Banksy: kritisch, humorvoll, prägnant – mit einem Schuss Anarchismus

Street-Art als politisches Kunstwerk

Gehe ich durch so manche Stadt, dann frage ich mich, was Zeitgenossen veranlasst, sich mit allerlei Graffiti an Hausfassaden zu verewigen. Es zeigt sich eben bei vielen Schmierfinken, dass sie keine Künstler sind. Ganz anders sehe ich die kleinen und großen Kunstwerke des englischen Street-Art-Künstlers Banksy. Zwar bin ich weit davon entfernt, alle seine politischen Aussagen zu teilen, die er mit seinen Sprüharbeiten in die Gesellschaft hineinträgt. Wenn, wie in seiner Geburtsstadt Bristol, ein Teddybär Molotowcocktails auf Polizeibeamte wirft, dann blitzt seine anarchistische Grundhaltung auf, die sicherlich nicht jedermanns Sache ist. Aber als ich in Dover bei der Fahrt zum Fährhafen zum ersten Mal sein treffendes, eine ganze Hausfassade füllendes Werk zum drohenden Brexit sah, da war wieder klar, dass er ein Thema pointiert darstellen kann: Ein Handwerker auf einer Leiter ist gerade dabei, einen Stern aus der EU-Fahne heraus zu meißeln. Wie so oft gefiel das Werk nicht allen, und es wurde übertüncht. Banksy hat es verstanden, seine Identität vor der Öffentlichkeit geheim zu halten und Besucher an Orte zu locken, die sie ansonsten kaum aufgesucht hätten.

Porträt einer Frau im Stile des 17. Jahrhunderts. Die Frau trägt ein Kopftuch, der Ohrring im riginal wird hier zu einem Außenmelder einer Alarmanlage. Das Frauengesicht ist jetzt mit einer Corona-Maske versehen.
‚A Girl with a Pierced Eardrum‘ trägt nun ganz passend zur Corona-Pandemie eine Mund-Nasen-Maske. Ob Banksy selbst sein Street-Art-Werk in Bristol in der Nähe der Albion Docks ergänzt hat, ist nicht bekannt. Dieses Bild ist auch als Parodie auf das Gemälde des holländischen Malers Jan Vermeer aus dem 17. Jahrhundert zu sehen. (Bild: Ulsamer)

Fassaden werden zum Kunstobjekt

In Bristol pilgern Banksy-Interessierte auf einen wenig ansehnlichen Hinterhof, um ‚A Girl with a Pierced Eardrum‘  im Original betrachten zu können. Uns wies ein freundlicher Anwohner schon ungefragt zwei Hausecken entfernt den richtigen Weg, denn Banksys Werke sind in der englischen Hafenstadt eine Touristenattraktion – und es gibt einen Banksy-Trail auch preisgünstig als App. Den Ohrring, den Banksys ‚Girl‘ trägt, war schon vorher da, ein externer Signalgeber einer Alarmanlage! Banksy spießt das Sicherheitsbedürfnis vieler Bürger mit seinem Graffito auf und nutzt – wie auch an anderen Gebäuden – vorhandene Stilelemente. Das Wandbild ist gleichzeitig eine gesellschaftskritische Parodie auf das Gemälde des holländischen Malers Jan Vermeer aus dem 17. Jahrhundert. Nun hat es ein ‚künstlerischer Zeitgenosse‘ oder gar Banksy selbst mit der obligatorischen Corona-Maske versehen. Die unfreundliche Gabe aus dem chinesischen Wuhan verändert in extremer Weise unser Leben, und dies schlägt sich auch hier in der ‚Aktualisierung‘ des Banksy-Werks nieder. Museen waren in Bristol wegen der Corona-Epidemie Anfang September geschlossen, aber Restaurants ohne Maske zugänglich: eine innere Logik kann ich darin nicht erkennen.

Ein Mann schaut aus einem Fenster, die Frau in Unterwäsche, am Fenstersims hängt mit einer Hand eine Männergestalt. Mit der linken Hand bedeckt er sein Geschlechtsteil. Blaue Flecken an der Fassade gehen auf Würfe von Farbbeuteln zurück.
Ein ‚Well Hung Lover‘ entgeht den Blicken des gehörnten Ehemanns schräg gegenüber der City Hall in Bristol. Im Gebäude befand sich ironischer Weise eine Klinik für beim Geschlechtsverkehr übertragene Krankheiten. 2010 befragte die Stadtverwaltung die Anwohner, ob die Banksy-Arbeit verschwinden sollte, doch 93% votierten für den Erhalt. (Bild: Ulsamer)

