Der Boden macht sich vom Acker

Erosion und Versiegelung zerstören die natürlichen Böden

Können unsere Böden degradieren – schlechter werden -, obwohl wir doch noch hohe landwirtschaftliche Erträge einfahren? Ja, das ist durchaus möglich, und genau diese gegensätzlichen Prozesse verliefen bis vor kurzem in Deutschland und anderen Regionen eigentlich ohne große Beachtung. Der Boden ist zwar durch die Intensivierung der Landwirtschaft auf vielen Flächen ausgelaugt, geschädigt, weggeschwemmt oder vom Wind mitgerissen worden, doch dies wurde durch eifriges Düngen, ‚optimiertes‘ Saatgut, Beregnung und moderne Maschinen lange kaschiert. Die belebte obere Schicht der Erde ist der Boden, um den es in diesem Beitrag geht. Dort arbeitet      u. a. der Regenwurm, er lockert die Erde und düngt ganz nebenbei, und er öffnet kleine Kanäle, in denen das Regenwasser versickern kann. Aus diesem Bereich holen sich Pflanzen mit ihren Wurzeln Wasser und Mineralstoffe, und dort entsteht auch der Humus: Dieser ist „ein Garant für Bodenfruchtbarkeit und Bodengesundheit und somit Grundlage menschlicher Ernährung“, so der WWF. Mit dem Boden unter unseren Füßen gehen wir jedoch nicht so sorgsam um, wie dies im Sinne der Ökologie und Nachhaltigkeit unerlässlich wäre. Der Boden wird abgebaggert, zubetoniert, asphaltiert, und wo er als Acker oder Wiese genutzt wird, da geht es einseitig um die Optimierung der Erträge zu Lasten der Natur: Schwere Maschinen verdichten die Böden, Gülle und Gärschlämme ergießen sich im Übermaß über ihn, die chemische Keule schlägt zu, Monokulturen laugen ihn aus und falsche Bearbeitungsmethoden setzen viel zu lange die braune Erde Wind und Regen aus. So setzt der Boden CO2 frei, und dabei wäre es in Zeiten des Klimawandels wichtig, dass er mehr Kohlenstoffdioxid aufnimmt!

Ein tiefgepfügtes Feld. Die braune Erde ist tief aufgerissen und umgeworfen. Ringsum liegt Schnee.
Tiefes Pflügen sollte zur Seltenheit werden, denn es zerstört das Bodenleben und setzt den offen liegenden Acker Wind und Starkregen aus. „Es gibt auch Formen nichtwendender Bodenbearbeitung wie das flache Unterschneiden von Altbeständen oder Beikräutern oder sogar nur das Einschlitzen einer Saatfurche, die für den Humusaufbau nicht nachteilig sind, ja sogar Vorteile bringen (Minimalbodenbearbeitung)“, so der WWF. (Bild: Ulsamer)

Die Böden weinen

Nicht nur in Afrika trägt der Wind den ausgetrockneten Boden davon, sondern zunehmend auch im Nordosten Deutschlands. Große Flächen trocknen in Dürreperioden nicht zuletzt bei falscher Bearbeitung aus, und zunehmende Stürme wirbeln den kostbaren Humus davon. In Mitteleuropa haben wir nicht wie in Asien über Monsunfluten zu klagen, aber sintflutartige Starkregenereignisse nehmen vor unserer Haustüre im Zeichen des Klimawandels zu: Häufig kann das Wasser im knochentrockenen und harten Boden nicht versickern, weil die Regenwürmer sich rar gemacht haben. Nicht selten landet der fruchtbare Boden im nächsten Fluss. „Mehr als 24 Milliarden Tonnen Boden gehen weltweit jedes Jahr durch Erosion verloren – das sind jährlich mehr als 3 Tonnen Boden je Erdbewohner“, so der Weltagrarbericht. Viel zu lange sind Böden ohne Zwischenfrucht nach der Ernte Sonne und Regen schutzlos ausgesetzt, noch immer wird tiefgepflügt und auf diese Weise der Zusammenhalt des Bodens gefährdet, obwohl auch ein weniger schädliches Grubbern genügen würde. Alleine in der Europäischen Union trägt das Wasser pro Jahr 970 Mio. Tonnen Boden davon: Erosionsrinnen sehen wir zwar häufig im Agrarbereich, aber eine solche wissenschaftlich belegte Zahl ist mehr als erschreckend. Natürlich bildet sich auch neuer Boden, doch Panos Panagos* schreibt: „The mean soil loss rate in the EU exceeds the average soil formation rate by a factor of 1.6“. Somit ist der Verlust an fruchtbarem Boden dramatisch. Wenn die Böden weinen könnten, sie würden es tun!

