Bäume pflanzen gegen den Klimawandel

Wir brauchen mehr Wald und weniger Palaver

Seit der Entstehung der menschlichen Zivilisation hat sich die Zahl der Bäume auf der Erde halbiert, und gleichzeitig emittierten wir Menschen immer mehr klimaschädliches CO2. Besonders verwunderlich ist daher die Anreicherung klimaschädlicher Emissionen in der Atmosphäre und die daraus resultierende zunehmende Erderwärmung nicht. Natürlich lassen sich die Uhren nicht um Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurückdrehen, und vermutlich möchte dies auch kaum einer unserer Zeitgenossen. Wer dennoch den Klimawandel bremsen möchte, der muss das Freisetzen von Klimagasen – wie Kohlendioxid und Methan – drastisch eindämmen, und im gleichen Maße die Entwaldung stoppen und mehr Bäume pflanzen. Dies wird in der einen oder anderen Region mit Sicherheit die gewohnte Kulturlandschaft verändern.

Lichter Mischwald erfreut auch die Insekten.
Wenn wir mehr Bäume pflanzen, um den Klimawandel zu bremsen, dann müssen wir auf einen artenreichen Wald setzen. Natürlich sind die Bäume landesspezifisch, doch Monokulturen sind auf jeden Fall abzulehnen. In Mitteleuropa bietet ein lichter Mischwald auch Insekten und anderen Tieren einen Lebensraum. (Bild: Ulsamer)

Der Mensch hat die Zahl der Bäume halbiert

Als unsere Vorfahren noch in kleinen Grüppchen begannen, sich die Erde ‚untertan‘ zu machen, da wuchsen noch rd. 6 Billionen Bäume auf unserem Planeten. Doch schon bald wurden Bäume geschlagen, um Flächen für den Ackerbau zu gewinnen, und Holz bekam eine immer größere Bedeutung: vom reinen Wärmelieferanten am Lagerfeuer und unter vielen anderen Nutzungen z.B. die Metallverhüttung wurde Holz als Brennstoff benutzt, ehe der ‚Siegeszug‘ der Kohle begann. Holz wanderte nicht nur in den Hausbau, sondern auch in den Bau von Schiffen. Schottland und Irland verloren unter Königin Elizabeth I. ihre ausgedehnten Forste, um die riesige Flotte hölzerner Segelschiffe im 16. Jahrhundert bauen zu können. In vielen Ländern setzt sich der Raubbau am Wald bis in unsere Tage fort, so z.B. in Brasilien und Indonesien. Im 18. Und 19. Jahrhundert war es um den Wald auch in deutschen Regionen nicht immer gut bestellt, obwohl es bereits seit dem 16. Jahrhundert einschlägige Forstordnungen gab. Übermäßige Abholzung und Beweidung wurden zu einer Bedrohung für den Wald. Und als die schwindenden Holzvorräte zum Thema wurden, verdrängten Fichten bei Aufforstungen die langsamer wachsenden Buchen. Weltweit gibt es nach einer in ‚Nature‘ veröffentlichten Studie heute etwas über 3 Billionen Bäume.

Generell hat der Wald in Deutschland im Vergleich der letzten Jahrhunderte seine größte Ausbreitung erreicht. Dennoch bieten sich selbst hier noch Flächen für eine Aufforstung an, obwohl dies auch zu Veränderungen der gewohnten Kulturlandschaft führen würde. Ich denke beispielsweise an Parks und Gärten, die mehr Bäume vertragen könnten. Allerdings macht man sich nicht immer beliebt, wenn die selbst aufgezogenen Bäume dem Blumentopf entwachsen und nach einigen Jahrzehnten das Haus überragen. Da fallen eben auch mal Blätter auf die ‚falsche‘ Seite des Gartenzauns! Nicht jeder Nachbar scheint bisher erkannt zu haben, dass der Sauerstoff, den er zum Atmen braucht, ohne die kritisch beäugten Blätter nicht ausreichend vorhanden wäre.