Es ist im Grunde fast unglaublich, dass Banksy seine Freihand-Werke und Schablonen-Graffiti nahezu unbemerkt von der nicht immer begeisterten Obrigkeit in den Innenstädten platziert. Bleiben wir noch in Bristol, wo er vermutlich 1974 geboren wurde und seinen Weg als Street-Art-Künstler begann: Gegenüber der City Hall lässt er einen Liebhaber am Fenstersims hängen, während der gehörnte Ehemann und die leicht geschürzte Ehefrau über ihm aus dem Fenster schauen. Ohne Helfer dürfte es weder hier noch in Dover oder an anderen Orten möglich gewesen sein, Gerüste aufzubauen und die entstehende Kunst bis zur Fertigstellung zu verbergen. Auf so manchem Hinterhof war es sicherlich einfacher, ein Graffito anzubringen, denn die Besucherflut kam erst nach der Fertigstellung.

Das Gemälde eines Gorillas an einer Hauswand. Es wirkt wie verblichen. Es wurde übertüncht und wieder freigelegt.
Ein Gorilla mit rosa Augenmaske von Banksys Hand aus dem Jahre 2006 hatte kein Wohlgefallen gefunden, als ein früherer Sozialtreff in Bristol fünf Jahre später in ein Islamisches Zentrum (Jalalabad Islamic Centre) umgewandelt wurde. Gerade an jenem Tag stellte der Zoo in Bristol aus Anlass seines 175jährigen Jubiläums sein ‚WOW Gorilla-Projekt‘ vor, das aus gemalten Gorillastatuen von Künstlerhand bestand. Nun ist der ’Gorilla in a Pink Mask‘ nur noch ein Schatten seiner selbst: Zwar wurde die darüber gepinselte Tünche wieder entfernt, doch er ist kaum noch zu erkennen. Banksy wollte wohl mit seinem Gorilla das Maskuline bewusst in Frage stellen: der Gorilla ist nicht nur wegen der pinkfarbenen Brille, sondern auch durch die gesamte Anmutung eher ein Softie. (Bild: Ulsamer)

Kunst und die Banausen

 Street-Art hat es nicht leicht, so wurde ein von Banksy gestalteter Gorilla übermalt, als ein islamisches Zentrum in Bristol in das Gebäude einzog, das mit Graffiti überzogen gewesen war. Oder war die Begeisterung für mitteleuropäisch inspirierte Kunst vielleicht nicht ganz so ausgeprägt? Schmierereien oder geworfene Farbbeutel verunzieren so manches Werk Banksys, und nicht wenige Hausbesitzer sind überfordert, wenn der Provokateur ausgerechnet ihre Garage oder Fassade für ein neues Schlaglicht auf unsere Gesellschaft ausgesucht hat. In Port Talbot ließ Banksy ein Kind mit der Zunge vermeintliche ‚Schneeflocken‘ auffangen, die sich dann als weiße Partikel aus einem brennenden Behälter auf der anderen Garagenseite herausstellen – wohl auch ein Bezug zum nahegelegenen TATA-Stahlwerk. ‚Season‘s Greetings‘ verschaffte der Garage so viele Betrachter, dass ihr Besitzer das Werk an einen Kunsthändler veräußerte, und dieser versprach, es anfänglich in Port Talbot auszustellen. Vor Ort entpuppte sich der neue Standort als ein teilweise leerstehendes Gebäude, das – Corona-bedingt? – nicht zugänglich war. Verdreckte Glasscheiben machen mehr als deutlich, dass das Neath Port Talbot Council keinen großen Wert auf Banksys Arbeit legt. Banausen gibt es eben überall – und gerade auch in so mancher Stadtverwaltung.

Eine Kindergestalt mit Mütze und ausgebreiteten Armen fängt scheinbar mit der Zunge Schneeflocken auf. Doch diese sind die Überreste eines nebenan brennenden Feuers.
In Port Talbot – eine gute Autostunde westlich von Bristol – hinterließ Banksy seine ‚Season‘s Greetings‘: Ein Kind will mit der Zunge vermeintliche Schneeflocken auffangen, doch diese entstammen einem brennenden Behälter. Vermutlich eine Anspielung auf das naheliegende TATA-Stahlwerk, denn Anwohner klagen immer wieder über Atembeschwerden. (Bild: Screenshot, Instagram, banksy, 27.9.2020)
Über einem Ladenfenster steht 'Banksy's Season's Greetings', doch die Türen sind zu, die Fesnter spiegel und sind schmutzig.
Hinter spiegelnden und verschmutzten Scheiben macht Street-Art keinen Sinn. Und wenn dann trotz angegebener Öffnungszeiten die Türen zu sind, dann fühlt man sich wie in Absurdistan. ‚Seasons’s Greetings‘ wurde in Port Talbot weggesperrt. (Bild: Ulsamer)