Zwei schwere Traktoren mit Anhängern. Im Hintergrund die Kühltürme eines Kraftwerks.
Die Landmaschinen werden immer schwerer und verdichten den Boden so stark, dass die Hohlräume verschwinden, in denen sich ansonsten Wasser und Luft befinden. Das Regenwasser kann nicht mehr versickern, und damit fehlt es an einer Durchfeuchtung, um auch Dürreperioden zu überstehen. Der Regen schwemmt dann schneller den Oberboden weg. Der Wuchs der Pflanzen lässt nach, und dies soll durch noch mehr Bodenbearbeitung verhindert werden, und schon wieder rollen die schweren Gefährte über den Acker oder das Grünland. (Bild: Ulsamer)

„Um demnächst neun Milliarden Menschen auf der Erde zu ernähren, sind fruchtbare Böden mit hoher Qualität unverzichtbar. Gleichwohl werden Tag für Tag fruchtbare Böden zerstört“, so der vierte Bodenschutzbericht der Bundesregierung von 2017. „Einer der Gründe: viele Verantwortliche erkennen nicht ausreichend, wie bedeutend der Schutz des Bodens für die Menschen ist.“ Da kann ich nur zustimmen, doch ich vermisse in Deutschland und der gesamten Europäischen Union deutliche politische Schritte, um die Verschlechterung des Oberbodens zu stoppen. Unendlich langsam kommen Initiativen zum Schutz von Natur und Umwelt, zur Verminderung des Einsatzes von Gülle und Gärschlämmen oder Mineraldünger und Pestizide voran, und die Anbaumethoden halten mit den ökologischen Erfordernissen in der Breite nicht mit. Immer schwerere Traktoren und Mähdrescher rollen über die Felder und verdichten den Boden. Was bei den Landmaschinen notwendig ist, bündelt der WWF in einer klaren Forderung: „Mit Zulassungsvorschriften für Landmaschinen, die sich an der physischen und ökologischen Tragfähigkeit der Böden orientieren. Eine mittelfristige Absenkung auf maximal 3000 Kilogramm Radlast und 0,8 Bar Reifeninnendruck ist notwendig, um dauerhafte Schäden der landwirtschaftlichen Böden in Zukunft eher zu verhindern.“ Eine an die Fläche – für Weide und Winterfutter – gebundene Tierhaltung würde den regionalen Überschuss an Gülle beenden, doch es entstehen auch in Deutschland immer größere Massenställe für Rinder, Schweine und Hühner, die nicht aus dem eigenen Anbau ernährt werden können. Und in vielen Gesprächen mit Landwirten musste ich erkennen, dass die eigenen Äcker in erster Linie als ‚Ablageort‘ für Gülle und Mist gebraucht wurden, der Mais wanderte in die Biogasanlage und sorgte für zusätzlichen Gärschlamm.

