Cornwall: Die Burgen des Zinnzeitalters

Vom Industriestandort zum Eldorado für Touristen

Viele Wege führen – wie das Sprichwort sagt – nach Rom und vielfältige Gründe die Besucher nach Cornwall, in den Südwesten der britischen Insel. Die Mehrheit der Reisenden ist zu Fuß auf Pfaden an der malerischen Küste unterwegs, sitzt im Sattel ihres Fahrrads oder findet sich bei sonnigem Wetter an einem der Sandstrände ein. Und so mancher deutsche Urlauber besucht die Drehorte der Rosamunde-Pilcher-Fernsehfilme: So ist der Filmtourismus nicht zu unterschätzen. Uns hat dieses Mal jedoch die Himmelsscheibe von Nebra in Sachsen-Anhalt nach Cornwall geführt. Im vergangenen Jahr hatten wir in Halle das bronzezeitliche Kunstwerk bestaunt. Wir waren so beeindruckt, dass uns auch die Herkunft des Goldes und des Zinns interessierte, das der geniale Schmied vor 4000 Jahren eingesetzt hatte, um die Himmelsscheibe zu gestalten. Und siehe da, chemische Analysen hatten ergeben, dass beide Metalle aus Cornwall stammten. So machten wir uns auf, die Geschichte des Bergbaus in Cornwall zu erkunden.

Zwei frühere Maschinenhäuser aus hellem Naturstein stehen unterhalb der Klippe nahe am Meer auf vorgelagerten Felsen.
Man mag es kaum glauben, aber in diesen beiden Maschinenhäusern – The Crowns – von 1835 und 1862 arbeiteten große Pumpen, die durch Dampfmaschinen angetrieben wurden: Sie pumpten das Wasser aus den Schächten der Botallack Mine, die sich in Cornwall bis in 600 Meter Tiefe und eine Meile unter den Meeresboden erstreckte. (Bild: Ulsamer)

Im Mekka der Zinngewinnung ist es still geworden

Am Fluss Carnon warteten zwar nicht die Goldwäscher des Bronzezeitalters auf uns, doch ist es noch immer imponierend, dass das Edelmetall – vor mehreren tausend Jahren aus diesem kleinen Flüsschen gewaschen – auf prähistorischen Handelswegen bis ins heutige Sachsen-Anhalt gelangte und in der dortigen Aunjetitzer-Kultur verarbeitet wurde. Auch bei unseren Vorfahren endete eben die Welt – wie so oft fälschlich behauptet wird – nicht am nächsten Waldrand. So brachte der Fernhandel Geschirr aus dem Mittelmeerraum nach Cornwall, und der Bogenschütze von Amesbury – dessen sterbliche Überreste fünf Kilometer entfernt vom englischen Stonehenge gefunden wurden – stammte aus der Alpenregion. Aus den Ostalpen stammte im übrigen das Kupfer zur Herstellung der Himmelsscheibe, die zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehört. Menschen waren schon damals über weite Strecken unterwegs, und der Fernhandel blühte auf.

Der River Carnon ähnelt über weite Strecken eher einem Bach. Hier fast zugewachsen mit überhängendem Flieder und Gräsern.
Über weite Strecken ähnelt der River Carnon eher einem Bach: Hier wuschen bronzezeitliche Siedler das Gold für die Himmelsscheibe von Nebra. Dieses Kunstwerk wurde vor rd. 4000 Jahren im heutigen Sachsen-Anhalt geschmiedet. Die Aunjetitzer-Kultur hatte somit Handelsbeziehungen bis nach Cornwall. Und das Kupfer kam aus den Ostalpen. (Bild: Ulsamer)