Kaum hatte sich Banksy an einer weiteren Fassade in Bristol ‚verewigt‘, da schützten die Hausbewohner das Mädchen mit der Schleuder mit Holzplatten und die rote Blume, die es nach oben geschleudert hatte, mit einem Kunststoffüberzug. Vielleicht denken die Hausbesitzer auch schon an den Verkaufswert, doch im Grunde wird Street-Art obsolet, wenn sie versteckt wird. Der Ruhm könnte für Banksy so zum Problem werden, da seine Kunst reflexartig geschützt oder von politisch Andersdenkenden übertüncht wird.

Aus einem goldfarbenen dicken Bilderrahmen ragt ein zeilweise geschreddertes Bild heraus. Im oberen Teil der rote Ballon, unten der Teil einer Mädchengestalt.
Banksy ließ als krönenden Abschluss einer Auktion bei Sotheby’s in London ein Bild vor Publikum teilweise schreddern, und schon hatte sich nach Meinung von Fachleuten der Wert verdoppelt. Aus ‚Girl with Ballon‘ wurde ‚Love is in the Bin‘. Mit seiner von langer Hand geplanten Aktion wollte Banksy Kritik am Kunstmarkt äußern, doch im Grunde half er mit dieser Sensation dem Kunsthandel. Zeitweilig wurde das Bild, das eine nicht genannte Käuferin erworben hatte, in der Stuttgarter Staatsgalerie gezeigt – und die Menschen strömten herbei. (Bild: Ulsamer)

Geschreddert steigt der Wert

Nicht zimperlich geht Banksy mit seinen eigenen Kunstwerken um: ‚Girl with Balloon‘ wurde im Rahmen einer Auktion bei Sotheby‘s nach dem Zuschlag an eine Bieterin für über eine Million Pfund vor Publikum teilweise geschreddert. Die von Banksy von langer Hand vorbereitete Aktion möchte er als Kritik am heutigen Kunstmarkt verstanden wissen, doch im Grunde hat sich der Preis des Werks nach Meinung von Kunstexperten durch das Schreddern eher verdoppelt. Natürlich lässt sich der Strom an Betrachtern nicht in Euro, Dollar oder Pfund messen, die z. B. in der Stuttgarter Staatsgalerie das teilweise geschredderte Bild betrachteten, aber das große Interesse belegt die Bedeutung Banksys für den Kunstmarkt. Da mag Banksy auch anarchistische Grundüberzeugungen haben, doch er bringt Sammlern und Auktionshäusern gleichzeitig viel Geld in die Kasse. Und der Künstler selbst konnte es sich leisten, für eine Million Pfund das City Museum and Art Gallery in Bristol zu mieten, um es mit eigenen Werken zu bestücken: In sechs Wochen pilgerten über 300 000 Besucher in diese Ausstellung.

Viele seiner frühen Werke sind nicht mehr erhalten, doch an einem besetzten Haus in Bristol, der Kebele Community Co-Operative, einem Zentrum anarchistischer Gruppen, hat ein Graffito überlebt: Entstanden ist das Werk Mitte der 1990er Jahre, als Banksy noch im Bristoler Stadtteil Easton gelebt haben soll. Die anderen Graffiti an dieser Mauer wurden immer wieder übertüncht und durch neue Bilder ersetzt, nicht so aber Banksys Werk. Street-Art lebt auch vom Wandel, was sich bei vielen Graffiti zeigt, denn die Sprayer-Konkurrenz schläft nicht.