Nicht immer freuen sich die Nachbarn über die Blätter von unserem Baum.
Die Kinder freuen sich über die Kastanien im Herbst, doch die Blätter erfreuen nicht alle Nachbarn – auch wenn wir eifrig mit dem Besen unterwegs sind. Aber Sauerstoff braucht dennoch jeder zum Atmen. (Bild: Ulsamer)

Großes Aufforstungspotential

Nun lässt sich sicherlich mit einzelnen Bäumen nicht der globale Trend der Erderwärmung verändern, daher hat sich ein Forscherteam unter Leitung von Tom Crowther und Jean-Francois Bastin von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich darangemacht, mögliche Aufforstungsgebiete zu identifizieren. Tom Crowther meinte zu der in ‚Science‘ präsentierten Studie: „Wir alle wussten, dass die Aufforstung der Wälder einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten könnte, aber bislang war unklar, wie groß der Effekt wäre. Unsere Studie zeigt deutlich, dass Flächen zu bewalden derzeit die beste verfügbare Lösung gegen den Klimawandel ist. Allerdings müssen wir schnell handeln, denn es wird Jahrzehnte dauern, bis die Wälder reifen und ihr Potenzial als natürliche CO2-Speicher ausschöpfen.“

Das Forscherteam sieht nach der Auswertung von 80 000 Satellitenbildern ein Potential zur Aufforstung auf 0,9 Milliarden Hektar. Diese Gebiete erfüllen die klimatischen Voraussetzungen und werden bisher vom Menschen nicht anderweitig genutzt. Zum Vergleich: Die Größe entspricht den USA. Die größten Flächenanteile entfielen bei dieser Analyse auf Russland (151 Mio. Hektar), die USA (103 Mio. Hektar), Kanada (78,4 Mio. Hektar), Australien (58 Mio. Hektar), Brasilien (49,7 Mio. Hektar) und China (40,2 Mio. Hektar). Bei der Nennung Brasiliens wird auch unmittelbar erkennbar, dass diese wissenschaftliche Untersuchung nur ein erster Schritt sein kann, denn in diesem südamerikanischen Land steht derzeit die Rodung im Mittelpunkt und gewiss nicht die Aufforstung. Ohne eine veränderte politische Grundhaltung der Regierenden wird an eine Aufforstung nicht zu denken sein.

Eine knorrige Eiche bei Ross Castle in einem irischen Biosphärengebiet.
Diese knorrige Eiche im UNESCO-Biosphärengebiet beim Ross Castle darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Irland nur wenige Waldbestände den Einschlag für den britischen Schiffsbau und Brennholz überstanden haben. Daher sieht die irische Regierung auch ein großes Potential für die Aufforstung. Denkbar scheint es, die Einsparungen bei CO2 bis 2050 zu rd. 20 % über Aufforstungen auszugleichen. (Bild: Ulsamer)

Nicht kleckern – klotzen

Wenn wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen wollen, dann müssen wir den Ausstoß an klimaschädlichen Gasen drastisch reduzieren. Und wir sollten alles tun, um CO2 in unserer Umwelt zu reduzieren. Dabei helfen uns die Ozeane, die rd. ein Drittel der vom Menschen verursachten Kohlenstoffemissionen absorbieren, und die landgebundenen Pflanzen in etwas geringerem Umfang. Unser menschliches Handeln sorgt jedoch nicht nur dafür, dass gewaltige Mengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre gepustet werden, sondern gleichzeitig schädigen wir die Meere durch die Einleitung von Giftstoffen aller Art, und die Wälder werden – global betrachtet – dezimiert. Die ETH-Forscher kommen zu dem Schluss, dass mit der Aufforstung von 0,9 Mrd. Hektar 205 Mrd. Tonnen Kohlenstoff gespeichert werden könnten: Dies entspricht – den ETH-Forschern folgend – zwei Dritteln der 300 Mrd. Tonnen Kohlenstoff, die vom Menschen seit der Industriellen Revolution (1800) hervorgerufen und derzeit in der Atmosphäre akkumuliert sind.