Doch nun zurück zum Kupfer- und Zinnbergbau in Cornwall. Zwar prägen die Ruinen der Maschinenhäuser noch heute ganze Landstriche und die Kamine recken sich in den Himmel, allerdings ist es still geworden: Die Hammerwerke, die das erzhaltige Gestein zerschlugen, sind längst verstummt- ebenso wie die Hämmer der Kinder und Frauen, die von Hand die Erz- Klumpen zerkleinerten und sortierten. Die Dampfmaschinen befördern heute weder Wasser noch Erz aus den mehrere hundert Meter tiefen Schächten. Und die Männer fahren nicht mehr in die Bergwerke ein, sondern höchstens als Pendler nach Southampton oder gar London. Die Rauch- und Arsenwolken verbreiten nicht mehr ihre todbringenden Emissionen und verdunkeln auch nicht mehr die Sonne: Cornwall, ein Zentrum der frühen Industrialisierung, hat das Verschwinden der Bergwerke auf den ersten Blick zwar gut überstanden, doch es zählt heute – trotz der Touristenströme – zu den ärmeren Regionen im Vereinigten Königreich.

Vier Kamine ehemaliger Bergwerke und Ruinen von Maschinenhäusern an der Küste Cornwalls.
Die Landschaft Cornwalls wird in manchen Regionen bis heute von den Kaminen und Ruinen der Maschinenhäuser ehemaliger Bergwerke geprägt. (Bild: Ulsamer)

Der größte Kupferproduzent der Welt

Die frühen Spuren des Erzabbaus sind in Cornwall schwer zu finden, denn nachfolgende Generationen überformten mit ihren Bergwerken diese Ansätze aus der Bronzezeit. Wer die Spuren der ersten Bergleute aufspüren möchte, ist daher besser in den Great Orms Kupferminen in Wales aufgehoben. Aber der Abbau von Kupfer und Zinn ab Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die jüngste Zeit lässt sich in Cornwall in besonders eindrucksvoller Weise noch heute erkennen. Zwar sind nach dem Ende des Bergbaus viele Gebäude abgerissen und das Baumaterial an anderer Stelle wieder eingesetzt worden, doch die Maschinenhäuser und Kamine dominieren noch immer das Bild in manchen Gebieten. Zum Teil stehen die ehemaligen Zechengebäude an so exponierten Stellen, sei es unterhalb hoher Klippen oder auf abgelegenen Hügeln, dass auch eifrige Zeitgenossen vor einer Zweckentfremdung zurückschreckten. Und Kamine aus Ziegelsteinen haben den Nachteil, dass man mit dem Abbruch oben beginnen muss, wenn das Material unbeschädigt einem neuen Zweck zugeführt werden soll. Deshalb haben wir heute den Vorteil, dass wir zumindest noch erahnen können, was sich einst in Cornwall getan hat.

Die einsame Ruine eines Maschinenhauses mit Kamin. Im Hintergrund das Meer.
Wenn man von der Straße zur Ding Dong Mine auf den Burnt Downs wandert, dann passiert man nicht nur verschiedene alte Schächte, sondern auch den Mên an Tol, eine prähistorische Steinsetzung. Erwähnt wird das Bergwerk mit dem ausgefallenen Namen bereits im 16. Jahrhundert, doch Zinn wurde bis 1870 gefördert. (Bild: Ulsamer)

So ist es auch kein Wunder, dass die Bergwerkslandschaft in Cornwall und Devon – von St. Just bis zum Tal des Flusses Tamar – 2006 von der UNESCO das Welterbe-Siegel erhielt. Zwischen 1700 und 1800 war aus einem landwirtschaftlich geprägten Landstrich ein Weltzentrum der Erzgewinnung geworden. Tausende von Bergarbeitern – in die Minen fuhren nur Männer ein – sowie Frauen und Kinder arbeiteten in der Tiefe bzw. bereiteten das Erz auf. So stammten im frühen 19. Jahrhundert zwei Drittel des weltweit angebotenen Kupfers aus Cornwall und West Devon. Damit übertrafen diese Minen den gewaltigen Erztagebau am Parys Mountain in Nord-Wales. Tausende von Schächten wurden in Cornwall in die Tiefe getrieben, die bis heute sichtbaren Kamine und Maschinenhäuser schossen aus dem Boden, und kleine Gemeinden – wie St. Just – erreichten durch die Bergarbeiterfamilien ein beachtliches Wachstum. Der Kupferboom flachte sich jedoch bereits um 1860 ab, da in anderen Ländern deutlich preisgünstiger der begehrte Rohstoff gewonnen werden konnte.