Ein heller Teddybär wirft einen Molotowcocktail auf Polizisten, die mit Schutzschildern vorrücken, aber auf dem Kopf haben sie den üblich Bobby-Helm.
Eine der ältesten an einer Fassade überlebenden Arbeiten von Banksy, die dieser noch freihändig und ohne Schablonen in Bristol gemalt hatte, trägt den Titel ‚The Mild Mild West‘. Die Polizisten werden zur Karikatur, denn sie tragen Schutzschilde wie bei zu erwartenden gewalttätigen Auseinandersetzungen, doch auf dem Kopf haben sie den Helm eines Bobbys, der in friedlichen Stadtteilen seine Streife geht. Und ausgerechnet ein Teddy wirft einen Molotowcocktail. Als das Bild 2002 auftauchte, gab es in Bristol keine innerstädtischen Unruhen, wogegen sie in den 1980er Jahren den Bezirk St. Pauls erschütterten. Banksy stellt immer wieder Autoritäten in Frage, was auch hier der zentrale Gedanke gewesen sein könnte. Naheliegend ist, dass Banksy Polizeieinsätze gegen die illegale ‚Partyszene‘ als Inspiration empfunden hat. Seine großflächige Signatur, die hier noch zu sehen ist, entfiel zumeist bei späteren Werken, da manche Zeitgenossen immer wieder versuchten, Mauerteile mit seinem ‚Namen‘ aus seinen Werken herauszubrechen, um sie über eBay zu verkaufen. (Bild: Ulsamer)

Kunst, Kommerz und Anarchismus

Nun kann man Banksy nicht selbst fragen, doch er dürfte mit gemischten Gefühlen erleben, wie sich der Kommerz seiner Kunst angenommen hat. Millionenbeträge lassen sich mit seinen Werken erzielen, und dennoch hält Banksy noch die Fahne des Anarchismus hoch. Oder ist auch dies Teil des Kunstbetriebs, den er zumindest anfänglich ablehnte? Banksy unterstützt mit den eingespielten Geldern u. a. die Bergung von Migranten auf der Fluchtroute übers Mittelmeer oder ein Krankenhaus für Palästinenser. Ohne entsprechende Einnahmen wären auch Events wie ‚Dismaland‘ nicht möglich: Banksy schuf 2015 im englischen Weston-super-Mare mit ‚Dismaland Bemusement Park‘ nach eigenen Worten „The UK‘s most disappointing new visitor attraction.“ Manchen Beobachtern erschien ‚Dismaland‘ als Parodie auf Disneyland, andere sahen in diesem ‚Anti-Unterhaltungs-Park‘ eine tiefgehende Kritik am Kapitalismus bzw. ein Synonym für dessen Niedergang. Dazu wäre auch der Ort Weston-super-Mare perfekt gewählt, denn einst ein Seebad mit Glanz und Pomp ist heute davon kaum noch etwas übriggeblieben. 50 Künstler waren an diesem kontroversen Gesamtkunstwerk beteiligt, das u.a. das zerfallene ehemalige Badezentrum einbezog.

Vor einer bräunlichen strukturierten Wand hängt ein buntes Foto mit Menschen in Liegestühlen und dahinter einem vermeintlichen Freizeitpark.
Werke von Banksy werden auch zum Inhalt künstlerischer Fotografien, so z. B. von Barry Cawston. Präsentiert wurden diese Fotografien in der Völklinger Hütte. Die Bilder standen in einem interessanten Kontrast zu den Gebäuden der UNESCO-Welterbestätte. Das im Foto oben gezeigte ‚Dismaland‘, ein Anti-Disneyland in Weston-super-Mare, sollte die Besucher zur Nachdenklichkeit bewegen. Trostlosigkeit war der Tenor von ‚Dismaland‘, wie es schon der Name sagt, und die Mitwirkenden sollten ganz bewusst unfreundlich zu den Besuchern sein (Bild: Ulsamer)

„Kunst ist kein Spiegel, der der Gesellschaft standhält, sondern ein Hammer, mit dem sie geformt werden kann“, so Bertolt Brecht. Zitiert wurde er von Banksy in seiner Einführung in das ‚Dismaland‘-Programm. Banksy warf dabei die Frage auf, was man denn tun solle, wenn der Hammer aus Schaumstoff sei? Eine Frage, die sich so mancher politisch aktive Bürger wohl ebenfalls täglich stellt! Und Banksy dürfte auch an der Antwort zu knabbern haben, denn seine gesellschaftskritischen Street-Art-Werke erregen zwar Aufsehen, aber tragen sie in gleichem Maße zu Veränderungen in der Gesellschaft bei? Eher weniger wird wohl Banksy ein Beitrag von Daniel-C. Schmidt in der ‚Zeit‘ gefallen haben, in dem er als der „weltberühmte Konsenskünstler“ tituliert wurde, denn auf Konsens dürfte er mit seinen Werken nicht aus sein, sondern eher auf eine Anregung zur Debatte. Und ganz folgerichtig kam der ‚Zeit‘-Autor bei ‚Dismaland‘ auch zu dem Schluss, es sei „lässiger Kritik-Kitsch“. Aber aus eigenen Erfahrungen mit der ‚Zeit‘ kann ich nur sagen: dort hat sich ein Redakteurs-Völkchen in seinem eigenen Elfenbeinturm eingeigelt. Das anarchistische Aufblitzen in Banksys Street-Art dürften manche Kritiker übersehen haben.