Dicke und dünnere Regenwürmer auf und halb unter der lockeren Erde.
Der Regenwurm ist einer der wichtigsten Mitarbeiter der Bauern und Gärtner, doch nicht alle Landwirte scheinen dies zu erkennen: Bodenverdichtung, die chemische Keule und das geringe Nahrungsangebot machen dem regen Wurm das Leben immer schwerer. (Bild: Ulsamer)

Wenn Regenwurm & Co. den Dienst einstellen

Der heutige Umgang mit den wichtigen Böden, die sich für Anbau oder Tierhaltung eignen, zerstört die Bodenbildung von vorhergehenden Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, und geht zu Lasten der nächsten Generationen, denn der Oberboden ist schnell zerstört, aber die Neubildung von Humus dauert! Pflanzen entziehen der Luft für den eigenen Bedarf CO2, und dieser Kohlenstoff hat einen Anteil am Humus von 60%. Daher ist der Humus auch eine zentrale CO2-Senke: Wer den Humus zerstört, der setzt – wie bei Mooren – CO2 frei und trägt zur Beschleunigung des Klimawandels bei. Die oberirdischen Reste von Pflanzen und deren Wurzeln sowie Mist sind zentrale Grundstoffe für die Humusbildung. Für dessen Bildung sind dann kleine Organismen im Boden zuständig. Wenn wir unsere Hand mit einem gesunden Ackerboden füllen, enthält dieser mehr Organismen als Menschen auf der Erde leben! Das ist fast unvorstellbar – aber wahr! Bodenverdichtung und chemische Hilfsmittel führen zu einem Verlust an eifrigen Helfern, die neuen Humus bilden. Nicht nur der Regenwurm, der sich einst überall eifrig regte, ist durch die ständige Intensivierung der Landwirtschaft, aber auch die Ordnungswut mancher Hobbygärtner bedroht. Auf vielen Äckern bleibt nach der Ernte kaum etwas für den Regenwurm und viele kleinere Lebewesen übrig, da die Pflanzen möglichst vollständig in die Biogasanlage wandern. Und wo der Mähroboter sein Unwesen in den Gärten treibt und in Parks mit dem Laubsauger auch das letzte Blättchen eingesammelt wird, hat der Regenwurm nichts zu ‚mampfen‘: Einer der wichtigsten Mitstreiter bei der Erzeugung neuen und lockeren Oberbodens droht dann zu verhungern und zu verschwinden.

Ein tief brauner kleiner Bach, umgeben von Bäumen und etwas Schnee. Der eingetragene Oberboden hat das Wasser verfärbt.
Starkregen reißt den nackten Oberboden nach ‚eifrigem‘ Pflügen, aber auch in Dürrezeiten oder im Winter mit in Bäche und Flüsse, wenn eine schützende Pflanzendecke fehlt. (Bild: Ulsamer)

Wenn es dem Regenwurm nicht gut geht, fehlen vielerorts die kleinen Tunnel, die er gräbt, und in denen das Regenwasser versickern kann. Dann nützen selbst starke Niederschläge nichts, denn das Wasser findet nicht in den Untergrund, sondern fließt schnell oberirdisch ab und reißt dabei noch Boden mit sich. Gerade in Zeiten des Klimawandels und der Erderwärmung müssen wir in Mitteleuropa mit längeren Dürreperioden rechnen, auf die nicht selten Starkregen folgt. Die Durchfeuchtung des Bodens bis in tiefere Schichten ist dann von noch größerer Bedeutung als bisher, ansonsten kommt es zu Ernteverlusten und einem beschleunigten Abtrag von Oberboden. Der Verlust an Wiesen, die nicht einem kurzgehaltenen Sportplatzrasen ähneln, wurde in den vergangenen Jahren in manchen Regionen durch ein Umbruchverbot gestoppt oder zumindest verlangsamt, andererseits sank die Artenvielfalt auf Grünland trotzdem – und dies nicht nur über dem Erdboden. Das ist eine bedrohliche Entwicklung. Verschwunden sind in der Agrarlandschaft, aber auch im Forst und noch mehr im urbanen Raum die Tümpel und Weiher, die Feuchtwiesen und Vernässungen. Auch diese Entwicklung trägt zu den heutigen Problemen in Dürrezeiten bei. Alles was für die Land- und Forstwirtschaft im Wege zu stehen schien, seien es die Kleingewässer, Hecken, Trockensteinmauern oder Lesesteinriegel, wurde bereits im Zeichen der Flurbereinigungen ‚plattgewalzt‘, und so entstand eine nicht selten ausgeräumte Landschaft. Gerne nennen wir diese Überbleibsel der Natur beschönigend Kulturlandschaft: Die Landschaft ist vom Menschen geprägt, und dies lässt sich nicht rückabwickeln, doch ist es an der Zeit, gravierende Mängel zu beheben – was möglich ist, wie verschiedene Initiativen beweisen. Nicht zuletzt bemühen sich die Biosphärengebiete um solchen Ausgleich und nachhaltiges Wirtschaften in Kulturlandschaften, beispielsweise im Biosphärengebiet Schwarzwald, wo alte Rindersorten die steilen Hänge schonend beweiden.