Blick in einen frühen Stollen. In Eimern wurde das Erz hochgezogen und dann in hölzernen Tragen weitertransportiert.
Eine kleine Exkursion in einen alten Stollen aus dem 18. oder frühen 19. Jahrhundert sollten Sie sich in der Geevor Mine nicht entgehen lassen. Die Stollen wurden überwiegend ohne Hilfe von Dynamit oder Schwarzpulver von Hand mit Hammer und Meißel gegraben – und das merkt man auch bei der teilweise drangvollen Enge. ‚Wheal Mexico‘, so lautet der Name dieses Teils des Bergwerkskomplexes. ‚Wheal‘ bedeutet in Cornish einen Platz der Arbeit. Woher der Begriff ‚Mexico‘ stammt, das ist unklar, obwohl zu einem späteren Zeitpunkt Bergleute auch nach Mexiko auswanderten, um dort in Minen zu arbeiten. (Bild: Ulsamer)

Die Mühsal unter Tage

Kupfer und Zinn brachten den Geldgebern große Vermögen ein, den Bergleuten eher ein bescheidenes Einkommen. Die sogenannten ‚Adventurers‘ investierten in Vorhaben, die gute Profite, aber auch den Totalverlust des Geldes bedeuten konnten. Wenn man sich die Geschichten dieser Finanziers anschaut, dann wird deutlich, dass wir mehr Venture Capital brauchen, wenn wir neue Technologien erfolgreich vorantreiben wollen. Wagniskapital ist gefragt und nicht ständig neue Regulierungen. Wir müssen den wagemutigen Erfindern und Unternehmern mehr Freiräume bieten, wenn wir Innovationen für die Zukunft schaffen wollen.

Unterirdischer gemauerter Zugang zu einer Schachtanlage. Rechteckige Aussparungen im rötlichen Gestein dienten der Unterbringung der Kopfbedeckungen.
Zwar können die 100 Kilometer an Stollen und Zugängen der Levant Mine nicht begangen werden, doch die angebotene Führung bezieht zumindest den Zugang zum ‚Man engine Shaft‘ in ihr Programm mit ein. Dort hatte sich der für 31 Bergleute tödliche Zusammenbruch der ‚Fahrkunst‘ ereignet. Ein Blick in die Tiefe ist durch ein Metallgitter möglich. In dem engen gemauerten Zugang befinden sich rechteckige Aussparungen: Dort konnten die Bergleute ihre Kopfbedeckung unterbringen. (Bild: Ulsamer)

Die Arbeit unter Tage war dagegen überaus mühsam und gefährlich. Viele Bergleute hatten nicht nur einen langen Fußmarsch von zuhause bis zur Grube hinter sich zu bringen, sondern es folgte dann auch der Abstieg in den Schacht über Leitern. Eine Dreiviertelstunde in die fast völlig dunkle Tiefe und nach der Schicht 90 Minuten Aufstieg waren keine Seltenheit. Die primitive Beleuchtung trug der Kumpel in Form einer Kerze auf seinem festen Hut mit sich. Am Arbeitsplatz angelangt erwartete ihn drangvolle Enge, denn die relativ schmalen Erzadern verliefen oft vertikal. Zwar wurde die Belüftung im Laufe der Jahre durch Dampfmaschinen verbessert, die mehr Luft zuführen konnten, Staub und Hitze machten den Bergleuten allerdings weiterhin zu schaffen. Die Technisierung erlaubte den Übergang von Hammer und Meißel zu mit Druckluft betriebenen Bohrhämmern, doch auch sie sorgten nur für noch mehr Staub und Lärm.