Blaue EU-Flagge mit gelben Sternen an einer Hauswand. Ein ebenfalls gemalter Handwerker ist dabei, einen Stern zu entfernen.
Als wir Banksys prägnante Darstellung des damals drohenden Brexits zum ersten Mal auf dem Weg zum Fährhafen in Dover erblickten, da spürten wir noch stärker das heraufziehende politische Unwetter. Die EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker hatte im Grunde nichts unternommen, um David Cameron bei der Suche nach einer europafreundlichen Mehrheit in seinem Parlament zu unterstützen. Die Quittung für dieses politische Versagen ist Boris Johnson als britischer Premier – und der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU. (Bild: Ulsamer)
Eine helle Hausfassade, ein Mann auf einer Leiter, der gerade einen Stern aus der EU-Flagge herausgemeißelt hat. Jetzt liegt die ganze Fahne am Boden.
So wollte Banksy am Tag des Brexits sein großflächiges Werk in Dover verändern, doch zu diesem Zeitpunkt war es bereits übertüncht. Schade, denn Banksys neuer Entwurf hätte wieder kritisch und prägnant die Lage angesprochen. Die gesamte EU und nicht nur das Vereinigte Königreich nimmt Schaden. Aber Banksy hat recht, auch eine weiße Wand – eine weiße Fahne – spricht deutlich aus, was geschehen ist. (Bild: Screenshot, Instagram, banksy, 27.9.2020)

Banksys Street-Art ist mehr als Graffiti

Wandbilder sollten zum Nachdenken anregen, was die häufig mit Schablonen hergestellten Stencils von Banksy allemal bewirken. War er zuerst mit der Spraydose oder dem Farbeimer freihändig unterwegs, so setzte er zunehmend auf vorgefertigte Schablonen. Er bringt Gesellschaftskritik auf den Punkt, und dies nicht selten mit skizzenhaften, aber durchaus auch vielschichtigen Gemälden. Street-Art zeigt mit Banksy, dass sie mehr ist als Graffiti aus einigen Buchstaben oder Kringeln. Wie so oft im Leben trennen sich so Künstler von Schmierfinken. Letztere nehmen leider in unseren Städten wieder zu, und sie können weder weiße Fassaden noch historische Mauern ‚ertragen‘ und verunzieren diese mit ihren gedankenlosen Schmierereien. Nicht jeder, der eine Spraydose in der Hand halten kann, ist dadurch ein Meister der Street-Art.

Zwei Hunde auf vier Pfoten, ein dritter auf den Hinterbeinen mit einer Spraydose.
Ein Frühwerk von Banksy hat an einer Wand der Kebele Community Co-Operative – einem Anarchistentreff mit durchaus sozialer Ader – alle Nachwuchssprayer überlebt, die sich ansonsten an dieser Mauer betätigen. (Bild: Ulsamer)

Mit dem Bekanntheitsgrad mehren sich auch die Unternehmen und Organisationen, die einen finanziellen Vorteil aus Banksys Schaffen ziehen wollen, welches inzwischen eine gewaltige Bandbreite umfasst. Banksy betonte zwar „Copyright is for losers“, doch er ließ 2014 andererseits sein Bild ‚Flower Thrower‘ als Marke bei der EU eintragen. Ein britisches Unternehmen, das Postkarten mit diesem Motiv vertreibt und das Markenrecht angefochten hatte, bekam nun Recht. Nun bin ich Soziologe und kein Jurist, aber der Argumentation der zuständigen EU-Behörde kann ich nicht folgen: sie betonte jüngst, Banksy gebe seine wahre Identität nicht preis und habe das Urheberrecht mehrfach kritisiert. Folgt man solchen juristischen Winkelzügen, dann müsste jeder Dieb straffrei ausgehen, der das Eigentumsrecht ablehnt, klaut und seine persönlichen Daten nicht angeben will. Street-Art ergibt schon aus dem Begriff heraus, dass sich das Kunstobjekt auf der Straße befindet und für die Öffentlichkeit erstellt wird, daher muss sicherlich auch jedes Werk fotografiert und in der Berichterstattung genutzt werden dürfen. Ob sich daraus aber gleichfalls ableiten lässt, man könne gegen den Willen des Künstlers kommerziellen Nutzen vorantreiben, das wage ich zu bezweifeln. Bei EU-Bürokraten wundert mich allerdings fast nichts mehr.