Ein hellbraunes Getreidefeld bis zum Horizont.
Natürlich sind weitläufige Flächen besser mit riesigen Maschinen zu bearbeiten, doch es steigen auch die Gefahren bei Trockenheit, Starkregen, Sturm, und in dieser Eintönigkeit haben Insekten keine Überlebenschance. (Bild: Ulsamer)

Bodenschützende Anbaumethoden

Wer die Ackerböden besser schützen möchte, der muss auf eine vielfältige Fruchtfolge setzen. Dies bedeutet die Abkehr von jährlich wiederkehrenden Monokulturen, die den Boden schnell einseitig auslaugen. Wenige marktgängige Getreidesorten oder Mais für die Biogasanlage dürfen nicht mehr so dominant sein wie bisher. Natürlich sind wir auch als Konsumenten gefragt, denn statt Baguette aus Weizenmehl müssen wir vielleicht mal nach Dinkelbrot und Backwaren aus Emmer greifen. Einkorn, Emmer und Gerste gehören zu den ersten von unseren Vorfahren angebauten Getreidesorten, die sich vor rd. 7 000 Jahren in Europa verbreiteten. Aus Jägern und Sammlern wurden in der Jungsteinzeit Ackerbauern und Viehzüchter. Nicht nur die Wirtschaftsweise veränderte sich, sondern es entstanden auch neue gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Fähigkeiten, von denen ich Stonehenge, Newgrange oder die Himmelscheibe von Nebra stellvertretend nennen möchte. Im Grunde sind im Vergleich zur Erdgeschichte nur wenige Jahrtausende vergangen, in denen der Boden intensiv für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wurde, und dennoch sind die Verluste an fruchtbarem Oberboden enorm.

Ein farbenprächtiger Blühstreifen mit unterschiedlichen Blüten. Dahinter ein Rapsfeld, das gelb blüht.
Blühstreifen sind wichtig, aber nur wenn sich auch mehrjährige Pflanzen finden und die Blühstreifen oder andere Biotope verbunden sind. (Bild: Ulsamer)

