vieler Wiesen hat den Staren ebenso Lebensräume genommen wie Monokulturen bis zum Waldrand. Gerade an den Rändern von Laubwäldern fanden die Stare einst auf den Weideflächen die Nahrung für ihre Küken, die sie in den nahegelegenen Niststätten, zumeist ehemalige Spechthöhlen, aufzogen. Zwar sind die Spechte nicht weniger geworden, doch die Wege von den Bruthöhlen bis zu einem Platz, an dem sich Futter finden lässt, wurden durch die Intensivierung der Landwirtschaft immer länger: Ab einer gewissen Distanz und bei sinkendem Nahrungsangebot können Stareneltern ihre Jungen nicht mehr ernähren. Negative Auswirkungen dürften auch die Dürrejahre seit 2018 haben, denn mit ihnen sinkt das Angebot an Würmern und bestimmten Insekten auf und im trockenen Boden weiter. Parks und gerade auch Friedhöfe mit ihrem alten Baumbestand sind zu einem Zufluchtsort für Stare im urbanen Bereich geworden, doch dies reicht nicht aus, um ihren Bestand zahlenmäßig zu sichern.

Zwei Schafe mit heller Wolle, auf einem sitzt ein Star.
Stare sind bei Weidetieren gern gesehene Gäste, denn sie sammeln allerlei Getier aus Wolle und Fell ab. (Bild: Ulsamer)

Wenn der Kuhfladen fehlt

Die bedrohliche Einschränkung des Lebensraums der Stare hat vielfältige Ursachen. Auf einige bin ich schon eingegangen. Zu lange wurde gerade in der Agrarpolitik an vielen Stellschrauben gedreht, ohne dass die Nebenfolgen beachtet worden wären. Wenn heute immer mehr Rinder in immer gigantischeren Massenställen ihr Dasein fristen, dann fehlen den Staren auch die frischen Kuhfladen auf der Weide. Diese lockten Insekten an, die sich die Stare dann recht einfach einverleiben konnten. Die massenhaft verteilte Gülle einschließlich von Gärschlämmen aus Biogasanlagen schafft hier keinen Ausgleich, ganz im Gegenteil: die Gülleflut zerstört die Artenvielfalt und mindert das Angebot an Insekten oder Würmern für die Stare. So würde eine Rückkehr zur Weidewirtschaft nicht nur Rindern und Schweinen Leid ersparen, sondern auch Insekten und Vögeln helfen. Das Angebot an Billigfleisch würde abnehmen, und Fleisch bekäme wieder seinen ursprünglichen Wert zurück: der Sonntagsbraten hatte nicht von ungefähr diesen Namen! Wo statt Weidewirtschaft auf Silage für die Stalltiere gesetzt wird, da wird mehrfach im Jahr gemäht, und für Stare sinkt das Nahrungsangebot.

Star fliegt aus einer Spechthöhle aus und transportiert den Kot der Jungen ab.
Diese Starenfamilie hat Glück gehabt und in Esslingen am Neckar eine Baumhöhle auf einer Streuobstwiese als Nistplatz gefunden. Doch nicht weit entfernt- im ‚Greut‘ – soll eine Wiese mit Streuobstbäumen überbaut werden. Kein Wunder, dass Staren nicht nur die Nahrung, sondern auch der ‚Wohnraum‘ fehlt. (Bild: Ulsamer)

Im Laufe der Jahrzehnte gingen viele alte Bäume verloren, in denen Stare nisten konnten: Alleen mussten breiteren Straßen weichen, Streuobstwiesen sind mit Wohnungen überbaut worden und in so manchem Forst gibt es Stangenholz, aber keine Spechthöhlen. Nicht nur Nistplätze sind rar geworden, sondern auch Schilfrohrbestände, in denen große Schwärme vor dem Flug in den Süden die Nächte verbringen können. Entwässerung, das Verschwinden von Brachflächen und der Umbruch von Grünland sind weitere Faktoren, die es Staren immer schwerer machen, in Deutschland zu überleben. Einige Bauern setzen statt auf Rinder nun auf Pferde, die bei ihnen von den Besitzern eingestellt werden: dann sehen wir zwar wieder Vierbeiner auf den Weiden, doch wenn den Pferden Ivermectin gegen Fadenwürmer, Läuse, Milben oder Zecken verabreicht wird, vergiftet der Kot auch Wirbellose im Boden, wodurch sich das Nahrungsangebot für Stare weiter verringert – wie Bernd Kopp,  Leiter der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein und Hamburg, auf der Internetseite des NABU Schleswig-Holstein berichtet.