Skulptur eines Bergarbeiters mit Spitzhacke auf herausgebrochenem Gestein.
Die Bürgerschaft des St. Just Mining Districts stiftete diese Skulptur, geschaffen von Colin Caffel, um der Menschen zu gedenken, die unter schwersten Bedingungen unter Tage, aber auch bei der Aufbereitung des Erzes gearbeitet haben. Die Bronze-Plastik steht an der Zufahrt zur Geevor Mine. (Bild: Ulsamer)

Hart erarbeitetes Know-how

Zwar konnten sich die Bergleute mit wenigen Ausnahmen kein großes Vermögen erarbeiten, in Depressionsphasen jedoch, wenn die Erzpreise in den Keller gingen, war ihr hart erarbeitetes persönliches Wissen Gold wert. Dank ihrer Fähigkeiten fanden sie neue Anstellungen in den Kohlebergwerken im nahegelegenen Wales, sogar in den Diamantenminen in Südafrika oder den Kupfer- und Bleibergwerken in Nordamerika. Aber auch in Mexiko, Peru, Brasilien oder Australien wurden die Bergleute aus Cornwall aktiv. Nicht selten sorgten diese erfahrenen Bergarbeiter und Leiter von Bergwerken im neuen ‚Heimatland‘ dafür, dass die dortigen Minen noch effektiver arbeiten konnten und dadurch der Preisdruck auf die einst heimischen Bergwerke weiter verstärkt wurde.

Ein Plakat mit Margaret Thatcher
Bei der britischen Premierministerin Margaret Thatcher – der ‚Eisernen Lady‘ – fanden die Zinn-Bergleute der Geevor Mine 1985 kein Gehör, als sie Subventionen forderten. Die rapide zerfallenden Zinnpreise trugen jedoch Schuld am Niedergang. (Bild: Ausstellung in der Geevor Mine)

Geevor war die letzte Mine des Zinnzeitalters in Cornwall, die 1990 ihren Betrieb einstellen musste, da die Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr gegeben war. Die Bergarbeiter forderten zwar von der britischen Regierung unter Margaret Thatcher Subventionen, doch die Premierministerin hatte ohnehin ein Hühnchen mit den linksorientierten Gewerkschaften zu rupfen und verweigerte finanzielle Unterstützung. Diese hätte aber auch nichts genutzt, da die Zinnpreise weiter gesunken waren und in anderen Abbaugebieten dank ergiebigerer Vorkommen deutlich günstiger produziert werden konnte.

Ruinen mit Rundbögen sind von der Arsengewinnung zurück geblieben. Im Hintergrund ein Kamin.
Um 1870 lieferten die Bergwerke in Cornwall auch die Hälfte des weltweiten Bedarfs an Arsen. Eingesetzt wurde das Arsen damals in Insektiziden und Pestiziden, aber auch in der Munitionsherstellung, in Medizinprodukten und künstlichen Färbemitteln. In speziellen Calcinierern wurde das Erz erhitzt und so Arsen freigesetzt, das sich dann in Räumen mit Rundbögen niederschlug – wie hier in Botallack. Die Mitarbeiter, die das giftige Arsen von den Wänden kratzten, konnten sich nur durch Baumwollestopfen in den Nasenlöchern und Ton auf der Haut schützen. Gesundheitsgefährdend oder gar todbringend konnte daher auch die Arbeit über Tage sein. (Bild: Ulsamer)

Unter dem Meeresspiegel

In Botallack hatten sich die Bergleute bereits 1784 rd. 150 Meter unter den Meeresgrund gegraben. Und sie berichteten sorgenvoll, dass die Gesteinsschicht über ihnen so dünn sei, dass sie bei Sturm das Meer oder umher kullernde Steine hören konnten. Auf dem Höhepunkt der Produktion arbeiteten 340 Männer alleine in dieser Mine unter Tage. Neben Kupfer und Zinn wurde auch Arsen gewonnen, das damals für Herbizide und Pestizide genutzt wurde. Clare Gogerte berichtet in der vom National Trust herausgegeben Publikation ‚Tin Coast’, dass bereits im Victorianischen Zeitalter zahlende Touristen in das Bergwerk ‚einfuhren‘. Der Nervenkitzel war im Preis inbegriffen, denn noch immer ging es über Leitern mehrere hundert Meter in die Tiefe. Zwei der zur Botallack Mine gehörenden Maschinenhäuser zählen heute zu den meist fotografierten Örtlichkeiten in Cornwall, da sie weit unten am Fuße der Klippen und bei stürmischem Seegang fast unmittelbar im Bereich der auflaufenden Wellen liegen.