Brandrodungen in Brasilien für den Sojaanbau oder die Zerstörung des Regenwalds für Palmölplantagen in Indonesien – dies wird immer wieder wellenartig thematisiert, doch wirkliche Abhilfe wird nur in Sicht sein, wenn gerade auch wir europäischen Verbraucher dem Einsatz dieser Produkte aus Raubbau einen Riegel vorschieben. Soja aus Brasilien für die Schweinezucht im Kastenstand in deutschen Massenställen oder Palmöl in allen möglichen Produkten von Nutella bis Gesichtscreme müssen dringend und ernsthaft „überdacht“ werden, es müssen Alternativen gefunden und eingesetzt werden. Letztendlich wird in den genannten Ländern nicht nur der Regenwald zerstört, sondern die gewonnenen Böden verlieren oft schnell ihre Ertragskraft – und die Karawane zieht weiter und macht sich über die nächste Waldfläche her. Aber ein Verlust an Fruchtbarkeit ist auch in vielen anderen Regionen zu erkennen, z. B. in den USA. „More than one-third of the Corn Belt in the Midwest—nearly 100 million acres—has completely lost its carbon-rich topsoil“, so die University of Massachusetts Amherst**. Mit Hilfe von Satellitenbildern ermittelten die Wissenschaftler den Umfang des Verlusts an fruchtbarem Oberboden: Gerade auf Hügeln und an Kammlinien zeigte es sich, dass die oberste Schicht falschen Bearbeitungsmethoden zum Opfer gefallen ist: „The A-horizon has primarily been lost on hilltops and ridgelines, which indicates that tillage erosion—downslope movement of soil by repeated plowing—is a major driver of soil loss in the Midwest.“ Diese Studie zeigt somit auch, dass die Anbaumethoden überdacht werden müssen: Der Gewinner ist langfristig eben nicht der Landwirt, der die tiefste Furche beim Ackern ziehen kann! Aber auch im Gemüseanbau wundere ich mich immer wieder, dass in langen Reihen und auf kleinen Erdwällen hangabwärts gepflanzt wird, obwohl beim nächsten stärkeren Regen viel Erde ins Tal geschwemmt wird. Nicht nur die Wissenschaftler der Universität Massachusetts setzen statt der konventionellen Anbaumethoden auf „soil-regenerative practices“, um nicht nur den Oberboden wieder aufzubauen, sondern auch der Atmosphäre CO2 zu entziehen.

Brauner Acker mit minimalem Grasrand, der zum Teil auch von Rädern zusammengedrückt wurde.
Viel zu häufig sehen Ackerränder so aus: Wo sollen hier Insekten oder Vögel leben oder gar ein Igel ein Versteck finden? (Bild: Ulsamer)

Ausbeutung des Bodens stoppen

Die einseitige Ausrichtung auf eine immer intensivere Nutzung des Bodens in Wald und Flur hat dramatische Folgen: die Ackerböden sind zunehmend ausgelaugt und die Forstplantagen besonders anfällig für Schädlinge. Hitze und Dürre machen Land- und Fortwirtschaft zu schaffen. Warnungen wurden viel zu lange überhört von Politikern, die noch immer – wie Bundesagrarministerin Julia Klöckner – eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft fordern. Das Gegenteil jedoch ist richtig: Wer heute schonungslos die Böden ausbeutet, der zerstört die landwirtschaftlichen Flächen dauerhaft! Und viel zu lange wurden die Areale immer weitläufiger, die auf einmal gemäht oder abgeerntet werden. So greift der Wind ungebremst an und Regen spült die Erde weg. Eine kleinräumigere Anbauweise ist wichtig: Hecken oder Steinmauern, Baumreihen oder Gebüschinseln müssen Äcker wieder untergliedern. Wer durch die Dürrezeiten kommen will, der muss wieder für Tümpel, Weiher, mäandrierende Bäche und Seen, für Vernässungen und Moore sorgen bzw. die letzten Überbleibsel erhalten. Der Biolandbau muss deutlich ausgeweitet und der Einsatz chemischer Hilfsmittel auch im konventionellen Agrarbereich drastisch reduziert werden. Die Massentierhaltung in ausufernden Ställen gilt es einzuschränken, die Zahl der Tiere wieder in ein vernünftiges Verhältnis zu den Weide- und Futterflächen zu setzen. Dies alles muss einhergehen mit Handelsabkommen, die die in Deutschland und der EU geltenden Grundsätze im Agrarbereich auch für Lieferanten aus anderen Regionen für verbindlich erklären.

