Brücken verbinden Menschen und Regionen

Symbole für Austausch, Frieden und Verständigung

Häufig gehen oder fahren wir über Brücken, und selbstredend denken wir nicht jedes Mal über die Geschichte des Bauwerks nach. Aber mit vielen Brücken, die Flüsse, Kanäle oder Meeresarme, tiefe Schluchten oder andere Straßen bzw. Gleise überspannen verbinden sich politische Ereignisse. Mal erfolgt ein Brückenschlag mit Kanonenrohren und wird so zu einem Signal für den Frieden, mal trägt eine Brücke zur Verständigung zwischen Regionen bei. Brücken ermöglichen den Austausch von Menschen, mögen sie im Auto, in einem Bus, in der Straßenbahn oder im Zug unterwegs sein. Leider bröseln gerade auch in Deutschland Brücken, obwohl es andernorts Bauwerke gibt, die seit 150 Jahren ihren Dienst versehen.

Das Kanonenbrückle. Leicht rostige Rohre bilden das Grundkonstrukt. Dies sind ehemalige Kanonenrohre. Es kommen zwei Radfahrer auf den Fotografen zu.
Das Kanonenbrückle im baden-württembergischen Wendlingen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus Kanonenrohren errichtet, die zum Glück nicht mehr ihren kriegerischen Einsatz erlebten. Eine Informationstafel fehlt leider, die die Nutzer über dieses Bauwerk des Friedens unterrichtet. (Bild: Ulsamer)

Kanonenrohre für den Brückenschlag

Nun mag die kleine Brücke im baden-württembergischen Wendlingen nicht über die nähere Umgebung hinaus bekannt sein, doch sie ist trotzdem ein Symbol für die Überwindung von Kriegsfolgen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs sprengten deutsche Truppen die Brücke über den Neckar. Sie glaubten in ihrer Verblendung, mit der Unterbrechung einzelner Verkehrsverbindungen ließe sich das Ende der NS-Gewaltherrschaft noch verhindern. Zum Glück für uns alle endete das NS-Regime, hatte allerdings vor dem Abgang millionenfachen Tod und unvorstellbare Zerstörung herbeigeführt.

Material war knapp, seinerzeit, doch eine Brücke über den Neckar fehlte besonders den Landwirten, die ihre Felder auf der anderen Seite des Flusses erreichen wollten. Der neue Wendlinger Bürgermeister Helmut Kaiser soll beim Heidenheimer Turbinenproduzenten Voith fündig geworden sein: Kanonenrohre, die zum Glück nicht mehr zum Einsatz kamen, bildeten so die Grundkonstruktion für die kleine Brücke, die 1949 eingeweiht wurde. Statt den Neckar zu überspannen, plätschert heute unter ihr die Lauter. Aber nicht die Brücke wurde verlegt, sondern der Neckar und gleichzeitig auch der Zufluss der Lauter.

Da steht sie nun, im Volksmund ‚Kanonenbrückle‘ genannt, und nicht einmal eine Informationstafel erinnert an ihre Geschichte. Zwar wurden nicht Schwerter zu Pflugscharen, aber Kanonenrohre zu einer Brücke, die Menschen zusammenführt. In der Stuttgarter Zeitung war zu lesen: „Der Wendlinger Gemeinderat überlegt sich, die Brücke abzureißen und durch eine breitere zu ersetzen.“ Da kann ich nur den Kopf schütteln: Für Fahrradfahrer und Fußgänger ist die Brücke nun wirklich breit genug, und Autos würden ohnehin in einer Sackgasse landen. Der Gemeinde Wendlingen stünde es gut zu Gesicht, dieses historische Bauwerk mal mit etwas Farbe für die Zukunft zu sichern und die Nutzer über den historischen Kontext zu unterrichten.

Die 'Peace Bridge' in Derry und dahinter die Guild Hall, in der der Stadtrat tagt.
Die von der EU geförderte Peace Bridge im nordirischen Derry ist ein Symbol des Friedens, des zaghaften Zusammenwachsens lange verfeindeter Bevölkerungsgruppen. Wer durch Derry wandert, der erkennt auch schnell, dass der fragile Frieden ein kostbares Gut ist. (Bild: Ulsamer)

Die Brücke des Friedens

Wenn man im nordirischen Derry von den Ebrington Barracks in Richtung Guild Hall geht, dann überquert man den River Foyle auf der ‚Peace Bridge‘. Über Jahrzehnte waren die Ebrington Barracks mit den dort stationierten britischen Soldaten, aber auch die Guild Hall auf der anderen Seite des Flusses für die Katholiken Symbole der Unterdrückung durch die protestantische Mehrheit. Nach dem Karfreitagsabkommen hat sich viel bewegt: Aus den ‚Ebrington Barracks‘ wurde ein Kulturzentrum, in der Guild Hall tagen heute gewählte Vertreter von Katholiken und Protestanten – und die ‚Peace Bridge‘ führt die Menschen zusammen.