Die Gebäude der Levant Mine in Cornwall wurden mit Natursteinen errichtet. Zu sehen sind ehemalige Maschinenhäuser und ein Kamin. Im Vordergrund ein mit einem Gitter gesicherter ehemaliger Schacht.
Die Gesamtanlage der Levant Mine, die auf erste Anfänge 1670 zurückgeht, ist in ihrer Geschlossenheit – Kamine, Maschinenhäuser, Schächte, Kühlwasserbecken – bemerkenswert. Die Überreste der umfänglichen Produktionsanlagen für Arsen sind ebenso zu besichtigen wie auch der unterirdische Zugang zu einem der Schächte. (Bild: Ulsamer)

Ausgehend vom Schacht der Levant Mine arbeiteten sich die Bergmänner in einerTiefe von knapp 600 Metern und etwa eine Meile unter dem Meeresboden vor. Zu einer der größten Bergwerksunfälle kam es in dieser Zeche, als ein ‚man engine‘ oder Fahrkunst – eine Art Schrägaufzug oder Paternoster – zusammenbrach und 31 Menschen den Tod fanden. Am 20. Oktober 1919 hatten sich etwa 100 Bergleute auf diesem Gerät befunden, um wieder an die Oberfläche zu gelangen, als das Verhängnis seinen Lauf nahm. Solche ‚man engine‘ genannten Konstruktionen sollten den Kumpels den mühseligen Auf- und Abstieg über Leitern in immer größere Tiefen ersparen und ihnen mehr Zeit für den Erzabbau lassen.

Zahlreiche Produktionsgebäude sind bis heute bei der Geevor Mine erhalten geblieben. Sie werden vom Förderturm überragt.
Die Geevor Mine hielt bis 1990 durch, doch dann beendeten die niedrigen Zinnpreise eine Ära in Cornwall. Im darauffolgenden Jahr wurden die Pumpen abgeschaltet und die tieferliegenden Stollen geflutet. Das Bergwerk hatte Glück, denn es wurde vom Cornwall County Council erworben: So können die Besucher heute einen Blick auch in die nachfolgenden Produktionsschritte werfen, bei denen das Zinnerz gewonnen wurde. (Bild: Ulsamer)

Das letzte Aufbäumen des Zinnbergbaus

Die technischen Möglichkeiten verbesserten sich – trotz einiger katastrophaler Rückschläge – bis ins 20. Jahrhundert deutlich, doch die Anforderungen wurden ebenfalls immer höher und die Preise für Zinn sanken. Stand in einer frühen Phase das Kupfer im Mittelpunkt, so konzentrierte sich der Abbau nach der Mitte des 19. Jahrhunderts in Cornwall auf Zinn. Mit der Nennung dieses Metalls sind wir auch wieder bei der Himmelsscheibe von Nebra, denn das vor 4000 Jahren benötigte Zinn stammte – wie bereits erwähnt – aus Cornwall. Nutzten unsere prähistorischen Vorfahren Zinn zwar noch in einer Legierung mit Kupfer – als Bronze – zur Herstellung von Geräten und Waffen oder auch Schmuck, so bekam Zinn im vorletzten Jahrhundert Auftrieb u.a. auch durch die Produktion von Dosen für die Nahrungsmittelindustrie.

Fast modern wirken bis heute die Gebäude und Schachtanlagen der bereits erwähnten Geevor Mine. Dies ist kein Wunder, denn dieses Bergwerk überlebte die verschiedenen Zinnkrisen bis zum Preisverfall 1985. Daraus resultierte die endgültige Schließung des Bergwerks 1990 und nach dem Abschalten der Pumpen die Flutung der Stollen im darauffolgenden Jahr. Geevor hatte bereits sein zweites Leben ab 1907 geführt, als aus Australien zurückgekehrte Bergleute die Mine in Stand gesetzt und die Produktion wieder aufgenommen hatten.