Rote Mohnblüten und blaue Konrblumen in einem Getreidefeld.
Im konventionellen Anbau sind nur noch selten einige Mohn- oder Kornblumen zu sehen. Glyphosat & Co. haben ganze ‚Arbeit‘ geleistet und die Vielfalt zerstört. (Bild: Ulsamer)

Die Belastung der Flächen durch zu schwere Maschinen muss reduziert und die Vielfalt in der Fruchtfolge vergrößert werden. Auch in Getreidefeldern müssen wieder Mohn- und Kornblumen eine Chance bekommen, denn Blühstreifen alleine genügen nicht, wenn der Insektenschwund gestoppt werden soll. Grünland muss wieder zu blühenden Wiesen werden! Es gilt, den Einsatz des Pflugs zu reduzieren, und nicht nur für den Regenwurm muss auf abgeernteten Feldern genügend Nahrung verbleiben. Ich bin mir bewusst, dass meine Vorschläge die Arbeit der Landwirte nicht erleichtern, und deshalb müssen sie über die EU-Agrarförderung unterstützt werden. Wer einen Mehrwert für die Ökologie und die Gesellschaft leistet, der über die reine Agrarproduktion hinausgeht, der muss sich auf die Unterstützung der Steuerzahler verlassen können. Wer jedoch konventionell in bisher gewohnter Weise Äcker und Wiesen bearbeitet und Nutztiere hält, der kann nicht länger mit Subventionen nach der Fläche oder für Ställe ohne Weidemöglichkeit rechnen. Die bundesdeutsche und die europäische Agrarpolitik müssen dringend neu ausgerichtet werden, und zwar an Ökologie und Nachhaltigkeit. Der Schutz der Böden lässt sich nur verbessern, wenn die gesamte Agrar- und Forstpolitik innovativ verändert wird. Die Zerstörung der oberen Bodenschichten setzt CO2 frei, und wir brauchen in Zeiten des Klimawandels das Gegenteil: Die Böden müssen ihre Wirkung als CO2-Senke behalten! Dies kann nur gelingen, wenn die Pflanzen in der Lage sind, CO2 aufzunehmen und die zerfallenden Pflanzenreste müssen zu dauerhaftem Humus werden. Daher kommt auch den Mooren eine wichtige Funktion zu, denn wenn sie zerstört werden, setzen sie große Mengen CO2 frei.

Ruine eines Bauernhofs aus Backsteinen. Das Dach ist weitgehend eingefallen.
In der früheren DDR hatten familiengeführte Bauernhöfe nichts zu lachen, denn sie endeten in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), und jetzt machen ihnen nach der Reprivatisierung Investoren zu schaffen, die ihnen die Flächen wegkaufen. (Bild: Ulsamer)

Investoren greifen nach dem Boden

Selbstredend geht es nicht nur um eine ökologischere Bodennutzung im Agrar- und Forstbereich, sondern auch um die Reduzierung der Versiegelung für Wohnen, Gewerbe und Verkehr. Durch eine veränderte Regionalpolitik müssen zusätzliche wirtschaftliche Kristallisationspunkte geschaffen werden, um Menschen in Regionen zu holen, in denen Wohnungen leer stehen und Gewerbegebäude vor sich hin modern. Dann erübrigt sich auch die Bebauung neuer Flächen in bisher prosperierenden Kommunen. Einhalt geboten werden muss besonders dem Zugriff von Investoren auf landwirtschaftliche Flächen, die darin nur eine Kapitalanlage sehen. Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) führt dazu, dass vermögende Einzelpersonen und anlagesuchende Firmen landwirtschaftliche Flächen aufkaufen und so lokalen bäuerlichen Betrieben einen Zukauf durch hohe Preise unmöglich machen.

Vertrockneter Ackerboden mit wenigen grünen Pflänzchen.
Regenarme Wochen bringen noch mehr Probleme für die Landwirtschaft, wenn der Boden vorher wegen Verdichtung oder fehlender Regenwürmer zu wenig Regenwasser aufnehmen konnte. (Bild: Ulsamer)