Dem Nordirlandkonflikt fielen 3 500 Menschen seit den 1960er Jahren zum Opfer. Das Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 unterbrach diese Spur des Blutes. Explodierende Bomben und hinterhältige Morde durch katholische und protestantische paramilitärische Organisationen gehörten zunehmend einer dunklen Vergangenheit an, die die Iren beschönigend ‚Troubles‘ nennen. Aber auch die Menschenrechtsverletzungen durch die nordirische Polizei und das britische Militär verloren ihre Schärfe, zu deren Höhepunkt der Bloody Sunday in Derry gehört hatte: Britische Fallschirmjäger eröffneten am 30. Januar 1972 das Feuer auf unbewaffnete und friedliche Demonstranten und töteten 14 Zivilisten, darunter auch Kinder. Mit diesem barbarischen Gewaltakt verlor die britische Armee jegliche Glaubwürdigkeit. Die Peace Bridge in Derry ist ein Symbol für das Überbrücken der Kluft zwischen den Bevölkerungsgruppen. Und der Brexit darf nicht zu einer harten Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland führen, denn dies würde den fragilen Frieden gefährden.

Die Royal Albert Bridge spannt sich über den River Tamar.
Seit 1859 verkehren Züge über die Royal Albert Bridge zwischen dem englischen Plymouth und Cornwall. Die eindrucksvolle Konstruktion von Isambard Kingdom Brunel setzt Maßstäbe in Sachen Nachhaltigkeit. (Bild: Ulsamer)

Brücken mit Substanz

Brücken sollten nicht nur für wenige Jahre oder Jahrzehnte Flüsse überqueren, sondern ihren Bogen für lange Jahre spannen. Zwei Musterbeispiele von Isambard Kingdom Brunel sollen hier kurz erwähnt werden.  Die Brücke, die Bristol mit Avenmouth verbindet, ist rd. 400 Meter lang, und die längste Stützweite dieser Kettenbrücke ist 214 Meter. Immerhin erhebt sich das beeindruckende Gebilde 75 Meter über den Fluss Avon. Gebaut wurde sie in einer Zeit ohne Auto, denn sie nahm 1864 ihren Betrieb auf. Da waren noch nicht einmal Carl Benz und Gottlieb Daimler mit ihren Entwicklungen auf der Straße. Heute erträgt die Clifton Suspension Bridge jedoch statt einiger Pferdefuhrwerke und Fußgängern täglich sage und schreibe 11 000 Fahrzeuge! Wenn dies kein Beweis für die Langlebigkeit der Konstruktion von Brunel ist! Allerdings: von nichts kommt nichts, so könnte man sagen. Pro Fahrzeug wird jeweils 1 britisches Pfund kassiert – und in die Erhaltung der Brücke gesteckt. Fußgänger und Radfahrer bezahlen nichts.

Wer lieber mit der Bahn fährt, der erreicht Saltash in Cornwall vom englischen Plymouth aus über eine Eisenbahnbrücke, die ebenfalls von Brunel entworfen wurde und den Tamar überspannt. Eingeweiht wurde die knapp 140 Meter lange schmiedeeiserne Fachwerkskonstruktion 1859 von Prinz Albert. Noch heute verkehren die Züge nach Fahrplan über die Royal Albert Bridge, die zwar ertüchtigt wurde, doch ihr Grundprinzip besticht noch immer. Mehr Nachhaltigkeit würde ich mir auch von den Konstrukteuren moderner Bauwerke wünschen!

Zwei Pylone recken sich jeweils wie ein großes H gen Himmel. Daran befestigt Stahlseile, die wie ein Spinnennetz wirken.
Über die neue Severn Brücke rollen seit 1996 die Fahrzeuge auf dem Motorway M4. Die Gemeinden in England und Wales rückten einander näher, doch in Richtung Wales wurde über Jahre Maut erhoben. Dies nahmen nicht wenige Waliser der Londoner Regierung krumm: National gesinnten Walisern stieß dann 2018 auch noch die Umbenennung des Bauwerks zur Prince of Wales Bridge auf. Aber ganz verscherzen wollte es sich die Tory-Regierung mit den Walisern nicht, die 2016 im Referendum mehrheitlich für den Austritt aus der EU gestimmt hatten, und so entfiel die Maut. (Bild: Ulsamer)