Wenn Teddybären Molotowcocktails und maskierte Personen Blumen werfen, dann verstecken sich dahinter auch Fragen nach dem Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Und wir tun gut daran, kritische Aspekte offen zu diskutieren. Wer alles unter den Teppich kehrt, der wird irgendwann über diese Unebenheiten stolpern. Zu einer offeneren Debattenkultur kann Banksy mit seinen Werken, die Themen auf den Punkt bringen, sicherlich beitragen. Prägnant sind seine Aussagen, humorvoll häufig seine Darstellungsweise, und hin und wieder geht auch mal seine anarchistische Grundhaltung mit ihm durch.

 

 

Hausruine. Davor parkende Autos.
Diese Ruine ist in Bristol kaum zu übersehen, das mit Schablonen hergestellte Pencil von Banksy schon eher. (Bild: Ulsamer)
Ein kleines Graffito von Bansy. Schwer zu erkennen: EinTorero, der sein Tuch über ein Auto mit Hörnern schwenkt. 'Blowpop Records'ist noch als Schrift zu lesen.
Bei einem Rundgang durch Bristol lassen sich immer wieder ältere Werke Banksys finden, die jedoch stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Am Portland Square wird der kunstinteressierte Besucher an der baufälligsten Ruine der Gegend fündig: Ein Torero schwenkt sein rotes Tuch über ein Auto mit Hörnern. Die Schrift ‚Blowpop Records‘ ist ebenfalls schwer zu erkennen, doch erinnern diese Worte an ein Plattenlabel und eine Clubnacht. (Bild: Ulsamer)

 

Ein leerer Sockel aus hellem Stein. Schwarze Tafeln sind daran zu erkennen.
Ein leerer Sockel in Bristol: Hier stand Edward Colston, über dessen Sturz ins Hafenbecken ich bereits in meinem Blog berichtet habe: ‚Die Bilderstürmer sind auferstanden. Bald eine Welt der leeren Sockel?‘ Colston machte sein Geld als Sklavenhändler, doch er stiftete gleichwohl Armenhäuser und Kirchen. (Bild: Ulsamer)
Skizze von Banksy. Sie stellt ein kombiniertes Denkmal aus der früheren Statue und neuen Figuren (Demonstranten) dar.es
Der Street-Art-Künstler Banksy stellte in Instagram eine künstlerische Einbeziehung der Skulptur von Edward Colston in die aktuellen Bezüge vor. Sicherlich ein bedenkenswerter Vorschlag auch für andere Denkmäler. Ein Sturz ins Hafenbecken – wie in Bristol vollzogen – schafft das historische Unrecht nicht aus der Welt, sondern trägt dazu bei, dass es vergessen wird. Eine zwischenzeitlich auf den Sockel gestellte Studentin – natürlich auch in Metall gegossen -, die am Colston-Sturz beteiligt war, wurde von der Stadtverwaltung wieder entfernt und die Colston-Statue aus dem Hafenbecken gefischt. Für sie wird nun ein anderes Plätzchen, vermutlich in einem Magazin, gesucht. (Bild: Ulsamer)

 

Graue Hausfassade. Im unteren Bereich verdecken Holzplatten einen Teil des Banksy-Werks (Mädchen mit Schleuder), im oberen Bereich hinter einer Plastikfolie:rote Blumen, die sich aus dem hochgeschleuderten Objekt ergießen.
Wo ist eines der neusten Banksy-Werke geblieben? Ein Mädchen mit Schleuder ist hinter Holzplatten verschwunden. Die roten Blumen soll eine Plastikfolie vor einem aufziehenden Sturm schützen. Denken die Hausbesitzer schon an den Verkauf des Street-Art-Werks? (Bild: Ulsamer)
Ein Mädchen schießt mit einer Schleuder ein Objekt an die Fassade, und daraus ergießen sich rote Blumen. Links im Hintergrund ein Hochhaus.
Das Mädchen mit Schleuder und den sich aus dem abgeschossenen Objekt ergießenden Blumen erschien im Stadtteil Barton Hill am 13. Februar 2020, aber erst am nächsten Tag bestätigte Banksy der Urheber zu sein, und so bekam das Mädchen den Namen Valentine – wegen des Valentinstags. (Bild: Screenshot, Instagram, banksy, 27.9.2020)

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