Die Idee, mit Aufforstungen dem Klimawandel entgegen zu treten, ist zwar nicht neu, doch durch die neuen Forschungsergebnisse werden auch die Dimensionen erkennbar, in denen gehandelt werden kann und muss. So treiben die Vereinten Nationen ein Programm voran, das zum Pflanzen neuer Bäume führen soll. Die Bedeutung eines solchen Programms soll nicht geschmälert werden, doch jährlich fallen 15 Mrd. Bäume Axt, Motorsäge, Vollernter oder der Brandrodung zum Opfer. Und lediglich 5 Mrd. Bäume werden neu gepflanzt oder wachsen von selbst heran. Somit entsteht jährlich ein Nettoverlust von 10 Mrd. Bäumen. Selbst die inzwischen dem UN-Programm zugerechneten 13,6 Mrd. neuer Bäume (lt. trilliontreecampaign.org) können den bisherigen Trend der Entwaldung nicht stoppen. Bei dieser Internetseite kann jeder gepflanzte Bäume melden, ob diese auch wirklich heranwachsen, weiß keiner. Eine intensive wissenschaftliche Begleitung ist daher erforderlich. Jedes Bäumchen zählt zwar, aber wir brauchen eine gewaltige Kraftanstrengung, um eine großflächige Aufforstung voranzutreiben.

Blick auf den Schwarzwald bei Todtnau: Laub- und Nadelbäume.
Der Schwarzwald ist nicht nur von Tannen und Fichten geprägt, sondern hat auch einen hohen Anteil an Laubbäumen. Blick vom Todtnauer Wasserfall im UNESCO-Biosphärengebiet Schwarzwald. (Bild: Ulsamer)

Klimadiskutanten sollen mal Bäume pflanzen

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Bedeutung der Wälder als CO2-Speicher um so höher eingeschätzt wird, je weniger die Reduktionsmaßnahmen bei den klimaschädlichen Emissionen vorankommen. Und so wäre es geradezu verdienstvoll, wenn die Tausende von Teilnehmern der Klimakonferenzen statt nur zu palavern auch gleich noch Bäume pflanzen würden. In Kattowitz versammelten sich sage und schreibe 30 000 Menschen, um über das Klima zu diskutieren, jüngst in Bonn waren es 3 000 und demnächst in Santiago de Chile werden es wieder 30 000 sein. Da sollte doch jeder mal eine Schaufel in die Hand nehmen und zumindest seinen eigenen CO2-Ausstoß bei der Anreise und während der Konferenz ganz handgreiflich ausgleichen und dies nicht dem Veranstalter durch entsprechende Zahlungen überlassen.

Zwar verweist die Potentialanalyse für die Aufforstung in besonderer Weise auf Staaten außerhalb der Europäischen Union, dennoch dürfen wir uns keinesfalls um ein Engagement in der eigenen Region drücken. Und dies gerade auch aus richtig verstandenem Eigennutz. Wälder sind ja nicht nur Holzlieferanten oder Kohlenstoffspeicher, sondern sie bieten Lebensraum für viele Tiere und weitere Pflanzen. Artenreiche Wälder sind auch für Freizeit und Erholung nicht zu unterschätzen. Dies natürlich nur, wenn es sich um keine dunklen Monokulturen handelt. Wer Aufforstungen realisieren möchte, muss gleichfalls den privaten Flächenbesitzern eine interessante Rendite sichern und den Bürgern ein Umfeld, das sie anspricht. Dabei dürfen trotzdem nicht die anderen Aktivitäten vergessen werden, z.B. die Wiedervernässung ehemaliger Moorflächen, die Sicherung von (Mager-) Wiesen, usw., die alle einen wichtigen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten, im Gegensatz zu vielen großagrarischen Monokulturen. Und an diesem Beispiel wird auch deutlich: die verschiedenen Maßnahmen hängen zusammen – nichts ist eindimensional, alles bewegt sich im Kreislauf.

So müssen wieder mehr Wiesen aussehen: Blütenangebot für Insekten - in: in: „Wald pflanzen gegen den Klimawandel. Wir brauchen mehr Bäume und weniger Palaver“ – www.deutschland-geliebte-bananenrepublik.de
Blühende Wiesen brauchen wieder eine Chance in unserer Landschaft: Wildbienen, Hummeln, Honigbienen und Schmetterlinge brauchen diese Nahrungspflanzen. Daher dürfen Wiesen den Aufforstungsaktionen nicht zum Opfer fallen. (Bild: Ulsamer)

Bürgerschaft einbeziehen

Wie bei der Windkraft, so wird es auch bei Aufforstungen nicht nur um die benötigten Flächen gehen, sondern ebenfalls um die eingesetzten Baumarten. Dieser Streit ist in Irland entflammt, denn die irische Regierung unter Leo Varadkar möchte die Möglichkeit nutzen, durch weitere Aufforstungen die gesetzten CO2-Ziele in der EU besser zu erreichen. Die grünen Kohlenstoff-Senken könnten bis zu 20 % an CO2-Emissionen ausgleichen, so Professor Pekka Kauppi von der Universität Helsinki in Dublin: „Climat-smart forestry could mitigate the EU’s carbon dioxide emissions by up to 20 per cent by 2050.“ (The Irish Times, 9.7.2019). Das Potential ist in Irland besonders groß, denn nur etwas über 10 % der Fläche ist bewaldet, und dies in einem Land, von dem in Erzählungen berichtet wird, einst hätte ein Eichhörnchen vom Norden in den Süden von Baum zu Baum springen können.