Besonders ins Auge springt der Zugriff von Investoren auf landwirtschaftliche Böden in den sogenannten neuen Bundesländern. Hier scheinen die sozialistischen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) nach einer kurzen Rückgabe in bäuerliche Hände durch kapitalstarke Landbesitzer abgelöst zu werden. „Von 2007 bis 2019 sind die Kaufpreise für landwirtschaftliche Flächen in Brandenburg um fast 400 Prozent gestiegen, die Pachtpreise in dem gleichen Zeitraum um etwa 200 Prozent“, so der brandenburgische Landwirtschaftsminister Axel Vogel.  Untersuchungen des bundeseigenen Thünen-Instituts in mehreren ostdeutschen Landkreisen haben die Situation näher beleuchtet: „Rund die Hälfte der in zwei Brandenburger Landkreisen untersuchten landwirtschaftlichen Flächen, die in den letzten Jahren übertragen wurden, haben Nichtlandwirte erworben“. Ein Drittel der Agrarbetriebe in Brandenburg gehöre zwischenzeitlich überregionalen Investoren. Diese Entwicklung ist ein weiterer Beleg dafür, dass die familiengeführten Betriebe immer weniger werden, und dies trotz oder gerade wegen der falschen EU-Agrarförderung.

Staubwolken über einer Autobahn. Links und rechts Ackerflächen.
Bei Dürre erhebt sich auch in Mitteleuropa immer häufiger allerlei Staub von den großflächigen Feldern in die Luft. (Bild: Ulsamer)

Den Böden geht es immer schlechter, und sie leiden nicht nur unter der Versiegelung, sondern auch durch die intensivierte und industrialisierte Landwirtschaft sowie eine Forstwirtschaft, die zu lange auf Monokulturen gesetzt hat. Wenn selbst Regenwürmer immer weniger werden, wenn sich Insekten und Vögel rarmachen, dann stimmt etwas nicht mit der Bodennutzung. Auch Schottergärten und sterile Parks sind ein Sakrileg! Wir müssen die Politik dazu bringen, sensibler mit unseren Böden umzugehen, denn durchgreifende Veränderungen sind nur durch eine Veränderung der Agrarsubventionen zu erreichen. Bauern und Waldbesitzer, die sich für eine nachhaltige Nutzung der Flächen einsetzen, müssen aus Steuermitteln gefördert werden. Doch wer die Böden schädigt, dem steht keine Förderung zu! Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn Erosion die geschundenen Böden zerstört und sich der Boden im schlimmsten Sinne des Wortes vom Acker macht!

 

Schnee liegt noch auf einem Acker. Grüne Zwischenbepflanzung ist erkennbar.
Eine vielfältige Fruchtfolge ist ebenso wichtig wie eine Zwischenbepflanzung auch im Winter, um das Abschwemmen des Oberbodens zu verhindern. (Bild: Ulsamer)

 

Ältere und heruntergekommene Fassade mit einem Transparent 'Zu verkaufen'.
Eine innovative Regionalpolitik fehlt in Deutschland! Die eine Kommune ufert ins Umland aus, und in einer anderen Stadt stehen die Wohnungen – wie z. B. in Görlitz – leer und zerfallen. Hier werden Freiflächen für Wohnen, Gewerbe und Verkehr zugebaut, obwohl dort die entsprechenden Strukturen ungenutzt sind. (Bild: Ulsamer)

 

Älterer roter Traktor auf einer Wiese beim Heuwenden. Die Wiese ist umgeben von eine Steinmauer bzw. einer Fuchsienhecke. Möwen suchen nach Beutetieren.
Wer Wind und Regen nicht so sehr ausgeliefert sein möchte, der muss die Acker- und Wiesenflächen durch Hecken, Baumreihen oder Trockensteinmauern untergliedern – wie hier noch im irischen Kerry. (Bild: Ulsamer)

 

Literaturhinweise

*  Panos Panagos, Pasquale Borrelli, Jean Poesen, Cristiano Ballabio u. a.: The new assessment of soil loss by water erosion in Europe, Environmental Science & Policy,             54 / 2015, Elsevier

** Evan A. Thaler, Isaac J. Larsen, Qian Yu: The extent of soil loss across the US Corn Belt, PNSA – Proceedings of the National Academy of Sciences of he United States of America, 2019

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