Die Hauptdurchgangsstraße in St. Just. Links und rechts eine Häuserzeile. Die meisten Gebäusde aus Naturstein.
Nicht nur in St. Just entstanden ganze Häuserzeilen, um den Bevölkerungszuwachs durch das Aufblühen des Bergbaus aufzufangen. (Bild: Ulsamer)

Zu einem Highlight der spannenden Geschichte dieses Bergwerks – das ursprünglich North Levant Mine hieß – gehört auch der Bau einer Querverbindung zur Levant Mine. Über diesen Stollen wurde die ursprüngliche Levant Grube erneut begehbar, und das eingedrungene Wasser konnte abgepumpt werden. Dies klingt einfacher als es war: Nachsickerndes Meereswasser konnte zuerst nicht gestoppt werden, daher wurde mit großen Pumpen das Wasser aus den Stollen abgesaugt und nachdrückendes Nass brachte reichlich Gestein und Sand vom Meeresboden mit. Dieses Material stopfte quasi von Innen notdürftig das Loch. Von außen brachten Taucher anschließend eine dicke Betonschicht auf. Und nach einer weiteren Versiegelung von der Bergwerksseite her waren die Abbauarbeiten wieder möglich. Bei unserer Führung zeigte sich der Guide auch in unseren Tagen noch indigniert, dass aus dem Levant-Bereich Zinnerz gefördert wurde, welches mit dem Geevor-Stempel versehen in den Verkauf gelangte.

Die Sonne blitzt durch das oberste Fensterloch eines ehemaligen Maschinenhauses. Danben der Kamin in der Abendstimmung.
Abendstimmung bei der Carn Galver Mine. (Bild: Ulsamer)

Die Deindustrialisierung schreitet voran

Natürlich ist es keine Seltenheit, dass technologische und wirtschaftliche Veränderungen zu großen Herausforderungen führen. Und dies gilt selbstredend auch für Cornwall. Wenn die Zinnpreise in den Keller gehen und die Kosten wegen der Unzugänglichkeit der Erzadern in die Höhe steigen, dann machen auf Dauer Bergwerke in einem harten Wettbewerb mit anderen, von der Natur privilegierteren Regionen keinen wirtschaftlichen Sinn. Verblüffend für mich ist es jedoch, dass sich kaum neue Industrien aus den vorhandenen Unternehmen entwickelt haben. Es gab ja nicht nur die Bergwerke und Erz verarbeitenden Betriebe, sondern auch Zulieferer mit großer Expertise im Maschinenbau – man denke nur an die Dampfmaschinen, Fördereinrichtungen oder Bohrhämmer aus Cornwall. Eine Fortentwicklung der Technologie unterblieb und so ist Cornwall heute eine weitgehend deindustrialisierte Region. Dazu hat auch beigetragen, dass die Weiterverarbeitung des Erzes überwiegend in walisischen Hütten erfolgte, die auch Kupfer aus dem irischen Bergwerksbereich um Ross Castle bei Killarney verarbeiteten.

Ähnliche Veränderungen wurden auch in Deutschland sehr unterschiedlich gemeistert. Im baden-württembergischen Tuttlingen boten im 19. und 20. Jahrhundert Schuhindustrie und Messerschmieden Beschäftigung. Aus letzteren und weiteren Impulsen entwickelte sich die Herstellung von chirurgischen Geräten – und letztendlich wurde Tuttlingen zum ‚Weltzentrum der Medizintechnik‘ mit rd. 600 medizintechnischen Unternehmen. Ganz anders die Situation im Pfälzer Wald, wo einst die Schuhfertigung, und die Bürstenproduktion im Vordergrund standen: Heute gibt es dort nur noch Museen mit Erinnerungsstücken, aber zu wenig Nachfolgeindustrie. Das Ruhrgebiet hat bis in unsere Tage – um dieses Beispiel noch kurz zu erwähnen – den Niedergang von Kohle- und Stahl nicht wirklich verkraftet, und dies trotz Subventionen in gewaltiger Milliardenhöhe.