Bei Aufforstungen im größeren Maßstab muss alles getan werden, um die Bürgerschaft auf den Weg in eine baumreichere Zukunft mitzunehmen. Monokulturen haben keine Zukunft, da sie anfälliger sind und keinen Beitrag zur Biodiversität leisten. Und selbstredend dürfen auch keine Flächen herangezogen werden, die als Moorflächen oder Feuchtgebiete renaturiert werden können. Bei einem Projekt, das ich politisch begleiten durfte, zeigte sich schnell, wie schwierig es ist, Ausgleichsflächen zu finden, die aufgeforstet werden sollen. Die Spielräume sind in Deutschland verständlicherweise enger als in Regionen mit geringerem Waldanteil. Dennoch müssen wir die Chancen im eigenen Land nutzen. Unterstützen sollten wir auch beispielsweise Aufforstungsaktionen wie sie am Rande der Sahelzone stattfinden, denn diese sind nicht nur ein Mittel, um die Ausdehnung der Wüsten zu verhindern, sondern sie schaffen gleichzeitig Arbeit.

Kühltürme und Kamine recken sich gen Himmel. Wasserdampf steigt auf. Im Vordergrund ein Getreidefeld.
Bäume pflanzen gegen den Klimawandel ist richtig, aber kein Ersatz für die Abkehr von Braunkohlekraftwerken. Die CO2-Reduzierung im Energie- und Verkehrsbereich – und in allen anderen Lebensbereichen – ist unerlässlich, wenn die Erderwärmung gebremst werden soll. (Bild: Ulsamer)

Bäume gegen die Erderwärmung

Der Weg ist weit, der zu Aufforstungen von 0,9 Mrd. Hektar in unserer Welt führen könnte. Und ohne eine länderübergreifende finanzielle Beteiligung der wirtschaftlich stärkeren Nationen wird ein solches Vorhaben nicht umgesetzt werden können. Aber wir müssen im Kampf gegen den Klimawandel – eher der Klimabedrohung – auch die Aufforstung nutzen, um der Atmosphäre CO2 zu entziehen. Wie ich eingangs betont habe, entbindet dies nicht von konsequenten Schritten zur Reduktion der Kohlenstoff- und Methanemissionen. Letzteres passiert vor allem und verstärkt nicht nur durch immer größere Rinderherden, sondern auch durch den Temperaturanstieg gerade in den zirkumpolaren Gebieten mit Permafrostboden. Sein Auftauen setzt riesige Mengen Methan frei, welches völlig ungenutzt in die Atmosphäre entweicht. Dieses Beispiel zeigt erneut, dass wir dringend eine Gesamtstrategie für Energie, Verkehr und Emissionen brauchen. Eine weitere Aufforstung im großen Stil, aber mit jeweils einheimischen Holzarten ist unerlässlich, um die Erderwärmung und den Klimawandel zu bremsen.

Kleine Bäume aus den Samen heranwachsen und gedeihen zu sehen, dies hat mir immer Freude bereitet. Und auch wenn das Martin Luther zugeschriebene Zitat nach heutigen Erkenntnissen ihm erst im 20. Jahrhundert in den Mund gelegt wurde, so möchte ich es dennoch anführen: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Ja, es ist an der Zeit, dass die Politiker weniger palavern und mehr Bäume pflanzen (lassen)!

 

Ein lichter Laubwald im Bayerischen Wald. Im Vordergrund ein abgestorbener Baum mit Schwämmen.
Bäume sind immer mehr als nur Holzlieferanten für uns Menschen: Der Wald zieht auch zahlreiche Wanderer und Spaziergänger an. Lichte Wälder bieten eine große Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen. So ist es auch im Nationalpark Bayerischer Wald. (Bild: Ulsamer)

 

 

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