Maut als Politikum

Die neue Brücke über den Severn wurde 1996 eingeweiht. Rund          60 000 Fahrzeuge rollen täglich über die 5,2 Kilometer lange Brücke. Bis 2018 mussten wir Maut berappen, wenn wir die Brücke überquerten, doch der politische Unwille war bei den Walisern groß. Dabei ging es nicht um die Gebühren, die nur von England nach Wales fahrend entrichtet werden mussten, sondern um das Gefühl der Zurücksetzung. Irgendwie erinnert mich dies auch an die neuen Bundesländer in Deutschland: Wirtschaftlich geht es den meisten Bürgern besser, doch manche fühlen sich nicht einbezogen und respektiert.

Als das Bauwerk 2018 den Namen Prince of Wales Bridge verliehen bekam, stimmte das so manchen Waliser nicht glücklich. 30 000 Bürger unterzeichneten eine Petition gegen diese Widmung nach dem britischen Thronfolger. In Zeiten, in denen es im Gefüge des Vereinigten Königreichs bedenklich ächzt, wurde der Entfall der Mautgebühren beschlossen. Sicherlich nicht nur ein Signal an die Gegner der Namensgebung, sondern an alle Waliser: Seht, ihr seid ein wichtiger Bestandteil des Landes – und ihr braucht auf dem Weg zwischen England und Wales nichts mehr zu bezahlen. Und Verkehrsminister Chris Grayling, Conservative and Unionist Party, betonte: „Abolishing the crossing fee will also drive economic growth for businesses in Wales and the South West and further strengthen the bond between our two great countries.“ Dies sieht wie ein Dank an die Waliser aus, die im Referendum 2016 mehrheitlich für den Brexit gestimmt haben. Wie auch immer: Die zweite Brücke über den Severn – nahe an der Irischen See – ist ein wichtiges Bindeglied zwischen England und Wales und ein nicht zu unterschätzender Aspekt der Regionalpolitik.

I Vordergrund die neue Bahnbrücvke über den Neckar, rechts die alte Brücke in bräunlichen Farben.
Wer mehr Menschen in unsere Züge bringen möchte, der muss auch die Schieneninfrastruktur zügig ausbauen. Für die Schnellbahnverbindung von Stuttgart nach Ulm und weiter nach München, Salzburg und Budapest entsteht in Stuttgart eine neue Neckar-Querung. (Bild: Ulsamer)

Brücken ermöglichen Austausch

Welche Bedeutung Brücken für unser Leben haben, das merkt man am schnellsten, wenn sie fehlen. Das derzeit leider vergriffene Kinderbuch „Auf der anderen Seite des Flusses“ macht dies in hervorragender Weise deutlich – gerade auch im übertragenen Sinne. In dieser Geschichte von J. Oppenheim und Aliki schimpfen die Bewohner des westlichen Ortsteils auf die Bewohner im Osten und natürlich umgekehrt. Dann reißt der Fluss den alten Holzsteg weg, und jetzt merkt der Schneider erst, dass er den Weber braucht, aber der wohnt ‚auf der anderen Seite des Flusses‘ und der Bauer braucht dringend den Schmied, aber auch der wohnt …  So machen sich die Streithähne an den Bau einer neuen Brücke.

Brücken ermöglichen den Austausch, schaffen Verbindungen zwischen Menschen und Regionen. Und sie können – wie Brunels Werke bestätigen – auch 150 Jahre ihren Dienst tun. Leider fehlt es bei heutigen Bauten nicht selten an der Nachhaltigkeit in der Konstruktion oder an der laufenden Instandhaltung. So bröseln zu viele Brücken in Deutschland vor sich hin: Und da hatte doch die Union im Programm für die Bundestagswahl 2017 betont, „Deutschland ist weltweit Vorzeigeland für seine Infrastruktur“. Wer mag dies noch glauben, wenn er über löchrige Straßen holpert oder Brücken wegen Baufälligkeit gesperrt werden müssen. Es ist an der Zeit, nicht nur die Brücken in Deutschland auf Vordermann zu bringen. Ohne Brücken funktioniert das tägliche Leben nicht und die Wirtschaft geht in die Knie. Aber auch im politischen Leben müssen wir darauf achten, dass wir nicht Brücken zwischen den demokratischen Kräften abreißen. Bei realen Brücken in der Landschaft gilt ebenso wie beim Brückenschlag im gesellschaftlichen Leben:  Nachhaltige und innovative Lösungen sind gefragt und kein leeres Palaver.

 

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