Ein schwarzes Widderchen mit roten Punkten. Der Schmetterling sitzt auf einem dicken Pflanzenhalm.
Der National Trust kümmert sich nicht nur um zahlreiche ehemalige Kupfer- und Zinnminen in Cornwall, sondern hat auch seinen Beitrag zur Rekultivierung geleistet und so neuen Lebensraum für Tiere – hier das Widderchen – und Pflanzen geschaffen. (Bild: Ulsamer)

Eldorado für Rentner und Touristen

Von 1860 bis 1950 verlor Cornwall gerade auch jüngere arbeitsfähige Bewohner, die sich in anderen Weltgegenden eine bessere Zukunft erhofften. Der negative Bevölkerungstrend ist zwar inzwischen nahezu gestoppt, doch der Zustrom besteht überwiegend aus Rentnern, die ihren Lebensunterhalt früher in den britischen Metropolen verdient haben und sich nun ein beschaulicheres Leben in dieser sonnenverwöhnteren Region wünschen. Trotz des Tourismus gilt Cornwall heute als eine der wirtschaftlich schwächeren Regionen im Vereinigten Königreich, und auch im europäischen Vergleich liegen die Bewohner nicht sonderlich gut im Rennen. Die Löhne liegen zum Teil 25 % unter dem britischen Durchschnitt, doch die Lebenshaltungskosten sind nicht zuletzt durch den Zuzug wohl bestallter Engländer in die Höhe gegangen.

Auf dem Cape Cornwall erhebt sich ein Kamin. Unterhalb die früheren Gebäude der Mine und ein umfrideter Garten.
Die Cape Cornwall Mine gehört sicherlich zu den bekanntesten Bergwerken, obwohl die Grube nicht sonderlich erfolgreich arbeitete. Zu ihrer wechselvollen Geschichte trug auch Francis Oats bei, der Cape Cornwall nach 1900 erwarb. Er ließ in dem mit Mauern umgebenen Teil, wo früher Zinn gewonnen wurde, Gewächshäuser für exotische Früchte errichten. Der Bergbauingenieur aus St. Just, der seine Laufbahn als 13jähriger in der Balleswidden Mine begann, stieg später in die De Beers Mine – also ins Diamantengeschäft – in Südafrika ein. Der Erfolg war ihm nicht in die Wiege gelegt, sondern resultierte aus harter Arbeit und außergewöhnlichem Fleiß: Schon als Jugendlicher marschierte er jeweils nach der Schicht noch sieben Kilometer nach Penzance in die Abendschule. Der National Trust erhielt 1987 Cape Cornwall vom Unternehmen Heinz – Ketchup! – als Geschenk zum Firmenjubiläum. (Bild: Ulsamer)

Für Pensionäre, die ein ruhigeres Leben suchen, und für Touristen hat Cornwall dagegen viel zu bieten: Von seiner malerischen Landschaft bis zur hochinteressanten Geschichte. Jüngere Bewohner haben dagegen damit zu kämpfen, dass qualifizierte (Industrie-) Arbeitsplätze Mangelware sind. Aus der großen Bergwerksgeschichte haben sich in Cornwall kaum innovative Anregungen für die Zukunft ergeben. So bleibt der südwestliche Zipfel der britischen Insel ein Anziehungspunkt für Touristen und Geschichtsinteressierte sowie britische Rentner.  Die Region insgesamt konnte wirtschaftlich allerdings nicht an frühere Zeiten anknüpfen. Die Zeiten des Kupfer- und Zinnbergbaus waren hart, doch der industrielle Sprung ins 21. Jahrhundert ist misslungen. Die Glücksritter der Bergbauepoche sind weitergezogen, ihre Burgen sind zerfallen, und das technologische Wissen beispielsweise im Maschinenbau ist längst vergessen.

 

Eine 180 Jahre alte Förderanlage. Die Kraft wird von der Dampfmaschine erzeugt.
Bis heute unter Dampf: Installiert wurde die dampfbetriebene Förderanlage 1840 in der Levant Mine von der Harvey’s Schmiede in Hayle – ebenfalls Cornwall. Sie tat ihren Dienst bis zur Schließung des Bergwerks 1930. Die ‚Greasy Gang‘ sorgt bis heute mit reichlich Öl und ihren Fachkenntnissen für den Weiterbetrieb. Unter der Obhut des National Trusts hat sich Levant zu einem vielbesuchten historischen Ort entwickelt, der ebenfalls zum UNESCO-Welterbe gehört. (Bild: Ulsamer)

 

 

 

2 Antworten auf „Cornwall: Die Burgen des Zinnzeitalters“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.