Ein Star bei der Futtersuche vor grünem Bewuchs. Die Federn schimmern schwar und bläulich.
Der Star macht sich rar! Zwar wird der Star noch fröhlich im Kinderlied besungen, doch ‚Amsel, Drossel, Fink und Star und der ganzen Vogelschar‘ geht es nicht nur in Deutschland immer schlechter. Der British Trust for Ornithology geht davon aus, dass z. B. im Vereinigten Königreich die Stare seit Mitte der 1970er Jahre um 66 % abgenommen haben. (Bild: Ulsamer)

Wir müssen für die Stare unsere Stimme erheben

Den Bestand der Stare werden wir längerfristig nur absichern können, wenn wir eine Neuorientierung der EU-Agrarpolitik durchsetzen können! Auch wenn die Ex-Weinkönigin und deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner auf eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft setzt und ökologisch und nachhaltig arbeitende Betriebe als ‚Bullerbü‘-Landwirte lächerlich macht, so ist doch das Gegenteil richtig: Wir müssen im Agrarbereich wieder regionaler, kleinräumiger und am Wohl von Tieren, Pflanzen und Boden arbeiten. In Wirklichkeit lenkt Julia Klöckner nur von der Tatsache ab, dass nicht nur bäuerliche Familienbetriebe, sondern auch Insekten und Vögel unter der derzeitigen EU-Agrarpolitik leiden. Inspiriert zu diesem Blog-Beitrag hat mich ein Konzert aus 200 Schnäbeln. Und trotz der Corona-Abstandsregeln gastierten die gefiederten Sänger aufgereiht auf Hausdach und Stromleitung. Es war schon ein tiefempfundenes Glück, so viele Stare nicht nur zu sehen, sondern sogar laut zwitschernd für längere Zeit hören zu dürfen.

Rund 200 Stare sitzenn auf einem dunklen Hausdach und einer Stromleitung daneben.
Große Starenkonzerte – wie hier im irischen Kerry – sind selten geworden, denn die Zahl der Schnäbel nimmt gerade auch bei den Staren ab. Seit 1988 hat sich die Starenpopulation in Deutschland laut Vogelschutzbericht 2019 der Bundesregierung mehr als halbiert. (Bild: Ulsamer)

Am westlichsten Zipfel Irlands, in Kerry, dominieren noch extensive Schafbeweidung und Milchkühe, die fast das ganze Jahr auf der Weide stehen, und dies in kleinräumigen Strukturen, was den Staren wohl das Leben erleichtert. Doch auch in Irland werden Insekten und Vögel seltener, obwohl Fuchsien- und Brombeerhecken zwischen den Weideflächen Schutz und schmackhafte Brombeeren als Stärkung vor dem Flug in südlichere Gefilde anbieten. Den Staren wünsche ich schon jetzt einen guten Flug ohne Beschuss, Leimruten und Netze: Mögen sie in der Natur landen und nicht auf dem Teller!

Ein Star trinkt aus einem blauen Vogelbecken.
Dürreperioden verringern das Nahrungsangebot der Stare weiter, denn im beinharten Boden lassen sich weder Würmer noch andere Tiere finden. Und Wasser fehlt auch an vielen Orten, da Tümpel und Weiher zugeschüttet und Bachläufe begradigt oder gar in ein Betonkorsett gezwängt wurden. (Bild: Ulsamer)

In vielen Regionen Europas – und gerade auch in Deutschland – machen sich nicht nur die Stare rar, sondern Amseln, Drosseln und viele andere Vögel gleichermaßen, die im Kinderlied noch ihre Stimmen erklingen lassen. Dies ist kein Wunder in ausgeräumter Feldflur und bei immer weniger Insekten als Nahrung für die Aufzucht der Küken. Es ist höchste Zeit für einen konsequenten Schutz der Natur, von Insekten und Vögeln, und gerade auch der Stare! Ich möchte die gefiederten Sänger und Geräuschimitatoren nicht missen, und gewiss nicht ihre Flüge im Schwarm. Wenn viele Politiker noch pennen, dann ist es an der Zeit, sie aufzuwecken! Manche Entscheidungsträger scheinen die vielseitigen Gesänge der Stare nicht zu hören, daher müssen wir den gefiederten Freunden unsere Stimmen leihen und lautstärker als bisher für den Vogelschutz werben.

 

Ein Star mit braun-schwarzem Gefieder hängt an einem Holznistkasten.
Wenn Wohnraum knapp wird, dann helfen dem Star auch Nistkästen wie hier im Südschwarzwald. Der Kasten war eigentlich für Mauersegler gedacht, doch der Star war schneller. (Bild: Ulsamer)

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